Karen-Susan Fessel: Heuchelmund

Leseprobe aus “Thank you”

An der Kasse war ich dann doch ganz froh, daß ich noch den Arsch hochgekriegt hatte. Andernfalls hätte ich den Rest des Abends am Schreibtisch gehockt und zum zehnten Mal erfolglos versucht, den mißglückten Entwurf zu retten. Und am Ende wäre ich doch noch in einer Kneipe gelandet, wie jeden Abend in dieser Woche. Nein, es war gut, daß ich den Arsch hochgekriegt hatte. Wenn ich mich schon ablenken wollte, dann wenigstens vernünftig. Mit einem anspruchsvollen Film. “Götterdämmerung” hieß er, und er handelte von der Ost-Berliner Bohème in den fünfziger Jahren. Wie gesagt, ein anspruchsvoller Film eben. Für den ich gerade den Eintritt bezahlte.
Ich verstaute meine abgerissene Karte in der Hosentasche und stand am Eingang zum Saal, als noch jemand verspätet die Treppe heraufhastete und sich schwer atmend an die Kasse stellte, Es war eine Frau, und sie trug eine grüne Jacke, weite braune Knickerbockers mit dicken wollenen Strümpfen in der gleichen Farbe darunter und schwere Schnürstiefel. Eine Baseballkappe vervollständigte die Aufmachung, und trotz dieser burschikosen Kleidung war sie das femininste Wesen, das ich seit langem gesehen hatte. Es lag an ihrem Gesicht – sie hatte volle, aufgeworfene Lippen, die in interessantem Kontrast zu den hohen Wangenknochen standen, und die matt schimmernde braune Haut sah einfach unglaublich aus.
“Thank you”, sagte sie zur Kassiererin und drehte sich um. Ihre sehr dunklen Augen blieben an meinem Gesicht hängen, und ich setzt eine coole Miene auf. Aber ihr Lächeln hing mir nach, als ich weiterging. Ich fühlte mich geschmeichelt. Ich liebe es, wenn schöne Frauen mich anlächeln. Besonders, wenn ich eigentlich schlechter Laune bin. Es macht das Leben so – so anregend.


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