Peter Butschkow

konkursbuch Verlag Claudia Gehrke
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Leseprobe aus: Peter Butschkow, "Rebecca, Roswitha und die wilden Siebziger. Die Geschichte eines Betruges"
©konkursbuch Verlag Claudia Gehrke 2017   www.konkursbuch.com

Archies erster Kuss:

  Manchmal versuchte er sich das Verhältnis mit Gina als eine feste Beziehung vorzustellen, doch dann fühlte es sich komischerweise nicht mehr so gut an. Also ließ er es. Einmal fragte er sie, noch ganz erhitzt und wohlig entspannt in ihren Armen liegend:

»Wollen wir noch was zusammen lesen?«

Daraufhin drehte sie ihm wohlig den Rücken zu und antwortete: »Du kannst mir mal die Krümel aus dem Arsch lesen.«

Gina hatte nicht nur außergewöhnlichen Humor, sie konnte auch außergewöhnlich gut küssen. Archie küsste verdammt gerne, allerdings gab es da in der Praxis gravierende Unterschiede. Manche Frauen quirlten mit ihrer Zunge wie ein panischer Ventilator in seinem Mund herum, andere schlugen mit ihr wie das Pendel einer Wanduhr hin und her oder wanden sich wie die Schlange um den Äskulapstab um seine Zunge. Es gab auch Frauen, die stopften ihm ihre Zunge wie einen warmen Kloß in den Mund und warteten gespannt, was er damit anzufangen wüsste. Andere feudelten mit ihrer Zunge wie mit einem Putzlappen seine Mundhöhle und die ganz Harten saugten sich fest, bis sein Kiefergelenk schmerzte. Archie mochte den Kuss voll und weich, schon auch rhythmisch, halt sinnlich, ungefähr so, als würde die Frau ihn mit ihren Schamlippen küssen. Die Zunge, davon war Archie überzeugt, war schließlich die Botschafterin der Begierde und diese sollte sie auch freimütig überbringen. Er musste einen Kuss bis in sein Innerstes spüren. Mehr verlangte er nicht.

Selber hatte er die Kunst des Küssens keineswegs vom ersten Augenblick an beherrscht, sie war ja auch ganz schwer zu vermitteln, keine Volkshochschule lehrte die Kunst des Küssens. Beim Aufklärungsunterricht in der Schule malte der Aufklärer vorrangig Penisse und Scheiden an die Tafel, auch lustige Spermien, vom Kuss jedoch, dem Schrittmacher der Lust, war nie die Rede. Nun, so muss man fairerweise konstatieren, ein Kuss ist kein Organ, also außer im Bild von zwei aufeinander gepressten Lippen grafisch nicht wirklich darzustellen. Den Kuss musste man einfach in der Praxis probieren, und wenn man das Glück hatte, an ein Mädchen zu kommen, die schon wusste, dass man vom Küssen nicht schwanger wurde, dann machte das Training durchaus Spaß. Bis dahin kannte Archie nur die schmatzenden Küsse seiner Mutter und die seiner Tante, die sie ihm immer mit ihrem rosettenförmig gespitzten Mund auf die Wange stempelte. Vor ihren Küssen ekelte er sich.

Ihm erschien anfangs der Weg seines Mundes zum Mund eines Mädchens grenzenlos weit und das Wissen, dass ihr eindeutig bewusst war, dass er jetzt mit der Absicht auf sie zusteuerte, sie zu küssen, empfand er in seiner profanen Zielstrebigkeit als lächerlich, zumal noch lange nicht klar war, ob sie sich überhaupt küssen lassen wollte.

Diese Unsicherheit machte Archie am meisten zu schaffen. Wie peinlich, wenn sie den Kopf einfach wegzog und er mit seinen sehnsüchtigen Lippen ins Leere stieß? Andererseits wollte er diesen magischen Moment auf keinen Fall mit der nüchternen Frage »Darf ich dich küssen?« entzaubern. Es gibt Augenblicke, wo Worte sich vom Projekt ablösen sollten, wo nur noch die Handlung zählt. Aber wie zum Teufel schaffte man es, diese schier endlose Strecke bis zum Ziel kurzweilig zu überbrücken? Im Kino sah das immer perfekt aus. Das Paar schaute sich tief in die Augen und erkannte darin das eindeutige Signal zur Bereitschaft zum Küssen. Wie selbstverständlich brachten die beiden ihre Körper und Köpfe in die ideale Position, drehten sich passgerecht ineinander rein, um sich dann hingebungsvoll mit geschlossenen Augen zu küssen. Manchmal war er sich nicht ganz sicher, ob ihre Münder auch korrekt aufeinanderlagen oder ob sie sich nicht eher das Kinn küssten, wie auch immer, er empfand solche Szenen, speziell in Western, nicht nur lästig, sondern geradezu gefährlich, weil der Mann seiner Meinung nach im feindlichen Indianerland seine Augen besser offen und nicht geschlossen halten sollte. Die Rothäute waren völlig unromantische Typen und hatten wenig Verständnis dafür, wenn sich zwei Bleichgesichter auf ihrem Land küssten, anstatt ordentlich zu schießen.

Bei solchen Szenen brüllten alle Jungs im Kino immer »Pflaster! Pflaster!«, womit sie offensichtlich vermitteln wollten, dass man die Szene überkleben sollte. Eine typische Reaktion verklemmter Kindsköpfe, aber selbstverständlich brüllte er mit, um nicht als lausiger Softie aus der Reihe zu fallen, fand aber »Pflaster« irgendwie nicht sonderlich originell und sich selbst insgeheim verlogen, weil ihn diese Knutschszenen in Wahrheit wahnsinnig interessierten.

Irgendwann war es auch für Archie so weit. Bekannte seiner Eltern besuchten sie an einem Sonntagnachmittag zum ersten Mal bei ihnen zum Kaffeetrinken – und brachten ihre Tochter mit. Mit so einem hübschen Mädchen hatte Archie angesichts des Elternpaares überhaupt nicht gerechnet. Er stocherte mit der Gabel nervös in seinem Käsekuchen herum, starrte verstohlen auf ihren traumhaften Mund und stellte sich vor, was das für ein Gefühl sein müsste, dieses Kunstwerk zu küssen. Nur mal ganz kurz, einfach so, ohne Indianer im Nacken. Sie hingegen wirkte so, als würde sie seine bebenden Sehnsüchte nicht bemerken. Sogar seine Eltern bekamen mit, dass ihr Söhnchen sehr aufgeregt war, und plauderten belangloses Zeug mit Manuelas Eltern, während ihm fast die Kuchengabel aus der Hand rutschte, so schwitzte er. Auf einmal hüstelte seine Mutter und sagte: »Kinder, geht doch mal ein bisschen raus, frische Luft schnappen. Nicht, Frau Bergemann? Mal an die frische Luft, das tut doch immer gut.«

»Aber selbstredend. Kinder, geht doch mal ein bisschen raus auf den Balkon, frische Luft schnappen!«, rief Frau Bergemann.

»Nun aber raus an die frische Luft!«, ermunterte Herr Bergemann, »das kühlt den Kopf!«, und zwinkerte Archies Mutter zu.

Archie fiel zum zweiten Mal in Ohnmacht. Mit Manuela und ihrem herrlichen Mund an die frische Luft? In der Zwischenzeit war es draußen schon dunkel und – obwohl es Ende Oktober war – immer noch ziemlich lau. Er stand auf und folgte steifbeinig Manuela, die bereits forsch aufgestanden war und zur Balkontür ging. Hilfe!

»Aber bleibt ja anständig!«, feixte seine Mutter.

»Hübsch brav bleiben, Kinder!«, rief
keckernd sein Vater und Herr Bergemann setzte launig hinzu: »Dass ihr uns keine Schande macht!«, und alle wieherten vor Lachen. Archie war davon überzeugt, dass sie sich unter dem Tisch gegenseitig mit den Füßen anstießen. Dann stand er wackelig mit Manuela allein in der Dunkelheit in der frischen Luft auf dem Balkon und schaute auf die erstaunlich stille Stadt. Er hörte sie atmen und wusste, dass er jetzt irgendwie handeln musste, ihre Erwartung konnte er fast greifen. Er schaute in seiner Verlegenheit zum Himmel und stotterte: »Ää-äh … viel Wolken heute.« Er fand, das war ein durchaus gelungener Einstieg.

Manuela schaute schweigend zum Himmel. Dann sagte sie: »Ach, wie interessant.«

Archie räusperte sich und sagte: »Rächen wärmo griechen.«

Manuela starrte ihn an. »Wie bitte?«, fragte sie. Es klang ein wenig wie: Hast-du-sie-noch-alle? »Griechen?«, fragte sie nach, »was machen Griechen?«

 »Nein, höhö, keine Griechen. Rächen wärmo griechen«, wiederholte Archie, leicht verlegen grinsend. Er zog das jetzt durch, komme, was wolle.

»Gibt’s dafür ’ne Übersetzung?«, fragte sie.

»Ist Sächsisch, heißt auf Hochdeutsch: Regen werden wir kriegen. Hahaha.« Sein Lachen klang irgendwie aufgesetzt.

Manuela schaute ihn stumm an. In ihren Augen sah er zwei riesige Fragezeichen schweben.

Er grinste schief und wiederholte: »Na? Re-gen wer-den wir krie-gen! Hm?« Alle seine Kumpels hatten ihm bestätigt, dass er prima Dialekte imitieren konnte, für dieses Talent verfügte er also hinlänglich über Bestätigungen, aber Manuela schien in der Wahrnehmung solcher außerordentlicher Begabungen eher weniger begabt. Doch er war noch nicht am Ende. »Rächen wärmo griechen, bedeutet aber auch? Hm? … Regenwürmer kriechen!« Er lachte laut auf und starrte Manuela erwartungsvoll an. »Regenwürmer kriechen, Rächen wärmo griechen … hahaha.«

Im stumpfen Blick von Manuela zeigte sich ein erstes Signal von Hoffnungslosigkeit. Mit tonloser Stimme und leichtem Ekel fragte sie gedehnt: »Reeegenwürmer kriechen?«

»Regenwürmer, die kriechen – im Rächen …«, würgte er noch ein letztes Mal heraus und beendete dann mit einem finalen Seufzer seinen misslungenen Versuch, witzig zu sein. Er entschloss sich, diese Aktion wie einen geschmacklosen Happen einfach runterzuschlucken, und schaute wieder hoch zum Himmel und dann wieder auf den Boden und dann wieder zum Himmel und dann wieder auf den Boden und dann über den Balkon – und dann bellte ein Hund. Niemals zuvor hatte er sich über dieses Geräusch so gefreut, wie in diesem Augenblick. Endlich konnte er über etwas anderes reden als über sächsische Wortspiele.

»Ein Hund«, sagte er.

»Er bellt«, bestätigte Manuela.

»Ich mag Hunde«, sagte er, um die aufkommende thematische Vielfalt mit dem Geständnis einer persönlichen Vorliebe zu vervollkommnen.

»Ach?«, sagte Manuela. Sie klang jetzt aber irgendwie so, als würde sie an diesem Dialog etwas die Lust verlieren.

Er knetete seine schweißnassen Hände und kämpfte mit seinem bekannten Problem, wie er die endlos weite Strecke zur oralen Seligkeit am geschicktesten überbrücken konnte. Es war ihm klar, wenn er nicht langsam in die Gänge käme, wäre die Chance vertan. Ihre Eltern rechneten ja fest damit, dass sie alsbald aus der frischen Luft in die Wohnung zurückkehren würden. Also haute er tapfer einen Satz raus, der, wie sich danach herausstellen sollte, die entscheidende Bewegung in das Ganze brachte:

»Bellen kann ich auch.«

Er ging fest davon aus, dass sie jetzt von ihm verlangen würde, das zu beweisen. Kein Problem für ihn, Hunde konnte er gut, Katzen nicht ganz so gut. Aber weit gefehlt, sie sagte: »Was kannst du denn sonst noch?«

Wumm! Was kannst du denn sonst noch? Jetzt gab es kein Zurück mehr. Mann, diese Manuela, was für ein freches Stück, dachte er. Sie will es nicht anders. War sich aber noch nicht ganz sicher, ob sie wirklich meinte, was er verstanden hatte.

»Zum Beispiel Fußballspielen«, antwortete er.

Stille. Völlige Stille. Dann fragte sie trocken: »Das ist alles?«

So, dachte er. Jetzt reicht’s aber, echt. Wo sind wir denn? Ob das alles ist? Hör mal, Baby, nun ist die Schonzeit aber vorbei. Du sollst kriegen, was du verdient hast. Also hör mal, ob das alles ist? Archie zeigt dir jetzt, wonach du schon die ganze Zeit bettelst. Er spannte sich innerlich und fragte knallhart:

»Ähm … was meinst du?«

Sie grinste ihn frech an und wiederholte: »Ich fragte, ob das alles ist, was du kannst?«

Archie spürte nun überdeutlich, sie wollte es einfach nicht anders. Er hatte ihr Alternativen angeboten, aber nein, sie ließ nicht locker. Er schaute kurz zum Himmel, kurz auf seine Schuhe und ging sie dann brutal an: »Du stellst ja Fragen.«

Er war noch total gespannt darauf, wie sie mit dieser starken Ansage umgehen würde, da drehte sie sich blitzschnell um und gab ihm einen Kuss. Ihre wundervollen Lippen hatten die seinen berührt! In seinem Kopf drehte sich alles und er drohte umzufallen. Mit den letzten Resten seines Verstandes erkannte er, dass sie ganz offensiv den Anfang gemacht hatte und dass er jetzt darauf reagieren musste. Er presste blitzartig seinen Mund auf ihre heißen, feuchten Lippen, ungefähr so, wie es die Kerle in den Cowboyfilmen in solchen Momenten auch immer taten. Er erkannte sich gar nicht mehr wieder. Er küsste einfach ein Mädchen auf den Mund. Und was für einen. Die Welt stand ehrfürchtig still. Aber wie ging es weiter? Seine Kusstechnik ähnelte eher einem Wiederbelebungsversuch, irgendwie sah das in den Western hinter den Pflastern anders aus. Er grübelte noch, welche entscheidenden Punkte verbessert werden mussten, da spürte er Manuelas warme Zunge. Erst bekam er einen Heidenschreck, weil er annahm, sie hätte die Kontrolle über ihre Körperfunktionen verloren, fand dann aber so großen Gefallen an dieser Technik, dass er sich fragte, warum er auf diese grandiose Idee mit der Zunge nicht selber gekommen war. Zungenkuss war ihm durchaus ein Begriff, er hatte das oft von seinen Kumpels gehört, konnte sich jedoch darunter nie so recht was vorstellen und nachgefragt hatte er auch nicht, weil er dann offenbart hätte, dass er nicht wusste, was genau ein Zungenkuss war. Diese Blamage wollte er sich ersparen. Zungenkuss … Zungenkuss … hm … irgendwas mit Zunge. Und das war er nun, dieser Zungenkuss. Genial, einfach genial. Machte einen Höllenspaß und richtig heiß. Dann hörten sie Schritte aus der Wohnung und lösten sich blitzschnell voneinander.

»Na, ihr Süßen!? Nun kommt mal wieder rein, sonst bekommt ihr noch ’ne Sauerstoffvergiftung«, hörte er plötzlich die schrille Stimme seine Mutter. Daran merkte Archie, dass sie drinnen inzwischen vom Kaffee zum Hochprozentigen gewechselt waren und auffallend gute Laune hatten. Sie gingen beide zurück in die Wohnung, setzten sich wieder an den Tisch und wussten nicht recht, wo sie hinschauen sollten, während Herr Bergemann einen schmutzigen Witz nach dem anderen raushaute und alle fast schrien vor Lachen. Er betrachtete indessen Manuelas wunderschönen Mund, den er eben noch so köstlich geschmeckt hatte, der immer noch so nah und doch so unerreichbar weit weg war.

Wenig später verabschiedeten sich die Bergemanns. Archie gab Manuela ganz brav die Hand und sagte: »Tschüß, Manuela.« Er traute sich nicht, zu ihr »Sehen wir uns mal wieder? Möchte dich unentwegt dumm und dusselig knutschen« zu sagen, weil alle mit großen Ohren zuhörten. Seine Mutter seufzte seltsam verzückt »Selige Jugend« und sein Vater sagte »Auf Wiedersehen und kommt gut nach Hause. War doch ein herrlicher Besuch.« Dabei schielte er zu Archie rüber und alle lachten. Archie bekam einen ganz roten Kopf. Er wunderte sich, dass Herr Bergemann mit der Fahne noch Auto fuhr, sein Vater aber meinte, dass könne der ab, er führe in diesem Zustand sicherheitshalber immer mit offenen Fenstern, deswegen sei seine Frau auch so oft erkältet. Archie schrieb dann Manuela noch heiße Briefe, die jedoch ihre Gegenwart nicht annähernd ersetzen konnten. In ihren Antwortschreiben erzählte sie von ihrer Schule und ihren Problemen in Latein. Archie hatte zugegebenermaßen etwas mehr Herz und weniger schulische Sorgen erwartet, aber offenbar hatte dieser Moment auf dem Balkon sie nicht so nachhaltig aufgewühlt wie ihn. Sie schien offenkundig schon über mehr Erfahrungen zu verfügen, wie ihr frivoler Zungenkuss ihm ja unzweideutig vermittelt hatte. Gesehen hatte er Manuela nie wieder, aber den Geschmack ihrer unvergleichlichen Küsse noch ewig in sich bewahrt.

»Archie? Was is ’n los?«, fragte Gina ihn sanft und schlaftrunken, als er leise in seine Hose stieg.

Es habe eine Idee von ihm Besitz ergriffen, flüsterte er ihr ins Ohr, der er unverzüglich nachgehen müsse – und küsste zärtlich ihre Stirn. Gina murmelte noch leise: »Aber bring mir ja meine Zyklustabelle wieder« und drehte sich mit einem tiefen, entspannten Atemzug auf die andere Seite, wobei für einen kurzen Moment ein betörendes, duftendes Gemisch aus Lust und Erfüllung ihrer Bettdecke entwich.

S. 62 – 70


und hier: Specks erster Blues:

Specks erster Blues
An seinen ersten Blues konnte er sich noch gut erinnern, das war an dem Tag, als seine Eltern ihn zum ersten Mal alleine ließen, um zur Kur nach Bad Lauterberg in den Harz zu fahren und er ihnen zum Abschied ausgelassen vom Balkon hinterherwinkte. Anlass dieser inniglichen Verabschiedung, die seine Mutter zu Tränen rührte, war jedoch weniger das Mitgefühl, dass sich seine Eltern eine wohlverdiente Kur gönnten, sondern dass sie ihm verdammt noch mal endlich für drei Wochen die Bude überließen. Kaum waren die kleinen Heckflossen ihres Ford 17M um die Ecke verschwunden, rief er sofort seinen besten Freund und Klassenkameraden Jockel an. Eine halbe Stunde später stand der mit Babs und Nancy, zwei Mädchen aus ihrer Schule, vor Specks Tür. Solche Paarbildung von zwei jungen Mädchen in inzüchtiger Unzertrennlichkeit ist typisch für Mädchen in einer speziellen Altersstufe und dient als letzte Phase vor dem großen Schritt ins Leben, in dem die süßesten, aber auch bittersten Erfahrungen auf sie warten. Eine der beiden war in der Regel immer die etwas Hübschere, die sich keine Sorgen zu machen brauchte, dass ihre Freundin sie bei den Boys ausstach. Die wiederum bekam in der Strahlkraft der Hübscheren auch etwas von ihrem Glanz ab. So hatten scheinbar beide etwas voneinander und zelebrierten in der Öffentlichkeit ihre Innigkeit gerne mit Händchenhalten. In Wirklichkeit lauerte jede auf ihre Chance. Diese Symbiose zerplatzte dann auch in dem Moment, wo eine der anderen auf der Pirsch ernsthaft in die Quere kam. Dann bekamen ihre weichen Pfötchen plötzlich Krallen.
Speck stellte Cola, Salzstangen und eine goldfarbene Kugel auf den Tisch, ein Tischrequisit seiner Eltern, aus der sich die Zigaretten wie Igelborsten dem Raucher entgegenspießten. Die Zigaretten hatte er vorher heimlich gekauft und vor seinen Eltern unter seinem Bett versteckt, das Geld dafür beschaffte er sich durch die Einlösung von zwei vollen Rabattsparheften seiner Mutter, die er ihr aus ihrem Geheimfach im Küchenschrank entwendet hatte. Wohl hatte ihn der Seifenhändler, bei dem er die Hefte einlöste, danach bei seiner Mutter denunziert (»Wissen Sie eigentlich, dass letzte Woche ihr Sohn bei mir zwei Rabattsparhefte eingelöst hat? Ich frag ja nur.«), aber Speck leugnete alles und stellte seiner Mutter die Vertrauensfrage: »Wem glaubst du mehr, einem schmierigen, verleumderischen Seifenhändler – oder deinem eigenen Fleisch und Blut?« Ihre Entscheidung fiel selbstverständlich zu seinen Gunsten aus.
Für die nötige Musik stand im Wohnzimmer eine wuchtige Musiktruhe mit integriertem Rundfunkgerät und einem Zehnplattenwechsler aus dekorativ gemasertem und lackiertem Holz zur Verfügung. Um an dieses mechanische Wunderwerk heranzukommen, musste man mit aller Kraft den schweren Deckel der Truhe hochstemmen und ihn zur Arretierung seitlich einrasten lassen – und beten, dass die Halterung hielt und der Deckel nicht versehentlich wieder zufiel. Er wäre glatt in der Lage gewesen, mit seiner massiven Wucht einem Menschen die Hand zu zerschmettern. Dieser musikalische Sarkophag beherbergte auch die komplette Plattensammlung seines Vaters, bestehend aus drei Langspielplatten, eine von Fred Bertelmann mit dem Super-Hit Der lachende Vagabund, bei dem sein Vater immer lippensynchron mitlachte, einem Potpourri bunter Rhythmen mit dem Untertitel Wir machen Musik, da geht uns der Hut hoch und My fair Lady, einem populären Musical, von dem sein Vater alle Texte komplett beherrschte und teils schaurig falsch mitsang. Weiterhin diverse kleine 45er Scheiben mit Gute-Laune-Musik, Vaters kleine »Stimmungsbomben«, die er gerne bei Familienfesten explodieren ließ. Im Zehnerpack gestapelt warteten sie darauf, dass der strenge Haltebügel sie der Reihe nach zum Abspielen frei gab und auf den rotierenden Plattenteller klatschen ließ. Dort setzte sich in zackiger Mechanik der Tonabnehmer über sie, senkte erstaunlich zärtlich seine Nadel in die rotierenden, lackschwarzen Rillen und ließ die Musik erschallen.
Speck besaß fünf 45er-Platten, eine von Eddy Cochran, eine von Duan Eddy, eine von den Platters und zwei von den Drifters. Auf die setzte er seine ganze Hoffnung. Speziell Save the Last Dance for Me und Smoke Gets in Your Eyes waren ausgemachte Schmusetitel und für einen Abend wie diesen wie geschaffen. Zur weiteren Förderung einer stimulierenden Stimmung hatte sich Speck aus der Hausbar seines Vaters eine Flasche Schwarzer Kater genommen. Dieser dunkelrote Likör war wohl zwar schmerzhaft süß, machte aber zügig locker. Babs und Nancy tranken zum Leidwesen von Speck und Jockel nur Cola pur. Es war zu vermuten, dass ihnen ihre unseligen Eltern eingetrichtert hatten, in solchen Momenten stets einen kühlen Kopf zu bewahren, an ihren knallroten Ohren erkannte man jedoch, dass ihnen ganz schön heiß war. Speck nahm sich vor, darüber Erkundigungen einzuholen, warum Menschen ihre Erregung verräterischerweise über die Ohren vermittelten. Sie leuchteten wie zwei glühende Henkel an einer Amphore. Scheinbar eine neckische Laune der Natur, die für ihre Launenhaftigkeit ja allenthalben bekannt ist. Als beide Mädchen kurz ins Bad gingen, nutzte Jockel die Gelegenheit, um Speck zu fragen, ob er ihn mal was fragen dürfe. Speck dachte, dass Jockel klären wollte, wer von ihnen Babs und wer Nancy kriegen sollte, was für ihn persönlich längst geklärt war, aber Jockel hatte etwas anderes auf dem Herzen: »Findest du, dass ich gut aussehe?«
In dieser Situation, so fand Speck, eine seltsame Frage. Es gab wahrlich bessere Momente für die Behandlung von Minderwertigkeitskomplexen, als in der Pinkelpause von zwei Mädchen. Aber Jockel ließ nicht locker und raunte, er würde doch sehr drunter leiden, dass er so glatte Haare habe, wo er doch Locken viel lieber möge – und da er gerade dabei war – auch mit seinem Kinn sei er nicht ganz zufrieden. Speck versicherte ihm, Kinn und Haare würden prima zu Jockels Gesicht passen, er könne ihn sich beim besten Willen nicht mit lockigen Haaren und einem kleinen Kinn vorstellen. Das war auch gar nicht möglich, weil er sich längst an den Anblick von Jockel gewöhnt hatte. Inwieweit Jockels Äußeres auch mit den Folgen seiner strengen Erziehung im Zusammenhang stand, mochte Speck indes nicht beurteilen. Womöglich hätte er eine andere Kopfform, wenn ihm sein Vater nicht bei jedem Widerwort sofort eine reinballern würde? Aber man wusste es nicht. Den Grund für die außerordentliche Reizbarkeit seines Alten, so hatte Jockel ihm mal erzählt, vermutete er in dessen permanentem Schlafmangel. Sein Alter war nämlich Bäcker und musste jeden Morgen um zwei Uhr früh aufstehen. Specks Frage, ob der arme Mann wenigstens am Wochenende, wo er ausschlafen konnte, besser drauf war, musste Jockel leider abschlägig bescheiden. Speck nahm sich das als Mahnung, niemals im Leben Bäcker zu werden und in seinem Leben unbedingt immer dafür zu sorgen, dass er ausreichend Schlaf bekam. Und daran hielt er sich.
Wie auch immer, Jockel sah nun mal aus wie Jockel. Basta. Genau genommen wirkte er mit seinen leicht fettigen, glatten Haaren schon etwas ungepflegt und, ehrlich gesagt, auch sein Kinn passte eher zu einem Nussknacker als in Jockels Gesicht, und – wenn er schon mal dabei war – würde er ihm raten, die Mädchen nicht immer so wie Rasputin anzustarren und dabei so lüstern zu grinsen, so, als wollte er ihnen im nächsten Moment die Kleider vom Leib reißen. Das mochten die Mädchen gar nicht. Speck vermutete, dass Jockel in dieser spannungsgeladenen Atmosphäre das ganze Ausmaß seiner Kritik nicht so schnell verdauen würde, ohne dass die Stimmung des Abends dadurch Schaden nähme, und behielt sie besser für sich. Jockel faselte dann noch, dass er auch mit seiner Haut und seinen Zähnen überhaupt nicht einverstanden sei und er immer schon mal wissen wollte, wie lang – ganz ehrlich, ohne zu schummeln – denn Specks Penis sei. Er habe einfach das unbehagliche Gefühl, seiner sei zu kurz. Als Speck gerade genauer wissen wollte, wie und vor allem womit Jockel das Maß seines Dinges eigentlich ermittelt habe und warum er überhaupt einen langen Penis haben wolle, der sei doch im Alltag nur hinderlich, und ob es überhaupt grundsätzlich nicht effektiver sei, wenn er ihm kurz und bündig erzähle, mit welchem Bereich seines Körpers er im Einklang stehe, da kamen die Mädchen mit frischen Duftfahnen aus dem Bad zurück und zu Specks Erleichterung war dieses eigentümliche Gespräch damit beendet.
Die drei Schwarzen Kater, die Speck zuvor getrunken hatte, zeigten langsam Wirkung. Er fühlte wohltuende Hitze in sich aufsteigen und verspürte nun den Wunsch, mit Nancy zu tanzen. Es faszinierte ihn, welch enthemmende Wirkung eine kleine Menge süßen Destillates bei ihm bewirkte und er nahm sich vor, bei der nächsten Gelegenheit auszutesten, wie weit sich dieses wohlige Befinden noch steigern ließ, heute jedoch war nicht der Moment für Experimente. Jockel saß mit Babs auf dem Sofa, knabberte Salzstangen im Akkord und starrte sie an wie Rasputin. Als Smoke Gets in Your Eyes auf dem Plattenteller lag, zündete Speck sich zeitgleich eine Zigarette an, trat auf Nancy zu und fragte: »Äähm … wollen wir … ääh … willst du … möchten wir … ähm … magst du vielleicht …?« Nancy verstand und wollte – und erhob sich zum Tanz. Speck hatte ganz weiche Beine, glühte wie ein Kohleofen, umfasste mit dem rechten Arm ihre schmale Taille und hielt im linken Arm leicht abgespreizt die glühende Zigarette, damit er Nancy damit nicht verbrannte. Als die Zeile Smoke Gets in Your Eyes erklang, nahm er einen tiefen Zug und atmete ihn in perfekter Inszenierung zart dosiert in Nancys Gesicht wieder aus. Genau so hatte er sich das vorher ausgedacht, allerdings nicht mit ihrem Hustenanfall gerechnet. Als sie sich wieder beruhigte, schmiegte sie sich noch leicht hüstelnd an ihn und beide schaukelten auf dem dicken Teppichboden des Wohnzimmers zwischen Esstisch und Balkontür sanft im Takt der Musik. Für einen flüchtigen Moment rauschten Speck die letzten Worte seiner Mutter vor ihrer Abfahrt durch den Kopf, dass er sich unterstehen solle, in den neuen Teppich einen Flecken reinzumachen. Den bekomme man nämlich ganz schwer wieder raus. Sogar ein zufällig vorbeikommender Vertreter eines Wunderreinigers habe sich an einem Flecken wundgerieben, den einst Onkel Erich bei einem geselligen Abend mit einer mexikanischen Teufelssoße verursacht hatte. Man könne die Umrisse noch deutlich erkennen. Also, Speck wisse Bescheid. Das klang so, als würde sie es nicht für ganz ausgeschlossen halten, dass ihr Sohn in ihrer Abwesenheit zu Unfug fähig war.
Angesichts eines an ihn geschmiegten Mädchens entschwand die Warnung seiner Mutter im Nebel der Belanglosigkeit. Nancys duftenden Körper zu berühren, ihr klopfendes Herz zu fühlen und dem zarten Träger ihres BHs bis zu der Stelle zu folgen, wo er keusch unter ihr Kleid schlüpfte, das weckte in ihm eine Lust auf das magische Unbekannte, welches er in verwirrender Erregung aus seinem glühenden Innersten endlich zu erfahren trachtete. Hatte Nancy überhaupt auch nur einen Hauch von Ahnung, was sich da Gewaltiges in ihm abspielte? Spätestens an seiner Erektion aber müsste sie das spüren. Und die war ihm schrecklich peinlich. Also hielt er pingelig Abstand zu Nancy, der das scheinbar gar nicht gefiel. Sie rückte nämlich behutsam nach – er zog wiederum zurück. So entstand im Wechselspiel zwischen seiner verkrampften Distanzierung und ihrem Nachsetzen ein eigenwillig anmutender Tanzstil. Es ärgerte ihn, dass der Natur zur Verkörperung sexueller Lust für die Männer kein anderes Organ eingefallen war, als dieses bedrängende Instrument. Sein martialischer Charakter stand zum weichen Geschlecht der Frau in erschreckender Disharmonie. Speck wusste aber auch keine andere Alternative zur Ausübung der Fortpflanzung, er glaubte auch nicht, dass etwaige Verbesserungsvorschläge etwas bewirken würden. Dieses System funktionierte stur, seitdem es den Menschen gab. Vielleicht hatte es im Laufe der Evolutionsstufen Momente gegeben, in denen noch etwas zu korrigieren gewesen wäre, aber diese Lösung hatte sich letztlich durchgesetzt. Bis zum heutigen Tage. Also fügte er sich den Gegebenheiten und tanzte mit diesem seltsam abgewinkelten Unterkörper, als stünde ein Stuhl zwischen ihnen. Ihm war klar, dass Nancy wusste, warum er so verzweifelt Abstand suchte, er sah es in ihren verklärt lächelnden Augen. Und so tanzte er beharrlich weiter in dieser linkischen Haltung, lauschte neben der Musik dem Wummern seines Herzens und dem Rauschen seines Blutes und wünschte, trotz der unbequemen Aufführung, dass dieser Abend niemals wieder aufhören möge. Mit Nancy tanzen bis in die Ewigkeit und darüber hinaus, ausreichend versorgt mit Schwarzem Kater.
Wochen später hatte er sich dann alleine mit Nancy verabredet. Sie radelten zum Picknickmachen in den Grunewald. Ihm wurde in dieser Situation schon wieder so heiß wie an dem besagten Abend im Wohnzimmer seiner Eltern. Es war der Moment für Gefühle, Fragen und Bekenntnisse. Also nutzte er die Gelegenheit, Nancy anzuvertrauen, dass er glaube, er habe hässliche Füße. Noch nie zuvor hatte er diesen, seinen tief sitzenden Komplex, jemandem offenbart. Nancy spürte das und war tief bewegt. Er zierte sich noch etwas, dann schauten sie sich aber endlich gemeinsam seine beiden Füße an und er war heilfroh, dass er sie sich am Abend zuvor gewaschen hatte. Nancy fand an seinen Füßen nichts auszusetzen. Nein, auch dass sein zweiter Zeh am rechten Fuß etwas länger war als der große Onkel, nein wirklich, überhaupt kein Problem für Nancy. Sie fand das »drollig«. Offensichtlich mochte sie seine Füße sehr und machte sich sogar einen Spaß daraus, ihn spielerisch an den Zehen zu ziehen. Jedes Mal wenn es knackte, jauchzte sie laut. Beim besten Willen, dachte Speck, so schön waren seine Füße wiederum nun auch nicht, dass sie wegen eines kleinen Knochengeräusches gleich so abdrehte. Ihre eindeutige Absicht, eine ausgewiesene Schwachstelle seines Körpers in der Einmaligkeit dieses Augenblickes in eine exorbitante Attraktivität umzuwandeln, war lieb gemeint, kam ihm aber aufgesetzt therapeutisch vor. Flugs zog er sich wieder seine Socken an, um ihr Spiel mit seinen Zehen zu beenden. Dann legten sie sich auf den Rücken, hielten sich die Hände und schauten in den Himmel. Die Wolken über ihnen quollen zu Formen, die für ihn alle etwas mit Nancy zu tun hatten. Eine Weile lagen sie stumm und genossen die Zeit. Plötzlich seufzte Nancy tief und fragte ihn mit bewegter Stimme, ob sie ihm etwas sagen könne, was sie noch keinem gesagt habe? Sein Herz klopfte dermaßen, dass er annahm, es spränge ihm gleich aus dem Körper.
»Du kannst mir alles sagen«, flüsterte er.
Das war großes Kino. Nancy drehte ihren Kopf zu ihm und schaute ihn mit ihren großen, braunen Augen an, sodass ihm ganz schwindelig wurde. Sie würde sich schämen, flüsterte sie. Sag’s mir, bitte sag’s mir, drängte er sie und war wahnsinnig gespannt, welchen großartigen, sündigen Gedankens sie sich schämen würde. Sie atmete schwer. Sie könne ihm alles sagen, wiederholte er nochmal, um ihr Mut zu machen, sich von einem schweren Ballast zu befreien.
»Sag es mir, bitte«, flüsterte er noch mal nachdrücklich.
»Ich … ich … oh Gott, … egal, ich sag das jetzt einfach: Ich habe seit einer Woche …«, sie rückte mit knallrotem Kopf ganz dicht an sein Ohr; »… keinen Stuhlgang mehr und mache mir ganz furchtbare Sorgen«, hauchte sie.
Sie hatte seit einer Woche keinen Stuhlgang mehr? Er brauchte etwas, um einzuordnen, was er da gerade vernommen hatte. Dann spürte er einen akuten Erregungsabfall und fühlte sich, als wäre er von einer rosa Wolke direkt ins Klo gefallen. Es half nichts, dass er sich sagte, auch aus dem Hintern von Marilyn Monroe kamen schließlich keine Zimtplätzchen, bei aller Liebe, Nancy hatte sich für sein Verständnis mit der Offenbarung ihrer sehr intimen Kümmernis zu weit über den Wolkenrand gelehnt. Er war noch lange nicht so weit, sich mit ihrem Stoffwechsel zu beschäftigen. Natürlich bewies sie mit ihrer Beichte, dass sie Vertrauen zu ihm hatte, aber seine Stimmung war – mit Verlaub – im Arsch. Die wabernden Wolken über ihm nahmen nun die Form von Nancys Darm an. Er konnte nichts dagegen tun. Der ganze Himmel war voll davon. Er schaute lieber nicht mehr nach oben.
»Versuchs doch mal mit rohem Sauerkraut oder trink eiskalte Milch«, riet er ihr. Bei ihm würde es danach innerlich brodeln.
»Du Glücklicher«, sagte Nancy seufzend und strich sich über ihren Bauch, der ihm jetzt, wo sie es ihm anvertraut hatte, auch unangenehm geschwollen erschien. Er mochte sich nicht vorstellen, wie es da drunter aussah. Sie versprach ihm ganz fest, es nach seinem Rezept zu versuchen, und wirkte erleichtert, dass sie sich das von der Seele geredet hatte. Danach radelten sie nach Hause und als sie sich an einer Kreuzung trennten, schaute er ihr sinnierend hinterher und wünschte ihr von ganzem Herzen, dass das Treten endlich ihrer Verdauung förderlich sein möge. Was Nancy betraf, war er nun massiv ernüchtert, für die Zukunft quasi emotional verstopft. Er bekam das Bild von Nancys aufgeblähtem Bauch nicht mehr aus dem Kopf, dennoch hätte es ihn interessiert, ob seine Sauerkraut-Milch-Therapie ihr geholfen hatte. Einfach so.

Aus: Peter Butschkow, Rebecca, Roswitha und die wilden Siebziger. Die Geschichte eines Betruges. Klappenbroschur, Fadenheftung, Cover und farbige Vorsatzblättergezeichnet von Peter Butschkow,  352 Seiten, ISBN 978-3-88769-588-0, 14,90 Euro, © Konkursbuch Verlag 2017. Auch als E-Book.

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