Leseprobe
Sex will ich. Sex und Sprache. Es gibt eine lange Diskussion darüber, ob Frauen über
Sex sprechen können, ohne männliche Muster zu reproduzieren. Fast alle sagen, daß es
für Frauen keine Sprache über Sexualität gibt, die sie nicht erniedrigen würde. Fast
alle plappern diesen Unsinn nach, fahnden verzweifelt nach der weiblichen Sprache, nach der weiblichen
Sexualität, nach der weiblichen Was-weiß-ich. Fas alle zementieren damit den binären
Blödsinn des Patriachats
solange ich eine Seele und Genitalien habe, habe ich auch eine
Sprache um darüber zu reden. Die Wörter sind das Brot, der Sinn ist die Konfitüre, ich
lasse mich nicht mundtot machen. Ich nehme die Sexwörter und spachtle sie mit Butter und
Himbeermarmelade
was erregt mich?
Zuweilen sind es die Gegenstände in der
Küche meiner Geliebten, die stumme Verschwiegenheit der Pfannen und Töpfe, der stille Glanz
der Dinge, mit denen sie sich umgibt
Schere, Tipp-Ex, verstreute Bücher
ich
stelle mir vor, wie sie dieses und jenes berührt, geistesabwesend, unaufmerksam für den
einzelnen Gegenstand
noch während ich schaue, verwandele ich mich in diese
Gegenstände, um allgegenwärtig zu sein, ohne zu stören
Ihrer Vereinzelung
geselle ich mich zu, und aus diesem Pakt mit den Dingen strömt eine rätselhafte, fast
schmerzhafte Erregung
Zuweilen ist es ein Wort, ein Satz oder nur eine
Intonation
eine winzige Akzentverschiebung, die in den Körper fährt, unmittelbar
verwandelt in Begehren, ohne daß man wüßte warum
Ein Teil der Erregung ist
ihr Unberechenbarkeit
. (Nicole Müller)
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