Dorrit Cadura-Saf:

„Man ist immer so alt, wie man sich fühlt“.Wo sollte nun die Wahrheit dieser Weisheit liegen, wenn ich selbstvergessen, im Gefühl einer Dreißigjährigen mit elegantem Hechtsprung ins Schwimmbecken tauche und danach ein paar Halbwüchsige (heute heißt das ja Kids) dies so kommentieren: „Kieck ma, die Oma von mein Grufties - ätzend!“ Ich hege den Verdacht, dass jene Glaubensweisheit nur von einem Mann kommen kann – betuchtes älteres Semester aber krachgesunder Patriarch ohne Gicht und Rheuma, dem jüngere Damen ins Ohr gehaucht haben müssen, was für ein toller Hecht er noch sei.

Es scheint, als würde man in Schüben alt. Noch vor kurzer Zeit hat mich niemand als Oma bezeichnet, und letzte Woche geschah mir das gleich zwei Mal. Was ist Oma? Ein zärtliches Wort für lieb und doof, fand ich immer.

Vor dieser Ernennung geschah aber noch Folgendes: Steptanz in der Volkshochschule, ein neuer Schritt wurde eingeübt, den ich aus früheren Zeiten noch ganz gut konnte. Da sagte meine linke Nachbarin zu ihrer Nachbarin linkerhand: „Also, alt musste sein, denn biste jut druff!" Immerhin, eine bemerkenswerte Schlussfolgerung. Aber seltsam, ich hatte diese Mittänzerin oder Mitschülerin keineswegs für so jung gehalten, als dass sie von mir hätte denken, geschweige dann zum Ausdruck bringen dürfen, dass ich alt bin.

Vorgestern fuhr ich mit dem Fahrrad auf dem Bürgersteig (jedenfalls quetsche ich mich nicht auf den Hauptverkehrsstraßen zwischen die überwiegend irrsinnigen Autofahrer). Eine Frau, etwa in meinem Alter, kam mir entgegen, hob ihre vollen Plastiktüten mit ausgebreiteten Armen hoch als wollte sie mir den Weg versperren und sagte amüsiert: „Na, Oma, is wohl nüscht mea mipm Vakea?" Ich hatte nicht den Eindruck, dass sie es so von Oma zu Oma meinte, eher, dass sie sich bedeutend jünger einschätzte als mich. Gestern nun, um 23 Uhr, komme ich aus dem Kino, wieder auf dem Fahrrad, wieder auf dem Bürgersteig. Ein grimmiger Fünfzigjähriger schnauzte mich an: „Das hier ist ein Bürgersteig!“ Pause. Dann: „Oma!“

Ich war gekränkt, wütend und sprachlos. Meinen gesamten, wenn auch dürftigen Mut nahm ich zusammen, überholte ihn und lauerte ihm in angemessenem Sicherheitsabstand auf. Von dort rief ich ihm zu: „Na, Großväterchen, haben wir heute die große Aggressionsablade?" Obwohl ich wusste, was für unqualifiziertes Zeug ich da von mir gab, fühlte ich mich ein bisschen besser danach. Erst schaute er mich an, als hätte er mich vorher nie gesehen, dann blickte er weg. Auf eine solche Pöbelei ließ er sich offensichtlich nicht ein.

„Was, Sie sind schon 64? Das hätte ich nie gedacht!" Und alle Beteiligten glauben, es handele sich um ein Kompliment. Möglicherweise meinten die Komplimentspender, man sei 63 1/2. Von sich selbst denken jene dann - nein, nein. Sie glauben es halt, dass sie immer so jung bleiben werden, wie sie sich fühlen.

Selbstverständlich hat das Alter nicht nur diese verstörenden Seiten. Wenn der alte Mensch noch einigermaßen beisammen ist, kann er ganz neue, geradezu anarchische Freiheiten entdecken. Man muss niemandem mehr gefallen. Wir müssen uns nicht mehr anpassen. Und wenn wir jemandem sagen, dass er ein Arschloch sei, dann bleibt das im Allgemeinen folgenlos. Der Zwang zum Wohlverhalten entfällt, und es ist ein köstlicher Augenblick, wenn sich unser Bewusstsein dieser Tatsache öffnet.

Ja, ja, solche Altersträumereien an meinen preußischen Zentralheizungen freuen mich gelegentlich.

 

Louise Adler, Altersgrenze:

An was grenzt die Altersgrenze? Ist sie innen oder außen? Wen oder was trennt sie voneinander? Taucht sie zufällig auf oder wird sie unweigerlich erreicht? Muss jeder sie passieren oder geht man freiwillig, gar gerne hindurch? Wer wird beim Grenzübergang kontrolliert, wer kontrolliert? Muss man Zoll entrichten, und wenn, wofür? Gibt es Dinge, die man durchschmuggeln sollte? Wer wird ohne weiteres durchgelassen, wer zurückgewiesen? Ist sie eine fließende Linie, die jeder berührt und durchstößt, ohne es zu merken? Ist sie ein Schlagbaum, der nur einmal hochgeht, mich durchlässt und sich für immer hinter mir schließt? Eine Hürde, über die ich den letzten, sportlichen Sprung wage?

Gibt es auch eine Kindheits-, eine Jugendgrenze?

Das Gelände jenseits der Altersgrenze, wie sieht es aus? Wie ist die Luft, wie das Licht? Gibt es dort nur eine Jahreszeit? Gehen die Uhren anders? Richtet man sich anders ein? Welche Sprache wird gesprochen? Welche Gesetze bestimmen das Miteinander?

Lohnt es sich hindurchzugehen?