Annette Berr: Das Mädchen Dinah

Leseprobe

“Erzähl mir doch eine Geschichte zum Einschlafen.” “Ich weiß keine.” “Quatsch keinen Müll, du verdienst dein Geld mit Geschichten, also los, erzähl mir eine.” “Was für eine?” “Ein Märchen.” “Kann es auch eine Geschichte sein, die so unglaublich klingt, daß man denkt sie ist ein Märchen?” “Mein Gott, frag doch nicht so viel. Erzähl mir jetzt endlich eine Geschichte!” “Also gut, ich habe mal ein Katzenmädchen aus dem Fenster springen sehen. Es war kein Mädchen und kein Junge, keine Katze und kein Vogel, und es war alles zugleich.” “Du lügst. Du hast mir auch erzählt, du hättest mal ein Ufo gesehen” “Ich lüge nicht. Und ich habe mal ein Ufo gesehen. Also, ES WAR EINMAL, vor zwanzig Jahren, in der Music-Hall am Walter Schreiber Platz. Ich tanzte bis zur Erschöpfung. Die Klimaanlage lief zwar auf Hochtouren, aber du weißt ja, das nützt dort nichts. Das Wasser lief mir runter, meine Klamotten klebten am Körper und gerade lief “Miss you” von den Stones. Ich konnte nicht mehr tanzen und setzte mich auf das Podest, um auszuruhen. Da entdeckte ich sie. Um genauer zu sein: da bemerkte ich, daß ich von ihr entdeckt worden war. Sie schälte sich aus einem Pulk dichtgedrängter Menschen und kam auf mich zu, wiegend, weich und geschmeidig. Ich hatte noch nie zuvor ein Mädchen so gehen sehen. Das faszinierte mich, immerhin mußte sie etwa 15 Meter bis zu mir zurücklegen, und sie blickte nicht nach links oder rechts, oder wohin sie ihre Füße setzen konnte. Es war brechend voll, aber sie schaffte es, sich durch die Menge zu bewegen, zu gleiten und die ganze Zeit die Augen in meine zu bohren, das war, ich weiß nicht, das war ein wenig unheimlich … Sie kam näher, blieb vor mir stehen und sagte “Hey, Du bist aber gutes Material.”. Mir fiel die Klappe. Sie stand sehr dicht vor mir, obwohl ich saß, überragte sie mich nur um wenige Zentimeter. Würde ich aufstehen, dann könnte ich ihr locker auf den Kopf spucken, aber einstweilen war mir nicht nach Spucken, sie hatte mir die Sprache verschlagen. Immerhin war ich ja noch ganz schön jung, siebzehn, und in dem Alter ist man noch nicht so abgebrüht. “Hey”, sagte ich dann ziemlich einfallslos. “Hey” wiederholte sie. Immer noch bohrte sich ihr Blick in meine Augen. Mir fiel auf, daß sie bisher nicht ein einziges Mal mit den Lidern geblinzelt hatte. Und, noch merkwürdiger, als einziger Mensch im ganzen Club besaß sie ein trockenes Gesicht. Alle anderen glänzten vor Schweiß. Ich auch. Sie nicht. “Setz dich doch”, meinte ich. “Nein keine Lust. Steh du auf”. Ich stand auf und hätte ihr tatsächlich ohne Probleme auf den Kopf spucken können. Ich kicherte, sie packte mich im Genick, riß meinen Kopf nach unten, preßte mir ihren Mund auf die Lippen, küßte mich wild, leidenschaftlich, tief und dermaßen hart, daß mir schwindlig wurde vor Verlangen. Dann ließ sie mein Genick los und ich blieb wie ein versteinerter Volltrottel unbeweglich stehen …

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