Karen-Susan Fessel: Und abends mit Beleuchtung

Leseprobe

In dem Moment, als sie sich aufsetzte, gingen draußen die Straßenlaternen aus, und die Schatten der beiden Fensterkreuze verschwanden von der Wand. Dämmriges Morgenlicht tauchte den Raum in ein trübes Grau, und als Tamara die Hände ausstreckte, waren auch sie grau. Sie betrachtete ihre Finger. Ihr war heiß, sie hatte geträumt, und im Traum hatte sie ihre Finger gesehen, wie sie den Körper einer Frau streichelten. Und obwohl sie das Gesicht dieser Frau nicht gesehen hatte, wußte sie, daß es Nan gewesen war.
Tamara lächelte in sich hinein und stand auf. Es war nicht das erste mal, daß sie von Nan geträumt hatte. Aber es war das erste Mal, daß sie auf diese Art von ihr geträumt hatte. So eindeutig.
Im Bad strich sie Zahnpasta auf ihre Zahnbürste und sah sich dabei um. Der Raum war genauso provisorisch eingerichtet wie der Rest der kleinen Wohnung; die Handtücher lagen übereinandergestapelt auf einem Stück Zeitungspapier neben der Wanne, der abgefallene Klodeckel lehnte unter dem Waschbecken, und die Kosmetika, die nicht mehr in den Alibert gepaßt hatten, standen auf dem Fußboden. Seit Tamara vor eineinhalb Jahren aus Moskau nach Deutschland gekommen war, hatte sie immer so gelebt: provisorisch, aus Kisten und Koffern, von einer Wohnung in die nächste, immer auf der Durchreise. Aber das hatte bald ein Ende.
In einer guten Stunde würde sie sich mit dem Vizechef von Paco’s treffen und genau den Vertrag unterschreiben, von dem sie seit Jahren, schon als sie auf der Modeschule in Riga anfing, geträumt hatte: den Vertrag als Mitarbeiterin eines der größten und schrillsten Modehäuser New Yorks. Und im Spätsommer wäre sie bereits in den Staaten.
Als sie ins Zimmer zurückging und am Bett vorbeikam, fiel ihr der Traum wieder ein, und ein schmerzliches Gefühl durchzog ihre Magengrube. Sie dachte daran, wie sie Nan kennengelernt hatte, im “Kühlschrank”. Hundert Mal war Tamara schon daran vorbeigefahren, ohne auch nur einen Blick hineinzuwerfen, aber an jenem Abend, fünf Monate war es her, hatte sie auf dem Nachhauseweg spontan angehalten und war hineingegangen. Nan hatte am Tresen gesessen, vor sich einen Stapel Bücher und einen griesgrämigen Ausdruck im Gesicht, aber etwas in ihren Augen hatte Tamara sofort gefallen. Sie hatte sich neben sie gesetzt, und irgendwie waren sie miteinander ins Gespräch gekommen, und als Tamara wieder hinausgegangen war, standen die Sterne am Himmel, und sie hatte einen leichten Schwips und Nans Telefonnummer. Seitdem trafen sie sich, anfangs weniger, dann immer öfter, und mittlerweile sahen sie sich fast jeden zweiten Tag. Es war nie etwas zwischen ihnen geschehen, kein Kuß, keine Zärtlichkeiten, schon gar kein Sex, aber Tamara hatte angefangen, davon zu träumen. Und nicht nur tagsüber, in Wachträumen, sondern auch nachts.
Ich muß aufpassen, dachte Tamara, als sie die kleine Espressomaschine auf den Herd stellte. Ich muß aufpassen, daß ich niemanden hier zu gerne mag. Ich wollte immer nach New York. Deshalb bin ich ausgewandert, deshalb bin ich hier, und nun werde ich auch nach New York gehen. Ohne Jammern. Ich darf mir nichts mehr erschaffen, dessen Verlust ich hinterher nicht ertragen kann. Keine Wurzeln mehr schlagen. Die alten, ausgerissenen, schmerzen noch. Ich will nicht, daß Nan auch zu so einer Wurzel wird. Plötzlich mußte sie grinsen. Trotz allem – der Gedanken an Nan machte ihr gute Laune.


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