Dagmar Fedderke: Ein schöner fremder Mann

Leseprobe1

An eine Gefahr für sich denkt sie nicht. Die Fremdenpolizei war nie weiter entfernt, das gestohlene Portemonnaie hat sie vergessen.
Nach einigen Sekunden steht Marlene auf und beginnt langsam und sehr behutsam damit, den bewußtlosen Mann zu entkleiden. So sehr sie wünscht, daß er wieder aufwacht, so wenig möchte sie ihn unsanft wecken. Er soll nicht in einer hilflosen Lage zu sich kommen. Dann könnte er sich bedroht fühlen.
Mustapha befindet sich in einem süßen Traum. Er träumt tatsächlich von Musik, den Klängen der Dorffeste. Hätte man ihn nicht fortgeschickt mit der Last der Hoffnung, wäre da jetzt sicher ein schöner Sohn. Vielleicht gibt es ihn schon. Er sieht seinen Sohn an und die lächelnde Frau, an die sich sein Sohn schmiegt und an ihrer Brust nuckelt.
Mustapha ist mit vielen Dollars zurückgekehrt. Ein Fest wird gefeiert. Unter kühlem Wind salbt ihm die Mutter seines Sohnes vertraute Essenzen in den Rücken …
Marlene ist glücklich, daß sich der Koma-Mann so wenig gegen ihre Entkleidungs- und Reinigungsaktivitäten sträubt. Ganz und gar abgeseift und abgetrocknet liegt er friedlich da, auf der Couch, ihr bleibt nichts als die Schüssel, die Handtücher und alles Gerät zu versorgen. Sie holt eine Kaschmirdecke, deckt den Körper zu und ruft sich ihr Wissen über Musik ins Gedächtnis. Sie stellt das Radio an …
Da öffnet der Koma-Mann seine Augen. Er schaut Marlene an als käme er nicht von dieser Welt. Und streift die Kaschmirdecke vom Rücken, sie fällt auf den Teppich.
Marlene hat verstanden. Der Mann möchte berührt werden. Sie macht sich an die Arbeit. Er hat sich auf den Bauch gelegt, sie reibt Bodymilch in seinen Rücken und gerät ins Massieren. Er dreht sich um. “Da”, und sie sieht, was er meint. Was für ein herrliches Glied!

Leseprobe 2

Währenddessen arbeiten Fritz und Helene fieberhaft in der Praxis.
Heute wird schneller gebohrt als sonst. Die Patienten sind froh, daß alles so schnell geht. Helene entwickelt die sensationellen Aufnahmen und staunt jetzt selbst. So etwas hat sie noch nicht einmal während ihrer Ausbildung zu Gesicht bekommen. Immer, wenn sie nicht unmittelbar gebraucht wird, also beim Spritzengeben und Bohren, oder während der Trocknungszeiten von Gebissabdrücken, liest sie den Vortrag durch und erkennt genau, an welcher Stelle welches Bild gezeigt werden müßte. Als der letzte Patient die Praxis verläßt, findet Dr. Lutz die Konzeptseiten seiner Rede mit angeklammerten Bildern gespickt auf dem Schreibtisch. “Helene”, ruft er aus, “dass Sie das hingekriegt haben! Kommen Sie her!” Helene nähert sich dem Schreibtisch. Ihre Wangen glühen, die Ohren schimmern rötlich durch die langen Haare.
Dr. Lutz strahlt sie an, dann steht er auf und küsst sie auf den Mund. Eigentlich wollte er küssen, weil sie so gute Arbeit geleistet hat. Aber Helene erwidert seinen Kuss auf einer anderen Ebene. Der Kuss geht über den Austausch von Danksagungen hinaus. Dr. Lutz vergißt seine Arbeit, seinen Vortrag. Helene vergißt die von ihr selbst geputzte Alupraxis. Dr. Lutz küsst nicht zwischen die von ihm selbst regulierten Zähne, und Helene küsst nicht ihren Boss.
Dieser Kuss verwandelt Fritz in einen Mann mit Geschlechtsteil und Helene in eine Frau mit einem feuchten Höschen zuviel.
Alles andere versinkt im Nirgendwo. Genau dorthin bewegen sich zwei fremde Körper auf ein nur für sie gemachtes Lager. Sie empfinden nicht die Härte des Bodens. Ihre Körper vereinen sich in einer festen Weichheit, die man nicht mit Zärtlichkeit verwechseln darf …


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