Harald Körke: Die Sprache des Steins

Leseprobe aus “Berührung”

Johannes spürte die Berührung auf seinem Oberschenkel. Er spürte sie kaum, er ahnte sie mehr, die Berührung war so leicht und so weich, daß sie eine Welle durch seinen Körper fließen ließ. Eine Welle, die er mit Verwunderung als Lust erkannte, als eine Lust, die in der feuchten, drückenden Hitze des späten Abends Gedanken durch sein Gehirn schießen ließ, die hier überhaupt nicht hergehörten. Nicht hierher in den Bus Nummer 64 von der Piazza de Venezia zum Hauptbahnhof: Roma Termini. Nicht hierher und überhaupt nirgendwohin in seinem Leben.
Die Hand bewegte sich jetzt in seiner Tasche zwischen Taschenfutter und haut, das konnte er ahnen und spüren zugleich, das sah er fast. Er sah die Hand im dichten Dunkel der Tasche, er sah ihre tastenden Finger, während er starr vor sich hinblickte und versuchte, den Mann neben sich nicht anzuschauen oder jedenfalls nicht so, daß er von dem abließ, was er gerade tat. Johannes wußte, daß er fast am Ziel war, daß er in dieser heißen, gewitterschwülen Nacht Kontakt aufnehmen würde, den ersten Kontakt zu einem von denen, für die er nach Rom gekommen war.
Er spürte die Hand immer noch auf seiner Haut, die Finger wie zuckende Fühler, doch nun wußte Johannes, daß er die Lust in sich zusammenfallen lassen mußte, die Lust, die von weichen zärtlichen, obszönen, ja das auch! Berührung ausgelöst worden war. Johannes atmete vorsichtig aus und merkte dabei, daß er den Atem so lange angehalten hatte, daß ihm fast schon schwindlig war. Johannes zwang sich, der zu sein, für den er sich immer gehalten hatte. Für den, der einer Sache auf den Grund gehen wollte. Wissenschaftlich. Empirisch. Akribisch und detailgenau. Nicht für den, bei dem die Hand eines Mannes auf seinem Schenkel das auslöste, was sonst nur Gerda früher einmal vermocht hatte. Gerda am Anfang, als die Beziehung noch stimmte, wie man sagt. Gerda damals und ein paar andere davor, und, wie er hoffte, auch noch einige danach, wenn es mit Gerda so weiter bergab ging. Bloß Männer nicht. …
Die Finger der Hand, das spürte er jetzt, hatten sich unter seiner Geldtasche festgehakt und er merkte, wie Zug auf die Tasche ausgeübt wurde. Er spürte, daß dieses schmale quadratische Ding wie ein Fahrstuhl in seinem Schacht in die Höhe stieg.


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