Mein heimliches Auge

Leseprobe

Innendrin ist meine Geliebte ganz zart … Es gibt verschiedene Innendrins. Wenn ich z.B. die Lederjacke, gekühlt vom Winterwetter, aufzerre und meine Arme um ihre Hüften schlinge, dann ist es außen an meinen Armen brettig und schwer und innen an meinen Armen heiß und zart … Meine Geliebte weitet sich, wenn sie erregt ist, was vielleicht banal und in jedem Aufklärungsbuch nachzulesen ist, für mich aber ist es ein Wunder und sehr erregend. Ich kann einen Finger in sie graben, ich kann zwei oder drei Finger in sie bohren, ich kann die ganze Hand in ihr versenken … Mir ist egal was die Feministinnen sagen, mir ist egal, was Elfriede Jelinek sagt, mir ist egal, was meine Eltern sagen und die Nachbarn. Ich will Sex. Ich bin eine Frau mit weit gespreizten Beinen, ich will mit stoßenden Bewegungen erfüllt werden, ich will bumsen bis meine Geliebte schreit, ich will im Erschöpfen noch mit schmetterlingsgleichen Händen berührt werden, ich will hören und vergehen … Ich will Sex. Sex will ich. Sex und Sprache. Es gibt eine lange Diskussion darüber, ob Frauen über Sex sprechen können, ohne männliche Muster zu reproduzieren. Fast alle sagen, daß es für Frauen keine Sprache über Sexualität gibt, die sie nicht erniedrigen würde. Fast alle plappern diesen Unsinn nach, fahnden verzweifelt nach der weiblichen Sprache, nach der weiblichen Sexualität, nach der weiblichen Was-weiß-ich. Fast alle zementieren damit den binären Blödsinn des Patriarchats … solange ich eine Seele und Genitalien habe, habe ich auch eine Sprache um darüber zu reden. Die Wörter sind das Brot, der Sinn ist die Konfitüre, ich lasse mich nicht mundtot machen. Ich nehme die Sexwörter und spachtle sie mit Butter und Himbeermarmelade … Was erregt mich? … Zuweilen sind es die Gegenstände in der Küche meiner Geliebten, die stumme Verschwiegenheit der Pfannen und Töpfe, die stille Glanz der Dinge, mit denen sie sich umgibt … Schere, Tipp-Ex, verstreute Bücher … ich stelle mir vor, wie sie dieses und jenes berührt, geistesabwesend, unaufmerksam für den einzelnen Gegenstand … noch während ich schaue, verwandele ich mich in diese Gegenstände, um allgegenwärtig zu sein, ohne zu stören … Ihrer Vereinzelung geselle ich mich zu, und aus diesem Pakt mit den Dingen strömt eine rätselhafte, fast schmerzhafte Erregung … Zuweilen istes ein Wort, ein Satz oder nur eine Intonation … eine winzige Akzentverschiebung, die in den Körper fährt, unmittelbar verwandelt in Begehren, ohne daß man wüßte warum … Ein Teil der Erregung ist ihre Unberechenbarkeit …

(Nicole Müller in "Mein heimliches Auge XI")

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