Leseprobe aus: Peter Butschkow, "Rebecca, Roswitha und die wilden Siebziger. Die Geschichte eines Betruges"

konkursbuch Verlag Claudia Gehrke
PF 1621 - D-72006 Tuebingen, Tel. 0049(0) 7071 66551,
Mail: office@konkursbuch.com

Wir wünschen Ihnen viel Vergnügen beim Lesen.
ca. 380 S., erscheint August/September 2017, ca. 14,90, ISBN 978-3-88769-588-0


... Langsam rollte er an die Reihe der Tramper heran, bremste sanft ab und ließ seinen Kombi mittels der hydropneumatischen Federung lässig auspendeln. Solche smarten Autos bauten nur die Franzosen. „Wo soll's denn hingehen?“, rief er der Rothaarigen gezielt aus dem geöffneten Seitenfenster zu und fand diese Frage im selben Moment restlos bescheuert. Er hätte ihn nicht gewundert, wenn sie daraufhin mit dem Satz „Mit blinden Autofahrern fahre ich nicht“ von einer Mitfahrt Abstand genommen hätte.

„Hagen“, antwortete sie höflich, mit einer Mischung aus "Sonst-alles-klar-bei-dir?" und "Wäre-klasse-wenn-du-mich-mitnimmst“ und hielt ihm zur optimalen Verdeutlichung sicherheitshalber noch mal das Schild ans Seitenfenster.

„Okay, okay. Das passt ganz gut, ich muss ins Bergische Land, steig ein“, sagte Otter, streckte sich rüber und öffnete ihr die Beifahrertür.

Sie hatte grade ihren Rucksack verstaut und die Tür zugezogen, als eine Schwarzhaarige heranstürzte und an die Scheibe klopfte.

„Fahrt ihr zufällig in Richtung Düsseldorf?", keuchte sie aufgeregt.

„Was?“, fragte Otter.

„Ob ihr zufällig nach Dü-ssel-dorf fahrt!“, wiederholte sie nachdrücklicher.

„Ich fahr wohl nicht direkt in den Kohlenpott, aber schon in die Richtung, ja“, sagte Otter.

„Wäre süß, wenn ihr mich mitnehmen würdet, echt“, buhlte sie.

„Alles klar, steig ein“, sagte Otter.

„Das ist total süß von dir“, sagte die Schwarzhaarige.

„Komm rum, steig auf meiner Seite ein“, sagte Otter
 
Sie lief rasch ums Auto herum und schob sich erleichtert schnaufend mit ihrer Tasche auf den Rücksitz.

„Schnallt euch an, bitte“, drängte Otter. Im Rückspiegel hatte er einen hageren Freak bemerkt, der mit einem Pappschild, auf das er „Bielefeld“ gekrakelt hatte, fuchtelnd auf sie zustürzte. Bloß jetzt keinen Kerl im Auto, dachte Otter, und dann noch aus Bielefeld, der fehlte ihm noch. Er gab Gas. Der Freak lief ins Leere und rief ihm irgendetwas hinterher. Otter, ein großer Freund des Lippenlesens, übersetzte es als Unfreundlichkeit, unfreundliche Typen nahm er aber generell nicht mit. Hartmut streckte dem Kerl aus dem Heckfenster seine schlabberige, rosige Zunge heraus und damit war auch für Otter die Angelegenheit gebührend quittiert. Ein paar hundert Meter weiter fuhr er in den Hoheitsbereich der DDR ein und passierte den gruseligen Todesstreifen mit den Grenzanlagen, was ihn immer an alte KZ-Fotos erinnerte. Mit Uschi, seiner ersten Freundin, war er sonntags oft nach Lichtenrade gefahren, um mit ihr dicht am Grenzstreifen spazieren zu gehen und sich darüber zu amüsieren, wie die Wachsoldaten von ihrem Wachturm mit ihren mächtigen Ferngläsern versuchten, Uschi in den Ausschnitt zu gaffen. Monika hatte sich kleidungsmäßig stets raffiniert darauf eingestellt. Sie nannte dieses Spiel: „NVA-Piepels scharf machen“.

Ein mausgrau Uniformierter wies ihn vor den Abfertigungsbaracken in eine akkurat nummerierte Spur ein. Otter hasste diese kranke Grenze und all ihre Grenzorgane. Für ihn waren sie pauschal „Penner“. Er war heilfroh, dass er als Bewohner der „Selbstständigen politischen Einheit West-Berlin“ aus realpolitischen Gründen vom Wehrdienst befreit war und sich nicht in Karnevalsklamotten von einem Vorgesetzten herumkommandieren lassen musste, der für ihn außerhalb der militärischen Rangordnung nicht den Hauch einer Chance hätte, seine private Gunst zu erlangen. Otter war Pazifist und antwortete auf die obligatorische Frage, was er denn machen würde, wenn vor seiner Tür eine schwerbewaffnete Bande stünde, die seine Frau missbrauchen, seinen Hund foltern und das Haus brandschatzen würden, dass er nur heilfroh sei, dass er ein gesunder Mensch sei und nicht solche kranken Phantasien habe. Herbert, sein Stiefvater, war allerdings der Ansicht, dass es „dem zarten Herrn Schlange“, der sich aufführen würde wie „Graf Koks von der Gasanstalt“, gut täte, wenn ihm mal „die Hammelbeine langgezogen werden würden“. Er wünschte Otter die Grundausbildung zum Soldaten schon allein deswegen, damit er endlich mal einen vernünftigen Haarschnitt verpasst bekäme. Jeder Millimeter Haar über den Ohren war für Herbert ein Signal völliger Verwahrlosung. „Wir sind doch hier nicht bei den Hottentotten“, war sein Standardsatz. Dabei hatte Herbert nicht die geringste Ahnung, wer oder was die Hottentotten waren, für ihn dienten sie als Synonym für ungepflegte Frisuren. Das reichte.

Pauschale Rundumschläge waren typisch für Herbert. Wenn er abends im Unterhemd vor dem Fernseher saß und Filme glotzte, dann brüllte er oft „Amerikanische Scheiße!“, weil ihm „dieses Dreckszeug aus Amerika“ missfiel. Ein Land, wo alle Kaugummi kauten und rauchten und ständig Whisky soffen und riesige Autos fuhren, die Heckflossen hatten wie ein Pottwal und vor allem diese grauenvolle „Negermusik“ spielten. Herbert liebte Helmut Zacharias, einen permanent schleimig grinsenden Zaubergeiger und das „Trio Sorrento“, drei kecke Herren, die launige Musik machten. Ein Musiker in solchen Trios, meistens der Mann mit dem Kontrabass, machte in der Regel immer den Spaßvogel – ein typischer Begriff aus der urdeutschen Benennungsscala für Humor – der gemeinhin „kaspert“, „blödelt“ oder „Quatsch“ macht. Eine Klassifizierung, hart am Befund der Idiotie. Niemals würde ein Deutscher über Beethoven sagen, der Mann wäre ein Notengaukler oder ein Gemütsdackel gewesen. Niemals. Und Herbert liebte Filme mit Heinz Rühmann, den am liebsten in seiner kecken Rolle in der „Feuerzangenbowle“. Den Film hatte er schon gefühlte hundert Mal gesehen und konnte ganze Passagen fließend auswendig, die er auf Familienfesten auf Drängen aller Gäste immer wieder zum Besten gab: „Wat is 'ne Dampfmaschine? Da stelle wa uns ma janz dumm.“ Und alle lachten sich kapott. Bis auf Otter.

Herbert auch einen Lieblingsfrisör. Dessen Salon war in Neukölln in einer grauen Mietshauszeile, direkt an der Ecke zur Silbersteinstraße. Als Dekoration lagen
in minimalistischer Ästhetik zwei Gipsköpfe mit Perücken und ein Rasierpinsel neben einer silbernen Schale im Schaufenster. An der rechten Seitenwand hing ein eingerahmtes Zertifikat, auf dem in schwerer Fraktur die Anerkennung als „Meister“ ausgewiesen war, an der linken Seite hing ein selbstgemaltes Plakat auf dem in kursiver Pinselschrift „Der Haarschnitt macht das Gesicht!“ und weiter drunter „Frisiersalon Basewitz. In dritter Generation“ zu lesen war. Der Urgroßvater hatte also schon Bismarck den Bart rasiert. Zu Basewitz musste Otter immer hin, wenn er nach Herberts Ansicht aussah wie ein Hottentotte. Da der „Herrensalon“ stets rappelvoll mit Kundschaft war, kam es zu längeren Wartezeiten, währenddessen wurde gequalmt, dass man die Luft in Scheiben schneiden konnte. Im Raum nebenan, getrennt durch einen Vorhang, war der „Damensalon“, ein Paradies für Lockenwickler und Trockenhauben, welches der Leitung von Frau Basewitz oblag, die sporadisch mit einer schweren Duftfahne ihr Revier verließ und auf hohen Absätzen mit drallen Waden geschäftig durch den Herrensalon nagelte, vorbei an den männlichen Kunden, die brav aufgereiht wie im Flur vom Arbeitsamt an der Wand saßen und auf den erlösenden Ruf „Der Nächste bitte!“ warteten.

„Wie letztes Mal?“, fragte der Meister höflich.

„Messerformschnitt, wie gehabt“, antwortete der Kunde.

„Sehr wohl“, sagte der Meister und schälte ihm mit dem Scherkopf die Haare aus dem Nacken, die stumm herunterrieselten, sich auf dem Boden sammelten und nach jedem Kunden vom Lehrling zusammengekehrt wurden.

Es herrschte diskrete Stille im Salon, nur die Frisöre murmelten mit den Kunden und ihre Scheren klapperten geschäftig. Otter blätterte in der Wartezeit in speckigen Illustrierten einer veralteten Lesezirkelmappe und studierte die üppigen Brüste von Sophia Loren, was ihn spürbar erregte und er sicherheitshalber immer die Beine übereinander schlug. Um sich wieder abzuregen, blätterte er in Frauenzeitschriften und las Rezepte. Manche Gerichte erregten ihn wiederum auch. Er befand sich halt in einer äußerst erregbaren Phase seines jungen Lebens. Wenn er sehr lange warten musste, füllte er auch schon mal Kreuzworträtsel aus, die jedoch zumeist schon von anderen Kunden vor ihm fast vollständig ausgefüllt worden waren. Er stellte aber auch häufig fest, dass viele Leute falsche Wörter einsetzten, nur um mit dem Rätsel voranzukommen. Einmal setzte er den richtigen „Sohn Abrahams“ ein. Der Vorgänger hatte in schierer Verzweiflung „Jesus“ eingesetzt, was, bei aller Liebe, zwangsläufig mit all den anderen sich kreuzenden Wörtern nicht hinkam.
Der Gang zu Basewitz bedeutete für Otter zugleich der Abschied vom Wohlbehagen.
Nach dem Haarschnitt war ihm immer kalt im Nacken und er fühlte sich furchtbar geschniegelt. Ein grausiges Gefühl.  Herbert hatte den Frisör vorsichtshalber telefonisch vorab darüber informiert, wie er sich den korrekten Haarschnitt seines verluderten Stiefsohnes vorstellte und er war sogar dazu fähig, ihn bei Nichtgefallen zur nachträglichen Korrektur wieder zurückzuschicken. Alles müsse seine Ordnung haben, auch die Frisur, und das, so versprach ihm Herbert, würde ihm schon noch beim „Barras“ beigebracht werden. Nachfragen zu seiner eigenen Vergangenheit wich Herbert stets plump aus.

„Wie war das eigentlich im Krieg, Rüdiger?“, fragte ihn Otter später mal, als er schon ausgezogen war. Herbert hieß nämlich mit zweitem Namen Rüdiger und konnte diesen Namen nicht ausstehen.

„Du kümmere dich mal um deinen Kram!“

„Es interessiert mich.“

„Ihr Schlappschwänze, was wisst ihr schon vom Krieg?!“

„Stimmt, deswegen frage ich ja. Wie war das nun eigentlich mit den Juden? Habt ihr denn das echt nicht mitbekommen? Interessiert mich.“

„Mit den Juden, mit den Juden. Immer diese Juden. Wie sollen wir das mitbekommen haben? Wir haben nichts gewusst, gar nichts gewusst, garrrnichts, kein Mensch hat was gewusst“, raunzte er.

„Ihr habt gedacht, wo sind denn all die Juden hin? Fahren plötzlich kollektiv alle in den Urlaub? Geben ihr Geschäfte und Firmen auf, pfeifen auf die Arbeit und fangen ein neues Leben in frisch gebauten Ferienanlagen an? Heil Freizeit? Ihr wart richtig neidisch, oder?“

„Ihr vaterlandslosen Gesellen! Jaaa, ihr wisst ja alles so gut, ihr wisst alles, ihr Klugscheißer! Was wisst ihr denn? Nix wisst ihr, nix! Nicht dabei gewesen, keine Ahnung, aber Bescheid wissen, das sind die Richtigen. Du würdest heute noch mit deiner fetten Franzosenschüssel...“

„,,,gebraucht, aus dritter Hand mit 150.000 Kilometer“, ergänzte Otter.

„..,über Sand fahren, wenn der Führer nicht die Autobahnen gebaut hätte.“

„Und wäre noch heute arbeitslos, wenn der Führer damals nicht die Arbeitslosigkeit beseitigt hätte.“

„Ja, spottet nur, ihr Kotzbrocken. Affenmusik hören und Rauschgift nehmen und vom Lotterbett groß auf Alleswisser machen, mehr könnt ihr doch nicht! Was wisst ihr Weicheier von Vaterlandsliebe und Tradition? Nichts! So wenig wie ein Schwein vom Dachdecken, nichts!“

„Das ist ein sehr witziger Vergleich, Rüdiger, mein Kompliment.“

„Alles in den Dreck ziehen, auf traditionelle Werte scheißen, das könnt ihr!“

„Tradition ist für mich wie eine Motte in Trachtenjacke.“

„Asoziale seid ihr, allesamt!“

Herbert kochte. Er wurde umgehend laut, wenn er sich an die Wand gedrückt fühlte. Früher verteilte er in solchen Momenten „kleine Schläge auf den Hinterkopf“, die nach seiner Überzeugung das Gedächtnis erfrischten. So gesehen hatte er dann auf jeden Fall in seinem Leben davon zu wenig erhalten. Schläge an den Kopf oder ins Gesicht waren für Otter eine extreme Demütigung. Der Kopf, die empfindlichste Zentralstelle des Körper, das Epizentrum aller Funktionen, war ihm heilig. Wenn Boxer sich pausenlos auf dieses hochsensible Körperteil hämmerten, dann war das ihre Sache. Neurologische Forschungen haben ergeben, dass jeder Schlag auf den Kopf dass Hirn wie mit einer Dampframme trifft und so durchschüttelt, dass keine Zelle mehr auf der anderen bleibt. Ob die alle danach wieder zurück auf ihren Platz finden, bezweifelte Otter stark. Als er schon fast erwachsen war, hatte Herbert ihn wieder anbringen wollen, diesen Schlag auf den Hinterkopf, aber Otter schlug zurück. Das war das Ende von Herberts Regierungszeit. Danach blieb ihm nur noch seine gehässige Schnauze. Seitdem war Otter im Disput mit Herbert völlig ruhig und provozierte ihn bis auf´s Blut.

„Hab doch nur gefragt, Rüdiger, nur so gefragt. Warst du nicht im Krieg als Held ganz gemütlich im schönen Italien?“

Otters Mutter deutete mal an, dass Herbert im Krieg in Italien bei irgendeinem Bataillon als Pferdepfleger diente. Die Italiener verachtete er, weil sie die deutsche Kriegskameradschaft verlassen hatten und statt zu kämpfen einfach nach Hause gegangen waren. Für Herbert hatten die Italiener daraufhin „die Hacken vorne“. Diese modische Torheit fand Otter geradezu originell und so typisch für diese herrlich kreativen Italiener. Er stellte sich vor, wie einer von ihnen in dreckiger und verschwitzter Uniform in seinem Graben lag und plötzlich auf die Idee kam, diesen ganzen lebensfeindlichen Krieg zu beenden und in sein kleines Dörfchen zu seiner Mama und ihrer köstlichen Pasta zurückzukehren.

Er stand auf und brüllte über die Schützengräben: „Ich geh' nach Hause! Ist doch alles scheiße hier!“

Diesem großartigen Einfall schlossen sich unter großem Jubel alle anderen Soldaten an. Als Herbert und all die anderen deutschen Soldaten das mitbekamen, waren sie natürlich sauer, weil sie jetzt den Krieg alleine weiterführen mussten, aber die Italiener waren von ihrem Vorhaben nicht mehr abzubringen und verwiesen darauf, dass es ja schließlich die Deutschen waren, die ihn angezettelt hatten. Auch der Appell an ihre historische Vorgeschichte, an ihre glorreichen Kriege, in denen die Truppen Roms die halbe Welt erobert hatten, konnte sie nicht umstimmen. Im Gegenteil, sie argumentierten, dass es nachweislich ein gewaltiger Stress war, die halbe Welt zu kontrollieren und am Ende, außer unfassbar vielen Toten und ein Haufen kaputter, völkischer Nachbarschaftsverhältnisse, sich nicht gelohnt hat. Eine Heimat, eine Mama, ein wundervolles Eheweib und viele, viele Kinder, das würde ihnen völlig reichen. Sie hängten ihren Führer, den Duce, mit seiner Geliebten erst am Hals, dann an den Füßen auf, und konzentrierten sich wieder auf die Lust am Leben. Wenn die Deutschen endlich auch ihren Führer aufhängt hatten, würden sie sie herzlich einladen, an ihren schönen Stränden Urlaub zu machen und für sie köstliche Pastagerichte kochen und lecker Eis machen, aber bis dahin sollten sie gefälligst alleine weitermachen und entschwanden mit einem fröhlichen „Ciao, Bello!“. In den braunen Augen Herberts waren sie allesamt erbärmliche Verräter.

„Was verstehst du schon, Rotzlöffel. Mach erst mal fünfzig Klimmzüge! Auf jeden Fall haben sie uns Ordnung beigebracht, mein Lieber! Ordnung ist das halbe Leben!“, kläffte er.

„Trotzdem suchst du ständig deine Brille.“

„Werde nicht frech, mein Lieber. Nur weil du erwachsen bist, kannst du hier noch lange nicht auf dicke Hose machen!“

„Ordnung ist das halbe Leben“, er hatte es von Herbert tausend Mal gehört. Erziehungsphrasen, die bei ihm nur noch rechts rein – und links wieder rausgingen. „Der frühe Vogel pickt den Wurm“ und „Was du heute kannst besorgen, verschiebe nicht auf morgen“. Humbug! Alles Quatsch. Nichts von dem stimmte. „Der frühe Vogel ist übermüdet“ und „Was du heute kannst besorgen, erledigt sich auch morgen“, so ist es richtig. Alles muss in Ruhe überlegt sein. Und Ordnung ist der Erzfeind der Phantasie und nicht „das halbe Leben“. Von Ordnung nahm er keine Befehle an. Wie kann man ihr nur sein halbes Leben opfern, fragte er sich. Es begeisterte ihn, wenn er morgens aufwachte und mit Freude sah, wie einfallsreich er am Abend zuvor seine Kleidungsstücke im Raum verteilt hatte. Hier eine Socke auf der Lampe, dort seine Unterhose wie Weihnachtsschmuck am Gummibaum baumelnd. Das war Performance. Der Gedanke, dass all diese Objekte im von uns Deutschen vergötterten rechten Winkel, der ästhetischen Krücke aller Einfallslosen, in Schränken bündig übereinander geordnet oder gar an einer Kleiderstange in Reih und Glied gehängt, dieser kreativen Freiheit brutal entzogen wären, erschien ihm unerträglich.  Er liebte die grenzenlose Freiheit des Chaos, auch wenn er sie häufig in großer Not verzweifelt um Hilfe bat, ihm bei der Suche nach einem wichtigen Objekt ein wenig zur Seite zu stehen. Die ungefähre Richtung würde ihm ja schon reichen. Aber die Freiheit wäre ja nicht die Freiheit, wenn sie auf Befehl im gewünschten Moment auf Anfrage Auskunft gäbe. Sie nahm sich die Freiheit, ihn in seinem Chaos alleine zu lassen.

Herbert schmückte sogar ordentlich den Weihnachtsbaum. Otter erinnerte sich an einen Abend vor Weihnachten, an dem Herbert in einem alljährlichen Ritual den Baum aufstellte und alle Kugeln und sonstigen Dekorationen penibel vor sich auf dem Tisch ausbreitete, um die Verteilung der schmückenden Elemente mathematisch zu planen. Es war ihm außerordentlich wichtig, ein optisches Gleichgewicht zu erzeugen. Nichts hängte er einfach intuitiv an einen Zweig, nichts, alles musste sich in sein System einordnen. Hing auf der linken Seite eine rote Kugel, musste rechts in gleicher Höhe auch eine hängen. Am Ende seiner Inszenierung, quasi als Höhepunkt, drapierte er das Lametta. Otter hatte sich am Nachmittag mit seinen Kumpels in ihrer Stammkneipe  getroffen und sich ordentlich einen auf die Lampe gegossen. Irgendwann stellte er beim Aufstehen fest, dass er leichte Gleichgewichtsstörungen hatte. Er wollte immer in irgendeine Richtung umkippen, was er über alle Maßen lustig fand. Seine Kumpels fuhren ihn nach Hause und stellten ihn schräg vor den Hauseingang, damit er nicht hinstürzte. Wie er es schaffte, den Schlüssel in das Türschloss zu kriegen, daran konnte er sich nicht mehr erinnern, auch nicht, wie er die zwei Stockwerke hochkam und das Schloss von ihrer Wohnungstür fand. Aber er konnte sich noch gut daran erinnern, dass es ihm wichtig war, so diskret wie möglich in sein Zimmer zu kommen um sich blöde Fragen zu ersparen. Er wusste, dass Herbert um diese Zeit den Weihnachtsbaum schmückte und seine Mutter ihm dabei mit dem Zureichen des von ihm ausgewählten Christbaumschmucks assistierte. Also zog er sich im Flur die Schuhe aus und kroch leise auf allen Vieren den Wohnungsflur hoch, um sein Zimmer unauffällig zu erreichen. Dazu musste er am Wohnzimmer vorbei, aus dem er hörte, wie Herbert bei seiner Mutter „Mehr Lametta, bitte“ orderte. Als er an der Scheuerleiste entlang robbend die Wohnzimmertür erreichte, stellte er fest, dass sie einen Spalt offen stand. Irgendwie musste er diese Stelle ungesehen passieren. Grade als er tief Luft holte und sich diskret vorbeischob, war Herbert dabei, mit spitzer Hand eine Lage Lametta an einen ausgewählten Zweig zu hängen – und erstarrte in seiner Bewegung, weil er irgendeinem spontanen Impuls folgend den Kopf zur Tür gedreht hatte und durch den Türspalt am Boden in die glasigen Augen seines blöd grinsenden Stiefsohnes sah. Otter lallte höflich „Frölsche Weihnach“ und robbte entschlossen weiter. Als er am nächsten Morgen mit dröhnendem Kopf und heftiger Übelkeit aufwachte, hörte er aus der Küche seinen Stiefvater wettern: „Nicht seinem Vaterland dienen, aber saufen, das kann er!“ ...



©konkursbuch Verlag Claudia Gehrke 2017


Bestellung

Zum Buch:

Kurztext: Ein beschwingter Roman über große Gefühle in einer durchgeknallten Zeit. Mit Witz, Ironie und tieferer Bedeutung entwirft der preisgekrönte Cartoonist Peter Butschkow in seinem ersten Roman einen kuriosen Mikrokosmos schräger Typen auf der Suche nach Freiheit, Lust und Liebe. Vor dem Hintergrund eines irrwitzigen Täuschungsmanövers entfaltet sich dabei ein so eindrucksvolles wie kurzweiliges Zeitporträt.

Die 68er?: „Klingt ein bisschen wie eine Handfeuerwaffe, ist aber ein Synonym für nationalen Aufruhr und die alibinöse Schuldzuweisung nachfolgender Generationen. Ohne die 68er hätten wir heute vielleicht wieder den Kaiser und die Frauen dürften ohne die Genehmigung ihrer Männer keinen Führerschein machen. Vielen Dank also an die mutigen, dreisten Revolutionäre und Feministinnen in der einst bräsigen Bundesrepublik, die wiederum mit der Bewältigung dieser erschütternden Bewegung ihre bislang größte und schwerste Prüfung in Demokratie zu bestehen hatte.“ (Butschkow) Kein Wunder, dass sich Scharen von Autoren dieser historischen Zeit und Generation gewidmet haben und weiter widmen werden (zum Beispiel im kommenden Jahr, fünfzig Jahre nach 68, vierzig Jahre nach Gründung unseres Verlags). Der Roman malt die Originale dieser Zeit (mit Ausblicken in ihre Kindheiten in den fünfziger Jahren und in die Zeit davor) bis Ende der siebziger Jahre weiter und setzt sie in einem großartigen erzählerischen Puzzle mit liebevollem Sarkasmus in Szene. Dabei bedient er sich mit Lust einer Energie, die unsere Welt verändern könnte – so man ihr nur die Chance gäbe: Humor.
„In die Rahmenhandlung eingewoben sind Porträts und Anekdoten über frühere Freunde, Supermarkthändler, Familienerinnerungen. Sie entfalten eine sprachliche Dynamik, die den Lesefluss heiter vorantreibt, man merkt gar nicht, wie die Seiten dahinfliegen, weiß nie, was einen auf den nächsten Seiten erwartet und freut sich von einer Seite auf die nächste.“ (Florian Rogge)
Die Rahmenhandlung: Zwei Freunde, Archie und Speck, haben sich aus West-Berlin zurückgezogen und im Bergischen Land, im Dörfchen Rehwinkel, ein Fachwerkhaus gemietet. Das Haus ist zugleich Adresse des DAMOUR-Verlages, in dem Archie, ehemaliger Student für Soziologie, kitschige Liebesromane verlegt. Aus Marketinggründen veröffentlicht er seine eigenen Romane unter dem klangvollen Pseudonym „Rebecca C. Creek“, angeblich kanadische Mustangzüchterin mit indianischen Wurzeln. „Otter“, ein Freund aus Berlin, will ihn besuchen und nimmt unterwegs zwei Tramperinnen mit. Als er zufällig sieht, dass eine von ihnen während der Fahrt ausgerechnet ein Buch von Rebecca C. Creek liest, wittert er seine Chance: Einem kühnen Geistesblitz folgend, schlägt er vor, gemeinsam nach Rehwinkel zu fahren, um die gerade zufällig dort weilende große Autorin persönlich zu treffen. Ein turbulentes Schauspiel beginnt. Kann das gutgehen? Und schreibt die allerbesten Romane nicht das Leben selbst?

¦
AutorInnenverzeichnis

___
© 2017 konkursbuch. Alle Rechte vorbehalten.