Thomas Karsten/Holde-Barbara Ulrich: Messer im Traum

Leseprobe aus “Ich hab geheult vor Glück”

Mit siebzehn bekommt Michael Literatur über die operative Geschlechtsangleichung transsexueller Menschen in die Hand. Zum ersten Mal sieht er einen Weg. Es dauert noch eine Weile, bis er sich entschließt, ihn zu gehen.
Zwischendurch Umzug nach Hof. Dort sind größere Lebensräume, die es gestatten, das Geheimnis nicht mehr so fest an sich zu halten. Als Frau gekleidet, sieht sich Michelle, wie er sich fortan konsequent nennt, nach Arbeit um. Es soll etwas sein, dem ihre gelebte Weiblichkeit nicht mehr im Wege steht. Sie findet einen Job in einem Nachtclub.
Daß sie dort als Animiermädchen zu tun hat, betrachtet sie eher als einen Text auf ihre Fraulichkeit. Es gelingt ihr spielend, die Aufmerksamkeit der Männer auf sich zu lenken. Ihre Chefin ist begeistert, und es macht ihr nicht das geringste aus, als ihr Michelle ihr Lebensproblem offenbart. Einmal greift ihr ein Mann unter den Rock und posaunt seine überraschende Entdeckung laut in die Welt hinaus. "Das war schlimm", sagt Michelle, "ich hatte mich schon so sicher gefühlt, so sehr als Frau. Aber mit dem Ding da unten ging es nicht." Sie verläßt Hof und geht nach Bayreuth. Dort will sie nur noch Frau sein. Sie bewirbt sich in einem Frisiersalon, gesteht dem Chef von vornherein ihre fremde Körperlichkeit und wird eingestellt. Nun wendet sie sich an einen Neurologen, wird fachkundig beraten und beginnt mit der Hormonbehandlung. Nach zwei Jahren psychologischer Vorbereitung steht der letzte Schritt in Aussicht, die Operation. Michelle weiß, daß in den zwei Jahren, die als Probezeit vor ihr liegen, nichts und niemand sie davon abhalten kann, auch körperlich eine Frau zu werden.


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