Ina-Kathrin Kutulas: Vielleicht Athen-Berlin vielleicht

Leseprobe

Butja Butja! Schenkel, Schenkel! Der Fischverkäufer mit seiner Assoziationskettenstimme. Noch nicht vorbei. Schenkel, Schenkel, Schenkel! "Hat man die Jungfräulichkeit einmal verloren, ist's schwer, sie wiederzuerlangen." "Eine Jungfrau mit jemandem, der neben ihr liegt – schwierig, denn sie ist verschämt." Butja, immer wieder.
Der Duft einer warmen Mahlzeit mit reichlich Zwiebel. Die Zwei, die es nicht bleiben lassen – früh, mittags, spät. Die Minderjährige in der Nachbarschaft, die danach jedesmal die Musik aufdreht, mal wild, mal schmalzig, mal nostalgisch. Bis Ende der Woche werden alle zurück sein aus ihren Feriendomizilen, und die von Afrika herkommende Hitze wird die Stadt endlich aus ihrer Umklammerung entlassen. Irre war der Juli. Athina schrie. Das Meer schrie. Die Zikaden schrien. Ganz Nea Makri schien zu schreien. Gnadenlos der August. Athina seit vorgestern allein. Kein Wort. Sengende Hitze. Fressen, Schlappmachen, Pennen … ob die Betäubung wirkt. Jetzt am frühen Nachmittag ertönt aus der Nachbarschaft wieder diese Melodie aus einem elektronischen Spielzeug, die sie gewöhnlich an Feiertagen mitternachts einschalten. Diese wenigen ewig gleichen Töne, die mich zum Wahnsinn treiben wollen. Aber heute ist Donnerstag. Ein ganz gewöhnlicher Donnerstag! Und diese Hitze! Und diese Melodie! Mag sein, der verspätete Einsatz zu Mariä Himmelfahrt. Nachts eine erschlagene Kakerlake im Bad. Von den Ameisen bis zum Morgen zerlegt und abgetragen. Was würden wir zu Akropolis-Ameisen sagen, was zu Seelen-Ameisen. Was, wenn es sie gibt? …

Gegen elf Uhr Nachts der Anruf. Wolken über der ganzen Stadt. Denke ich deshalb klar? …

Ritter rief an. Das letzte Mal sah ich den Ritter vor etwa einem Monat. In seinem Zimmer ein großer Fernseher, ein Stativ. Bläuliches Licht. Auf einer Liege zwei Mädchen, von denen das eine mich aufforderte: Kaatse! Es war so ein langgezogenes Setz Dich, als ließ das Mädchen sich selbst in jenem Moment fallen und sank hinab in tiefes Blau und weiter noch ins Schwarz, hinter dem das Weiß aufwartete, dann das Rot und wieder Blau. In Griechenland ist's zu jeder Zeit das Geheimnis, was über einer Szene in der Luft liegt … In Deutschland war's immer das Unheil.

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