Gerburg Treusch-Dieter

Als Gerburg starb, am 19.11.2006, war ich auf Reisen zu Buchpräsentationen, als ihre Trauerfeier war, war ich noch immer verreist. Ich denke nahezu jeden Tag an Gerburg. Viele andere tun das sicher auch.

Kürzlich habe ich von ihr geträumt. Wie waren im Gespräch, es war eindeutig nach ihrem Tod, sie war wie immer. Wir begannen über die Krankheit zu reden. Leider bin ich aufgewacht, bevor sie mir davon erzählen konnte, wie die Krankheit wiederkam, was mit ihrem Körper bei den Operationen passierte und wie es sie schließlich aus dem Leben gerissen hat.

Gerburg fehlt mir sehr. Wir hatten eine gemeinsame dritte Person, unter verschiedenen Namen. Gespräche, die wir führten, auf Tonband aufnahmen, publizierten. Diese dritte Person existiert seit ungefähr 1983/1984, als Gerburg mich einlud zu einem Symposion „Frauen & Macht". In meinem Kopf formulieren sich schon wieder so viele Fragen, über die Gerburg hätte wunderbar philosophieren können. Sie war (und ist es noch) immer auch imaginäre Gesprächspartnerin und beste Freundin.

Ihre Formulierungen im Sprechen. Wie sie mir gegenübersitzt und auf meine Fragen reagiert, wie wir uns gegenseitig hochtreiben zu waghalsigen Vermutungen, die dennoch am Grund bleiben, mitten im Leben. Ja, auch ihre geschriebenen Texte fehlen mir. Aber unsere Gespräche, nächtelang bei Pfefferminztee, meist war es ganz knapp vor Drucktermin, ich musste anschließend sofort das Band abschreiben, ihr schicken, später mailen, und es kam gleich zurück, so bastelten wir an diesen komplexen unzensierten Texten in konzentrierter Zeit. In vielen Bänden von „Mein heimliches Auge" und „konkursbuch" tauchte diese Autorin auf, die so wunderbar provokativ und dank der anderen Identität auch ohne jegliche private Selbstzensur Leben und Denken verbunden hat.

Gerburg hat mir von ihrer Krankheit erzählt, davon, wie sie träumte, in ihr wohne ein Tier, noch bevor sie davon wusste, ja und wie sich der Bezug zum Körper verändert hat, der Kampf gegen dieses Tier, und wie sie es mit ihrer furiosen Kraft irgendwie in den Griff bekam. Wir planten, einmal ein konkursbuch zum Thema „Krebs" zu machen. Damit es nicht so abschreckend klänge, schlug Gerburg vor, dieses konkursbuch „Wendekreis des Krebses" zu nennen. Und auf jeden Fall wollten wir wieder eines unserer Gespräche führen, zu diesem neuen Körperthema. Es wäre vielleicht im nächsten heimlichen Auge erschienen, vielleicht im nächsten konkusbuch. Das nächste konkursbuch, nun ohne sie, hat das Thema „Angst".  

Und wie es so ist. Die Zeit rast. Ich wollte mich rühren bei meinem nächsten Berlinbesuch, der war jetzt. Das letzte Mal irgendwann im Frühjahr 06 in Berlin sahen wir uns kurz und ich hatte wenig Zeit. Ach wie traurig, dass ich die anderen nicht zu einem anderen Zeitpunkt traf. So saßen wir zu dritt, viert im Café und Gerburg erzählte nicht, wie es weitergegangen war mit der Krankheit. Dann verschob sich meine nächste Berlinfahrt. Zu spät für unser geplantes Gespräch. Aber vielleicht besucht sie mich noch einmal im Traum und erzählt, wie es war, am Schluss.  

Claudia Gehrke, Tübingen/Berlin 12.12.2006

 

Einige Bücher von Gerburg Treusch-Dieter

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