konkursbuch Verlag Claudia Gehrke
Kurzporträt des Verlages
"Losgelegt hatte Claudia
Gehrke mit einem großen Versprechen: die in unserer christlich
determinierten Kultur gefesselt und geknebelt gehaltenen
Ausdrucksformen der körperlichen Sinnlichkeit (wieder ein-) zu
üben. Etwas Erstaunliches sollte geschehen: es ist ihr gelungen,
mit Fotografie und Bildender Kunst, Prosa und Lyrik jedweder
sexuellen Inszenierung Raum zu schaffen, ohne den Eros zu
zerstören."
(Stuttgarter Zeitung)
Unser Verlag sei, so heißt es, spezialisiert auf Erotik von
Frauen. Das stimmt. Es gibt erotische Romane, Fotobücher und
Mein heimliches Auge", das multisexuelle" erotische
Jahrbuch, das die Entwicklungen zum Thema Sex, Lust und Liebe jedes
Jahr aufs Neue überraschend vielfältig dokumentiert, mit
seinen Kindern", dem lesbischen und dem schwulen Auge.
Aber genauso sind wir spezialisiert auf allgemeine Belletristik,
darunter viel queere Literatur, Romane, Prosa, Thriller und auch
Lyrik, Reiselesebücher, Bücher zwischen den Kulturen in
unterschiedlicher Gestaltung: Hardcover, mit Fadenheftung,
Schutzumschlag und Lesebändchen; kleine biegsame Bücher mit
Klappen, Fadenheftung, manchmal Bildern und Beilagen. Viele der
Bücher sind mit kleinen grafischen Überraschungen
gestaltet, die mit ihrem Thema zu tun haben. Und mit dem generellen
Prinzip von Büchern: der Lust am Umblättern. Die
inszenieren wir in vielen unserer Bücher.
---Thriller (die bisher in süddeutschen Herbst- oder
Winterandschaften: Kleiner toter Vogel (Regina Nössler) - Maria
vom Schnee (U. Rabsch) - in Frankreich : "Sommerkrimi " (Olive
Feuerbach, Sommer 2010, mit dem erotischen Beiheft: Teresas
Berichtsheft), auf dem flachen Land : "Die Stille nach dem Mord"
(Annete Berr) oder in Berlin und Berliner Hinterhöfen:
Migräne" (Litt Leweir) spielen)
--- Romane rund um das Liebesleben und erotische Romane: Eine kleine
Reihe mit Romanen, biegsam gestaltet, mit Fadenheftung und Klappen,
manchmal Bildern. Sie handeln von der Zeit nach dem Happy End",
nachdem zwei Menschen also zusammengekommen sind, sie erzählen
überraschend ehrlich" beispielsweise über die
Zwickmühle zwischen Sex und Liebe, in der jede/r schon einmal
steckte, über die Frage, ob sich wirklich zwei Lieben
nebeneinander leben lassen; darüber, was das Liebesgefühl
überhaupt ist, und ob es immer da ist oder ob man an einem
Morgen einfach einmal aufwachen kann neben dem geliebten Menschen und
das Gefühl ist verschwunden, für einen Tag, eine kurze
Zeit, für immer - über die Wirkung alter Liebeserfahrungen
in eine neue Liebe hinein, denn man fängt ja niemals bei
Null" an (z.b. "Dienstagsgefühle" und
"Kerzenscheinphobie"von Regina Nössler).
Gebundene Romane finden Sie auch darunter, so z.B. der
Erotik-Thriller "Schwarzes Öl" von Annette Berr, den Roman
über eine Altersliebe "Gehen" von Adrian Zinn, oder der
poetische Roman über "Erste Lieben" von Sonja Ruf im
Frühjahr 2010.
--- grazilen Wortzauber", von Kurzprosa hin zu spannenden
Schmökern und Sammelbänden mit Sachtexten, Bildern,
Glossen, Geschichten zwischen den Kulturen (die bekannteste unserer
Autorinnen in diesem Programmbereich ist Yoko Tawada),
Reiselesebücher und anspruchsvolle literarische Texte zu Japan,
und über die Kanarischen Inseln (2009 Sabas Martín und
eine neu gestaltete und bearbeitete Ausgabe des berühmten Romans
Mararía" von R. Arozarena) und neu im Herbst 2010 auch
zu Korea.
Das Leben auf Inseln, das Reisen. Wir machen keine Reiseführer,
sondern Reiselesebücher, die zwischen den Welten schillern, so
treffen im umfangreichen zweisprachigen Buch Canarias" reisende
und kanarische Autoren und Künstler aus den unterschiedlichsten
Zeiten aufeinander. Es geht um Emigration, Reisen, weil man sich
anderswo ein besseres Leben verspricht oder in die Flucht getrieben
wurde genauso wi um unser "urlaubsreisen" aus Lust. In den
Ostwestgeschichten von Sigrun Casper und Ina Paul treffen sich der
Osten und der Westen.
Und wir sind spezialisiert auf Fotobücher über Weiblichkeit
und Geschlechtergrenzüberschreitungen (z.B. das wunderbare
Fotobuch von Del LaGrace Volcano, Sublime Mutations), auf alltagsnahe
Philosophie & Forschung in den konkursbüchern zu den
unterschiedlichsten Themen, zuletzt Angst" (konkursbuch 46,
2008); Der erotische Blick (konkursbuch 47 2008/2009),
Familien-Bande" (konkursbuch 48, Herbst 2009).
Unser Verlagsprogramm wird somit in einem fast altmodischen Sinn
individuell zusammengestellt, die Verlegerin beschränkt sich
nicht auf ein Marktsegment" (obwohl das ökonomisch gesehen
sicher sinnvoller wäre), sondern entwickelt im Gespräch mit
AutorInnen, FreundInnen, freien und den zwei festen
VerlagsmitarbeiterInnen vielfältige Buchprojekte aus
überraschenden Bereichen.
Zum Beispiel hätte sie bis vor Kurzem nicht geglaubt, dass sie
je ein Kochbuch machen würde. Doch zum letzten Herbstprogramm
hat sie sich (denn sie isst und sie küsst gerne) verführen
lassen: Kochen & Küssen von Anne Bax & Claudia
Böhm. Mit Gerichten zum Nachkochen (ohne Fleisch) und
Geschichten zum Vorlesen (ohne Gemüse). Ein lesbisches Kochbuch.
Beides ist natürlich auch von jeder anderen erotischen
Konstellation zu genießen.
Und nie hätte sie gedacht, dass sie als Verlegerin mutiger und
provokanter Nacktheit auch einmal ein Fotobuch machen würde
allein über die Reize weiblicher Gesichter. Doch das Fotobuch
Reize" der jungen türkischen Fotografin Müjde Karaca
aus Stuttgart. Darin geht es auch um die Offenheit zwischen den
Kulturen.
Claudia Gehrke führt den immer klein gebliebenen Verlag seit nun
über 30 Jahren, noch immer in Alleinverantwortung, mit einer
kleinen MitarbeiterInnencrew aus freien MitarbeiterInnen und einer
festen, Babett Taenzer, mit viel Leidenschaft" und großen
ökonomischen Risiken in Tübingen.
Gegründet 1978 mit der ersten Ausgabe des konkursbuch" zum
Thema Vernunft und Emanzipation" ist der Verlag seinen
Anfangsideen - schubladenübergreifend zu denken, die Grenzen
zwischen Bild und Wort, hoher Kunst und Erotik durchlässiger zu
machen - treu geblieben.
Aus den dem konkursbuch" heraus entstand die zweite bekannte
Serie des Verlags, das erotische Jahrbuch Mein heimliches
Auge", das seit 1982 erscheint, und aus beidem entstanden
Fotobücher und belletristische Bücher. Fast alle der von
uns verlegten FotografInnen und AutorInnen haben zuerst im
konkursbuch" oder im heimlichen Auge veröffentlicht. (Und
auch viele inzwischen bekannte AutorInnen aus anderen Verlagen hatten
ihre Erstveröffentlichungen in unserem interaktiven"
multisexuellen Jahrbuch oder im konkursbuch).
Insofern wächst der Verlag wie ein Baum, eines kommt aus dem
anderen, aber die Wurzeln sind noch immer vorhanden.
Yoko Tawada hat einmal geschrieben: Bevor ein Kind das Lesen
lernt, lernt es das Blättern
Das chinesische
Schriftzeichen für Körper setzt sich zusammen aus den
Zeichen für Mensch" und Buch". Heißt das, dass
der Körper ein Buch ist, das nur in der Welt ist, wenn jemand in
ihm blättert..."
Wir wünschen Ihnen in diesem Sinne viel Spaß beim
Blättern durch Bücher und durch Körper.
Überblick
über die Verlagsgeschichte
1976-1980 fand der von Claudia Gehrke veranstaltete
Mittwochssalon" statt , es wurde gemeinsam gekocht, gegessen
und debattiert. Aus diesem Kreis ging am 1. April 1978 (als ein
Aprilscherz...) mit der literarisch-essayistischen Zeitschrift
konkursbuch" die Verlagsgründung durch Claudia Gehrke und
Peter Pörtner hervor. Neu für diese Zeiten war die
Verknüpfung von Bildern, Literatur, Privatdokument und
Theorie.
Ich wüßte nicht, wo gegenwärtig in deutscher
Sprache radikaler, verzweifelter, diabolischer, aufregender im
wörtlichen Sinn über Kurse und Konkurse reflektiert
würde als in dieser Zeitschrift." (WDR).
Die Herausgeber haben erkannt, daß lesende Menschen nicht
nur Hirn- sondern auch Augenmenschen sind." (Die Zeit)
1988 brandete die PorNO-Debatte auf. Claudia Gehrke wurde als
Fachfrau zu diversen großen Diskussionsveranstaltungen mit
EMMA-Redakteurinnen geladen, außerdem zum Hearing der SPD und
der Grünen anlässlich der Gesetzesinitiative von EMMA. Sie
hält dort ein brillantes Plädoyer für die
Freiheit der erotischen Liebeskunst... gegen die Zementierung der
Opferrolle von Frauen" (FAZ). Der Spiegel macht einen Titel zum
Thema, Claudia Gehrke publiziert dort einen viel beachteten Text.
Später gerät das Heimliche Auge" ins Visier einiger
Staatsanwälte und der Bundesprüfstelle - es wurde jedoch
sowohl bei der Bundesprüfstelle wie in den Prozessen
überzeugend als Kunst gewertet. Diese Prozesse allerdings
bringen den Verlag an seine - ökonomischen - Grenzen. An die
gerät er auch aus anderen Gründen immer wieder einmal: weil
wir uns zu oft zu luxuriös gestalteten Büchern
verführen lassen, die teuer in der Herstellung sind und sich
manchmal nicht so verkaufen, dass sie sich finanzieren können
... Reserven aber gibt es nicht.
Die Fortsetzung des Salons" waren jährliche Verlagstreffen
mit Diskussionen, immer entwickelten sich auf diesen Festen Ideen
für Bücher - bis 1988. Seitdem gibt es diese Verlagstreffen
unregelmäßig. Noch immer ist das Gespräch, der
intensive Austausch der AutorInnen und KünstlerInnen
untereinander wichtig für die Entstehung der Bücher, der
Ideen... Außerdem veranstaltet der Verlag in Tübingen und
in vielen anderen Städten Veranstaltungen mit Lesungen,
Performances und Chansons Love Bites" oder Yoko Tawada und Aki
Takase, Klang-Texte".
Warum der
Verlag Konkursbuch Verlag Claudia Gehrke" heißt?
Wir schöpften zur
Zeit der Verlagsgründung sozusagen aus der Konkursmasse der
Ideen der Studentenbewegung, deren Organ (auch das gibt es heute noch
bzw. immer wieder in anderen Verlagen neu) die Zeitschrift
Kursbuch" war, und die wollte sein wie das Kursbuch" der
Eisenbahn... doch eindeutige Kurse" waren nicht zu erkennen.
Manche Verlage haben ihren zeitgeschichtlich motivierten
Gründungsnamen geändert (z.B. Frauenbuchverlag oder Roter
Stern), manche heißen jetzt wie ihre Gründer... wir
blieben unserem Namen treu und ergänzten den der Verlegerin.
Konkurs" im wirtschaftlichen Sinne heißt bekanntlich seit
kurzem Insolvenz" und hat noch andere Wortbedeutungen, die
für das Konzept des Verlages auch heute noch von Bedeutung sind:
Konkurrieren" kommt von lat. zusammenlaufen/-treffen,
aufeinander stoßen.
Und so läuft bei uns so manches auf den ersten Blick
Unvereinbare zusammen...