Harald Körke: Noch ein verdammter Tag im Paradies

Leseprobe aus “Kurz vor Einbruch der Trunkenheit”

Am Anfang war das so gedacht: Sie wollten auf die Insel gehen und dort ein neues Leben beginnen. Ein ganz neues, ja! Fern vom Streß, gern von Grau, Schmutz und Kohlendioxyd. Fern vom täglichen Wecker. Fern auch von den Zwängen: Angeben und ausgeben zu müssen, weil man es den anderen schuldig ist, vielleicht sogar sich selbst. Immer weiter nach oben steigen zu müssen, obwohl man doch schon schwindelig war. Alles immer schneller machen zu müssen, immer konzentrierter, obwohl man doch schon außer Atem war. So hatten sie sich das gedacht. Vor allem er.
Sie hatten sich vorher gut umgesehen, die beiden, nichts war überstürzt geschehen. Sie hatten das Mittelmeer bereist, sie kannten die Inseln, auf denen man griechisch, italienisch, französisch oder spanisch spricht. Das Rechte war es nirgendwo gewesen.
“Die Griechen sind die geborenen Halsabschneider”, sagte Lilo. “Außerdem sind sie immer hinter den Frauen her.”
“Die Italiener sind mir zu windig”, sagte Leopold. “Gutes Essen ist nicht alles.” Er mochte die italienische Küche, das ist wahr, aber die Italiener, die sie pflegten, sah er lieber unter Kontrolle, in der Diaspora. “In Deutschland sind das ganz andere Menschen”, sagte er.
Die Franzosen waren Lilo zu arrogant. “Die benehmen sich, als ob sie Gott in Frankreich wären”, sagte sie und freute sich, den Spruch, wie sie meinte, witzig abgewandelt zu haben. “Da hast du als Deutscher das Gefühl, sie schauen auf dich herab. Ich glaube auch”, fügte sie nach einer Weile nachdenklich hinzu, “sie mögen keine deutschen Frauen”. Auf Korsika hatte sie ein diesbezügliches Erlebnis gehabt, der Stachel schmerzte.
Die spanischen Inseln im Mittelmeer kamen auch nicht in Frage. “Das ist ja ein Rummel wie in Wanne-Eikel!” sagte Leopold angewidert. Das Inselchen Formentera nannte er gar abwertend Düsseldorf-Süd.
Nicht also auf all diesen Inseln, und eine kombinierte Flug-Schiffsreise hatte ihnen überdies klargemacht, daß sie in der Karibik auch nichts verloren hatten, jedenfalls nichts für einen dauerhaften Aufenthalt, für einen ganz neuen Anfang. Jedenfalls nicht für den zweiten Teil des Lebens und für das neue Leben, das sie im zweiten Teil beginnen wollten.
Als sie schon fast aufgegeben hatten, half der Zufall. Leopold hielt eines Tages vor einer roten Ampel, blickte abwesend nach rechts auf die Geschäfte. “Komm auf die grüne Insel!” rief ein Plakat in einem Reisebüro.
Das Schicksal, denn Zufälle gibt es nicht, das wußte Leopold, das Schicksal hatte gesprochen. Als die Ampel auf grün sprang – selbst das erschien ihm schicksalsträchtig und bedeutungsvoll – lenkte er sein Auto nach rechts um die Ecke. Er fand sofort einen Parkplatz. Er wurde im Reisebüro sofort gefragt: “Guten Tag. Was kann ich für Sie tun?” Er bekam sofort zwei Flugkarten und bezahlte sie sofort.
So kamen Leopold und Lilo auf die Insel.


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