Paulina Schulz, Wasserwelt. 32 erotische Short-Storys
Kitty 1
Kitty Ogilvy nuckelt an
ihrer Zigarre.
In
der Küche ist es kühl und ihr Hähnchen wird allmählich
kalt. Sie läßt es stehen und geht ans Fenster.
Kitty
Ogilvy will zurück nach Vegas, will wieder mit den Croupiers flirten.
Sie
denkt an Rico, ihren mexikanischen Ex, und flucht.
Kitty
Ogilvy lebt auf einer Farm in Texas, fährt alle zwei Wochen zum
Schönheitssalon in die Stadt und zum Shoppen.
Jetzt
drückt sie ihre Zigarre aus, räumt den Tisch ab, macht das Radio an,
sagt „damn shit“, als sie ein Lied von den Stones hört und
geht duschen.
Kitty
Ogilvy wartet auf ihren Mann Josh, der vor zehn Stunden auf den Viehmarkt
gefahren ist. Nachts trudelt Josh stark angetrunken zu Hause ein und
läßt sich ins Bett fallen, sobald er die Stiefel ausgezogen hat.
Kitty
Ogilvy stellt sich schlafend. Sie riecht die übliche Budweiser-Fahne ihres
Mannes und denkt an ein neues Kleid.
Als
Josh aufwacht und pinkeln geht, klemmt sie sich ein Kissen zwischen die
Schenkel und schläft ein.
-
Die Episoden „Kitty 1- 10“ finden sich im ganzen Buch zwischen den
Kurzgeschichten.
Epiphanie
Bevor er in das
Badewasser stieg, das noch viel zu heiß und nach Rosmarin-Badezusatz
riechend vor sich hin dampfte, machte er sich in der Küche ein Sandwich.
Er nahm zwei Vollkorntoastscheiben aus der Plastiktüte, schüttete die
Thunfisch-In-Öl-Reste aus der Dose darauf und zupfte sich zwei
Blätter Basilikum von dem Pflänzchen, das auf dem Fensterbrett stand.
Er
war seit drei Wochen mit Lisa zusammen, hatte seit wenigen Tagen das Recht,
sich in ihrer Wohnung aufzuhalten, wenn sie arbeiten ging, und lernte ihren
außerordentlich gut organisierten Alltag immer mehr zu schätzen.
Immer ein voller Kühlschrank, der Abwasch stets gemacht, kein Müll um
die Abfalleimer herum. Und im Bett war sie auch klasse; vor allem mochte er
dieses leise Gefiepe, wenn er auf ihr draufsaß und ihr die Arme über
dem Kopf festhielt. Danach hatte sie rote Spuren seiner Finger auf den
Handgelenken und lächelte in stiller Berauschtheit die Wand an. Ihr
Lächeln war ein bißchen wie das von Amanda Lear, für die er als
Junge geschwärmt hatte, allerdings fehlte Lisa Amandas männliche,
vollkommen willenlos machende Stimme.
So
hat er es sich damals zumindest vorgestellt, wenn er abends im Bett lag, seinen
dreizehnjährigen Schwanz in der Hand. Daß Amanda an sein Bett
käme und anfinge, ihm aus seinem Thorgal-Comic
vorzulesen mit ihrer dunklen, dreckigen Stimme. Er mußte sich nur drei,
vier Sätze vorstellen. Manchmal hat es fast wehgetan.
Lisa
würde in drei Stunden wieder da sein. Er ließ das angebissene
Sandwich auf dem Küchentisch liegen und ging ins Bad.
Er
mochte ihr Badezimmerschränkchen, voll mit irgendwelchen Dosen und Tuben.
Er wußte nicht genau, wie Frauen diese Dinger nannten, aber er machte sie
gerne auf und roch an dem Inhalt. Neben dem Klo stand eine Schachtel Hakle
feucht, ein exotisches Ding, das er bisher nur von
Supermarkt-Regalen kannte. Er zog sich aus, warf seine Sachen über den
Klodeckel und legte sich pfeifend und grunzend ins Badewasser, tauchte einmal
ganz unter und kam wieder hoch. Lisa benutzte anscheinend die ganze
Haarpflege-Serie von L‘Oreal; er kannte die Firma aus
der Fernsehwerbung, sie hatten immer so erotische Frauen, langhaarig und mit
diesem Komm-Her-Augenaufschlag. Neben dem L‘Oreal-Haarbalsam
sah er eine Dose Rasiergel und einen Rasierapparat. Eindeutig männlicher
Herkunft.
Er
erschrak ein wenig, nein, sie sagte doch, sie wäre seit einem halben Jahr
solo. Wahrscheinlich hatte ihr Ex die Sachen bei ihr vergessen. Er nahm die
blau-silberne Dose in die Hand und drehte sie herum. Sie sah neu aus, keine
Rostflecke, auch an der Sprühdüse nicht. Der Rasierapparat war aus
dunklem Metall, handlich und schwer. Die Klingen waren scharf, dazwischen
steckten einzelne blonde Härchen. Er begriff, daß es Lisas Zeug war,
daß sie sich am letzten Abend, bevor sie sich getroffen hatten, die Beine
rasiert haben mußte. Er stellte sich vor, wie sie in der Badewanne lag.
Bestimmt hatte sie den gleichen Badezusatz genommen wie er, sie sagte einmal,
Rosmarin wirke anregend. Sie legte die Beine hoch, schüttelte die Dose mit
dem Rasiergel, sprühte sich ein wenig auf die Haut und zerrieb es zu einem
dicken Schaum. Dann fuhr sie mit der Klinge ganz langsam und exakt vom
Knöchel bis zum Knie, einen Hautstreifen nach dem anderen,
genüßlich und genau.
Er
schüttelte die Dose, ließ ein wenig blaues Gel heraustreten und auf
seine linke Hand tropfen. Dann streckte er das linke Bein aus dem Wasser und
schäumte es ein. Er nahm den Rasierapparat und fuhr sich vorsichtig durch
die dunklen Haare auf der Wade. Das Rechteck Haut darunter war hell und weich
und fremd. Er rasierte weiter, seine Hände zitterten, er fuhr sich mit der
Klinge das Bein entlang, übers Knie, zu den Oberschenkeln hoch, bis zur
Innenseite, da, wo neben den Hoden die zarte Haut anfing, und als er fast
unbemerkt ejakulierte, schnitt er sich. Er öffnete die Augen und sah den
auf der Oberfläche treibenden Eiweißklumpen und einige kleinere, die
um ihn herum im lauwarmen Wasser schwebten.
Er
richtete sich auf, beachtete das Blut nicht, das von seinem Oberschenkel
heruntertropfte, erst als er aus der Badewanne herausgestiegen war, wischte er
sich das Bein mit Klopapier sauber.
Als
er in die Küche zurückging, lag das angeknabberte Sandwich auf Lisas
hellem Holztisch. Das Brot war schon ganz matschig vom Thunfischöl, nur
die Ränder bogen sich leicht nach oben, halb vertrocknet.
Kitty 7
Kitty Ogilvy zieht sich
eine Netzstrumpfhose über die Zehen, über die Füße, die
Kurve der Wade entlang. Dann steht sie auf und schraubt sich mit einer
gezielten Hüftbewegung hinein, streckt den Arsch nach hinten und
überprüft im Spiegel, ob alles paßt, ob kein verdrehtes Muster
den Gesamteindruck stört.
Kitty
Ogilvy stellt fest, daß alles perfekt sitzt und wirft ihrem Spiegelbild
eine Kußhand zu.
Kitty
liebt Netzstrümpfe. Einerseits sehen sie immer ein wenig verruchter aus
als normale Nylons, andererseits gehen sie einfach nicht so schnell kaputt. In
Las Vegas hatte sie stets pastellblaue und rote getragen, aber hier in Texas
bevorzugt sie schwarze. Obwohl die Leute so oder so immer komisch gucken. In
der Stadt tragen die Frauen fleischfarbene grobe Strumpfhosen, nur manchmal hat
eine Jüngere tatsächlich schwarze an. Netzstrümpfe trägt
hier niemand.
Kitty
Ogilvy geht heute abend ins Kino. Es kommt ein Film über eine junge
Journalistin, die über eine Flaschenpost einen Witwer kennenlernt und sich
in ihn verliebt. Den Witwer spielt Kevin Costner, also ist es ein schöner
Film, denkt Kitty Ogilvy. Bestimmt geht es um eine einzigartige große
Liebe.
Kitty
Ogilvy mag Filme über die große Liebe. Das einzige, was sie
stört, ist, daß nie gezeigt wird, was danach kommt. Eine Frau und
ein Mann kriegen sich endlich und alles ist gut. Nur daß man sich dann
mit seiner großen Liebe über dreckige Socken streitet, das sagt
einem keiner.
Kitty
wird traurig und geht zu ihrem Nachttischchen. Aus der Schublade holt sie sich
eine dicke Cameroon, steckt sie sich an und stellt sich
eine halbe Stunde ans Fenster. Draußen sind Weizenfelder zu sehen.
Irgend-wann fällt ein dicker Krümel Asche auf den Teppichboden.
Kitty
Ogilvy schaut auf die Uhr und stellt fest, daß es Zeit ist, loszufahren.
Im
Kino kauft sie sich eine Tüte Popcorn mit Karamel, mittlere
Größe. Als sie von der Theke weggeht und Richtung Kinosaal
schlendert, merkt sie plötzlich, daß sie am linken Bein ein riesiges
Loch in ihrem Netzstrumpf hat.
Netzstrümpfe
sind wie die große Liebe, denkt Kitty Ogilvy, sind wunderbar und
aufregend und halten nicht, was sie versprechen. Kitty Ogilvys Traurigkeit mischt sich mit immer
intensiver werdender Schadenfreude, als am Ende des Filmes die große
Liebe durch einen plötzlichen Todesfall vereitelt wird.
Schon
zu Hause, auf der Toilette sitzend, reißt sie so lange an dem Netzstoff der
Strümpfe, bis sie auseinanderfallen.