Regina Nössler, Ausschnitte aus der Titelerzählung „Wie Elvira ihre Sexkrise verlor“, aus dem gleichnamigen Erzählband

 

Elvira sitzt in einem vollen Zug, stolz, eine Reservierung zu haben, nicht stehen müssen. Sie hat gerade ihren Sitz in bequeme Schräglage gestellt und träumt vor sich hin, z.B. vom Küssen. Ob sie gut Küssen kann. Dazwischen denkt sie an ihren Liebeskummer mit ihrer Freundin Silke Hackenberg, an ihre Differenzen z.B. beim Sex, als die Schaffnerin nach den Fahrkarten fragt

 

Elvira schreckte aus der bequemen Schräglage hoch und griff nach ihrer Tasche, eine von diesen großen, unübersichtlichen, und beim Herumwühlen stieß sie zunächst auf ihren Reiseproviant: Geleebananen und Marzipankartoffeln. Immer, wenn etwas von ihr verlangt wurde, reagierte Elvira sofort panisch, und gar nichts klappte mehr; zu ihrem Leidwesen war das auch beim Sex so. Aus Versehen zerdrückte sie eine Geleebanane, die Marzipankartoffeln waren auch ganz schön klebrig, und dann, als sie in der großen, unaufgeräumten Tasche endlich weit unten die Fahrkarte entdeckte, beförderte sie mit ihren Geleefingern dieses ganz spezielle Foto, das nur für ihre Augen bestimmt war, gleich versehentlich mit an die Offentlichkeit.

Das Foto landete neben den blaubehosten Beinen der Schaffnerin auf dem Boden. Es zeigte Silke Hackenbergs Hintern.

Warum bin ich nicht wie die anderen? Andere Leute verreisen mit Gesichtern! Mit Foto fix-Porträts ihrer Lieben! Und ich? Ich verreise mit einem Hintern!

Elvira schloss daraus, dass sie zwanghaft und pathologisch an Sex denken musste, auch jetzt, wo sie an diesem schlimmen Liebeskummer wegen Silke Hackenberg litt, oder vielleicht gerade jetzt‘

Aber obwohl sie Silke die Pest an den Hals wünschte, schalteten sich ihre Beute-Instinkte wieder ein, und sie wollte Silkes Hintern vor fremdem Zugriff retten.

Die Schaffnerin indes war schneller. Viel schneller...

 

Ende der Erzählung

 

Zwischendurch passierte einiges:

Die Schaffnerin gab ihr das Foto zurück, im Tausch gegen die Bahncard, Elvira hat so ein dunkles Gefühl, diese Frau schon mal gesehen zu haben, als die Schaffnerin später noch mal vorbeikam, schrieb sie eine seltsame Nachricht auf einen Zettel: „Es hätte so schön sein können.“ Elvira fiel nach einer Weile ein, woher sie die Schaffnerin kannte: von einer dieser riesigen Women-Only Partie in Berlin, auf der sie aber mit ihrer Freundin Silke war. Dort hatten sie heftig geflirtet. Wie der Zufall manchmal so spielt. Und irgendwann später zwischen zwei Stationen raunt ihr die Schaffnerin zu, komm in 5 Minuten zum Behindertenklo...

 

Sie drängte Elvira an die türkisfarbene Wand und küsste sie.

„Lass mich nicht schon wieder abblitzen, nicht noch einmal!“

Es lag gar nicht in Elviras Absicht, sie abblitzen zu lassen. Warum wohl stand sie sonst in diesem Klo? Jetzt geht‘s zur Sache, Manuela! Und um daran keinen Zweifel zu lassen, küsste sie die Schaffnerin zurück, zog ihr dabei die Baskenmütze vom Kopf und griff in ihr Haar, einen Moment lang dachte sie: hätte ich das nur vorher gewusst, dann hätte ich bestimmt problemlos schwarzfahren können, aber dann war er plötzlich wieder da, gerade als es anfing, schön zu werden, dieser Selbstzweifel: konnte sie denn überhaupt küssen? So richtig gut? Da ihr solcherlei Zweifel leider noch während des Kusses in den Sinn kamen, entwickelte Elvira blitzschnell eine Strategie: sie zeigte sich als kleine Schüchterne, huch nein, doch nicht so schnell, ich brauche Zeit, um Vertrauen fassen zu können und mich ganz hinzugeben.

„Willst du eine Geleebanane?“ fragte sie, um von all diesen Unsicherheiten abzulenken.

Aber eigentlich war ihr nicht nach HUCH und HILFE. Ei­gentlich war ihr danach, ihrer Manuela von Meinhardis die Uniform vom Leib zu reißen.

„Oja, ich will!“ sagte die Schaffnerin.

Elvira verstand nicht.

„Eine Banane! Eine Geleebanane!“

Also nahm Elvira eine aus der Tüte heraus und gab sie ihr. Die Schaffnerin lutschte, bevor sie abbiss, so ungeheuer genüsslich an dieser Banane im Miniformat herum, dass Elvira ganz heiß wurde, besonders dort unten, und sie sich die altbekannte Frage stellte:

 

ISST SIE SO, WIE SIE SEX MACHT? Macht sie Sex so, wie sie isst? Die Schaffnerin hatte Schokolade im Mundwinkel kleben, das sah rührend aus, Elvira traute sich und leckte die Schokolade ab, sie wollte zur Sache kommen, und sie dachte nur noch eins: Vögeln! Sie wollte in diesen Körper hinein, sie wollte sie begnadet vögeln. Und sie wollte mit Stöhnen für das begnadete Vögeln belohnt werden.

Aber erst einmal leckte sie weiter, obwohl gar keine Schokolade mehr da war.

„War das deine Freundin, mit der du auf der Party warst?“ fragte die Schaffnerin in einer Lücke zum Atemholen.

„Ja“, stammelte Elvira und begann, die Knöpfe der roten Uniformjacke und auch die darunterliegenden zu öffnen. Unter der weißen Bluse trug die Schaffnerin nichts. Macht sie Sex so wie sie Geleebananen isst?

„Hey, nicht so schnell“, sagte die Schaffnerin und hielt Elviras

Hände fest. „Ich weiß, dass du so heiß bist wie das Pflaster in Las Vegas, aber was ist denn mit deiner Freundin?“

„Eigentlich tue ich sowas nicht“, sagte Elvira, die inzwischen in der Tat so heiß war wie das Pflaster in Las Vegas, „eigentlich tue ich sowas normalerweise nicht“, und dann fiel ihr plötzlich ein, wie Silke ihre Kartoffeln zermanschte, „eigentlich bin ich treu“, wie Silke die Gabel mit der Breitseite fest auf die Kartoffel quetschte, so dass die arme Kartoffel als Brei zwischen den Zinken der Gabel hervorquoll, aber sie wollte diese Erinnerung jetzt nicht haben, was interessierten sie Silke Hackenbergs Kartoffeln, ogott:

-   und wenn sie es gar nicht konnte: begnadet vögeln?

„Was ist denn da drin los?“ vernahmen sie eine Stimme von draußen, „wieso ist denn da so lange besetzt?“

Die Schaffnerin hatte Elvira einfach die Hosen heruntergezogen. Ehe sie sich versah, war Elvira die Gevögelte.

„Jemand sollte den Schaffner holen!“

Die Schaffnerin vögelte Elvira von hinten.

„Der Schaffner ist eine Dame“, kam eine andere Stimme.

„0 fuck!“ sagte die Schaffnerin, „in Hannover ist Personalwechsel.“

„Und was sind das für komische Geräusche da drin? Da stöhnt doch jemand!“

„Wie lange ist es noch bis Hannover?“ keuchte Elvira, vor deren Augen es zu flimmern begann. Die Schaffnerin tat es so gut. Aber sie ließ Elvira nicht kommen, sondern hörte mittendrin auf und begann, sie zu lecken, und Elvira, die die ganze Zeit gestanden hatte, musste sich hinlegen, das war ihr mittlerweile auch völlig egal; die Schaffnerin ging mit zu Boden und flüsterte ihr dort ins Ohr, dass frisch geputzt sei und das Behindertenklo sowieso von niemandem benutzt würde, der Tumult draußen sagte darüber zwar etwas anderes, aber das war ja auch egal – wie weit ist es noch bis Hannover?

„Ich werde das so lange tun, bis du nicht mehr kannst“, sagte die Schaffnerin leise, sie kniete vor Elvira und leckte sie; gleichzeitig stieß sie erst einen, dann zwei, dann drei Finger in sie hin­ein, so dass Elvira schon jetzt nicht mehr zu können glaubte. „Und was ist mit deiner Freundin?“ kam es Elvira in den Sinn und über die Lippen.

„Die ist in Tirol“, sagte die Schaffnerin.

Elvira blickte zur Wand, wo sie einen dicken, roten Alarmknopf sah, der sie flüchtig an ihren Körper in seinem jetzigen Zustand erinnerte.

„Da stöhnt doch jemand“, sagte eine Frauenstimme von draußen, „da ist doch was nicht in Ordnung!“

Die Finger glitten so leicht in sie hinein, und Elvira wünschte sich mehr, sie wusste, dass die Hand, die ganze Hand und noch viel mehr in sie hineinpassen würde. Die Schaffnerin stellte das Lecken ein und vögelte sie in gleichbleibendem Rhythmus. Tirol, Tirol, Tirol, dachte Elvira, und dann dachte sie: Hannover! Ihrem Mund entfuhr ein Schwall mehrerer Ojas hintereinander, oja oja oja - „Da stimmt doch was nicht!“ kam es von draußen -‚ und gerade, als sie zu kommen glaubte, ja, jetzt sofort, verlangsamte die Schaffnerin den Rhythmus und begann wieder, Elvira zu lecken. Der rote Alarmknopf. Der dicke, rote, geschwollene Alarmknopf da unten.

Der Zug verlangsamte auch sein Tempo, denn sie erreichten Hamm in Westfalen.

Von draußen wurde zaghaft an die Klotür geklopft.

„Ich geh jetzt den Schaffner suchen!“

Elvira war ihren ehrlichen Gefühlen gefolgt. Das war sowieso stets das Beste. Es war einfach so über sie gekommen.

„Der Schaffner ist eine Dame.“

Elvira war ihren Gefühlen gefolgt und hatte sich auf das Gesicht der Dame gehockt, oja, jaaa schön! - o fuck! Hannover! -oja oja oja; und ihre Möse von oben an diesem Gesicht zu reiben, sich daraufzusetzen, sich daraufzupressen, gab ihr in Sekundenschnelle den Rest.

 

Inzwischen wuchs das Klopfen an der Tür zu mächtigem Hämmern an.

 

„Hallo? Hallo?“

Elvira legte sich schwer atmend auf den Boden. Alles war von vielen kleinen silbernen Glitzerpünktchen übersät. Die Schaffnerin kroch ganz nah an sie heran.

„Du bist nicht auf meiner Zunge gekommen“, kicherte sie -wo hatte sie nur so gut zu küssen gelernt? Von ihrer Freundin in Tirol? -‚„du bist nicht auf meiner Zunge gekommen, sondern auf meiner Nase.“

„HALLO! HALLO! IST DA JEMAND?“

Elvira errötete. Und tatsächlich: die Nase der Schaffnerin war von einem verdächtig glänzenden Film überzogen.

„Ich wusste gar nicht, dass meine Nase so potent ist!“

Die Schaffnerin fummelte eine Geleebanane aus der Tüte am Boden und schob sie langsam in Elviras Mund, der sich bereitwillig öffnete; sie flüsterte: „Gleich zeigst du mir, was du alles kannst“, und ebenso langsam zog sie die klebrige Banane wieder heraus.

 

„Da ist bestimmt jemandem schlecht geworden!“