Dankesrede zur Preisverleihung, gehalten am 28.2.2011

 

Sehr geehrter Herr Ministerialdirektor Klaus Tappeser, sehr geehrter Herr Ministerialrat Christoph Heinkele, liebe Autorinnen & Autoren, liebes Publikum!

 

Noch nie musste ich eine Dankesrede schreiben. Ich habe Laudationes auf andere formuliert, zu Ausstellungseröffnungen und runden Geburtstagen gesprochen, ich halte gerne Reden. Doch eine Rede zu formulieren im Zusammenhang mit mir als Gewürdigter und als Dank für einen Preis, den ich selbst erhalten habe und über den ich mich außerordentlich freue, das ist neu. Erst wollte ich es ganz kurz halten. Es ist doch länger geworden. Der lange Name dieses Preises lässt mich auf seine Bestandteile eingehen. Der wichtigste: das Land: Baden-Württemberg.

Ich bin in Frankfurt /M aufgewachsen und wollte der Großstadt entfliehen und den Aufregungen der späten 60er, frühen 70er, die ich, noch Schülerin, in WGs der Hausbesetzerszene verbracht hatte. Ich wollte mein Studium mit Abstand zu Kommunen, Marxlektüren und Brandstiftungen in Frankfurter Kaufhäusern beginnen, um in Ruhe, wie man so sagt  „zu mir zu finden“, zu lernen. Ich schaute mir zwei kleine Unistädte an: Marburg und Tübingen. Es war – ohne ein Moment des Zögerns, ohne darüber nachzudenken, warum – klar. Ich wollte nach Tübingen.

Als ich 1972 nach Tübingen umzog, fuhr ich mit meiner Mutter, der Hausstand einer werdenden Studentin passt in den Kofferraum des kleinen Autos. Auf dem Weg hatten wir beinahe einen Unfall, im Siebenmühlental, die neue B 27 gab es noch nicht, in einer der engen Kurven kamen wir ins Schleudern. Ich weiß nicht mehr, wer gefahren war, aber beide waren wir so begeistert von den Wäldern des Schönbuchs, dass wir abgelenkt in die Kurven fuhren. Ich glaube, schon am Ende dieser Umzugsreise äußerte meine Mutter, sie habe das Gefühl, ich werde bis an meinen Lebensabend in Tübingen bleiben. Ich war damals 18.

 

Was ist das Besondere an Baden-Württemberg? Es gibt natürlich Bücher von Autoren, die das besser, ausführlicher kenntnisreicher ausdrücken können als ich. Und natürlich kann ich nicht über das ganze Land sprechen, sondern über meinen Bezug und Details der Gegenden, die ich in diesen vielen Jahren gut kennengelernt habe.

Das Besondere empfinde ich auf Spaziergängen durch Frühlingsblütenmeer und Winterkargheit, wenn ich auf die geschichteten blauen fernen Berge der schwäbischen Alb blicke, die wie Wellen eines Meeres anmuten, auf das Dorf, in dem ich lebe und das so geborgen in den es umgebenden Streuobstwiesen liegt, und wenn ich inmitten dieser Landschaft das Haus erspähe, in dem ich wohne. Oder auf der Hochfläche der Alb. Blicke auf  Baumgestalten ohne Blätter am Horizont, davor nackte steinige Äcker. Keine engen Täler, die einen einsperren. Der Blick aus einem Haus in der Rosenfelder Stadtmauer Richtung Norden, Hohenzollern, wieder über eindrucksvoll geformte Wellen bewaldeter Hügel bis in die flache Unendlichkeit. Von der Salmendinger Kapelle über die schmalen unterschiedlich gefärbten wie ein Kunstwerk aneinandergeklebten Feldstreifen. Von oben auf Stuttgart, im Sommer, von einer Besenwirtschaft mitten in Weinbergen mitten in einer Stadt.

Und jedes Mal, wenn ich aus Berlin, Frankfurt oder woher auch immer hierher zurückfahre die ersten Blicke auf den Albtrauf. Oft schalte ich dann nostalgisch vom Deutschlandfunk, der die ganze Zeit lief, auf SWR um.

Es ist nicht allein die Landschaft. Es sind genauso die Menschen. Die Menschen hier denken in den Spannungen und Widersprüchen ihrer schwäbischen Heimatregion. Zwischen einem geduldigen beinahe feinmechanischen Blick auf die Dinge und der Weite der Perspektive, zwischen Grübelei und cooler effizienter Arbeitweise. – Das ist ein Zitat, wir schrieben es  in den Ankündigungstext zu dem dieser Tage erscheinenden Roman der Autorin Olive Feuerbach, der sich um einen – realen – Mord in Stuttgart und mehr noch um Jahre zurückliegende Ereignisse, politische Geschichte aus Schwaben und aus der Welt dreht.

„Die Menschen“ sind natürlich zuerst die, die ich kenne, zum Beispiel im Dorf, in dem ich seit 1982 lebe. Lange Zeit zusammen mit meiner Schwester und ihrer Tochter. Meine Nichte war als Kind tagsüber meist bei der Nachbarsfamilie. Eine offene gastfreundliche schwäbische Familie. Ihre mütterliche Küche ist die der Nachbarin, die schwäbische.

Wenn bei mir die ganze Nacht das Licht brannte, sagte eine der alten Nachbarinnen, mit der ich mich von Fenster zu Fenster unterhielt, immer am Morgen: Sie haben ja wieder die ganze Nacht gearbeitet! Das stimmt. Ungestört, mit scheinbar unendlicher Zeit, die Ruhe der Nacht ist ideal für buchgestaltende Arbeiten oder Schreiben.

 „Arbeiten“ ist wichtig, gilt als das Klischee von Baden-Württemberg: Schaffe, schaffe ... und bekannt ist das Land mit seinen großen erfolgreichen Autokonzernen, Maschinenbaubetrieben und den vielen kleinen Familien-Betrieben, die irgendetwas produzieren, Textilien, Autoteile, und manchmal Bücher. Ist Identität durch „Arbeiten“ denn etwas Fragwürdiges? Arbeit nicht als notwendiges Übel, um leben zu können, zu begreifen, sondern auch als das Leben selbst? Für mich sind Arbeit und privates Leben nicht eindeutig trennbar. Natürlich wird in jedem Dorf hinter dem Rücken der Leute über „Fremde“ geschwätzt, aber wer redet nicht gerne über andere, auch ich rede, als Großstädterin, als Berlinerin und Frankfurterin. Die „alteingesessenen“ Menschen in Baden-Württemberg sind selbstverständlich nicht alle immer schon da gewesen, wo sie gerade leben. Die  inzwischen ist sie bald 100 Nachbarin erzählte, dass sie sich wohl gefühlt habe in diesem Dorf, aber zugleich immer gespürt habe, sie sei nicht von da. Sie kam aus Unterjesingen, 10 km entfernt. Unterjesingen war früher eine andere Welt. Ob ich mich in einem von der Universitätsstadt ferneren Dorf ähnlich wohl fühlen würde, weiß ich nicht. Wenn man in einem Dorf aufgewachsen ist und später weiter dort lebt und „anders“ wird, dann mag es in schwäbischen Dörfern vielleicht schwerer sein. Doch hat nicht fast jede Familie eine oder einen dabei, der nicht von „da“ ist und der „anders“ ist? In Dörfern sind die „anderen“ sichtbarer als in Großstädten. Es gibt in in engen dörflichen Welten Weite, so zumindest empfinde ich das, als Nicht-Schwäbin.

Schon erste Bücher, die ab 1980 neben dem Periodikum konkursbuch erschienen, hatten mit dem Land zu tun: „Orte zwischen Neckar und Alb, die Rabsch mit einer Ausdruckskraft und Intensität in den Erzählfluss einbezieht, wie sie dieser Landschaft in der jüngsten Literatur selten nur zuteil geworden sein dürfte“, schrieben die Stuttgarter Nachrichten über Udo Rabschs ersten Roman „Mexikanische Reise“. Innere Landschaften der Protagonisten und die äußeren der Schwäbischen Alb berühren sich.

„Mexiko“ klingt nun gar nicht nach Baden Württemberg. Doch lag darin bereits das Thema des Verlages verborgen, das sich bis hin zu vielen zweisprachigen Büchern fortentwickelte. Es geht um Landschaft, um Sprache und um Bewegung „zwischen“ verschiedenen Landschaften, inneren wie äußeren, und zwischen Sprachen. Der Protagonist bewegt sich. Er entflieht Problemen auf eine Reise in den Dschungel von Mexiko – natürlich kann er nicht fliehen, die Probleme folgen, und in der zunehmend bedrohlichen Atmosphäre Mexikos gerät er schließlich an den Rand des Wahnsinns – und kann sich nur durch Rückkehr nach Baden-Württemberg retten. „Ein zeitgenössischer Läuterungsroman“, formulierte das schwäbische Tagblatt dazu passend. Aktuell erschien ein Roman von Kim Young-ha in der Überrsetzung von Hanju Yang und Heiner Feldhoff  über den Exodus von Koreanern nach Mexiko. Oder es erscheinen Romane von Sabas Martín in der Übersetzung von Gerta Neuroth. Der Autor lässt kanarische Landschaften in „intensiver Ausdruckskraft“ lebendig werden und erzählt auch von Emigration und Rückkehr. Klingt weit weg und doch berühren sich die Geschichten von Grenzüberschreitungen und Landschaft mit den Geschichten, die in Baden-Württemberg spielen. In einem der neueren Bücher aus meinem Verlag, das von schwäbischen Gegenden handelt – dem „Buch für einen Leser“ –  lässt sich nachlesen, dass der Gründer eines Textilbetriebs im 18 Jhd. weitgereist war und zum Buddhismus tendierte, ein anderer sein Firmenlogo einem japanischen Holzschnitt entnahm. Die Menschen waren in Bewegung. Es gab immer Wanderbewegungen. Im Kleinen von Dorf zu Dorf, von Handwerkerflecken in „Fabrikler“-Kleinstädte. Und im Großen, in andere Länder und Kontinente. Einwandern und Auswanderung hat es in dem Gebiet des heutigen Baden-Württemberg soweit ich weiß, sogar mehr als in vielen anderen Bundesländern gegeben. Im 19 Jhd. wanderten Menschen in die USA aus, um Armut oder Hungersnöten zu entfliehen, etwas später aus politischen Gründen, nach dem Ende der badischen Revolution – die berühmte dt. Revolution von 1848/49 begann ja in Baden. Das Foto im schwäbischen Tagblatt vor einigen Tagen aus Libyen sieht ähnlich aus wie Revolutionszeichnungen aus Baden. Zu den Menschen hier gehören natürlich auch die berühmten Dichter und Denker, die ich Ihnen nicht aufzählen muss, auch die weniger berühmt gewordenen Frauen, Karoline von Günderode oder die Revolutionärinnen aus der Zeit der badischen Revolution wie Amalia Struve und Antonia Stehlin. Auch heute wandern Menschen aus der Region aus und in sie ein. Es gibt nie nur die „eine Welt“. Doch auch wenn Menschen, die hier geboren und groß geworden sind, in den USA oder in Berlin leben, bleibt die Region erkennbar, im Tonfall, der Sprache, daran, wie sie denken, Laugenbrezeln sollte es vielleicht auch in ihrer Nähe geben. Nicht die eine Welt aufzugeben, um sich in der anderen so ganz oder gar aufzulösen. In zwei Welten zu Hause sein. An Bruchstellen entsteht Neues, auch das ein Thema meines kleinen Verlages. „Glücklicherweise berühren sich alle Territorien an irgendeinem Rand; wir werden alle zu Grenzlandbwohnern. ... die Zwischenregionen, die Regionen des Übergangs, die Tore und Zwischenräume werden zu neuen Zentren ... so wird die überwundene Grenze zur vibrierenden Membran ...“, aus den „Betrachtungen über die Grenze“ von Michel Butor in konkursbuch „Reisen ans Ende der sonne. Revolte, Revolution, Utopie“.

In der Kunst entspricht dem die Collage. Man schneidet Teile aus unterschiedlichen Vorlagen aus, klebt sie in neue Zusammenhänge, die Ränder, Brüche bleiben sichtbar, auf den ersten Blick einander widersprechende Teile fügen sich zusammen, Schnittmengen durch Übereinandergeklebtes entstehen, ein Bild, das nicht verbirgt, dass es in seinen Einzelteilen aus unterschiedlichen Welten kommt. Doch entsteht aus den Teilen etwas, das mehr ist als ihre Summe. Die „Fata Morgana“ von Hannah Höch, eine andere Welt, die uns auch die eigene neu zeigt. Auch das ist etwas, was auf den Verlag zutrifft: im Gesamtprogramm und in der Gestaltung der einzelnen Bücher, in denen sich nicht nur beim Lesen, sondern auch im Blättern, zwischen den Seiten und Zeilen etwas entfaltet. Neue Blicke auf das scheinbar eigene beschreibt Yoko Tawada. Liest man ihre Texte, erfährt man viel über unsere, die europäische, deutsche, manchmal auch über die schwäbische Kultur, und genauso viel über die japanische Kultur. Und doch ist es mehr. Wim Wenders schrieb nach der Lektüre des Buchs Talisman während einer Flugreise: „Es ist ein Buch aus dem Niemandsland, da, wo kein Wort und kein Name und kein Zeichen mehr etwas bedeutet, sondern wo alles in Frage gestellt ist, und wo nur das Empfinden, das Erfahren, das Sprechen selber zählt. Und dann wird dieser kleine Band plötzlich so etwas wie ein Modell von utopischem Erzählen und von utopischem Reisen.“ Er freue sich darauf, was er nach dieser Flugreise anders würde sehen können. Etwas „anders sehen zu können“: Dazu gehört auch, durch Dinge, die nicht gefallen, auf solche zu stoßen, die gefallen, was ich besonders bei den erotischen Jahrbüchern oft zu hören bekam: dass sich Paare, ob hetero, lesbisch oder schwul, nach der Lektüre mit sich und ihren eingestandenen oder nicht eingestanden Lüsten neu auseinandersetzen konnten, denn natürlich ist es oft so, dass unterschiedliche Seiten gefielen.

Peter Pörtner, der zusammen mit mir die ersten Ausgaben des Periodikums „konkursbuch“ verwirklichte, ging 1979 ein Jahr nach Verlagsgründung nach Tokyo. Die Idee zu „konkursbuch“ war in heißen Debatten und bei opulenten Essen des „Mittwochssalon“ in der Tübinger Münzgasse entstanden, jedoch glaubte an deren Verwirklichung so recht  niemand anderer aus dem Kreis – doch dann machten Peter und ich einfach eine Nummer eins, und viele Autorinnen und Autoren machten mit.  Fotografien, Zeichnungen, Stiche stehen gleichberechtigt neben den Texten. Dies ist die Zeitschrift einer neuen Generation. Da kommt der Brief wieder zu seinem Recht, auch das Tagebuch, da stehen Fragmente neben Aphorismen und Gedichten und philosophischen Texten ...“  hieß es dazu in der ZEIT

Anfangs planten wir, den Verlag gemeinsam weiterzuführen. Die Kombination Tokyo-Tübingen misslang natürlich. Doch Peters Berichte über japanische Kultur vertieften die bereits angelegten Themen des Verlags: die „Zwischenwelten“. Einiges, was ich in der Zeit erstmals zu hören, bzw. später in unseren Japan-Lesebüchern zu lesen bekam, entsprach mir sehr und bekam für den Verlag Bedeutung. Die Schönheit des Unscheinbaren, des zweiten Blicks. Ein Haiku von Bashu (zitiert von einer Autorin in ihrem Text über die japanische Ästhetik in Japanlesebuch II): „Ein alter Teich / Frösche, die hineinspringen / Plätschern“ – Nichts weiter. Nichts Großartiges, Plötzliches, wie in der europäischen Sichtweise von einem Gedicht oft erwartet. Auch das ästhetische Prinzip: ein Fehler, eine Asymmetrie machen etwas schön. Es gibt eine leere Mitte. Eine andere Konstruktion des „Ich“. Im Film „Die sieben Samurai" stirbt der Kämpfer schon, als die Kugel noch entfernt vom realen Körper ist. Die Bewegungen des No-Theaters sind ausgreifend. Es gibt, vereinfacht ausgedrückt, keine klare Grenze zwischen Ich und Nicht-Ich, keine streng vom anderen abgetrennte Identität wie bei uns, sondern die Grenze zum anderen, liegt weiter außen. Das Selbst ist in der Durchlässigkeit zu finden. Dieser dauernde Versuch, „sich zu finden“ schien europäisch. Ich konnte es getrost aufgeben. Yoko Tawadas erstes Buch hieß „Nur da wo du bist da ist nichts“. Doch das deutsche Wort „ich“ ist umgekehrt für die japanische Sichtweisen eine Befreiung. Yoko Tawada erzählt in einem Text (in „Überseezungen“) dass japanische Kinder, wenn sie eins der vielen japanischen Wörter für „Ich“ sagen, ihr Geschlecht ausdrücken müssen. Was aber, wenn man sich nicht wie „ein Mädchen“ fühlt oder wie ein „Junge“, und dennoch, wenn man „ich“ sagt, das japanische Wort für  „Mädchen“ oder „Junge“ verwenden muss. Das deutsche Wort „Ich“ ist neutral. Ein nicht starr auf eine Identität festgelegtes sondern eher als Collage gedachtes „Ich“ konnte auch wieder ein Analogon des Verlagsprogramms werden. Viele der Bücher, die seit den 1980ern erschienen, handeln davon, was das berühmte Buch von Judith Butler Gender Trouble. Feminismus und die Subversion der Identität - Feminism and the subversion of identity 1990 theoretisch benannte. Frauen- und lesbische Themen, Genderthemen, auch diese Bücher bewegen sich auf der vibrierenden Membran zwischen Grenzen. Wenn es um die Verteilung der Macht im Alltag geht, gibt es selbstverständlich weiterhin die zwei Geschlechter. So haben diese Bücher auch aus politischen Gründen ein Gewicht im Verlag bekommen, das natürlich mit meinem „privaten“ Ich zu tun hat. Im Prinzip verlege ich altmodisch, was mir gefällt. Es erscheinen weit mehr Bücher von Frauen als von Männern im Verlag.

Presseberichte im Zusammenhang mit der Preisverleihung stürzten sich auf den Programmbereich der erotischen Bücher, auf den einen Prozess und den einen Termin bei der Bundesprüfstelle vor 15 Jahren – in deren Verlauf das „Collageprinzip“ dieser Bücher erkannt und das Ganze als Kunst definiert wurde. Es klingt in diesen aktuellen Berichten vor der Preisverleihung zwischen den Zeilen fast so, als hätte ich früher nur „Schweinkram“ und später auch „Gutes“ verlegt, weshalb ich nun den Preis erhalten darf. Ein hübsches Gerücht in diesem Zusammenhang ist: in dem Salon, aus dem der Verlag entstand, sollen die Teilnehmer – dazu gehörten auch namhafte Philosophieprofessoren - an Spiegeln, die auf dem Boden lagen, gegessen haben, und die Frauen sollen nichts unter den Kleidern getragen haben. Daran sieht man, dass Erotik auch heute noch provoziert. Denn immer gab es immer zahlenmäßig mehr „andere“ Bücher und nicht erst in jüngster Zeit. Aber einzig eine Lyrikreihe aus dem Hölderlinturm, für die ich auf Wunsch der Herausgeberin blaue Fäden für die Fadenheftung besorgt hatte, verließ wegen der Erotik den Verlag und wanderte in einen anderen Verlag ohne Erotik – auch ohne die blauen Fäden. Im Verlag gab es die Serie „Tübingen Rive Gauche“, darin Texte von Sarah Kofman, Hubert Fichte oder Alain Robbe-Grillet. Es gibt Poetikvorlesungen, auch die von Herta Müller. Konkursbücher zu Themen wie Haare, Auto, Schuld, Scham, Angst, Familien-Bande, zuletzt konkursbuch 49, Thema „Heimat“. Viele zweisprachige Bücher. Der Spiegelredakteur Volker Hage vermutete schon vor Jahren  einmal: Du wirst von den Medien immer wieder auf die Erotik festgelegt werden, egal was und wie viel du sonst noch machst, denn die Zeitungen brauchen Schubladen.

 

Doch ich werde weiterhin zwischen Schubladen, bzw in vielen publizieren. Und einen „erotischen Blick“ auf die Welt werfen. Das „Erotische“ ist ein Aufblitzen zwischen zweien, die zusammenkommen könnten. Nicht immer zusammenkommen. Etwas für einen Moment Grenzauflösendes – nicht der distanzierende analysierende Blick.. Das kann zwischen Menschen sein. Genauso zwischen einer Verlegerin und ihren Projekten. Die Katze sitzt auf dem Stuhl und starrt aus dem Fenster. Vor dem Fenster im Herbstgelb sitzt eine Meise ganz nah und starrt ins Zimmer hinein. Ich schaue, wohin die Katze schaut. Eine Sekunde blickt mir der Vogel ins Auge, dann fliegt er davon. Ein erotischer Blick ist ein Blick, der einen für Sekunden in andere Welten führt – in welche auch immer. Diese Welt muss gar nichts mit Sexualität zu tun haben.

Er passiert zwischen mir und der Landschaft. Da bin ich endlich wieder in Baden-Württemberg. Dieser Blick auf die Landschaft hier ist immer wieder wie erste Verliebtheit. Natürlich denke ich auf den Spaziergängen auch, wie es wohl wäre, in einem im Vergleich zum Schönbuch winzigen Laubwald inmitten eines Chemie-Industriegebiets in Frankfurt-Ost spazierenzugehen und dann denke ich, dass doch dort mein Zuhause ist, das Elternhaus, und es dort anders schön ist, es gibt mitten in diesem Wald einen kleinen Sumpf, in dem ich als Kind spielte, und von innen am Sumpfrand wirkt der Wald genau so groß wie der Schönbuch – und hier am Rand des Schönbuchs mit Blick auf den wie gemalten Albrand  ist es vielleicht viel zu idyllisch. Oder dass ich in Berlin zu Hause wäre, in Tempelhof, ein kleiner Park in der Nähe, die Linde vor dem Haus, eins der Häuser meiner Herkunft ... Aber wäre ich dort, würde ich  mich dann nicht nach hier sehnen? „Ich fühle mich immer so zu Hause, wenn ich hier hochfahre. Früher bin ich gelaufen. Da war diese Straße noch eine Birnbaumallee. Aber das Gefühl ist geblieben“, sagte eine Nachbarin einmal, als ich sie an der Bushaltestelle auflas. In dem vor Kurzem erschienen Thriller „Kleiner toter Vogel“ von Regina Nössler gibt es unter dem spannenden Thriller-Handlungsstrang eine zweite Geschichte. Eine Großstädterin kommt in ein Dorf Baden-Württembergs, sie soll das Haus einer verstorbenen Tante auflösen. Das Dorf erscheint ihr feindlich, sie hat das Gefühl, dass über sie geredet wird, sie böse angeschaut wird. Dazu immer wieder Nebel, die hochsteigen. Auch das alte Haus ist ihr unheimlich. Doch die Landschaft, die Mentalität, ein Haus, das Dorf verwandeln die Protagonistin, bzw. ihren Blick. Am Schluss bleibt sie dort. Die Landschaft, das Haus haben sie aufgenommen. So zu Hause fühle auch ich mich hier, in Baden-Württemberg. Ein Land übrigens, das selbst aussieht wie eine Collage: ein katholischer Flecken hier, gleich daneben ein evangelischer. Alte Karten – aus dem Ende des 18 Jahrhunderts – sehen aus wie ein Flickenteppich – oder wie eine Kunstcollage.

Zuhause fühle ich mich in einem Land, dessen Ministerium für Wissenschaft, Forschung und Kunst so vielfältig fördert. In welchem anderen Bundesland gibt es einen „Landespreis“ für Verlage? Wer weiß das in der Welt außerhalb Baden-Württembergs? Neben, wenn ich richtig gezählt habe, acht weiteren Preisen rund um Literatur, neben ungezählten Stipendien und Förderungen von Theatern, Kunst, Musik und Kulturzentren. Natürlich wird immer mehr gejammert als gelobt. Natürlich ist immer alles zu wenig. Die Presse gibt Kritik umfangreich Raum, alle Welt weiß was über Stuttgart 21. Dem, womit  Menschen zufrieden sein könnten, wird kaum Platz in den Medien eingeräumt, darüber weiß kaum einer wirklich viel.

 

Ich möchte heute Abend in erster Linie diesem Ministerium großen Dank sagen dafür, dass es einen solchen Preis ab 1996, und diesen zehnten Preis an mich vergibt. Danken möchte ich natürlich auch der Jury! Und den Autorinnen und Autoren, engagierten Buchhändlerinnen und Buchhändlern, Kritikerinnen und Kritikern, dem Verlagsmitgründer und den beiden, mit denen ich den Verlag jetzt mache (wir sehen optisch fast aus wie der kleine schwäbische Familienbetrieb, obwohl wir in diesem Sinne nichts miteinander zu tun haben), und natürlich den Leserinnen und Lesern, ohne alle diese es den Verlag nicht gäbe! Auch möchte ich meinen Eltern danken, die  – obwohl ihre Tochter ja eigentlich den gesicherten Beamtenjob einer Lehrerin in Tailfingen hätte antreten können – den Verlag immer unterstützt haben. Anfangs sogar durch Mitarbeit (sie übernahmen eine Zeitlang die Auslieferung (Vater war krankheitsbedingt Frührentner) – später durch ein zinsloses Darlehen (ich war stolz, als ich es zurückgezahlt hatte). Und meine Mutter beschäftigte sich eingehend mit den Büchern, auch mit den erotischen, und für ihre Lieblinge, Bücher von Udo Rabsch, Regina Nössler,  Phoebe Müller und Yoko Tawada, schrieb sie Briefe an Zeitungen und einmal auch an Marcel Reich-Ranicki, um ihn auf die wunderbare Sprache dieser Autorinnen aufmerksam zu machen. Anlässlich des 10 Verlagsgeburtstages ließ sie mein erstes Buch drucken: den Reisebereicht aus Irland, das ich handgeschrieben und handgebunden mit Bildern erweitert als 16-jährige für meine Großmutter gebastelt hatte. Ich wusste ihr Engagement oft nicht zu würdigen, im Gegenteil mir war es manchmal peinlich. Das tut mir sehr leid. Wie sehr sich meine Eltern über diesen Preis, diese Anerkennung dessen, was sie von Anfang an in diesem Verlag wahrgenommen hatten, gefreut hätten! Sie leben nicht mehr.

 

Immer wieder mal stellte ich mir in Wachträumereien vor, dass ein Anruf kommt. Aufgrund der permanenten Geldnot in einem solchen kleinen Verlag spiele ich manchmal sogar Lotto. Ich weiß, dass es weit wahrscheinlicher wäre, auch in meinem Verlag einmal einen wirklichen Bestseller zu haben. Dann kam der geträumte Anruf. Mit sympathischer Stimme fragte mich ein Herr, wie es mir gehe. Ich möge mich doch setzen. Es war Ministerialrat Heinkele. Sie können sich kaum vorstellen, wie glücklich ich war. Dieses Gefühl ist bis heute da.

 

Vielen Dank!

Claudia Gehrke