Leseproben aus: Wolfgang Kirschner, "Huch, das Leben! Erzählungen und Glossen"

konkursbuch Verlag Claudia Gehrke
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Wir wünschen Ihnen viel Vergnügen beim Lesen.
ca. 320 S., erscheint August/September 2017, ca. 12,90, ISBN 978-3-88769-584-2


Abschnitt aus „Martha My Dear“

… Yeah! Ich stand in der Hofeinfahrt gegenüber ihrem Haus und plante unsere Zukunft. Eine Zukunft voller Schönheit, kleiner körperlicher Abenteuer und nie endender Liebe. Unschuldiger Liebe.  Zu unbeschreiblicher Musik. Love me do ... uh-uuuh …
Ich würde meine Lady Madonna auf Händen tragen, ihr jeden Wunsch von den Lippen ablesen, noch bevor sie ihn selbst verspürte. Wir würden uns anschauen und anfassen, lächeln und lieben und immer füreinander da sein. Es wäre wundervoll. Ich würde sie anbeten. Jeden Tag. Schon morgens beim ersten Sonnenstrahl läge ich vor ihr auf den Knien, ganz selbstverständlich. Here comes the sun… aber ja. Ich würde ihre Hände küssen, ihre Fingerspitzen, ihre Schenkel durch den dünnen Saum ihres Minirockes mit den Lippen berühren, ihre Knie, ihre nackten Füße – alles. Das würde mich aufrichten. Dann würde ich sie im Glanz der Morgensonne zum Tisch tragen, wo alles für sie bereitstand, was ihr noch schläfriges Herz begehrte. Ein Frühstück wie für eine Königin: Lady Madonna.
Ich würde sie anschauen, wie sie ihren Orangensaft trank, wie sie ihr Brötchen bestrich, und es würde mir das Herz weiten. Ich würde Strawberry fields summen und ihr die Erdbeer-Marmelade aus den Mundwinkeln küssen, den Kaffeetropfen von der Lippe, das Eigelb von ihrem Kinn. I am the eggman ... tutututuuuh…
Dann würde ich sie zurück zu unserem riesigen Bett tragen, einem Bett ohne Grenzen. Lady Madonna lying on the bed... Überhaupt müsste sie wenig gehen in einem Leben mit mir. In diesem Land war so viel marschiert worden. Für den Rest des Tages würden wir uns liebhaben, kuscheln, aneinanderschmiegen, in einer Welt aus Enge, Wohlstand und Ignoranz. Ich würde ihr Geschichten erzählen, während sie in meinem Arm lag. Niemals sollte ihr langweilig werden mit mir. Nie mehr sollte sie die alten Geschichten hören. Ich würde davon singen, wie schön sie war, wie begabt, wie wundervoll und interessant, ihr verraten, was sie wirklich brauchte: All you need is love …
Das wäre unsere Zukunft. Natürlich gäbe es auch mal kleinere Verstimmungen. Sie würde ihre Tage haben, Frauen haben so etwas. Das wäre normal, es hätte nichts mit mir zu tun, nichts mit meiner Liebe. Ja, ich hatte alles im Kopf, sah es deutlich vor mir. Alles war vorherbestimmt.
Die Sache hatte nur einen Haken: Martha wusste nichts von mir …



Strichmännchenerschießen

19:45 Uhr. Noch eine dreiviertel Stunde.
Was ich tun konnte, hatte ich getan: Ich war frisch geduscht, sauber rasiert und ordentlich gekämmt. Vor dem großen Spiegel im Flur überprüfte ich noch einmal mein Äußeres. Alles in Ordnung, mehr war nicht herauszuholen. Ich griff in die Innentasche meiner braunen Lederjacke und holte die Brieftasche hervor. Ein letzter Blick auf ihr Foto, das sie mir tags zuvor gemailt hatte. Ja, Ellen war ein Lederjackentyp, keine Frage. Im Trenchcoat hätte ich neben ihr wie der heilige St. Martin ausgesehen. Sie war hübsch. Sehr hübsch sogar. Sie hätte die jüngere Ausgabe von Ellen Barkin sein können. Die gleiche wilde blonde Mähne, das gleiche sinnlich schöne Gesicht. Derselbe Vorname. Und was mich betraf – ohne übertreiben zu wollen – in meiner Lederjacke war eine gewisse Ähnlichkeit mit Tom Cruise nicht zu übersehen. Aber bitte, das sage ich nur, damit man sich ein Bild machen kann.
Die Lederjacke gab mir Schwung und Jugendlichkeit. Aufrecht und federnden Schrittes ging ich der U-Bahn-Station entgegen. Aufgeregt war ich nicht. Noch nicht. Das würde um halb neun kommen, wenn ich Ellen im Kolibri gegenüberstand. Die Idee mit dem Kolibri stammte von ihr, ich hätte nicht gewusst, was ich vorschlagen sollte. Wenn man nie ausgeht, kennt man auch keine Lokale. Dass ich nie ausging, hatte ich ihr verschwiegen. So etwas bringt nur Minuspunkte. Und das musste nicht sein, denn gerade hatte ich einen dicken Sympathiebonus eingefahren, weil ich mich trotz eines laufenden Fußballländerspiels mit einer Frau treffen wollte. Frauen hassen Sportschau-Typen, lasst euch das gesagt sein, Kollegen!
Die Straßen waren wie leergefegt. Für Samstagabend sehr ungewöhnlich. Prompt durchfuhr mich ein Schreck: Würde ich in der U-Bahn-Station überhaupt ein paar Blümchen bekommen? Der Inhaber des Ladens war ein Mann, und heute war großer Kampfabend der Fußballgladiatoren! Egal. Notfalls konnte ich am Bahnhof einen Zwischenstopp machen, dort gab es immer Blumen. Das beruhigte mich.
Es war ein warmer Juniabend – etwas Magisches lag in der Luft. Aus den gekippten Fenstern drang das Dröhnen der Fernsehgeräte auf die Straße. Stumpfsinniges Zuschauergegröle mischte sich mit dem Geschwafel der Fußball-Experten. Ein Graus, wirklich. Ich konnte jede Frau verstehen.
Der Blumenladen war geöffnet. Der Inhaber hatte seine Gattin abkommandiert, dieser Schwachkopf! Ich kaufte eine einzelne rote Rose mit etwas Grünzeug, das Ganze hübsch verpackt. Die Frau des Inhabers sah mich bewundernd an. Sicher wusste sie es zu schätzen, dass an einem Abend wie diesem Männer in romantischer Mission unterwegs waren. Ich wähnte mich auf der Siegesstraße.

Das Kreischen der einfahrenden U 2 traf mich bis ins Mark. Die orange- gelbe Tür ging auf, und die Graffiti-Schenkel einer Barbarella-Blondine spreizten sich unnatürlich weit. Ich setzte mich ans Fenster, die Blume hielt ich achtsam in der Hand. Es roch nach muffigen Sitzpolstern, rauchigen Klamotten und Bier. Auf dem Boden kullerten Pilsflaschen. Schräg gegenüber saß ein Riese, Mitte vierzig, Schuhgröße 49. Seine Joggingschuhe waren weiß, die Socken gelb und die Hose blau. Ich hoffte, dass er zu keinem Date unterwegs war. Das hoffte ich für sie. Vor allem für sie, denn diese Figur war so ziemlich das Unappetitlichste, was die nicht Fußball guckende Männerwelt zu bieten hatte. Wenn er überhaupt jemals Sport gemacht hatte, dann im Laufstall. Seine Wampe quoll unter einer fleischfarbenen Windjacke hervor. Auf seiner Halbglatze schien es mehr Öl zu geben als auf der arabischen Halbinsel, und sein Unterkiefer war schief wie der eines Kamels. Aber okay, das sind Äußerlichkeiten, sagte ich mir. Die inneren Werte konnten gigantisch sein. Ich schaute mich um: Weiter hinten saß ein älteres Paar. Sie starrten schon recht leblos nach Nirgendwo und sprachen kein Wort miteinander. Alles war gesagt. Nach fünfzig Jahren oder so.
An der nächsten Station stieg ein Junge zu. Oder ein Mädchen, genau war das nicht zu sagen. Das Gesicht war zart und die blonden Haare hingen zu beiden Seiten des Mittelscheitels bis über die Ohren runter. Das Kind setzte sich mir gegenüber. Es war zehn, höchstens elf, und machte einen traurigen Eindruck. Durften Kinder um diese Uhrzeit alleine U-Bahn fahren? Hm, warum nicht, dies war ein freies Land. Aber was machte der Junge –  als er direkt vor mir saß, war ich mir sicher, dass es ein Junge war – an einem Abend wie diesem fern von jeglichem Fernsehgerät? In seinem Alter hatte ich kein Spiel ausgelassen. Weder in der Glotze noch auf dem Bolzplatz. War er traurig, weil er keinen Fernseher zu Hause hatte? Gab es so etwas überhaupt noch?
Mit turbinenähnlichen Geräuschen sausten wir der nächsten Station entgegen. Die Lichter in der Röhre schossen wie Leuchtmunition an uns vorbei und blendeten in den Augen. Ich blickte den Jungen an. Große traurige Augen erwiderten meinen Blick. Etwas Verstörtes lag darin. War das ein Kind in Not? Was machte man in einem solchen Fall? Die Notbremse ziehen?
»Alles okay, Kumpel?«, hörte ich mich fragen.
Er senkte den Blick. Ich dachte mir, dass er nicht angesprochen werden wollte und fixierte jetzt den Streckenplan über dem dösenden Kamelgesicht. Ein Verwirrspiel, das bestens geeignet war, halbstündige U- Bahnfahrten zu überbrücken.
»Ich habe meinen Vater umgebracht ...«
Was? Ich schaute auf den Kleinen herunter. Er biss sich auf die Knöchel seiner kleinen Faust und eine Träne lief ihm über die Wange. Sein Blick war stur auf den Boden gerichtet.
»Du hast was?«, fragte ich nach.
»Ich habe meinen Vater umgebracht«, wiederholte er leise. Seine Stimme war brüchig und seine Füße baumelten in abgetragenen Turnschuhen nervös und knapp über dem Boden.
»Wie – umgebracht?«, fragte ich wieder.
»Mit  ...  einem Messer. Dem Brotmesser aus der Küche.«

Jetzt musste ich grinsen. Aus Hilflosigkeit. Der Junge sah es nicht, weil er immer noch auf den Boden starrte.
»Komm, du guckst zu viele schlechte Filme«, beruhigte ich mich selbst.
»Du machst bloß Quatsch, hab ich recht? Ein Junge wie du sitzt an einem Abend wie diesem vorm Fernseher und guckt mit seinem Vater das Fußballspiel an. Da greift man höchstens zu Kartoffelchips, aber nicht zu einem Brotmesser.«
Ich merkte nicht gleich, dass meine Argumentation gerade nicht dafür sprach, dass der Junge Quatsch machte. Er saß ja nicht vorm Fernseher, sondern in dieser U-Bahn. Mit mir. Und dem fettwanstigen Riesen. Den alten Leuten und einem Teenager-Pärchen, das an der nächsten Station zustieg und sich neben die Alten setzte. Da passten die Teenies auch hin. Sie küssten sich so laut, dass es durchs Abteil schmatzte, aber sonst hatten sie sich nichts zu sagen.
Der Kleine schlug die Augen auf und starrte mir verzweifelt ins Gesicht. Hinter einem See aus Tränen sah ich seine traurigen blauen Augen. Sie flehten mich geradezu an. Um was, wusste ich nicht.
»Du glaubst mir nicht«, sagte er, und es klang vorwurfsvoll. Eine kleine Träne lief dicht an der Nase entlang und blieb an seiner Oberlippe hängen. Dann rollte er sein grün-gelbes T-Shirt in den brasilianischen Nationalfarben hoch und zeigte mir seinen schmächtigen Oberkörper. Die blasse Haut war mit Striemen und blauen Flecken übersät. Der Junge sagte nichts und rollte das Hemd wieder herunter. Ich schaute zu dem dösenden Dicken rüber und dann wieder auf den Jungen.
»Was hat das zu bedeuten?«, fragte ich.
»Das war er!«, sagte der Junge. Seine Stimme wurde wieder brüchig.
»Dein Vater?«
Er nickte. »Jeden Abend, wenn er besoffen war, hat er mich geschlagen. Aus Frust. Weil meine Mutter mit einem anderen abgehauen ist.«
Der Junge sprach leise, ich nahm nicht an, dass der Typ mit dem Bierbauch etwas hörte.
Allmählich nahm diese Geschichte Dimensionen an, die ich nicht mehr übergehen konnte. Das war ein unerwarteter Alptraum, der mir da in der U-Bahn-Röhre entgegenkam. Noch dazu an einem Abend, auf den ich mich wirklich gefreut hatte. Wegen Ellen. Und den Aussichten auf eine wilde Nacht. Und jetzt das. Eine wilde Untergrundgeschichte.
»Du musst zur Polizei!«, sagte ich. Und natürlich war mir klar, dass der Knirps das am allerwenigsten hören wollte. Hätte ich in seiner Lage auch nicht gewollt.
Ein heftiges Kopfschütteln war seine Reaktion. »Nein, will ich nicht!«, sagte er etwas lauter. Der dösende Dicke schlug ein Auge auf und schielte misstrauisch herüber. »Die stecken mich in ein Heim«, flüsterte der Kleine. Und dann wiederholte er leider viel zu laut: »Das WILL ich nicht!«
Der Kerl mit dem Kamelgesicht richtete sich auf und mahlte mit dem Kiefer. Aus seinen Sehschlitzen nahm er mich ins Visier.

Mir wurde es zu blöd. Alles. Ich machte einen letzten Versuch, die ganze Angelegenheit als Fantasiegespinst eines überdrehten Kindergehirns abzutun.
»Komm, erzähl mir nichts. Du bist ein Kind. Wie wolltest du einen erwachsenen Mann mit einem Brotmesser umbringen? Das gibt’s doch gar nicht. Wie willst du das gemacht haben?«
Der Dicke grunzte jetzt bedrohlich. Er zog die riesigen Beine an und kauerte – wie es aussah – sprungbereit auf seinem Sitz.
 Der Junge sprang auf. Er stürzte sich auf mich und bohrte mir seine kleine Faust in die Herzgegend. »Du gemeiner Kerl!«, schrie er. »Du wirst mir nie wieder wehtun, nie wieder ...!« Dabei schlug er mehrfach mit der Faust auf mein Herz ein und brüllte: »... So! So! So ...!«
Ich war total überrumpelt. Wusste nicht, was ich tun sollte. Die Rose für Ellen war zermalmt. Der Riese stand plötzlich direkt vor mir.
»Beruhige dich!«, sagte ich zu dem Kleinen und drückte ihn vorsichtig von mir weg. Der Riese fuhr den rechten Arm aus, ein Ding wie ein Kran, und schnappte mich am Kragen. Ich roch seinen Senfatem.
»Du mieser Kinderschänder!«, herrschte er mich an. Aus tieferen Schichten konnte man Bratwurst riechen.
»Loslassen, Mensch!«, rief ich. »Der Junge hat seinen Vater umgebracht. Da muss was geschehen ...«
»Ich kann dir sagen, was geschieht«, knurrte der Fleischberg. »Du fliegst hier im hohen Bogen raus! Mit Pälo ... Pälophiden mache ich kurzen Prozess, kapiert? Wenn wir nicht in der Bahn wären, würdest du auf den Gleisen landen, du Stück Scheiße –  bäh ...!«
Er spuckte mir ins Gesicht.
Ich schaute hilfesuchend zu dem älteren Paar, aber sie hatten nicht mal dazu was zu sagen. Sie mussten wirklich schon alles gesagt haben. Das junge Pärchen blickte kurz und angewidert herüber und schleckte sich dann weiter ab. Ich war allein. Selbst der Junge kam mir nicht zu Hilfe, stellte nicht richtig, was diese Riesenbratwurst falsch verstanden hatte. Er verkroch sich hinter dem nächsten Sitz und sah zu, wie mich das Monstrum an der nächsten Station mit einem heftigen Tritt in den Allerwertesten aus der Bahn warf. Buchstäblich. Surrend fuhr die U 2 wieder an. Das Gesicht des Jungen tauchte an der Scheibe auf. Er grinste. Der Koloss stand daneben und klatschte sich zufrieden die Hände ab.
Als ich die Rolltreppe hochfuhr, stand ein Rasta-Freak mit seiner Wandergitarre auf dem Treppenabsatz und sang diesen Runaway-Song von den Kindern, die alljährlich verschwinden, und niemand weiß, warum und wohin.
Ich fühlte mich grenzenlos verhöhnt. Ellens Rose lag noch in der Bahn. Oder was die Kinderfaust davon übrig gelassen hatte. Konnte das alles wahr sein?
Der Polizist blickte nicht mal auf, als ich ihm meine Geschichte erzählte. Er starrte auf den Monitor, wo vermutlich der Spielstand eingeblendet wurde.
Als ich fertig war, murmelte er, den Blick immer noch auf den Bildschirm geheftet: »Ja, ja, und um wie viel geht es nun?«
»Was?«
»Um wie viel Geld?«
»Wieso Geld? Was meinen Sie?«
»Ihre Brieftasche, Geldbeutel, was weiß ich – schon mal nachgeguckt?« Ich griff in die Innentasche meiner Lederjacke: Nichts. Die Brieftasche war weg. Und damit zweihundert Euro, mein Ausweis, die Kreditkarte, und – was fast am schlimmsten war – Ellen Barkin, die jüngere.
»Sie also auch«, sagte der Beamte.
»Bitte?«
»Na, Sie auch. You too. In der U2!« Er grinste über sein Wortspiel. »Das Bürschchen ist seit einer Woche aktiv, leimt am liebsten Touristen. Aber wir werden das Früchtchen schon kriegen …«
Nach einem halben Jahr wurden die Ermittlungen eingestellt. Das Früchtchen schnappten sie nicht. Ich schaffte es an diesem Abend nicht mehr ins Kolibri. Und ich schaffte es nie mehr, Ellen Barkin zu versöhnen, trotz zahlloser beschwörender Mails.
Zwei Wochen nach dem Vorfall bekam ich einen Brief. Ellens Foto lag darin. Ihr Vorderzahn war schwarz angemalt, so dass sie eine Zahnlücke hatte. Darunter stand: »Die häte dich noch mer ausgenomen. Sei fro das ich schneller war.«
Daneben ein grinsendes Strichmännchen. Ich stand vor dem großen Spiegel im Flur und übte Strichmännchenerschießen aus der Hüfte.


Abschnitt aus „Fünf finde ich gut“

Mit fünf hatte ich genug vom Kindergarten, und ich beschloss, mich selbst einzuschulen. Besonders die tägliche Singerei mit Schwester Hildegard hatte mich dazu gebracht. Ich hasste Singen, und ich hatte die Nase voll von so peinlichem Zeug, wie »Zeigt her eure Füße ...« oder »Grün, grün, grün ist alles, was ich habe ...« und wie dieser kindgerechte Käse noch so hieß. Außerdem sollten wir Topflappen für Weihnachten häkeln. Spätestens da sagte ich mir, was soll’s, es kommt sowieso auf mich zu, also warum nicht gleich?
Der erste Tag in der Schule war schon gelaufen, also ging ich am zweiten Tag hin. Das hatte den Vorteil, dass man die Eltern zu Hause lassen konnte. Blöd war eigentlich bloß, dass es keine Schultüte mit Süßigkeiten gab. Aber Topflappen häkeln war noch viel blöder.
Ich nahm den alten Lederranzen, den ich Wochen vorher auf dem Speicher zusammen mit anderem Krempel gefunden hatte. Das Zeug gehörte wahrscheinlich früher mal Frau Kümmerles Sohn. Frau Kümmerle war vor einem halben Jahr ins Altersheim umgezogen und hatte die Kiste im hintersten Eck wohl vergessen. Aber vielleicht wollte sie die Sachen auch bloß nicht mitnehmen. Was hatte sie schon von einem Fahrradschlauch, der fünfmal geflickt war? Oder einem blinden Rasierspiegel? Oder von Fußballstiefeln? Ganz zu schweigen von so Heftchen, in denen Frauen abgebildet waren, die nicht mal was anhatten? Das ganze Zeug sah aus, als stammte es aus einer Zeit, da die Leute noch ziemlich arm waren. Vor zehn Jahren oder so. Ich erzählte niemandem von der Kiste.
Den Schulranzen versteckte ich im Kiesbehälter hinter dem Rathaus. Da schaute im Spätsommer kein Mensch nach …



Das halbe Leben
Ich weiß nicht mehr, was ich gerade machte, als es neulich abends an der Tür klingelte, aber es muss etwas Wesentliches gewesen sein. Unwesentliches würde ich mir nämlich nicht gestatten. Nicht einmal abends. Es klingelte auch nur schwach und beinahe scheu, dennoch unterbrach ich meine vergessene, aber wesentliche Tätigkeit und öffnete. Eine ältere Dame aus der Nachbarschaft stand im Treppenhaus und lächelte mich an. Sagen wollte sie anscheinend nichts, wozu auch, schließlich bin ich jemand, der die Absichten seiner Mitmenschen problemlos an deren Mimik erkennen kann.
Und tatsächlich erkannte ich, dass sie eine Flasche Cannstatter Zuckerle samt Korkenzieher in der hageren Hand hielt. Ich erschrak ein wenig. Hatte ich irgendwas verschwitzt? Eine Einladung zum Nachbarschaftstreffen? Netterweise beendete die Dame nun doch meine Verwirrung:
 »...Also, das isch mir jetzt a bissle peinlich. Ich hab grad ganz überraschend Besuch bekommen, mit dem ich zusammen ein Schlückle trinken wollt. Und denken Sie nur, jetzt bekomm ich die Flasche nicht auf! Mein Bekannter hat es auch versucht, aber er isch halt nicht mehr der Jüngste – Sie verstehen. Wenn Sie vielleicht so freundlich wären ...«
Sie hielt mir ein wenig verschämt die Flasche hin, in deren Öffnung der Korkenzieher wie eine fehlgeschlagene Probebohrung steckte.
Ein kleiner Weinberg rutschte mir von der Seele und ich griff die Flasche, drehte den Korkenzieher tiefer, zog daran und –  plopp! – flutschte der Kork aus dem Flaschenhals. Eine Affäre von einer halben Minute.
Vermutlich deshalb strahlte mich die Nachbarin wie einen modernen Helden an und flötete: »Ach, das ging jetzt aber schnell. Ich weiß gar nicht, wie ich Ihnen danken soll. Nehmen Sie sich doch auch ein halbes Gläsle ...!«
Ein halbes Gläsle. Ich fiel vor Rührung in eine Art Schockstarre. Nicht, weil es sich um ein Gläsle und somit eher halbwüchsiges Glas handelte, nein, weil die Hälfte davon für mich bestimmt war! Ich weiß doch, was dem Schwaben seine Hälfte bedeutet. Mit Geiz hat das nichts zu tun. Es ist eine Frage der Lebenseinstellung. Der Schwabe lebt nun mal nach der Devise weniger ist mehr. O ja! Wie sonst wäre zu erklären, dass die Bezeichnung Halbdackel eine viel gröbere Beleidigung darstellt als der ganze Dackel? Warum findet man jedes Jahr pünktlich zum Tübinger Sommerfest einen Gutschein im Briefkasten vor, mit welchem man so richtig auf den Putz hauen und ein halbes Göckele zum halben Preis erwerben kann? Und natürlich trinkt der Schwabe dazu seine Halbe. Uferlose Besäufnisse überlässt er den Völkern nördlich der Mainlinie. Bestellen Sie einmal in Berlin eine Halbe. Wenn der Kellner nicht zufällig zur zweitgrößten ethnischen Minderheit in der Stadt gehört, haben Sie gute Chancen zu verdursten. Sie müssen schon ein »großes« Bier oder in der preußisch korrekten Maßeinheit O,5 Liter ordern. Wie unflätig!
Zurück zum halben Gläsle. Ja, ich war wirklich gerührt, wurde mir doch an jenem Abend noch etwas ganz anderes bewusst: In einer Welt, in welcher uns Gier, Maßlosigkeit und finanzielle Völlerei an den globalen Abgrund gebracht haben –  wie wohltuend war da doch das halbe Gläsle. Egal, ob nun halbleer oder halbvoll. Hauptsache halb. Es gab einem den Glauben an die Menschheit zurück. Es war wie ein Sinnbild für einen gesunden Geist: sich bescheiden, der Gier einen Riegel vorschieben, das entsprach – hier sei der Ausdruck gestattet –   voll und ganz den Erfordernissen der Zeit. Im Grunde war die kleine Episode mit der Nachbarin nichts Besonderes. Das war nur halb so wichtig. Ganz selbstverständlich eigentlich. Wir Schwaben sind halt so. Unsere gnadenlose Bescheidenheit fällt uns erst dann wieder auf, wenn wir erkennen, wohin uns die nichtschwäbischen Tugenden führen. Seien wir also stolz auf uns. Bekennen wir uns zu uns. Machen wir halbe Sachen. Das halbe Leben ist immer noch besser als gar keins. Oder eines in der Dauerkrise. Wir können uns ruhig mal entspannen: Selbst die halbwegs gemachte Kehrwoche in Tübingen ist allemal sauberer als die halbherzige Straßenfegerei in Castrop-Rauxel. Ein halbes Leben, ein Leben auf Sparflamme verbrennt uns nicht vorzeitig, wir haben die höchste Lebenserwartung. Sparerwartungen haben uns dabei geholfen. Nein, ich meine nicht die Sparzinsen. Ich meine: wir erwarten nicht, dass das Leben heute beginnt. Nicht in der Hälfte, in welcher wir uns gerade befinden. Das könnte nicht gutgehen. Wir sind Schwaben. Und dumm sind wir gleich gar nicht. Niemand nutzt so einfach unsere Bescheidenheit aus. Die gigantischen Tübinger Miet- und Immobilienpreise zum Beispiel – sie sind nichts anderes als eine Sicherheitsmaßnahme. Ein kapitalistischer Schutzwall quasi. Gegen die Gier. Aber ja. Stellen Sie sich einmal vor, wir hätten in Tübingen Mietpreise, die, sagen wir, früheren Berliner Verhältnissen entsprächen. Oder denen in der Provinz. Sulz zum Beispiel oder Schlatt. Schrecklich. Die ganze gierige Welt würde hier einziehen wollen. In unser schönes Städtle. Oder noch schlimmer: die Halbwelt. Leute, die in ihrer Gier nach Leben aus der unteren Hälfte herausgefallen sind. Ach nein, da bleiben wir lieber bescheiden. Wir müssen nicht alles haben.
Allerdings, die ältere Dame aus der Nachbarschaft war untypisch hartnäckig. Sie drängte mir das halbe Gläsle förmlich auf. Und nur meine Beteuerung, dass ich auf Wein Sodbrennen bekomme, ließ sie ein Einsehen haben. Aber natürlich wusste sie: auf einen echten Schwaben ist Verlass. Der würde nicht mal im Halbschlaf daran denken, dass halbe Gläsle auch nur anzurühren.
Ja, und nun fällt es mir auch wieder ein: In der Küche waren unterdessen die Kartoffelpuffer verkohlt. Ich hatte gerade wesentlich mehr Öl nehmen wollen, als mir das halbe Gläsle dazwischenkam. Aber sonst ist weniger schon mehr. Überhaupt keine Frage.



©konkursbuch Verlag Claudia Gehrke 2017



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Zum Buch:
In diesem Buch wimmelt es von Witz, Charme und Leben. Lustige, pointierte Beobachtungen aus dem Alltagstheater.

Das Tragische und das Komische liegen ja bekanntlich dicht beieinander, aber in diesem Erzählband bedingen sie sich gegenseitig geradezu. Ob nun ein Sechsjähriger beschließt, Schriftsteller zu werden und ausgerechnet bei seiner ersten Lesereise (in der Straßenbahn!) von betrunkenen Fußballfans verhöhnt wird, die er wegen ihrer langen blauen Schals für Autorenkollegen hielt; oder ob ein Mann auf dem Weg zu einem verheißungsvollen Date erwartungsvoll die U-Bahn betritt, am Ende jedoch von einem merkwürdig verstört wirkenden Kind die Tour vermasselt bekommt oder ob man sich nachts plötzlich vor dem Kühlschrank wiederfindet und nicht mehr weiß, was man eigentlich hatte holen wollen – immer scheint das Schicksal mit einem breiten, ja leicht diabolischen Schmunzeln an den Stellschrauben des Lebens zu drehen. Und nicht selten dürfte der amüsierte Leser in diesen Momenten zustimmend nicken und sich sagen: „Genau! So kenne ich das auch …!“
Kirschner versteht es, beide Genres (Erzählung und Glosse) dialogisch in Beziehung zu setzen. Oft scheint die Glosse auf eine ihr vorangestellte Erzählung zu reagieren. So zum Beispiel: In einer Erzählung rennen aufgrund eines folgenschweren Missverständnisses immer mehr Menschen inklusive Gepäck durch die riesige Halle eines Bahnhofs und sorgen für reichlich Schmerz und Chaos. In der zugeordneten Glosse kann das gleiche Phänomen einen völlig anderen Hintergrund haben – etwa ein geheimes Fitness-Programm der Bahn? Der Leser mag sich denken: Huch, was es alles gibt im Leben!, und zur nächsten Geschichte übergehen. Bahnhofshallen allerdings wird er in Zukunft „Mit anderen Augen“ sehen, womit wir in der nächsten Glosse wären ...

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