Leseproben aus María Gutiérrez, Ein Zittern entwaffnet mich / Un estremecimiento me desarma

konkursbuch Verlag Claudia Gehrke
PF 1621 - D-72006 Tuebingen, Tel. 0049(0) 7071 66551.
Mail: office@konkursbuch.com

Weitere Bücher zu den kanarischen Inseln


Wir wünschen Ihnen viel Vergnügen beim Lesen.




Meine Straße

Es riecht nach frisch geschlagenem Kiefernholz.
Ein Kübel Zement unter dem Baum von Großvater, die Theke in der Kantine mit Schwingtüren, an der hübsche Chorsängerinnen bedienen, da ist die Bank, wo sich die Erwachsenen nach dem Essen zusammenfinden, das Casino der Sonnabendnachmittage und der Lieblingsplatz der Besucher, die kommen, um hier glücklich zu sein. Hierher gelangt der Duft des chinesischen Orangenbaumes von Pater Juan, die Hebamme Zenaida mit dem Gemüse und mit ihrer Schachtel voller Süßigkeiten Señora María, von der man sagt, dass sie keine Schlüpfer trägt und im Stehen pinkelt, von ihren Unterröcken geschützt, ein Tipi, das sich jeden Donnerstag auf dem Weg nähert.

Ich schmecke ihre süßen Sachen und denke dabei an ihre Pinkelei.

In meiner Straße spielen wir alle. Lotterie, Domino, Wetten, machen Wurfspiele und Seilhüpfen. Meine Straße hat Großvater mitten in einem Getreidefeld gebaut. Wir können die Gemüsegärten erforschen und die Höhlen in der Schlucht, uns in den Tamariskenbüschen verstecken, um Zigarren zu rauchen, die wir aus Blättern drehen, Frösche fangen, ohne zu nah an die großen Tümpel zu gehen, Drachen steigen lassen. Tischchen mit Steinplatten, darauf kaputtes Porzellangeschirr mit Blättereintopf schmücken meine Küche unterhalb der Mauer der Zisterne, hinter dem Hof von Großmutter Juana sind mein Hof und mein Vieh sicher vor Dieben.

Aber die Zeit, in der meine Straße die schönste der Welt ist, ist am Morgen, in der Frühe, wenn der Ziegenhirt zwischen lauter Glöckchengebimmel erscheint und Mariposa auf meinem Bürgersteig melkt und ich sie streichle; wenn der Schweinehirt mit seiner Herde Maultiere kommt, die mit Tragekörben beladen sind, aus denen lautes Quieken zu hören ist, und wenn dann die Ferkel den Hof in Besitz nehmen. Wenn Mama Verse aufsagt und dabei die Wäsche vor dem Haus aufhängt, während wir Fangen spielen oder Verstecken. Wenn der Wasserschlauch uns erfrischt in der Sommerhitze und mein Vater auf einer Matratze liegt und uns die Geschichte der Sterne erzählt, im Schatten mitten auf der Straße.

Wenn Großvater Agustín uns Birnen und Nüsse aus dem Norden mitbringt. Wenn Das Göttliche den Baum erleuchtet. Wenn die Maskierten erscheinen mit lustigen Larven. Meine Straße ist die schönste, wenn die Gitarre und die kleinen Saiteninstrumente erklingen, das Tamburin und das Akkordeon. Dann singt Mama und alle hören zu.


Prinzessinnen und Glocken

Und jetzt kann ich es nicht umgehen. Jedes Mal, wenn sie läuten, kehre ich ins Damals zurück, zu jenen Messen, nach der Vesper an den Sonnabenden, und die Glockenschläge bringen mir die früheren Ängste zurück. Wenn ich groß bin, heirate ich dich. Und seit dem Tag träumte ich von ihr. Von ihrer Stimme und dem Geruch ihres Haares und den Händen einer Prinzessin. Meiner Prinzessin.
Mit sieben Jahren versprach sie mir die Ehe. Und mit vierzehn glänzten ihre goldenen Zöpfe am Lesepult der Kapelle, wo ich sie traf, als die Glocken zur Messe riefen.
Ja, ich will. Ich konnte dort nicht fehlen. Nach dem Film machte ich mich fertig und wartete auf die ersten Glockenschläge. Wie ein Windstoß brach ich auf und das zweite Läuten schien mir in der Schlucht den Aufstieg zu behindern. Ich empfing jeden Glockenton in der Brust wie einen scharfen Hieb, der mich nach hinten aus dem Gleichgewicht brachte, wie ein lauter Wind, der in meinem Inneren dröhnte und mir den Mund austrocknete. Ich hechelte wie ein erschöpfter Blasebalg und versuchte die Flammen in den Gedärmen zu beruhigen, die wie ein wimmelnder Ameisenhaufen in mir brannten.
Vom lächerlichen Glockenturm, in dem sie hingen, riefen sie mich mit einer unerhörten Kraft, um mir dann den Eintritt in die Kapelle zu verwehren und mich auf den Boden des Abgrunds zu schleudern. Aber jeden Sonnabend schaffte ich es, die Tür der Kirche zu passieren und ihren Rücken zu betrachten, während ich endlich wieder Atem holen konnte und darauf wartete, dass die Predigt anfing.
Mit ihrer Stimme füllte sie die Kapelle, die klein wurde, und mein Körper fasste die Liebe nicht. Lolita erschütterte mich mit dem Wort, ihren Worten. Und ich ging neben ihr in der Luft schwebend hinaus und erfand Geschichten, die ihr ein Lächeln ins Gesicht zauberten, das sich in meinen Augen widerspiegelte; und der Wind schob uns zur Schlucht hinunter und ließ ihren Rock fliegen und ihr reines Lachen, als die Sonne unterging.
Wenn ich groß bin, heirate ich dich. Ja, ich will. Der Nachmittag, als sie aufhörte zu lesen, war der letzte, an dem ich die Kapelle besuchte, und nie mehr eilte ich im Fluge dorthin, um sie zu treffen, wenn die Glocken schlugen. Manchmal träume ich in der Nacht von ihr. Wenn ich groß bin, heirate ich dich.

©konkursbuch Verlag Claudia Gehrke 2017

Wenn Sie Bücher bestellen möchten, gerne über Ihre Buchhandlung oder amazon oder direkt über uns. In unser altmodisches Bestellformuar bitte auch Kurztitel der Bücher hineinschreiben. María Gutierrez, Ein Zittern entwaffnet mich /Un estremecimiento me desarma. Chilajitos / Miniaturgeschichten 160 S. mit Bildern, 12,- Euro, ISBN 978-3-88769-576-7
Bestellung

Mi calle
Huele a madera de pino recién abierta. El chaplón de cemento bajo el árbol de Abuelo, la barra de la cantina de puertas bamboleantes atendida por bellas coristas, es el banco donde se reúnen los adultos en la sobremesa, el casino de los sábados por la tarde y el asiento favorito de los visitantes que vienen para ser felices. Allí llega el aroma del naranjo chino de Padre Juan, y Comadre Zenaida con la verdura, y La señora María con su cajita de dulces, que dicen no usa bragas y mea de pie, protegida por sus enaguas, un enorme tipi que se acerca por el camino cada jueves.
Saboreo sus merengues pensando en su micción.
En mi callejón jugamos todos. A la lotería, al dominó, al envite, al tejo, a la comba. Mi calle la construyó Abuelo en un campo de cereales. Podemos explorar las huertas y las cuevas del barranco, escondernos en los tarajales a fumar cacarecas, coger ranas sin acercamos a las charcas grandes, volar las cometas.… Mesitas de laja, vajilla de porcelana rota con potaje de penca visten mi hogar bajo el muro del aljibe, y tras el patio de abuela Juana tengo mi rancho y mi ganado a salvo de los cuatreros. Pero cuando mi callejón es el mejor del mundo es por la mañana, temprano, cuando llega el cabrero entre campanitas y ordeña a Mariposa en mi acera mientras la acaricio; cuando viene el cochinero a caballo, con su recua de mulas cargadas con seretas chillonas y los lechones invaden el patio. Cómo lo quiere, blanco o de raza. Cuando mamá recita tendiendo la ropa delante de casa, mientras jugamos a la cogida o al escondite. Cuando la manguera nos refresca del calor en verano y mi padre nos cuenta la historia de las estrellas tumbado en su colchoneta, a la fresca, en medio de la calle. Cuando Abuelo Agustín nos trae peras y uvas del Norte. Cuando Lo Divino alumbra el árbol. Cuando llegan las mascaritas con morisquetas de parodia.
Mi calle es la mejor cuando salen la guitarra y el timple, el pandero y el acordeón. Entonces mamá canta y todos escuchan.


Princesas y campanas

Y ahora no puedo evitarlo. Cada vez que suenan vuelvo a entonces, a aquellas misas, después de la Sesión de Tarde de los sábados, y las campanadas me traen las ansiedades previas.
Cuando sea grande, me caso contigo.
Y desde ese día soñé con ella. Con su voz y el olor de su pelo, sus manos de princesa. Mi princesa.
A los siete años me prometió matrimonio.
Y a los catorce bruñían sus trenzas doradas en el atril de la capilla, donde la encontré al requerimiento de las campanas.
Sí, quiero.
No podía faltar. Tras la película me preparaba esperando los primeros cuartos. Salía como una ventolera y en el barranco la segunda llamada parecía querer impedirme la ascensión. Recibía cada campanada en el pecho con un golpe de freno que me desequilibraba hacia atrás, como un viento sonoro que me retumbaba dentro y me secaba la boca jadeante, aspirando, como fuelle agotado, intentando aplacar las llamas de las tripas, que eran ya un hormiguero desbocado.
Me convocaban con una fuerza impropia de la espadaña ridícula de la que pendían para luego negarme la entrada a la ermita empujándome al fondo del abismo. Pero cada sábado lograba traspasar la puerta de la iglesia y contemplar su espalda, mientras recobraba el aliento esperando que comenzara la lectura.
Ella, con su voz, llenaba la capilla que se hacía chica, y el amor tampoco me cabía dentro. Lolita me estremecía con la palabra, sus palabras.
Y salía levitando a su lado, inventando historias que le anclaran la sonrisa a mis ojos; y el viento nos empujaba barranco abajo alzando su falda y su risa, sin pecado, cuando el sol trasponía.
Cuando sea grande, me caso contigo. Sí quiero.
La tarde que dejó de hacer la lectura fue la última que visité la ermita y nunca más volé a su encuentro a golpe de campanadas.
Algunas noches sueño con ella. Cuando sea grande, me caso contigo.




¦
AutorInnenverzeichnis


 

Kanarisches

___
© 2016 konkursbuch. Alle Rechte vorbehalten.