Dankesrede zur Preisverleihung, gehalten am
28.2.2011
Sehr geehrter Herr Ministerialdirektor Klaus
Tappeser, sehr geehrter Herr Ministerialrat Christoph Heinkele, liebe
Autorinnen & Autoren, liebes Publikum!
Noch nie musste ich eine Dankesrede schreiben.
Ich habe Laudationes auf andere formuliert, zu Ausstellungseröffnungen und
runden Geburtstagen gesprochen, ich halte gerne Reden. Doch eine Rede zu
formulieren im Zusammenhang mit mir als Gewürdigter und als Dank für
einen Preis, den ich selbst erhalten habe und über den ich mich
außerordentlich freue, das ist neu. Erst wollte ich es ganz kurz halten.
Es ist doch länger geworden. Der lange Name dieses Preises lässt mich
auf seine Bestandteile eingehen. Der wichtigste: das Land: Baden-Württemberg.
Ich bin in Frankfurt /M aufgewachsen und wollte
der Großstadt entfliehen und den Aufregungen der späten 60er,
frühen 70er, die ich, noch Schülerin, in WGs der Hausbesetzerszene
verbracht hatte. Ich wollte mein Studium mit Abstand zu Kommunen,
Marxlektüren und Brandstiftungen in Frankfurter Kaufhäusern beginnen,
um in Ruhe, wie man so sagt
„zu mir zu finden“, zu lernen. Ich schaute mir zwei kleine
Unistädte an: Marburg und Tübingen. Es war – ohne ein Moment
des Zögerns, ohne darüber nachzudenken, warum – klar. Ich wollte
nach Tübingen.
Als ich 1972 nach Tübingen umzog, fuhr ich
mit meiner Mutter, der Hausstand einer werdenden Studentin passt in den
Kofferraum des kleinen Autos. Auf dem Weg hatten wir beinahe einen Unfall, im
Siebenmühlental, die neue B 27 gab es noch nicht, in einer der engen
Kurven kamen wir ins Schleudern. Ich weiß nicht mehr, wer gefahren war,
aber beide waren wir so begeistert von den Wäldern des Schönbuchs,
dass wir abgelenkt in die Kurven fuhren. Ich glaube, schon am Ende dieser
Umzugsreise äußerte meine Mutter, sie habe das Gefühl, ich
werde bis an meinen Lebensabend in Tübingen bleiben. Ich war damals 18.
Was ist das Besondere an Baden-Württemberg?
Es gibt natürlich Bücher von Autoren, die das besser,
ausführlicher kenntnisreicher ausdrücken können als ich. Und
natürlich kann ich nicht über das ganze Land sprechen, sondern
über meinen Bezug und Details der Gegenden, die ich in diesen vielen
Jahren gut kennengelernt habe.
Das Besondere empfinde ich auf
Spaziergängen durch Frühlingsblütenmeer und Winterkargheit, wenn
ich auf die geschichteten blauen fernen Berge der schwäbischen Alb blicke,
die wie Wellen eines Meeres anmuten, auf das Dorf, in dem ich lebe und das so
geborgen in den es umgebenden Streuobstwiesen liegt, und wenn ich inmitten dieser
Landschaft das Haus erspähe, in dem ich wohne. Oder auf der
Hochfläche der Alb. Blicke auf
Baumgestalten ohne Blätter am Horizont, davor nackte steinige
Äcker. Keine engen Täler, die einen einsperren. Der Blick aus einem
Haus in der Rosenfelder Stadtmauer Richtung Norden, Hohenzollern, wieder
über eindrucksvoll geformte Wellen bewaldeter Hügel bis in die flache
Unendlichkeit. Von der Salmendinger Kapelle über die schmalen
unterschiedlich gefärbten wie ein Kunstwerk aneinandergeklebten
Feldstreifen. Von oben auf Stuttgart, im Sommer, von einer Besenwirtschaft
mitten in Weinbergen mitten in einer Stadt.
Und jedes Mal, wenn ich aus Berlin, Frankfurt
oder woher auch immer hierher zurückfahre die ersten Blicke auf den
Albtrauf. Oft schalte ich dann nostalgisch vom Deutschlandfunk, der die ganze
Zeit lief, auf SWR um.
Es ist nicht allein die Landschaft. Es sind genauso die
Menschen. Die Menschen hier denken in den Spannungen und Widersprüchen
ihrer schwäbischen Heimatregion. Zwischen einem geduldigen beinahe feinmechanischen
Blick auf die Dinge und der Weite der Perspektive, zwischen Grübelei und
cooler effizienter Arbeitweise. – Das ist ein Zitat, wir schrieben
es in den Ankündigungstext zu
dem dieser Tage erscheinenden Roman der Autorin Olive Feuerbach, der sich um
einen – realen – Mord in Stuttgart und mehr noch um Jahre
zurückliegende Ereignisse, politische Geschichte aus Schwaben und aus der
Welt dreht.
„Die Menschen“ sind natürlich zuerst die,
die ich kenne, zum Beispiel im Dorf, in dem ich seit 1982 lebe. Lange Zeit
zusammen mit meiner Schwester und ihrer Tochter. Meine Nichte war als Kind
tagsüber meist bei der Nachbarsfamilie. Eine offene gastfreundliche
schwäbische Familie. Ihre mütterliche Küche ist die der
Nachbarin, die schwäbische.
Wenn bei mir die ganze Nacht das Licht brannte, sagte eine
der alten Nachbarinnen, mit der ich mich von Fenster zu Fenster unterhielt,
immer am Morgen: Sie haben ja wieder die ganze Nacht gearbeitet! Das stimmt.
Ungestört, mit scheinbar unendlicher Zeit, die Ruhe der Nacht ist ideal
für buchgestaltende Arbeiten oder Schreiben.
„Arbeiten“ ist wichtig, gilt als das Klischee von
Baden-Württemberg: Schaffe, schaffe ... und bekannt ist das Land mit
seinen großen erfolgreichen Autokonzernen, Maschinenbaubetrieben und den
vielen kleinen Familien-Betrieben, die irgendetwas produzieren, Textilien,
Autoteile, und manchmal Bücher. Ist Identität durch
„Arbeiten“ denn etwas Fragwürdiges? Arbeit nicht als
notwendiges Übel, um leben zu können, zu begreifen, sondern auch als
das Leben selbst? Für mich sind Arbeit und privates Leben nicht eindeutig
trennbar. Natürlich wird in jedem Dorf hinter dem Rücken der Leute
über „Fremde“ geschwätzt, aber wer redet nicht gerne
über andere, auch ich rede, als Großstädterin, als Berlinerin
und Frankfurterin. Die „alteingesessenen“ Menschen in
Baden-Württemberg sind selbstverständlich nicht alle immer schon da
gewesen, wo sie gerade leben. Die – inzwischen ist sie bald 100 – Nachbarin erzählte, dass sie sich wohl
gefühlt habe in diesem Dorf, aber zugleich immer gespürt habe, sie
sei nicht von da. Sie kam aus Unterjesingen, 10 km entfernt. Unterjesingen war
früher eine andere Welt. Ob ich mich in einem von der
Universitätsstadt ferneren Dorf ähnlich wohl fühlen würde,
weiß ich nicht. Wenn man in einem Dorf aufgewachsen ist und später
weiter dort lebt und „anders“ wird, dann mag es in
schwäbischen Dörfern vielleicht schwerer sein. Doch hat nicht fast
jede Familie eine oder einen dabei, der nicht von „da“ ist und der „anders“
ist? In Dörfern sind die „anderen“ sichtbarer als in
Großstädten. Es gibt in in engen dörflichen Welten Weite, so
zumindest empfinde ich das, als Nicht-Schwäbin.
Schon erste Bücher, die ab 1980 neben dem
Periodikum konkursbuch erschienen, hatten mit dem Land zu tun: „Orte
zwischen Neckar und Alb, die Rabsch mit einer Ausdruckskraft und
Intensität in den Erzählfluss einbezieht, wie sie dieser Landschaft
in der jüngsten Literatur selten nur zuteil geworden sein
dürfte“, schrieben die Stuttgarter Nachrichten über Udo Rabschs ersten
Roman „Mexikanische Reise“. Innere Landschaften der Protagonisten
und die äußeren der Schwäbischen Alb berühren sich.
„Mexiko“ klingt nun gar
nicht nach Baden Württemberg. Doch lag darin bereits das Thema des
Verlages verborgen, das sich bis hin zu vielen zweisprachigen Büchern
fortentwickelte. Es geht um Landschaft, um Sprache und um Bewegung
„zwischen“ verschiedenen Landschaften, inneren wie
äußeren, und zwischen Sprachen. Der Protagonist bewegt sich. Er
entflieht Problemen auf eine Reise in den Dschungel von Mexiko –
natürlich kann er nicht fliehen, die Probleme folgen, und in der zunehmend
bedrohlichen Atmosphäre Mexikos gerät er schließlich an den
Rand des Wahnsinns – und kann sich nur durch Rückkehr nach
Baden-Württemberg retten. „Ein zeitgenössischer Läuterungsroman“,
formulierte das schwäbische Tagblatt dazu passend. Aktuell erschien ein
Roman von Kim Young-ha in der Überrsetzung von Hanju Yang und Heiner
Feldhoff über den Exodus von
Koreanern nach Mexiko. Oder es erscheinen Romane von Sabas Martín in der
Übersetzung von Gerta Neuroth. Der Autor lässt kanarische
Landschaften in „intensiver Ausdruckskraft“ lebendig werden und
erzählt auch von Emigration und Rückkehr. Klingt weit weg und doch
berühren sich die Geschichten von Grenzüberschreitungen und
Landschaft mit den Geschichten, die in Baden-Württemberg spielen. In einem
der neueren Bücher aus meinem Verlag, das von schwäbischen Gegenden
handelt – dem „Buch für einen Leser“ – lässt sich nachlesen, dass der
Gründer eines Textilbetriebs im 18 Jhd. weitgereist war und zum Buddhismus
tendierte, ein anderer sein Firmenlogo einem japanischen Holzschnitt entnahm.
Die Menschen waren in Bewegung. Es gab immer Wanderbewegungen. Im Kleinen von
Dorf zu Dorf, von Handwerkerflecken in „Fabrikler“-Kleinstädte.
Und im Großen, in andere Länder und Kontinente. Einwandern und
Auswanderung hat es in dem Gebiet des heutigen Baden-Württemberg soweit
ich weiß, sogar mehr als in vielen anderen Bundesländern gegeben. Im
19 Jhd. wanderten Menschen in die USA aus, um Armut oder Hungersnöten zu
entfliehen, etwas später aus politischen Gründen, nach dem Ende der
badischen Revolution – die berühmte dt. Revolution von 1848/49
begann ja in Baden. Das Foto im schwäbischen Tagblatt vor einigen Tagen
aus Libyen sieht ähnlich aus wie Revolutionszeichnungen aus Baden. Zu den
Menschen hier gehören natürlich auch die berühmten Dichter und
Denker, die ich Ihnen nicht aufzählen muss, auch die weniger berühmt
gewordenen Frauen, Karoline von Günderode oder die Revolutionärinnen
aus der Zeit der badischen Revolution wie Amalia Struve und Antonia Stehlin.
Auch heute wandern Menschen aus der Region aus und in sie ein. Es gibt nie nur
die „eine Welt“. Doch auch wenn Menschen, die hier geboren und
groß geworden sind, in den USA oder in Berlin leben, bleibt die Region
erkennbar, im Tonfall, der Sprache, daran, wie sie denken, Laugenbrezeln sollte
es vielleicht auch in ihrer Nähe geben. Nicht die eine Welt aufzugeben, um
sich in der anderen so ganz oder gar aufzulösen. In zwei Welten zu Hause
sein. An Bruchstellen entsteht Neues, auch das ein Thema meines kleinen
Verlages. „Glücklicherweise berühren sich alle Territorien an
irgendeinem Rand; wir werden alle zu Grenzlandbwohnern. ... die
Zwischenregionen, die Regionen des Übergangs, die Tore und
Zwischenräume werden zu neuen Zentren ... so wird die überwundene
Grenze zur vibrierenden Membran ...“, aus den „Betrachtungen
über die Grenze“ von Michel Butor in konkursbuch „Reisen ans
Ende der sonne. Revolte, Revolution, Utopie“.
In der Kunst entspricht dem die
Collage. Man schneidet Teile aus unterschiedlichen Vorlagen aus, klebt sie in
neue Zusammenhänge, die Ränder, Brüche bleiben sichtbar, auf den
ersten Blick einander widersprechende Teile fügen sich zusammen,
Schnittmengen durch Übereinandergeklebtes entstehen, ein Bild, das nicht
verbirgt, dass es in seinen Einzelteilen aus unterschiedlichen Welten kommt.
Doch entsteht aus den Teilen etwas, das mehr ist als ihre Summe. Die
„Fata Morgana“ von Hannah Höch, eine andere Welt, die uns auch
die eigene neu zeigt. Auch das ist etwas, was auf den Verlag zutrifft: im
Gesamtprogramm und in der Gestaltung der einzelnen Bücher, in denen sich
nicht nur beim Lesen, sondern auch im Blättern, zwischen den Seiten und
Zeilen etwas entfaltet. Neue Blicke auf das scheinbar eigene beschreibt Yoko
Tawada. Liest man ihre Texte, erfährt man viel über unsere, die
europäische, deutsche, manchmal auch über die schwäbische
Kultur, und genauso viel über die japanische Kultur. Und doch ist es mehr.
Wim Wenders schrieb
nach der Lektüre des Buchs Talisman während einer Flugreise:
„Es ist ein Buch aus dem Niemandsland, da, wo kein Wort und kein Name und
kein Zeichen mehr etwas bedeutet, sondern wo alles in Frage gestellt ist, und
wo nur das Empfinden, das Erfahren, das Sprechen selber zählt. Und dann wird
dieser kleine Band plötzlich so etwas wie ein Modell von utopischem
Erzählen und von utopischem Reisen.“ Er freue sich darauf, was er nach
dieser Flugreise anders würde sehen können. Etwas „anders sehen zu
können“: Dazu gehört auch, durch Dinge, die nicht gefallen, auf
solche zu stoßen, die gefallen, was ich besonders bei den erotischen
Jahrbüchern oft zu hören bekam: dass sich Paare, ob hetero, lesbisch
oder schwul, nach der Lektüre mit sich und ihren eingestandenen oder nicht
eingestanden Lüsten neu auseinandersetzen konnten, denn natürlich ist
es oft so, dass unterschiedliche Seiten gefielen.
Peter Pörtner, der zusammen mit
mir die ersten Ausgaben des Periodikums „konkursbuch“
verwirklichte, ging 1979 ein Jahr nach Verlagsgründung nach Tokyo. Die
Idee zu „konkursbuch“ war in heißen Debatten und bei
opulenten Essen des „Mittwochssalon“ in der Tübinger
Münzgasse entstanden, jedoch glaubte an deren Verwirklichung so recht niemand anderer aus dem Kreis –
doch dann machten Peter und ich einfach eine Nummer eins, und viele Autorinnen
und Autoren machten mit. „Fotografien, Zeichnungen,
Stiche stehen gleichberechtigt neben den Texten. Dies ist die Zeitschrift einer
neuen Generation. Da kommt der Brief wieder zu seinem Recht, auch das Tagebuch,
da stehen Fragmente neben Aphorismen und Gedichten und philosophischen Texten
...“ hieß es dazu in
der ZEIT
Anfangs planten wir, den Verlag
gemeinsam weiterzuführen. Die Kombination Tokyo-Tübingen misslang
natürlich. Doch Peters Berichte über japanische Kultur vertieften die
bereits angelegten Themen des Verlags: die „Zwischenwelten“.
Einiges, was ich in der Zeit erstmals zu hören, bzw. später in
unseren Japan-Lesebüchern zu lesen bekam, entsprach mir sehr und bekam
für den Verlag Bedeutung. Die Schönheit des Unscheinbaren, des
zweiten Blicks. Ein Haiku von Bashu (zitiert von einer Autorin in ihrem Text
über die japanische Ästhetik in Japanlesebuch II): „Ein alter Teich /
Frösche, die hineinspringen / Plätschern“ – Nichts
weiter. Nichts Großartiges, Plötzliches, wie in der
europäischen Sichtweise von einem Gedicht oft erwartet. Auch das
ästhetische Prinzip: ein Fehler, eine Asymmetrie machen etwas schön.
Es gibt eine leere Mitte. Eine andere Konstruktion des „Ich“. Im Film „Die sieben Samurai" stirbt
der Kämpfer schon, als die Kugel noch entfernt vom realen Körper ist.
Die Bewegungen des No-Theaters sind ausgreifend. Es gibt, vereinfacht
ausgedrückt, keine klare Grenze zwischen Ich und Nicht-Ich, keine streng
vom anderen abgetrennte Identität wie bei uns, sondern die Grenze zum
anderen, liegt weiter außen. Das Selbst ist in der Durchlässigkeit
zu finden. Dieser dauernde Versuch, „sich zu finden“ schien
europäisch. Ich konnte es getrost aufgeben. Yoko Tawadas erstes Buch
hieß „Nur da wo du bist da ist nichts“. Doch das deutsche
Wort „ich“ ist umgekehrt für die japanische Sichtweisen eine
Befreiung. Yoko Tawada erzählt in einem Text (in „Überseezungen“) dass japanische Kinder, wenn sie
eins der vielen japanischen Wörter für „Ich“ sagen, ihr
Geschlecht ausdrücken müssen. Was aber, wenn man sich nicht wie
„ein Mädchen“ fühlt oder wie ein „Junge“, und
dennoch, wenn man „ich“ sagt, das japanische Wort für „Mädchen“ oder
„Junge“ verwenden muss. Das deutsche Wort „Ich“ ist
neutral. Ein nicht starr auf eine Identität festgelegtes sondern
eher als Collage gedachtes „Ich“ konnte auch wieder ein Analogon
des Verlagsprogramms werden. Viele der Bücher, die seit den 1980ern
erschienen, handeln davon, was das berühmte Buch von Judith Butler Gender
Trouble. Feminismus und die Subversion der Identität - Feminism and the
subversion of identity 1990 theoretisch benannte. Frauen- und lesbische Themen, Genderthemen,
auch diese Bücher bewegen sich auf der vibrierenden Membran zwischen
Grenzen. Wenn es um die Verteilung der Macht im Alltag geht, gibt es
selbstverständlich weiterhin die zwei Geschlechter. So haben diese
Bücher auch aus politischen Gründen ein Gewicht im Verlag bekommen,
das natürlich mit meinem „privaten“ Ich zu tun hat. Im Prinzip
verlege ich altmodisch, was mir gefällt. Es erscheinen weit mehr
Bücher von Frauen als von Männern im Verlag.
Presseberichte im Zusammenhang mit
der Preisverleihung stürzten sich auf den Programmbereich der erotischen
Bücher, auf den einen Prozess und den einen Termin bei der
Bundesprüfstelle vor 15 Jahren – in deren Verlauf das
„Collageprinzip“ dieser Bücher erkannt und das Ganze als Kunst
definiert wurde. Es klingt in diesen aktuellen Berichten vor der
Preisverleihung zwischen den Zeilen fast so, als hätte ich früher nur
„Schweinkram“ und später auch „Gutes“ verlegt,
weshalb ich nun den Preis erhalten darf. Ein hübsches Gerücht in
diesem Zusammenhang ist: in dem Salon, aus dem der Verlag entstand, sollen die
Teilnehmer – dazu gehörten auch namhafte Philosophieprofessoren - an
Spiegeln, die auf dem Boden lagen, gegessen haben, und die Frauen sollen nichts
unter den Kleidern getragen haben. Daran sieht man, dass Erotik auch heute noch
provoziert. Denn immer gab es immer zahlenmäßig mehr
„andere“ Bücher und nicht erst in jüngster Zeit. Aber
einzig eine Lyrikreihe aus dem Hölderlinturm, für die ich auf Wunsch
der Herausgeberin blaue Fäden für die Fadenheftung besorgt hatte,
verließ wegen der Erotik den Verlag und wanderte in einen anderen Verlag
ohne Erotik – auch ohne die blauen Fäden. Im Verlag gab es die Serie
„Tübingen Rive Gauche“, darin Texte von Sarah Kofman, Hubert
Fichte oder Alain Robbe-Grillet. Es gibt Poetikvorlesungen, auch die von Herta
Müller. Konkursbücher zu Themen wie Haare, Auto, Schuld, Scham,
Angst, Familien-Bande, zuletzt konkursbuch 49, Thema „Heimat“.
Viele zweisprachige Bücher. Der Spiegelredakteur Volker Hage vermutete
schon vor Jahren einmal: Du wirst
von den Medien immer wieder auf die Erotik festgelegt werden, egal was und wie
viel du sonst noch machst, denn die Zeitungen brauchen Schubladen.
Doch ich werde weiterhin zwischen
Schubladen, bzw in vielen publizieren. Und einen „erotischen Blick“
auf die Welt werfen. Das „Erotische“ ist ein Aufblitzen zwischen
zweien, die zusammenkommen könnten. Nicht immer zusammenkommen. Etwas
für einen Moment Grenzauflösendes – nicht der distanzierende
analysierende Blick.. Das kann zwischen Menschen sein. Genauso zwischen einer
Verlegerin und ihren Projekten. Die Katze sitzt auf dem Stuhl und starrt aus
dem Fenster. Vor dem Fenster im Herbstgelb sitzt eine Meise ganz nah und starrt
ins Zimmer hinein. Ich schaue, wohin die Katze schaut. Eine Sekunde blickt mir
der Vogel ins Auge, dann fliegt er davon. Ein erotischer Blick ist ein Blick,
der einen für Sekunden in andere Welten führt – in welche auch
immer. Diese Welt muss gar nichts mit Sexualität zu tun haben.
Er passiert zwischen mir und der
Landschaft. Da bin ich endlich wieder in Baden-Württemberg. Dieser Blick
auf die Landschaft hier ist immer wieder wie erste Verliebtheit. Natürlich
denke ich auf den Spaziergängen auch, wie es wohl wäre, in einem im
Vergleich zum Schönbuch winzigen Laubwald inmitten eines
Chemie-Industriegebiets in Frankfurt-Ost spazierenzugehen und dann denke ich,
dass doch dort mein Zuhause ist, das Elternhaus, und es dort anders schön
ist, es gibt mitten in diesem Wald einen kleinen Sumpf, in dem ich als Kind
spielte, und von innen am Sumpfrand wirkt der Wald genau so groß wie der
Schönbuch – und hier am Rand des Schönbuchs mit Blick auf den
wie gemalten Albrand ist es
vielleicht viel zu idyllisch. Oder dass ich in Berlin zu Hause wäre, in
Tempelhof, ein kleiner Park in der Nähe, die Linde vor dem Haus, eins der
Häuser meiner Herkunft ... Aber wäre ich dort, würde ich mich dann nicht nach hier sehnen?
„Ich fühle mich immer so zu Hause, wenn ich hier hochfahre.
Früher bin ich gelaufen. Da war diese Straße
noch eine Birnbaumallee. Aber das Gefühl ist geblieben“, sagte eine
Nachbarin einmal, als ich sie an der Bushaltestelle auflas. In dem vor
Kurzem erschienen Thriller „Kleiner toter Vogel“ von Regina
Nössler gibt es unter dem spannenden Thriller-Handlungsstrang eine zweite
Geschichte. Eine Großstädterin kommt in ein Dorf
Baden-Württembergs, sie soll das Haus einer verstorbenen Tante
auflösen. Das Dorf erscheint ihr feindlich, sie hat das Gefühl, dass
über sie geredet wird, sie böse angeschaut wird. Dazu immer wieder
Nebel, die hochsteigen. Auch das alte Haus ist ihr unheimlich. Doch die
Landschaft, die Mentalität, ein Haus, das Dorf verwandeln die
Protagonistin, bzw. ihren Blick. Am Schluss bleibt sie dort. Die Landschaft,
das Haus haben sie aufgenommen. So zu Hause
fühle auch ich mich hier, in Baden-Württemberg. Ein Land
übrigens, das selbst aussieht wie eine Collage: ein katholischer Flecken
hier, gleich daneben ein evangelischer. Alte Karten – aus dem Ende des 18
Jahrhunderts – sehen aus wie ein Flickenteppich – oder wie eine
Kunstcollage.
Zuhause fühle ich
mich in einem Land, dessen Ministerium für Wissenschaft, Forschung und
Kunst so vielfältig fördert. In welchem anderen Bundesland gibt es
einen „Landespreis“ für Verlage? Wer weiß das in der
Welt außerhalb Baden-Württembergs? Neben, wenn ich richtig
gezählt habe, acht weiteren Preisen rund um Literatur, neben
ungezählten Stipendien und Förderungen von Theatern, Kunst, Musik und
Kulturzentren.
Natürlich wird immer mehr gejammert als gelobt. Natürlich ist immer
alles zu wenig. Die Presse gibt Kritik umfangreich Raum, alle Welt weiß
was über Stuttgart 21. Dem, womit
Menschen zufrieden sein könnten, wird kaum Platz in den Medien
eingeräumt, darüber weiß kaum einer wirklich viel.
Ich möchte heute Abend in
erster Linie diesem Ministerium großen Dank sagen dafür, dass es
einen solchen Preis ab 1996, und diesen zehnten Preis an mich vergibt. Danken
möchte ich natürlich auch der Jury! Und den Autorinnen und Autoren,
engagierten Buchhändlerinnen und
Buchhändlern, Kritikerinnen und Kritikern, dem Verlagsmitgründer und
den beiden, mit denen ich den Verlag jetzt mache (wir sehen optisch fast aus
wie der kleine schwäbische Familienbetrieb, obwohl wir in diesem Sinne
nichts miteinander zu tun haben), und natürlich den Leserinnen und Lesern,
ohne alle diese es den Verlag nicht gäbe! Auch möchte ich
meinen Eltern danken, die –
obwohl ihre Tochter ja eigentlich den gesicherten Beamtenjob einer Lehrerin in
Tailfingen hätte antreten können – den Verlag immer
unterstützt haben. Anfangs sogar durch Mitarbeit (sie übernahmen eine
Zeitlang die Auslieferung (Vater war krankheitsbedingt Frührentner)
– später durch ein zinsloses Darlehen (ich war stolz, als ich es
zurückgezahlt hatte). Und meine Mutter beschäftigte sich eingehend
mit den Büchern, auch mit den erotischen, und für ihre Lieblinge,
Bücher von Udo Rabsch, Regina Nössler, Phoebe Müller und Yoko Tawada, schrieb sie Briefe an
Zeitungen und einmal auch an Marcel Reich-Ranicki, um ihn auf die wunderbare
Sprache dieser Autorinnen aufmerksam zu machen. Anlässlich des 10
Verlagsgeburtstages ließ sie mein erstes Buch drucken: den Reisebereicht
aus Irland, das ich handgeschrieben und handgebunden mit Bildern erweitert als
16-jährige für meine Großmutter gebastelt hatte. Ich wusste ihr
Engagement oft nicht zu würdigen, im Gegenteil mir war es manchmal
peinlich. Das tut mir sehr leid. Wie sehr sich meine Eltern über diesen
Preis, diese Anerkennung dessen, was sie von Anfang an in diesem Verlag
wahrgenommen hatten, gefreut hätten! Sie leben nicht mehr.
Immer wieder mal stellte ich mir in
Wachträumereien vor, dass ein Anruf kommt. Aufgrund der permanenten
Geldnot in einem solchen kleinen Verlag spiele ich manchmal sogar Lotto. Ich
weiß, dass es weit wahrscheinlicher wäre, auch in meinem Verlag
einmal einen wirklichen Bestseller zu haben. Dann kam der geträumte Anruf.
Mit sympathischer Stimme fragte mich ein Herr, wie es mir gehe. Ich möge
mich doch setzen. Es war Ministerialrat Heinkele. Sie können sich kaum
vorstellen, wie glücklich ich war. Dieses Gefühl ist bis heute da.
Vielen Dank!
Claudia Gehrke