Leseprobe aus:Henrike Lang, "Bettenroulette. Episodenroman über Liebe, 2 Frauen + 1 Kind"

konkursbuch Verlag Claudia Gehrke
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Wir wünschen Ihnen viel Vergnügen beim Lesen.
  256 S., Frühjahr 2017, 12,90, ISBN 978-3-88769-586-6


Zu heiß, zu kalt

Babys schreien. Sie schreien, weil ihnen zu heiß oder zu kalt ist, weil sie Hunger oder Durst haben, weil die Windel voll ist, sie müde und überreizt sind oder eine Krankheit ausbrüten. Manchmal schreien sie jedoch aus unersichtlichen Gründen, so wie wir selbst oft nicht wissen, warum unsere Stimmung absackt. Kurzum, auch Babys sind Stimmungen ausgeliefert, und ihr Geschrei hört auf, wenn es aufhört. So einfach ist das.
Als Biomutter nimmt man das Geschrei nach einer gewissen Zeit phlegmatisch hin – nachdem man eine Rundumwartung an seinem Kind vorgenommen hatte, Birnenmus und Milch angeboten, die Windel gewechselt, Kinderlieder gesungen und Fieber gemessen, und nichts fruchtete, kein Fehler im Programm gefunden. Was sollte man in solchen Momenten tun als das schreiende Bündel seiner Anwesenheit und seines Mitgefühls zu versichern?
»Okay, du bist jetzt wütend. Das ist in Ordnung. Schrei ruhig, ich lege die Wäsche zusammen«, sagte man und übertönte das durchaus nervenzehrende Geschrei mit einem forcierten heiteren inneren Summen.
Wehe aber, die Co-Mutter war auf Stippvisite aus dem Kosovo und eine kinderlose ältere Freundin kam nachmittags zum Tee. Dann ging es rund. Beide Frauen hatten nicht viel Ahnung von Babys im Allgemeinen und von David im Besonderen, fühlten sich aber zum Mittuten berufen, als wäre ich, die Biomutter, alleine nicht in der Lage, das Baby angemessen zu versorgen (was ich seit seiner Geburt weitgehend alleine tat, mit dem sichtbaren Erfolg, dass David immerhin lebte und wuchs).
Von Judith bekam ich zu hören: »Ihm ist bestimmt zu heiß! Zieh ihm was aus!«, während die ältere kinderlose Freundin ungeniert quakte: »Ich glaube, ihm ist eher zu kalt. Außerdem ist es ganz falsch, direkt zum Baby zu rennen, wenn es schreit – ihr verwöhnt es! Lasst es doch schreien, dann wird es schon merken, dass ihr nicht direkt kommt!«
»Verpiss dich«, wollte man der Freundin dann zurufen, biss sich aber auf die Zunge, weil man die Erfahrung gemacht hatte, dass Widerworte gegen gut gemeinte Baby-Ratschläge nur zu quälend langen Diskussionen führten, und die Ratgeber hatten, weil sie durchschliefen, immer mehr Energie als die durch und durch fehlerhafte Biomutter.
Die ältere kinderlose Freundin merkte irgendwann, dass sie die junge Familie eher störte als stärkte, und ging netterweise von selber. Die Co-Mutter hingegen, die inzwischen am schreienden Kind herumfummelte, um es aus seinem Kapuzenjäckchen zu schälen, konnte man leider nicht aus der Wohnung werfen – sie wohnte hier auch. Also schwieg die Biomutter weiter, den schwelenden Zorn tief inhalierend.
David krabbelte jetzt, luftig für den April, im Body durch die Wohnung. Und schrie weiter. Warum auch immer er schrie, zu warm war ihm offenbar nicht. Stoisch griff ich ihn mir und zog ihn wieder an, denn wenn er sich unnötigerweise erkältete, wäre meine Nachtruhe dahin, und ein bisschen Selbsterhaltungstrieb hatte ich noch.
Judith, die Co-Mutter, war beleidigt, dass ihr Ratschlag offenbar nicht der richtige war. Sie, die beruflich oft Abwesende, wollte sich an den wenigen kostbaren Urlaubstagen gerne als jemand erleben, der sich perfekt ins Baby einfühlt, ein Naturtalent. Sie warf mir Ignoranz für ihre Bemühungen vor: »Warum ziehst du ihm das Jäckchen wieder an?«, und sie nannte mich gefühllos: »Du lässt ihn einfach schreien!«
Wenn Judiths Urlaub dann zu Ende ging und ich sie zur Flughafen-S-Bahn brachte, atmete ich, bei aller Traurigkeit, wieder auf. Alleine mit David zu sein, war zwar manchmal schwer, aber immerhin hatte ich diese grauenvollen Zu-heiß-zu-kalt-Diskussionen nicht, sondern entschied die Trivialitäten des Mutter-alltags alleine.
Zuerst dachte ich, dieser ewige Zank wäre vielleicht etwas Lesbentypisches – zwei Frauen, die sich darum schlagen, wer die bessere Mutter ist, wie im Kaukasischen Kreidekreis. Dann erinnerte ich mich jedoch an ein Heteropaar in meinem Geburtsvorbereitungskurs, das bereits ein älteres Kind hatte und von schrecklichen häuslichen Streitereien berichtete.
»Als wir noch zu zweit waren«, sagte der Mann, ein netter großer Blonder, »konnten wir einem Streit viel leichter aus dem Weg gehen, nach dem Motto ›Mach doch, was du willst, mir egal, bist ja erwachsen‹, und erst ein paar Stunden später, wenn sich die Wellen gelegt haben, wieder nachhause kommen. Mit einem Kind geht das nicht. Viele Situationen müssen sofort gelöst werden, oft gibt es zwei Meinungen, und weil das Baby mit seinem Kindchenschema direkt ins Herz trifft, wird mit geradezu ideologischer Verve gestritten, wie man ihm am besten helfen kann.«
Voilà. Wenn Eltern untereinander ehrlich sind, wirkt das immer sehr erleichternd: Nein, man ist nicht das schlimmste streitende Paar auf dem Erdball, sondern überall, wo eine Wiege steht, fliegen nachts, unter Scheidungsandrohung, die Teller. Babys schlafen, wenn sie schlafen, sehr, sehr fest, das geht schon in Ordnung.
Bei unserer Nachbarin Antonella und ihrem Mann stand sogar einmal das Jugendamt vor der Tür. Eine andere magenkranke ältliche Nachbarin, die unter Marcos Kinderzimmer schlief und jede noch menstruierende Frau hasste, hatte dem Amt gemeldet, das Baby schreie ständig und sie mache sich Sorgen, ob es ihm gut gehe – zumal sich seine Eltern jede Nacht stritten.
Antonella, mit sardischen Vorfahren, muss es schwer gefallen sein, den Sozialarbeiter nicht mit dem Küchenmesser zu kastrieren. Er ging irgendwann, hinreichend beruhigt. Unsere Blockwart-Nachbarin ertragen wir weiterhin. Ihre Bosheit, aus Muße geboren, hält sie jung, sie wird uns Mütter um Jahre überleben.
Oder ich schob David durch den Supermarkt. Er schmatzte und schrie. »Zwieback«, dachte ich, mich tapfer an dieser minimalen letzten Gedächtnisleistung festhaltend, denn Babygeschrei ist der reinste Aktenschredder. »Du wolltest Zwieback kaufen.«
Eine ältere Dame fasste mich am Ärmel und sagte sehr fest und laut: »Ja sehen Sie denn nicht, dass Ihr Junge schreit, weil er Hunger hat?«
Ich schüttelte sie ab und ging weiter. Hätte sie sich an mir festgeklammert, hätte ich sie, die leicht war wie ein Vöglein, einfach mit mir gezerrt, so wie ein Elefant kleine zeternde Spatzen auf seinem Rücken davonträgt.
Sie schüttelte den Kopf und schimpfte, aber ihr Schimpfen wurde mit jedem Meter, den ich mich würdevoll von ihr entfernte, schwächer, denn zu folgen wagte sie mir auch nicht. Vielleicht hat sie das Weiße in meinen Augen gesehen. Hätte ich der älteren Dame geantwortet, hätte ich etwas sehr, sehr Hässliches zu ihr gesagt, ihr vielleicht sogar das Einkaufsnetz entrissen und über den Kopf gehauen, damit sie schwieg, so weit war ich inzwischen.
Tu dies, tu das – Mütter sind Freiwild für die öffentliche Meinung. »Er hat Fieber, sehen Sie das nicht?«, sagte die Heilpraktikerin vorwurfsvoll zu mir, die ich eigentlich wegen meiner anhaltenden Blasenentzündung konsultiert hatte, nicht wegen David, der gerade sehr erkältet war. Gut, es konnte sein, dass er Fieber hatte, aber nicht allzu hoch, sonst hätte ich es gefühlt, und David war gerade eh zu Hause, wo er in Ruhe fiebern durfte.
»Ihm ist kalt«, raunzte Judith, die Co-Mutter. »Und sag zu unserem Jungen« – er spricht inzwischen die ersten Worte und die ununterbrochen, begeistert über seine neue Fähigkeit – »nicht ›Klappe!‹. So sprichst du nicht mit ihm, noch nicht mal scherzhaft!« Am Ende des Besuchs sagte sie selber »Klappe!«, wenn David, inzwischen anderthalb, gerade zum hundertsten Mal emphatisch »Hasi« rief.
»Zu streng, zu weich« wurde zum nächsten Gegensatzpaar, als David heranwuchs. Es bleibt uns wohl bis zu seiner Volljährigkeit erhalten. »Du bist zu weich«, zankte Judith, »Du lässt ihm alles durchgehen.« Dann ging sie David scharf an, mit dem einzigen Erfolg, dass er zu brüllen begann. Bei mir brüllte er seltener, weil ich wusste, dass Gebrüll nur Gebrüll erzeugt, und möglichst ruhig mit ihm redete. Oft, nicht immer, lenkte er dann in der einen oder anderen Form ein. Ich war einfach aus Effizienzgründen klug geworden. Auch bei Judiths Erziehungsversuchen griff ich bald nur noch ein, wenn David physischer Schaden drohte. Ansonsten ließ ich sie gewähren; schließlich musste sie sich als Co-Mutter ausprobieren.
Meine Mutter kam zu Besuch. David befand sich nach einem heftigeren Trotzanfall, einem Grand mal sozusagen, für eine halbe Stunde zum Abkühlen im Badezimmer. Judith hatte ihn dorthin geschickt, mit meiner stummen Billigung, manchmal waren wir uns auch wortlos einig.
»Mama, Mami!«, heulte David. »Will nich eingeslossen sein, rauslassen! Aufmachen!« Dabei trommelte er mit seinen kleinen Fäusten gegen die Tür.
»Nein«, brüllte Judith zurück, wohlwissend, dass David nicht eingeschlossen war, sondern, auf dem Klodeckel sitzend, mit Wuttränen in den Augen durch die offene Badezimmertür auf den Flur schaute. Ich wusste das auch. David war manchmal eine echte Granate. Ich als oberste David-Autorität rief bekräftigend: »Du bleibst im Badezimmer, bist du nicht mehr heulst, klar?«
Da schaltete sich empört meine Mutter ein, die ihr zarter kleiner, vor allem einziger Enkel rührte, und kreischte: »Wie könnt ihr den Jungen denn im Badezimmer einsperren? Das ist zu hart!« Judith zuckte es in den Fingern, ihr das Teetablett über die Rübe zu hauen, das sah ich. Ich versicherte Mutter, dass David nicht eingeschlossen war, sondern der Dramatik halber flunkerte, und es gelang uns irgendwie, den Besuch konventionell zu beenden, auch wenn sich Mutter noch sorgte, warum David überhaupt flunkerte, was täten wir ihm denn Entsprechendes an? »Er hat Fantasie«, entgegnete ich müde, aber Mutter dachte und dachte, Judith und mich anklagend, weiter laut vor sich hin.
»Siehst du, so ist das, Judith«, sagte ich, als sich endlich die Aufzugtür hinter Mutter schloss. »Zu hart, zu weich, viel zu müde, längst wach, siehst du denn nicht, du Unmensch du, Unmutter, dass Fieber, ungesundes Essen, wie kannst du nur.«
»Ich verstehe«, antwortete Judith, und tatsächlich wurde es ein wenig besser. Bis zu unserem nächsten Streit. Diesmal stand er unter dem Thema »Schon groß genug« / »noch viel zu klein« – aber das wäre eine neue Geschichte, und ich denke, Ihnen reicht dieser Ausschnitt.


Bettenroulette

Dass man morgens beim Aufwachen nicht weiß, wo man gerade aufwacht, scheint eher zu einer Studentin zu gehören als zu einer verheirateten Familienmutter. Doch genauso ist es: Ich weiß abends nie, wo ich morgens aufwachen werde. Für Judith war die Eingewöhnung noch schwerer, als sie nach ihrem Dienstjahr im Kosovo endlich wieder auf ein wenig Ruhe, Kontinuität und Privatheit hoffte. Doch auch sie hat sich dem Bettenroulette inzwischen vollständig ergeben.
Ich erkläre es Ihnen mal: Abends legen wir David in sein Bettchen. Ich singe ihm »Schneeflöckchen, Weißröckchen« vor, sein Lieblingslied, bis er Ruhe gibt. Achtmal »Schneeflöckchen, Weißröckchen« nacheinander – im Hochsommer – sind keine Seltenheit. Um nicht irre zu werden, habe ich psychisch auf eine innere Endlosschleife geschaltet. Währenddessen gehe ich im Kopf durch, was ich morgen einkaufen will. Als ich unabsichtlich beginne, »Schokolade, Bratwürstchen« zu singen, schickt David mich weg und schreit nach Mami. Judith löst mich dann beim Schneeflöckchen-Weißröckchen-Singen ab. Für gewöhnlich kommt sie mit drei Wiederholungen davon, dann schläft David tief und fest.
Judith guckt anschließend eine Runde Fernsehen, ein großes Glas Rotwein in der Hand, während ich ernsthaftes Zeug lese, Roland Barthes’ Trauerbuch über seine Mutter und dergleichen, denn ich habe in meiner Angeschlagenheit das Gefühl, mir wird die Lebenszeit knapp und ich muss die Bücher, die ich noch lesen will, bald lesen. Anderthalb Stunden später putzen wir uns gemeinsam die Zähne und schlüpfen ins Ehebett, um nach einer kurzen Umarmung sofort in einen tiefen, traumlosen Schlaf zu fallen.

Kind im Kinderbett, Eltern im Elternbett – es könnte so schön sein. Manchmal klappt es tatsächlich. Häufiger sieht es jedoch so aus: Judith fehlt morgens, stattdessen liegt ein kleiner schnarchender David neben mir wie Amor neben Venus. »Wo ist Mami?«, fragt David gleich nach dem Aufwachen anklagend, als hätte ich sie vertrieben. Wir gehen Judith suchen. Sie liegt völlig zerschlagen im Gästezimmer und behauptet, wir hätten beide so laut geschnarcht, dass es trotz Ohrstopfen nicht auszuhalten gewesen wäre mit uns.
Die Steigerung: David kriecht morgens um vier in unser Bett, ohne dass ich viel davon mitbekomme. Erst als er sich offenbar gedreht hat und Judith, wohl im Albtraum, mit seiner kleinen Ferse kräftig unters Kinn tritt, schrecke ich hoch. Sie hatte nämlich gerade ihre Zungenspitze zwischen den Zähnen und brüllt.
Judith droht David mit Haue, David heult empört. Ich trage ihn ins Arbeitszimmer, lege mich mit ihm aufs Gästebett und schlafe, den Jungen im Arm. Irgendwann wird er mir zu heiß und das Neunzig-Zentimeter-Bett mit ihm zu eng. Also lasse ich David im Arbeitszimmer und schleiche mich zurück ins Ehebett. Judith ist aber fort. Ich bin zu müde zum Suchen.
Am nächsten Morgen finde ich sie in ihrem Lesesessel im Wohnzimmer. Eine total erschöpfte Judith, im Sitzen schlafend, sieht mit Bäuchlein, Doppelkinn und schlafwirrer Mähne echt gruselig aus, wie Balzac nach einem Schlaganfall. Sie sagt, nachdem ich sie mit einem Becher Kaffee wiederbeleben konnte, sie habe sich, als sie David nachmittags aufs Klettergerüst gehoben hätte, irgendetwas gezerrt und fände gerade nur im Sitzen Schlaf. Also verbringt sie ein paar Nächte im Sessel, bis sich ihr Rücken wieder entspannt hat.
In der dritten Nacht schlafen Judith und ich tief und fest. Bloß am nächsten Morgen um fünf, als ich auf dem Weg zur Toilette nur einmal kurz in die offen stehende Tür schaue, ist das Kinderbett leer. Wo ist David? Im Gästezimmer ist er nicht. Auf dem Sofa auch nicht, ebenso wenig in der Badewanne oder im Wäschekorb. Panisch wecke ich Judith: »Er ist zur Wohnungstür raus!« Doch der Schlüssel steckt und abgeschlossen war auch. Schließlich sieht Judith, dass sich das Plaid in ihrem Lesesessel minimal hebt und senkt. Als sie es lupft, entdeckt sie darunter den schlafenden David. Er wollte vielleicht auch einmal dort schlafen, wo seine geliebte Mami geschlafen hat. Gerührt hebt Judith das erst neunzig Zentimeter große Kind auf und trägt es in unser Ehebett. Ich bleibe erschöpft auf dem Sofa liegen. Es gelingt mir, dort noch eine Stunde zu schlafen, bis der Wecker geht.
Oder David kann trotz stundenlangen Schneeflöckchen-Singsangs und ähnlicher Maßnahmen nicht schlafen. Wir kapitulieren und lassen ihn bei uns im Ehebett, obwohl wir eigentlich zärtlich sein wollten.
Judith urteilt, wir können auch mit schlafendem Kind zärtlich sein, findet es aber unerotisch, wenn ich während des Akts die halbe Zeit die Luft anhalte, aus Angst, mir könnte ein Lustschrei entfahren und David wecken. Also ziehen wir um aufs Sofa. Dort atme ich jedoch nur minimal entspannter, weil unsere Trennwände wie Papier sind. Beim Orgasmus hauche ich »Ach!«, wie eine Figur aus »Die Leiden des jungen Werther«, und Judith rauscht zornig ins Arbeitszimmer, einen Band »Mein heimliches Auge« zur Masturbation unterm Arm.
Ich bin traurig. Außerdem kann ich auf dem durchgelegenen Bettsofa nicht gut liegen. Also ziehe ich um auf den Fußboden. Dort findet mich Judith am nächsten Morgen und glaubt zunächst, ich wäre tot. Ihr aufgeregtes Wimmern rührt mich und zumindest geben wir uns einen langen schmelzenden Kuss, wenn es schon mit dem Sex nicht geklappt hat.
Und so weiter und so fort. Mal wache ich im Ehebett auf, mal auf dem Sofa, mal im Arbeitszimmer oder im Lesesessel. Judith ergeht es genauso. Einmal habe ich sie morgens sogar auf dem Klo gefunden, wo sie, ein Magazin auf dem Knien, eingenickt war. Seit David, dem Gitterbett entwachsen, ein normales Bett hat, ist eine neue Variante hinzugekommen: Mama soll sich beim Schneeflöckchen-Singen (»Scheißflöckchen«, knurrt Judith, wenn David nicht hinhört) neben David legen, sonst droht er mit Riesengeschrei und damit, nie, nie mehr einzuschlafen.
Da David wirklich nur abends tyrannisch ist, aus Furcht vor dem Abgrund der Nacht, und Mama todmüde, gibt sie nach. Bei »Schneeflöckchen, du deckst uns die Blümelein zu« fallen ihr selbst die Augen zu. Judith steckt den Kopf ins dunkle Zimmer, sieht, dass ich in Davids Bett eingeschlafen bin, und holt David zu sich ins Ehebett, damit ich ihn »im Schlaf nicht erdrücke«, wie sie mir am nächsten Morgen gesteht. So fett bin ich nun auch nicht, denke ich sauer, schlucke aufkeimende Zankworte jedoch routiniert herunter. Jedenfalls sehe ich beim Aufwachen ein Dinosaurier-Mobile über mir und bin von Plüschtieren umringt. Vor mir steht David, bietet mir ein halb zerkrümeltes Croissant an und fragt »Gut geslafen?«.
Und das fast Nacht für Nacht, ohne Pardon.
Eigentlich geht es uns gut, seit Judith aus dem Kosovo zurück ist. Wir fühlen uns endlich komplett als Familie. Die Mutter-Kind-Kur an der Ostsee im März sehne ich dennoch herbei. Judith sagt, sie hätte auch gerne eine.

Rollercoaster

In den letzten Wochen sitze ich häufiger mit einem Schnaps auf dem Sofa – dem billigen Raki, den ich sonst nur nehme, um Hacksteaks damit zu würzen. Einen Fingerbreit ins Glas, dann mit Wasser auffüllen, bis es milchig wird, und runter damit. Schuld ist Davids Roller. Nein, schuld ist eigentlich David, Besitzer des Rollers. Nein, im Grunde ist niemand schuld, denn Kinder sind nun einmal schusselig. Meine Nerven sind nach diesen Rollerdramen aber erst mal ruiniert, und weil niemand schuld ist, pichele ich mir einen, denn all diese Kontingenz ist einfach nicht zum Aushalten.
David, acht Jahre alt, hat einen schicken roten Kinderroller aus Aluminium. Damit fährt er seit Neustem zur Grundschule, weil der Freund, den er seit Weihnachten abholt, schon seit Längerem den Roller für den Schulweg nutzt. Sein Freund fährt, soweit mir bekannt ist, problemlos Roller – nicht so David. Irgendetwas ist immer.
Zuerst hat David den dreistelligen Code fürs Zahlenschloss vergessen und konnte seinen Roller nicht am Schulhofzaun abschließen, so dass er ihn hinter dem großen grauen Kasten für Rollsplitt versteckte. Beim Abholen wusste er dann nicht mehr, wo er ihn gelassen hatte. Wir suchten erst einmal jeden Winkel des Schulhofs ab, bis David das erstklassige Rollerversteck wieder einfiel.
Was haben wir den dreistelligen Code – 698 – mit ihm geübt! »Bauch unten, Bauch oben, zwei Bäuche«, paukte Judith ihm ein, denn der Junge hat ein gutes visuelles Gedächtnis. Schließlich saß die Zahlenfolge. Doch beim nächsten Abholen geriet David das Zahlenschloss in die Speichen meines Lastenrads, und es ging durch Schreddern kaputt. Ab in den nächsten Mülleimer.
Ich kaufte ein einfaches Spiralkabelschloss für Davids Roller, ohne Zahlen. Das ging auch einige Tage lang gut, bis David den Schlüssel in der Turnhalle verlor, obwohl ich diesen mit einem Karabinerhaken an seinem Hosenbund befestigt hatte.
»Wie konnte das passieren?«, frage ich meinen Sohn, der mir schon bis zum Busen reicht, dumpf.
»Weiß nicht, Mama!« Und dann die Steigerung: »Ich kann nichts dafür!«
Ich blickte in seine treublauen Augen, die er strahlen ließ, um mein Herz zu erweichen, und wusste nichts zu entgegnen. »Der meint das nicht böse«, bimste ich mir ein. »Er ist noch ein Kind.«
»Ha!«, dachte ich triumphierend. »Ich bin doch nicht doof! Ich bin gut gerüstet, denn ich habe nicht nur einen, sondern zwei Ersatzschlüssel für dieses Rad! So schnell kriegt mich dieser Roller nicht klein!«
Am nächsten Abend war das Spiralkabelschloss weg. David sagte, er hätte es in der Diele seines Klassenkameraden verloren, als er ihn abholte. Ich fragte dessen Mutter per WhatsApp, ob sie ein schwarzes Spiralkabelschloss bei sich im Flur gefunden hätte, und sie versprach mir, nachzuschauen, aber ich hörte in dieser Sache nichts mehr von ihr. Alle Eltern sind chronisch überlastet, macht nichts.
Ich schrieb auch das Spiralkabelschloss ab, beerdigte es abends mit einem Raki.
Einige Tage später vergaßen wir beide den Roller, als ich David um drei abholte. Muss ich fairerweise sagen – ich habe auch nicht an ihn gedacht oder seine Existenz möglicherweise verdrängt, bei dem Ärger, den er mir wöchentlich macht.
»Macht nichts«, dachte ich tapfer, an einen klitzekleinen Raki denkend, »ich hole ihn einfach abends nach dem Einkaufen ab, wenn ich eh mit dem Lastenrad unterwegs bin.« Das war ein großes Dreirad mit einer großen Holzkiste vorne. Der Roller passte noch mühelos hinein zu den Wasserkästen.
Abends fuhr ich dann mit dem Lastenrad auf den Schulhof. Zum Glück stand das Tor offen, weil abends Sportvereine die Turnhalle nutzten.
Kein Roller.
Mein Vorderlicht konnte mit dem Suchscheinwerfer eines Helikopters mithalten. Ich suchte alle mir bekannten Ecken ab: hinter dem Kasten mit Rollsplitt, hinter der Tischtennisplatte, beim Schuppen mit dem Spielgeräten, im Schulgarten etc.
Nichts.
Ich dachte, ich fange gleich an zu heulen.
Sisyphos live.
Zuhause begann ich, David gründlich zur Schnecke zu machen. Ich bin ansonsten eine ganz Liebe, Sanftmütige, Geduldige, aber an diesem Abend verließen sie mich. »100 Euro!«, brüllte ich meinen ahnungslosen Sohn an. »Weg! 100 Euro! Davon könnte man halb Burkina Faso ernähren!« Super, ich wollte ihm eigentlich nie Schuldgefühle wegen hungernder Afrikaner machen, wie meine Mutter seinerzeit bei mir, und jetzt tat ich es. »Weißt du das eigentlich?«, brüllte ich ungehemmt weiter.
Meine Frau versuchte mich zu bremsen. »Kinder sind so!«, versicherte sie mir. Nach einer Viertelstunde gelang es ihr, mich von David wegzuführen, der in Tränen ausgebrochen war und mir den gesamten Inhalt seines Sparschweins als Wiedergutmachung anbot. »Nimm! Mama, nimm!«, weinte er, herzerweichend.
Das hatte er schon einmal getan, als er nämlich die kleine LED-Lampe, die ich ihm zur Beleuchtung seines Rollers für den dunklen winterlichen Schulweg gekauft hatte, sogleich auseinandernahm, gründlich untersuchte – und zerstörte. Damals war es allerdings nur um 2,50 Euro gegangen, die ich ihm zur Sühne abnahm, nicht um sein gesamtes Erspartes. Das brachte ich nicht übers Herz.
Ich brütete inzwischen mit einem Raki in der Badewanne, per Smartphone bei E-Bay nach gebrauchten Rollern suchend. Nichts, nur minderwertige Fabrikate.
Kurzentschlossen legte ich einen neuen Roller desselben Fabrikats, das David fuhr, nur schwarz statt rot, in den Warenkorb bei Amazon und drückte, Tränen in den Augen, auf »Jetzt kaufen«. Eigentlich hatte ich mir endlich mal wieder eine neue Jeans kaufen wollen.
Da kam Judith ins Bad gestürmt: »Stell dir vor, Maximilian hat Davids Roller mit zu sich nach Hause geschleppt, damit er auf dem Schulhof nicht geklaut wird! Seine Mutter hat sich eben gemeldet.«
Diesmal hatte unser Sohn das neue, giftgrün ummantelte Zahlenschloss in seinem Spind im Klassenraum vergessen. Daher konnte er seinen Roller mal wieder nicht abschließen.
Ich weiß nicht, was uns dieser rote Roller noch bringen wird. Ich weiß nur, dass die Raki-Flasche bald leer ist, auch nicht nachgekauft wird, und dass ich kein schlechtes Gewissen bei der Vorstellung habe, mich später als demente Alte an David zu rächen.
»Mama, wo sind bloß wieder deine Schuhe?!«
»Oh, sind sie weg? Keine Ahnung, David!«
Seniorinnen sind so, die können einfach nichts dafür.



Ganzkörperliebe


Liebe ist eine körperliche Regung – sie fährt mir in die Glieder. Wäre die Liebe kein physischer Reflex, so hätte ich mich nach fünfundzwanzig Jahren längst von meiner Freundin getrennt. Denn mein Körper vor allem ist es, der mir sagt, dass ich sie liebe, nicht dulde. Sobald abends ihr Schlüssel in der der Wohnungstür geht, beginnt in meinem Sonnengeflecht ein warmes Kribbeln, das sogleich bis in die Nervenenden dringt.

Die Region unterhalb des Bauchnabels nennt man auch Bauchhirn; es arbeitet eng mit dem Kopfhirn zusammen. Ja, der Unterleib denkt, der ganze Körper denkt, nicht nur der Kopf. Aufgrund meiner »Schmetterlinge im Bauch« kann ich mir also intuitiv sicher sein, dass ich gute Gründe haben muss, meine Freundin zu lieben. Zumal meine außerehelichen erotischen Obsessionen letztlich nur in meinem Kopf toben, »mind fuck« bleiben, selbst wenn es tatsächlich zu Intimitäten kommt.
Die Liebe zu meinem Sohn spüre ich vor allem im Herzen. Es gibt doch diese Madonnenstatuetten, bei denen sich Maria an ein riesiges rotes Herz fasst, von dem Strahlen ausgehen. Genauso fühle ich mich, wenn ich den schlafenden David betrachte (wach nervt er momentan). Als Protestantin war mir die Mutter Jesu bisher schnurz, aber seit ich selbst einen Sohn habe, beginne ich durchaus mit ihr zu sympathisieren, à la »Maria und ich«. Mein Herz pulsiert und strahlt und bezieht, für einen Moment, die ganze Welt in meine Freude ein.

Wenn in mir jemand freundschaftliche Gefühle weckt, glühen mir die Ohren. Mein ganzes Gesicht lebt auf: ein breites Lächeln hebt die Kaumuskeln, die Nasenspitze kribbelt, die Augen leuchten, und die Ohren hören das leiseste Geräusch, das mein Gegenüber äußert. Ich bin eine leidenschaftliche Freundin, unendlich neugierig auf andere Menschen. Ist es Liebe, die ich für meine Freundinnen und Freunde empfinde, oder eine tiefe warme genießende Sympathie, gepaart mit Treue? Machte es einen Unterschied?

Eine körperliche Manifestation der Liebe traf mich besonders. In der Nacht, als meine Mutter im Sterben lag, musste ich sie schließlich gegen zwei Uhr morgens verlassen. Eine ihrer anwesenden Freundinnen, eine todesgewohnte Krankenschwester, riet mir zum Aufbruch, denn ich war, einen fiebernden Säugling umgebunden, mit den Kräften am Ende, und das Sterben würde meiner Mutter leichter fallen, wenn ich ginge und sie durch meine pure Anwesenheit nicht länger ans Leben bände. So setzte ich mich neben ihr Bett, streichelte ihre Hände und verabschiedete mich in ernsten, liebevollen Worten von ihr, nicht glaubend, dass sie mich noch hörte, denn ihre Agonie dauerte schon Stunden.

Plötzlich spürte ich, wie ein kaum wahrnehmbares Zittern durch ihren Körper ging, wie die einzige Reaktion, die ihr Körper noch aufbringen konnte, um mir ihre Liebe zu bekunden – das Zittern eines Schmetterlingsflügels. Meine Mutter, ein äußerst willensstarker Mensch, muss im Sterben ihre letzte Kraft aufgebracht haben, um mir ein letztes Zeichen zu geben. Das ist Liebe.




©konkursbuch Verlag Claudia Gehrke 2017



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Zum Buch:
Judith und Henrike sind schon lange zusammen, als Henrike eines Tages eine beunruhigende Lust – eher Gier – entwickelt, auf Affären, auch auf Männer. Sie empfand sich bis dahin immer als ausschließlich lesbisch. Doch in dieser Phase erotisiert sie alles. Sogar der Duft nach sauren Boskoop-Äpfeln. Bis sie realisiert, was sie wirklich umtreibt: Der Wunsch nach einem Kind, physisch wie Hunger oder Durst. Als sie diesen Wunsch Judith mitteilt, hält diese es für eine von Henrikes üblichen Obsessionen, die vorübergehen würde. Doch Henrike lässt nicht locker.
Es beginnt eine Zeit unglaublicher Abenteuer, bis das Kind auf die Welt kommt. Dann folgt der chaotische Alltag mit Kind, und das, was mit einer Beziehung passiert, wenn ein Kind da ist: wo bleiben die Liebe, die Lust?  (Und trotzdem: der Wunsch nach einem zweiten). Henrike Lang erzählt vom Babyalter bis zum Schulkindalter von acht Jahren: ein großes Lesevergnügen zwischen Bettenroulette, Virenschleudern, Schwimmenlernen, Elternabenden und der Suche nach dem Roller.

Unterhaltsam und augenzwinkernd selbstkritisch. Sie schreibt mitten aus dem Leben, so, wie es wirklich ist, erschöpfend, umwerfend komisch und herzerwärmend. Vermutlich jede Mutter wird die eine oder andere Situation wiedererkennen.
"Henrike Lang schildert frisch, flott und frei von der Leber weg Episoden mitten aus dem Leben heraus – und plaudert vermutlich aus dem eigenen Nähkästchen, in dem sich bei Weitem nicht nur Babyöl und Bauklötzchen befinden, sondern auch z.B. Sicherheitsnadeln, mit denen sich notfalls Risse in einer langjährigen Beziehung zusammenhalten lassen. Kritisch-klare Worte liegen ihr ebenso wie umwerfend witzige Schilderungen, und so lässt sich ihr Buch unverkrampft und sehr unterhaltsam lesen – und zwar ausdrücklich nicht nur von lesbischen Müttern und solchen, die es werden wollen." (Hajo)


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