Leseprobe
Erzähl mir doch eine Geschichte zum Einschlafen. Ich weiß keine.
Quatsch keinen Müll, du verdienst dein Geld mit Geschichten, also los, erzähl mir
eine. Was für eine? Ein Märchen. Kann es auch eine
Geschichte sein, die so unglaublich klingt, daß man denkt sie ist ein Märchen?
Mein Gott, frag doch nicht so viel. Erzähl mir jetzt endlich eine Geschichte! Also
gut, ich habe mal ein Katzenmädchen aus dem Fenster springen sehen. Es war kein Mädchen und
kein Junge, keine Katze und kein Vogel, und es war alles zugleich. Du lügst. Du hast mir
auch erzählt, du hättest mal ein Ufo gesehen Ich lüge nicht. Und ich habe mal
ein Ufo gesehen. Also, ES WAR EINMAL, vor zwanzig Jahren, in der Music-Hall am Walter Schreiber Platz.
Ich tanzte bis zur Erschöpfung. Die Klimaanlage lief zwar auf Hochtouren, aber du weißt ja,
das nützt dort nichts. Das Wasser lief mir runter, meine Klamotten klebten am Körper und gerade
lief Miss you von den Stones. Ich konnte nicht mehr tanzen und setzte mich auf das Podest, um
auszuruhen. Da entdeckte ich sie. Um genauer zu sein: da bemerkte ich, daß ich von ihr entdeckt
worden war. Sie schälte sich aus einem Pulk dichtgedrängter Menschen und kam auf mich zu,
wiegend, weich und geschmeidig. Ich hatte noch nie zuvor ein Mädchen so gehen sehen. Das faszinierte
mich, immerhin mußte sie etwa 15 Meter bis zu mir zurücklegen, und sie blickte nicht nach
links oder rechts, oder wohin sie ihre Füße setzen konnte. Es war brechend voll, aber sie
schaffte es, sich durch die Menge zu bewegen, zu gleiten und die ganze Zeit die Augen in meine zu bohren,
das war, ich weiß nicht, das war ein wenig unheimlich
Sie kam näher, blieb vor mir
stehen und sagte Hey, Du bist aber gutes Material.. Mir fiel die Klappe. Sie stand sehr dicht
vor mir, obwohl ich saß, überragte sie mich nur um wenige Zentimeter. Würde ich
aufstehen, dann könnte ich ihr locker auf den Kopf spucken, aber einstweilen war mir nicht nach
Spucken, sie hatte mir die Sprache verschlagen. Immerhin war ich ja noch ganz schön jung, siebzehn,
und in dem Alter ist man noch nicht so abgebrüht. Hey, sagte ich dann ziemlich
einfallslos. Hey wiederholte sie. Immer noch bohrte sich ihr Blick in meine Augen. Mir fiel
auf, daß sie bisher nicht ein einziges Mal mit den Lidern geblinzelt hatte. Und, noch
merkwürdiger, als einziger Mensch im ganzen Club besaß sie ein trockenes Gesicht. Alle anderen
glänzten vor Schweiß. Ich auch. Sie nicht. Setz dich doch, meinte ich. Nein
keine Lust. Steh du auf. Ich stand auf und hätte ihr tatsächlich ohne Probleme auf den
Kopf spucken können. Ich kicherte, sie packte mich im Genick, riß meinen Kopf nach unten,
preßte mir ihren Mund auf die Lippen, küßte mich wild, leidenschaftlich, tief und
dermaßen hart, daß mir schwindlig wurde vor Verlangen. Dann ließ sie mein Genick los
und ich blieb wie ein versteinerter Volltrottel unbeweglich stehen
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