Wenn die Welt Risse bekommt

(AM) Kim lebt in einer Art Parallelwelt, oft nimmt sie Dinge wahr, die den anderen verborgen bleiben – so wie den Fuchs, der über den Schulhof läuft, und mit dem alles beginnt. Regina Nössler, die bereits mit „Wanderurlaub“ oder „Auf engstem Raum“ glänzte, versteht es – ja, doch, ich schreibe das Wort – meisterlich, mit kleinen Mitteln und ohne großes Tamtam einen Sog zu erzeugen, der gefangen nimmt. Ihre Welt ist die ganz alltägliche. Schrecken und Suspense liegt in den feinen Rissen, die sich auftun. „Endlich daheim“, dessen Kapitel im Minutentakt vorrücken, beschreibt innerhalb von 25 Stunden und mit überschaubarem Personal den Heimweg ebenjener Kim von ihrer Schule am Tag vor ihrem 14. Geburtstag. „25.63 Uhr“ ist es da plötzlich auf der elektronischen Anzeige über dem U-Bahneingang, die Farbe verschwindet aus Menschen und Häusern, es wird monochrom, trostlos und grau wie im Sozialismus, der lange vor Kims Geburt gestorben war. Ein Ampelmast bricht durch, liegt auf der Straße. Der Schlüssel zu ihrer Wohnung passt nicht mehr, auf Briefkasten und Klingelschildern sind all die vertrauten Namen verschwunden. Im Haus geirrt? Nein. Dreimal nein. „In meinem Kopf ist zu viel. Oder zu wenig. Oder alles durcheinander“, ruft Kim sich zur Ordnung.

Haarscharf an den Parallelwelten der Phantastik vorbei, ganz hier und jetzt im heutigen Berlin, evoziert Regina Nössler einen ziemlich ver-rückten Schwebezustand. 14. November, 11.30 Uhr, ist es zu Beginn, um 14.02 Uhr sind wir auf Seite 73, auf 187 bei 22.35 Uhr. „Ein Kind sagt, sein Haus sei verschwunden“, das in der Nostitzstraße in Kreuzberg, schmunzeln sie bei der Polizei. Kim kommt für die Nacht bei Alex unter, ihre Tante Felicitas weicht nachts mit dem Fahrrad einem Fuchs aus. Immer mehr glaubt Kim, dass sie nicht mehr bei Verstand sei. Aber es ist ein wirkliches Verbrechen geschehen. Die Auflösung ist logisch. Auch der Fuchs taucht noch einmal auf. Und dann gibt es Bratkartoffeln. Daheim. Endlich daheim.

Regina NÖSSLER: Endlich daheim. Thriller. Konkursbuch Verlag Claudia Gehrke, Tübingen 2015. 316 Seiten, 10,90 Euro.

 

Alf Mayer, Bloody Chops Mai 2016, Cuturmag.de

 

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