Mein lesbisches Auge

Leseprobe

“Sex will ich. Sex und Sprache. Es gibt eine lange Diskussion darüber, ob Frauen über Sex sprechen können, ohne männliche Muster zu reproduzieren. Fast alle sagen, daß es für Frauen keine Sprache über Sexualität gibt, die sie nicht erniedrigen würde. Fast alle plappern diesen Unsinn nach, fahnden verzweifelt nach der weiblichen Sprache, nach der weiblichen Sexualität, nach der weiblichen Was-weiß-ich. Fas alle zementieren damit den binären Blödsinn des Patriachats … solange ich eine Seele und Genitalien habe, habe ich auch eine Sprache um darüber zu reden. Die Wörter sind das Brot, der Sinn ist die Konfitüre, ich lasse mich nicht mundtot machen. Ich nehme die Sexwörter und spachtle sie mit Butter und Himbeermarmelade … was erregt mich? … Zuweilen sind es die Gegenstände in der Küche meiner Geliebten, die stumme Verschwiegenheit der Pfannen und Töpfe, der stille Glanz der Dinge, mit denen sie sich umgibt … Schere, Tipp-Ex, verstreute Bücher … ich stelle mir vor, wie sie dieses und jenes berührt, geistesabwesend, unaufmerksam für den einzelnen Gegenstand … noch während ich schaue, verwandele ich mich in diese Gegenstände, um allgegenwärtig zu sein, ohne zu stören … Ihrer Vereinzelung geselle ich mich zu, und aus diesem Pakt mit den Dingen strömt eine rätselhafte, fast schmerzhafte Erregung … Zuweilen ist es ein Wort, ein Satz oder nur eine Intonation … eine winzige Akzentverschiebung, die in den Körper fährt, unmittelbar verwandelt in Begehren, ohne daß man wüßte warum … Ein Teil der Erregung ist ihr Unberechenbarkeit …”. (Nicole Müller)

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