Kali Drische, Leseprobe aus "Neulich im Schrank"

konkursbuch Verlag Claudia Gehrke
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Aus dem Kapitel "Aller Anfang ist schwer"

Unbeschwerte Tage

(aus dem Erzählungsband „Neulich im Schrank“)

 

»Perwoll!«, rufe ich und verkürze damit auf 3:2, als es auch schon lossingt: Schmusewolle, das macht Perwoll aus Wolle, Schmusewolle, das macht Perwoll. Bisher war es leicht gewesen: der Persilmann, Clementine, da weiß man, was man hat. Da kommt es wirklich nur auf Geschwindigkeit an.

Mein Bruder und ich durften nicht viel fernsehen und wir genossen jede Minute. Auch die Werbung. Seit wir das Werberatespiel spielten, vor allem die Werbung.

Der folgende Spot brachte uns jedoch in Verlegenheit. Nicht, weil wir ihn noch nicht kannten. Aber wir verstanden ihn nicht, von Anfang bis Ende wussten wir nicht, was eigentlich beworben wurde. Ein Shampoo, schlug ich vor, weil die Frau so lange wehende Haare hatte, die glänzend und geschmeidig hochflogen, als ein glücklicher Mann sie hob und herumwirbelte. Aber man sah sie nie beim Haarewaschen, und auch eine Shampooflasche wurde nicht gezeigt. Waschmittel war der Vorschlag meines Bruders, weil sie einen weiten, wahnsinnig weißen, ebenfalls schwingenden Rock trug. Für unbeschwerte Tage, hieß es dann. Letztlich priesen das Perwollschaf und der Marlboromann aber auch nichts anderes an: eine unbeschwerte Zeit in all ihren Facetten. Wir waren ratlos.

Mimosept hieß das Produkt. Ein Waschmittel namens Mimosept? Klang doch eher nach Mimose. Da Mimosen zart und vielleicht sogar betörend duften, wäre das gar nicht so abwegig gewesen, aber damals kannte ich noch keine echten Mimosen. Eine Mimose war man, wenn man bei Regen nicht raus wollte, wenn man etwas Anstrengendes oder etwas nur Gesundes machen sollte und nicht wollte. Ging es also vielleicht um ein Antimimosenmittel, um endlich alles unbeschwert zu genießen?

Irgendwann hielt ich es nicht mehr aus und fragte meine Mutter. Damit trat ich eines dieser unsäglich peinlichen Aufklärungsgespräche los. Wenn ich das gewusst hätte, hätte ich nicht gefragt.

Oder wen anderen.

Wie ein Kind technisch und biologisch zustande kommt, hatte ich bereits in der Vorschule gelernt. Da war also nichts mehr zu befürchten. Über die Sache mit dem Bluten hatten sie damals aber kein Wort verloren. Die wussten schon warum. Meine Mutter versuchte das jetzt in äußerst peinlich aufgeladener Atmosphäre nachzuholen, ohne mich dabei in Angst und Schrecken zu versetzen. Das misslang gründlich.

Ich beschloss spontan, nicht ins fortpflanzungsfähige Alter zu kommen. Einmal im Monat bluten? Da unten? Von innen heraus? Verbluten sozusagen? Das muss doch Höllenschmerzen verursachen! Nein, sagte meine Mutter und setzte hinzu: nicht unbedingt. Also jedenfalls nicht so, wie Wunden wehtun. Ok, dachte ich, Nasenbluten tut auch nicht weh. Mal sehen. Ich hab ja auch noch Zeit, dachte ich. Ich war zehn.

Und was ist mit den Jungs?, wollte ich wissen. »Die müssen sich rasieren«, wurde mir gesagt. Das sollte der Ausgleich sein? Wo ist denn da die Gerechtigkeit? Ich war empört, fühlte mich schon mal vorauseilend von meinem Körper betrogen. Rasieren, das ist doch wohl lächerlich! »Du kannst dir ja auch einen Bart wachsen lassen!«, herrschte ich meinen Bruder an.

Nach diesem unerfreulichen Gespräch herrschte zwischen meinem Bruder und mir bei der Mimoseptwerbung beklommenes Schweigen, niemand wollte dieses Produkt erraten, von dem wir zwar die Marke und den Zweck kannten, aber immer noch nicht wussten, wie es eigentlich hieß.

Bald zogen dann auch blaue Ersatzflüssigkeiten auf Watte für diese Produktpalette ein, da wären wir vielleicht vorgewarnt gewesen, ob wir wirklich eine entsprechende Frage stellen wollten. »Fängt die Regel dort auf, wo sie passiert. Im Inneren des Körpers.« Verstanden hätten wir das auch nicht, aber es wäre klar gewesen, dass damit kein Shampoo gemeint sein kann. Wir spielten das Ratespiel nur noch im Kino, da waren wir vor solcherlei Zumutungen sicher.

Ich wusste also im Groben Bescheid, als ich das erste Mal Blut in der Unterhose fand. Erst dachte ich natürlich: Krebs! Tod und Teufel! Aber dann fiel es mir wieder ein. Das Gespräch war auch kein halbes Jahr her, da konnte ich so ein paar Grundsätzlichkeiten schon noch erinnern.

Toll, dachte ich, ganz toll. Ich bin elf, ich bin eine Frau, hurra! Aber wie sag ich es jetzt meiner Mutter? Mir fiel nämlich das richtige Wort nicht ein. Das Wort Tagung geisterte durch meinen Kopf, aber irgendetwas stimmte daran nicht. Ausgerechnet jetzt kam die Werbung nicht im Fernsehen. Mich bei so etwas Delikatem der Gefahr des Spottes auszusetzen, das war mir zu heikel. Vor Kurzem erst hatte ich meine Mutter belauscht, wie sie sich lachend bei einer Nachbarin über einen Spruch von mir verbreitete. Und in dieser Situation sollte ich nun meiner Mutter eröffnen, dass ich meine Tagung hatte? Wohl wissend, dass da was falsch war. Ich wollte bei diesem todesgefährlichen Thema, das obendrein noch mit unklaren Peinlichkeiten aller Art verbunden war, nicht für das nächste Amüsement sorgen. Also sagte ich nichts. Vielleicht hörte es ja auch einfach wieder auf. Einfach so.

Immerhin hatte ich keine Schmerzen.

Aber es hörte nicht auf. Also fing ich an, meine bebluteten Unterhosen in meinem Zimmer taktisch herumliegen zu lassen, mit zufälliger Sicht auf das Blut. Ich war noch nie sehr ordentlich gewesen, von daher fand ich das Szenario recht plausibel. Der Plan ging auf. Nach drei Tagen kam mir meine Mutter in ihrer Ente zur Schule nachgebraust, befahl mich ins Auto und stopfte mir eine – jetzt kommt’s: Mimosept in die Hose.

Ich fühlte mich gewindelt. Von wegen erwachsen und Frau und so. Sie fragte, warum ich nichts gesagt habe. Ich hätte es vergessen, log ich ziemlich schwach. Sie insistierte nicht. Wir waren beide froh, das Gespräch nicht weiter vertiefen zu müssen. Ich stieg aus und watschelte mit dem entwürdigenden Windelpaket in die Schule. Komisch, dass niemand etwas bemerkte.

Seither kam sie immer und immer wieder, die Tagung. Nur schmerzlos blieb sie leider nicht. Und mein Bruder trägt heute Bart.

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Ines Dietrich

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