Leseprobe aus Cornelia Saxe: Franziska Biberkopf oder
Es gibt Bücher, die man schreiben muß. Und solche, die man immer wieder vor sich her
schiebt. Eins meiner ungeschriebenen Bücher handelt vom Alten Berliner Schlachthof. Bis zum Jahr
2000 habe ich an seiner südlichen Peripherie gewohnt. Kam ich Ende der achtziger Jahre spät
nach Hause, hörte ich manchmal, wie der letzte Schrei eines Schlachttiers durch die Nacht gellte.
Hing ein süßlicher Geruch nach geronnenem Blut über dem Viertel, vermied ich vor dem
Schlafengehen die Fenster zu öffnen.
Ende des 19. Jahrhunderts brauchte die explosionsartig wachsende Berliner Bevölkerung Wurst und
Fleisch in rauhen Mengen. Damit die Tiere nicht mehr durch die Straßen getrieben wurden, baute man
1881 den Central-Viehhof vor die Tor der Stadt. Mit Ställen, Schlachtereien und
Kühlhäusern rückte er bald ins Zentrum der ausufernden Metropole und wurde der
Bauch von Berlin genannt. Die gängige Mutprobe der Jungs im Kiez ist damals gewesen:
Einmal über die hohe backsteinfarbene Schlachthofmauer klettern, das Ohr einer geschlachteten Kuh
mit dem Taschenmesser abschneiden und der Clique als Beweis vorlegen, erzählte Oma Kuhnert. Sie
wohnt schon ein Leben lang in der Eldenaer Straße und ist eine Hauptperson meines ungeschriebenen
Buches.
Als ich auszog, lud sie mich überraschend auf einen Kaffee und erzählte von den
früheren Nachbarn: Hier gegenüber wohnte der Schweineschlächter, unten im zweiten
Stock hat die Frau mit den Gewürzen für die Wurst gehandelt. Und in deiner Wohnung,
Mädel, wohnte der Treiber. Der Treiber? Treiber seien diejenigen gewesen, die die Tiere aus
den ankommenden Zugwagons mit Stöcken in die Ställe trieben.
Petra Sorg: Little Brother
Ein großer Mann sei er gewesen, sagt einer. Ein Meter 92 jedenfalls, einer, der meiner
Großmutter Briefe schickte, die mit Mein heißgeliebtes Frauchen
überschrieben sind. Ich höre meine Großmutter diese Worte vorlesen und sie sagen, wir
waren halt jung. Sie sitzt vor mir auf ihrem Ehebett und wischt sich die Augen. Ich bin über 30,
und selbst sie muß denken: Ich weiß nun Bescheid. Trotzdem sagt sie, als schäme sie
sich, na jung halt. Und ich verstehe. In unserem Family-Code heißt das: Nach
heißgeliebtes Frauchen kamen Liebesbriefe. Doch mehr als die Überschrift liest
sie mir und sich nicht vor. Schlimm genug, sagt der Family-Code, schlimm.
Tim Staffel: Der Schwimmer
Ich liebe ihn, das habe ich jetzt gesagt, daran glaube ich jetzt, das macht mich
glücklich. Er spricht mit dem Tänzer, ist ans Telefon gegangen, während ich meiner
Bürgerpflicht frönte, ganz nüchtern sagt er, habe er den Tänzer gebeten, nicht
aufzulegen. Da haben sie geredet und finden von ganz alleine die Worte. Ich glaube jedes Wort des
Schwimmers und wundere mich nur. Der Tänzer wolle sich wieder melden. Ich verzichte darauf und
vergesse ihn. Die Taktik des Schwimmers scheint aufzugehen. Liebesbeweis, ich schmiere seine
Füße mit Honig ein und beginne das Saugnapfspiel, mache mir kein Bild von meinem Gott, ich
nenne seinen Namen, geöffnete Augen, Lippenbekenntnis, Elektroschock, Körperkultur, die
liebenden Körper kleben aneinander, vermögen sich nicht mehr zu trennen. Vereinigung der
Zwillingsstern, Bienenschwärme, Zauberschlecken, Liebestaumel.
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