Leseprobe
Innendrin ist meine Geliebte ganz zart
Es gibt verschiedene Innendrins. Wenn ich z.B. die
Lederjacke, gekühlt vom Winterwetter, aufzerre und meine Arme um ihre Hüften schlinge, dann
ist es außen an meinen Armen brettig und schwer und innen an meinen Armen heiß und
zart
Meine Geliebte weitet sich, wenn sie erregt ist, was vielleicht banal und in jedem
Aufklärungsbuch nachzulesen ist, für mich aber ist es ein Wunder und sehr erregend. Ich kann
einen Finger in sie graben, ich kann zwei oder drei Finger in sie bohren, ich kann die ganze Hand in ihr
versenken
Mir ist egal was die Feministinnen sagen, mir ist egal, was Elfriede Jelinek sagt,
mir ist egal, was meine Eltern sagen und die Nachbarn. Ich will Sex. Ich bin eine Frau mit weit
gespreizten Beinen, ich will mit stoßenden Bewegungen erfüllt werden, ich will bumsen bis
meine Geliebte schreit, ich will im Erschöpfen noch mit schmetterlingsgleichen Händen
berührt werden, ich will hören und vergehen
Ich will Sex. Sex will ich. Sex und
Sprache. Es gibt eine lange Diskussion darüber, ob Frauen über Sex sprechen können, ohne
männliche Muster zu reproduzieren. Fast alle sagen, daß es für Frauen keine Sprache
über Sexualität gibt, die sie nicht erniedrigen würde. Fast alle plappern diesen Unsinn
nach, fahnden verzweifelt nach der weiblichen Sprache, nach der weiblichen Sexualität, nach der
weiblichen Was-weiß-ich. Fast alle zementieren damit den binären Blödsinn des
Patriarchats
solange ich eine Seele und Genitalien habe, habe ich auch eine Sprache um
darüber zu reden. Die Wörter sind das Brot, der Sinn ist die Konfitüre, ich lasse mich
nicht mundtot machen. Ich nehme die Sexwörter und spachtle sie mit Butter und
Himbeermarmelade
Was erregt mich?
Zuweilen sind es die Gegenstände in der
Küche meiner Geliebten, die stumme Verschwiegenheit der Pfannen und Töpfe, die stille Glanz
der Dinge, mit denen sie sich umgibt
Schere, Tipp-Ex, verstreute Bücher
ich
stelle mir vor, wie sie dieses und jenes berührt, geistesabwesend, unaufmerksam für den
einzelnen Gegenstand
noch während ich schaue, verwandele ich mich in diese
Gegenstände, um allgegenwärtig zu sein, ohne zu stören
Ihrer Vereinzelung
geselle ich mich zu, und aus diesem Pakt mit den Dingen strömt eine rätselhafte, fast
schmerzhafte Erregung
Zuweilen istes ein Wort, ein Satz oder nur eine Intonation
eine
winzige Akzentverschiebung, die in den Körper fährt, unmittelbar verwandelt in Begehren, ohne
daß man wüßte warum
Ein Teil der Erregung ist ihre
Unberechenbarkeit
(Nicole Müller in "Mein heimliches Auge XI")
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