Vorwort von Claudia Gehrke

 

 

Das heimliche Auge ist ein Nachtbuch. Ich sitze hier, den Kopf voller Bilder sich windender kräftiger und zugleich weicher Körper, von Händen, die zupacken können, ohne derb zu sein, von einem hitzigen Kuss. Der Gedanke daran, wie Hände in Geschlechter fahren, erregt mich, während ich vor dem PC sitze und die wirklich vorhandenen Bilder nach denen in meinem Kopf durchsuche. Dazwischen bezaubern mich überraschende und klare Formulierungen für Gefühle. Die Nacht hat einen eigenen Rhythmus.Wer nicht schläft, der kommt in eine andere Welt, die Zeit rast, und dann steht sie still. Ein Innehalten, das man nicht beenden möchte. Es gibt nur die Nacht, nicht den Alltag, keine Anrufe. Diese Schlaflosigkeit schenkt Konzen-tration auf eine Sache, ohne Ablenkung von außen, das ist Glück. Das Glück der konzentrierten Ruhe in einer Zeit, in der man permanent zwischen vielen Ebenen hin und herspringt. In solchen Nächten gestalten wir das Auge. Die wie in jedem Jahr „multisexuellen“ Momentaufnahmen aus Kunst, Privatleben und Literatur verbinden sich zu diesem einen intensiven Lustobjekt Buch. Wir lassen Bilder und Texte einander kommentieren und kontrapunktieren, versuchen Metaebenen durch das Buch zu ziehen und Farben in Bildern aufeinanderfolgender Seiten sinnlich zu kombinieren. Doch keine/r von Ihnen wird das Auge so lesen, wie es in diesen Nächten als ein Ganzes entsteht, das einen Ablauf hat, Höhepunkte und Ruhepausen, und in dem sich die Erotik zwischen den einzelnen Teilen auflädt. Je nachdem in welcher Stimmung man ist, welcher Text eine/n heute verlockt, welche Bilder einen morgen abschrecken oder verführen, lässt sich das Buch immer wieder anders lesen. Es bleibt in Bewegung, auch dann, wenn wir es nach unendlich vielen Verschiebungen fixiert haben. So ist’s auch mit der Erotik zwischen Menschen. Erotik an und für sich, als einen statischen Zustand, gibt es nicht. Sie ist manchmal da, wo man sie nicht erwartet, und dann wieder flüchtig, obwohl sie eigentlich da sein sollte. Es dämmert, der Rausch weicht einer leichten Traurigkeit. Nur wenige dieser sich erregt öffnenden, heftigen, berauscht sich windenden tanzenden Paare habe ich gefunden. Ich nehme mir vor, diese Bilder für das nächste Auge, die Nummer 20 also, selbst zu produzieren, und sei es mit dem eigenen nicht mehr jungen Körper und dem bester Freundinnen und Freunde. Jetzt gleich. Doch dann leuchtet eine gegenüberliegende Wand von der aufgehenden Sonne. Glück. Wild oder zart bewegte Wolken auf buntem intensiv leuchtendem Himmel. Kann es zwei identische Himmel geben? Nein, und es gibt auch keine völlig identischen Liebeserfahrungen, es ergeben sich immer wieder andere Erzählungen, und überraschende Bilder.

Viele der Bilder, die uns zugeschickt werden und die es im Internet massenhaft gibt, öffnen sich nicht, sie sind glatt, niedlich, hübsch anzusehen, unbelebt und schnell vergessen. Klar, zum Ausruhen des Blicks brauche ich diese Bilder manchmal. Ich bleibe verzückt hängen an schimmernden Hüftknochen, schmalen Handgelenken und glatten Geschlechtern.

Doch wenn ich realisiere, dass manche Frauen ihre lebendigen Körper an diesen glatten Flächen messen, sie ihnen gar mit Gewalt angleichen wollen, dann könnte ich viele Bilder in den Papierkorb verschieben. Als gäbe es nicht die allen Körpern innewohnende Eigenschaft, sich permanent zu verwandeln. Doch Zeiten verstärkter Körperverwandlungen scheinen uns mit Scham zu erfüllen. Alter und Pubertät.

Sie liefen so spitz zu. Sie sahen überhaupt nicht schön aus. Wie sollte daran irgendjemand Gefallen finden. Sie sahen nicht aus wie das, was Katja sich unter einem Busen vorstellte, sondern eher wie die schwabbeligen Auswüchse speckiger Jungen im Schwimmbad. (Die speckigen Jungen waren allerdings noch ärmer dran als Katja, und das ließ sich nicht über viele sagen.) Sie waren Katja peinlich... Katja wollte auch nie mit auf Familienfotos bei Verwandtschaftsgeburtstagen. Als sie sich letztens von einem solchen Foto heimlich davonstehlen wollte – ähnlich wie sie sich beim Sport immer wieder hinten in der Reihe anstellte , hatte Tante Helga, mit einem entsetzlich roten Gesicht, entsetzlich laut gerufen: „Katja! Meine kleine Katja! Komm doch auch mit aufs Bild!“ Und als Katja sich zierte, rief Tante Helga noch lauter: „Wieso willst du denn da nicht mit drauf? Findest du dich etwa hässlich?“ (aus dem Pubertätsroman Wahrheit oder Pflicht von Regina Nössler) Finden sich ältere Frauen auch hässlich? Warum soll der Bezug sehr vieler Menschen zum eigenen Körper plötzlich abgehakt sein unter: ist nicht mehr schön. Das ist nicht nur eine Frage des Alters. Wie viele sagen bei fast jedem Bild von sich: ist nicht schön. Oder: warum sollte ich mich nackt fotografieren lassen? Ja, warum eigentlich? Der Körper gehört zu uns. Permanent fotografieren wir Urlaubsorte oder Geburtstagsrunden, um sie nicht aus der Erinnerung zu verlieren... Wir wollen unser Leben dokumentieren. Warum nicht den eigenen sich wandelnden Körper? Selbstverständlich nur wer es mag. Wie ich auch jede Art von Kleidungsverbot oder -vorschrift fragwürdig finde, wäre umgekehrt ein Nacktfotografiergebot mehr als absurd.

So banal wie jedes Kind weiß, dass ein Märchen nicht Wirklichkeit ist, so sollten wir uns immer wieder einmal vergegen-wärtigen, dass die Bilderwelt der glatten Körper nicht die wirkliche ist. Also sei uns auch zugestanden, manchmal die modernen Wunderkörperbilder zu genießen, mit dem kritischen Wissen, dass wir alle anders sind. Und das andere unglatte auch abbilden...

Kinder in Märchen werden gefressen oder eingesperrt, verfolgt und bedroht von Ungeheuern und von Hexen ausgehungert. Die Kindern zugestandene Erregung ist: Gruseln. Das erzeugen Märchen, das mögen Kinder. Und sie wissen: das ist ein Märchen, also nicht wahr. In Wirklichkeit wäre all das undenkbarer Horror.

Bilder nackter Frauenkunstkörper und Pornos sind ebenfalls –  manchmal auch böse – Märchen, die – vor allem männliche – Erregung erzeugen. So weit weg voneinander sind Gruseln und sexuelles Schaudern vielleicht gar nicht als Gefühle lustvoller Aufregung. In der Realität will man(n) diese Märchen dann doch nicht, denn dort funktionieren sie nicht (Keine/r will dauernd Sex?!). Die Unterscheidung zwischen Kunstwelt und Realität bleibt wichtig, das eine ist nicht das andere. Wenn das eine das andere wird und die Bilder dann zurückkehren, können so manche Bilderwelten purer Schrecken werden. Das konnte man in diesem Sommer im Zusammenhang mit den unbegreiflichen und unvorstellbaren Kriegen erfahren, dank der Medien überall live abgebildet: Sexuell Assoziierbares als Machtdemonstration der Sieger. Vergewaltigungen durch Soldaten haben traurige Geschichte geschrieben, früher nicht sofort in aller Welt im Bild zu sehen. Wenn jetzt Männer auch durch vereinzelte Frauensieger erniedrigt wurden, zeigt es einmal mehr, dass die Unterschiede zwischen den Geschlechtern in den furchtbaren Eigenschaften der Menschen vielleicht doch nicht so groß sind. Frauen sind nicht automatisch nur gut und nur Opfer. Aber noch immer sind mehr Frauen Opfer von sexueller Gewalt. Gegen Gewalt zu kämpfen, bleibt ein wichtiges Anliegen. Wenn Frauen und Männer von „Siegern“ vergewaltigt oder in ihrer Nacktheit gedemütigt werden, heißt das natürlich nicht, dass nun jeder abgebildete Sex oder jede inszenierte Nacktheit in Frage stehen, denn Sexuelles als Machtdemonstration, als Siegeswahn, das ist kein Sex.

Was ist Sex? Auf jeden Fall wandeln sich die Assoziationen um das Wort Sexualität. Als Begriff tauchte es erst um 1800 im Rahmen der Biologie auf. Danach gab es eine über Fruchtbarkeit definierte Sexualität. Der Staat brauchte Bürger. Später wurde Sexualität allein durch die Linse der Perversionen gesehen. Über Krankheit definiert. Später über das Triebgeschehen. Heute gilt sie als Freizeitvergnügen, in dem (nur scheinbar) alles erlaubt ist. Eine Sexualität des Spiels, des Spaßes, des Experimentierens. Dass Sex aber, egal ob und wie definiert, in allen Zeiten auch mit Leidenschaft und Liebe zu tun hatte, lässt sich nicht nur in der Weltliteratur nachlesen. Die Tendenz der Gesellschaft, alles zu atomisieren, erzeugt einen Wunsch nach Bindung und Aufgehobenheit.

„Die große Liebe“ ist darum ein Thema der diesjährigen kurzen Gespräche. „Große Liebe“ und „schöne Orgasmen“ zu erleben, wer wünscht sich das nicht, zumindest heimlich, (obwohl es sich auch ohne „große Liebe“ leidenschaftlich leben lässt...). Und wir genießen es, Bilder von lustvollem herzhaftem Sex in all seinen beglückenden Möglichkeiten und Inszenierungen zu sehen oder zu gestalten. Und von den vielen Varianten der „Liebe“ zu erzählen. Liebe ist natürlich nicht immer großes Glück, sie ist auch eine Mischung aus Verlangen und Widerwärtigkeit, aus nicht mehr Fortkönnen und symbiotischem Aufgehobensein. Die Fotoserie „la deconstrucción“ ergab viel mehr Bilder als die Serie „la construcción“. Die Fotos dokumentieren Aufbau und Abbau einer Ausstellung, aber auch der darin abgebildeten Liebe.

Über Abbau, über Katastrophen lässt es sich weit  ausschmückender erzählen... Wir versuchen dennoch, dem lustvollen Rausch, dem Glück viel Platz einzuräumen... Doch auch die bösen und tragischen Seiten von Liebe, Lust und Beziehungen wollen wir im Auge natürlich nicht unter den Tisch fallen lassen. Wenn man die Liebe abstreifen will, verstrickt man sich umso tiefer. „Je mehr man los will, desto mehr empfindet man die Zugehörigkeit“ (Herta Müller, in einem Vortrag in Tübingen) , immer bewegen wir uns zwischen Sog und Weggestoßensein. Wenn etwas einen wirklich verstrickt, dann ist das eine Seite der Erotik. Und das muss nicht nur angenehm sein, es kann aber ziemlich viel Glück bedeuten, sich erotisch verstricken zu können. 

Eigentlich möchte ich gar nicht aufhören damit, nächtelang am Auge zu basteln und nach meinen Bildern zu suchen. Dieses berauschende Gefühl, alles vergessen zu können, sich nur auf eins einzulassen, es ist wie bei der großen Liebe, die sich nur auf eine/n konzentriert und dafür alles vergisst – das ist Freiheit. Doch in solchen Vergessensphasen kann man nicht ewig bleiben, dann würde man draufgehen dabei. Also: ich steige jetzt aus, und hoffe darauf, dass ich mir das Vergnügen spätestens im nächsten Jahr wieder gönnen werde, und Ihnen wünsche ich bis dahin viel Leselust und Schaulust mit der aktuellen Ausgabe, und dazu einige Rauschnächte.