Regina Nössler: Eifersüchtig durch den Winter

Leseprobe

Das Kapitel:
Dann fick dich doch durch ganz Berlin!

In dieser Nacht träumte ich von Nicola, Sabines bester Freundin.

Völlig panisch wachte ich auf. Es war ein übler Traum gewesen, aus dem ich nur schwer wieder zurück in die Wirklichkeit fand. In meinem Traum hatte ich etwa hundertmal versucht, Sabine zu erreichen, doch sie ging nie ans Telefon. Auch ihr Anrufbeantworter war ausgeschaltet. Sabine war unerreichbar. Ich wurde immer verzweifelter, denn ich mußte sie unbedingt sprechen. Trotz der Wahlwiederholungstaste wählte ich ihre Nummer immer wieder neu, wie eine Beschwörung.

Beim hundertundersten Mal hob endlich jemand ab. Es war nicht Sabine, sondern Nicola. Sie meldete sich sehr förmlich, so wie in einem Büro. Ich fragte nach Sabine und bat darum, sie zu sprechen. Im Traum wußte ich genau, daß Sabine währenddessen direkt neben Nicola saß und ihr Zeichen machte. Nicola war ein Schutzwall zwischen Sabine und mir, ihre persönliche Leibwächterin, die mich nicht mehr an Sabine heranließ.

Sabine sei für mich leider nicht zu sprechen, sagte Nicola, förmlich wie eine Sekretärin. Sie sei im übrigen nie mehr für mich zu sprechen. Ich solle sie doch bitte nicht mehr weiter belästigen.

Sabines Geburtstagsparty konnte ich nur schwer verdauen. Ich hatte mich daneben benommen. Ich war als kleines Würstchen aufgetreten und nicht als die strahlende, attraktive, eloquente Frau an Sabines Seite.

Als ich Sabine nach ihrem Geburtstag in der Absicht anrief, sie zu beschimpfen, meldete sich immer nur der verdammte Anrufbeantworter. Auch ihr Handy war abgeschaltet. „Versuchen Sie es später noch einmal. Ihr gewünschter Gesprächspartner ist zur Zeit nicht erreichbar."

Ich saß zu Hause und hielt es nicht mehr aus. Eigentlich wollte ich ja so wirken, auch vor mir selbst, als interessierte mich das alles nicht die Bohne. Aber natürlich gelang es mir nicht. Ich mußte etwas tun. Ich mußte raus. Ich würde gleich platzen - oder verrückt werden. Ich mußte mit ihr reden, jetzt sofort.

Ich hatte mich schon so weit erniedrigt, zweimal hintereinander völlig verzweifelt „Sabine! Geh endlich ran!" auf ihr Band zu jaulen. Solche entwürdigenden Äußerungen waren eigentlich nicht mein Stil. Sollte ich das Fenster öffnen und wie ein einsamer Wolf den dunklen Himmel anheulen?

Ich telefonierte kurz mit Dolores. Aber auch das beruhigte mich nicht. „Rede endlich mit Sabine", lautete ihr schlauer Rat. Wenn ich das nur gekonnt hätte!

Da diese Kuh nicht erreichbar war, brauchte ich eine Alternative. Ich mußte ich etwas kaputtmachen. Etwas zerstören. Etwas zerfleddern. Etwas zerfleischen. Fragte sich nur, was. Ich hatte noch nie Ambitionen zur Selbstverstümmelung gehabt; weder wollte ich mir das heiße Bügeleisen auf den Arm drücken, noch meinen Schädel gegen die Wand donnern, und ich hatte auch nicht die geringste Lust, mir mit dem Küchenmesser geometrische Muster in die Haut zu schnitzen. Ich mochte mir noch nicht mal im Affekt den Kopf kahlscheren, obwohl das gar nicht wehtun würde. Ich wollte auch nur äußerst ungern meine Wohnung zertrümmern - dann schon lieber Sabines - denn eigentlich waren mir alle Gegenstände darin zu schade, sogar die verhaßten Öfen, schließlich brauchte ich sie noch. Ich war ekelhaft vernünftig.

Ich überlegte, in den Keller zu gehen und dort meine Briketts zu ordentlichen, akkuraten Haufen zu stapeln. Eine absolut sinnlose Tätigkeit, da der Keller auch groß genug für wild durcheinander geworfene Briketts war; aber vielleicht würde ich mich bei körperlicher Verausgabung abreagieren. Doch dann fiel mir ein, daß diese Arbeit ja bereits getan war. Die letzte Fuhre Kohlen hatte Dolores zu Beginn des Winters unter großem Protest in Empfang genommen. Sie war damals zu Besuch, und ich mußte eine Büroschicht bei Hänsel ableisten, als die Kohlen kamen. Anfangs hatte sich Dolores sehr gesträubt, da sie es kaum ertragen konnte, wie sie sagte, mitanzusehen, wie die Kohlenträger sich den Rücken direkt vor ihren Augen ruinierten. Ich konnte das übrigens auch kaum ertragen und war infolgedessen ausnahmsweise ganz froh, meinen Tag im warmen Büro bei Hänsel zu verbringen, statt im kalten Hinterhof neben der Kellertür zu warten. Doch als ich abends nach Hause kam, verblüffte mich Dolores sehr. Sie zwang mich, sie in den Keller zu begleiten, denn dort würde eine „Überraschung" warten. Ich rechnete mit sorgfältig aufeinander geschichteten Briketts. Aber diese Erwartung hatte Dolores übertroffen. Während meiner Abwesenheit hatte sie aus zwei Tonnen Briketts eine schwarze Ritterburg gebaut - gekrönt von vier kleinen Kohle-Türmchen -, die sie mir stolz präsentierte.

Aber jetzt wollte ich nicht meine Briketts ordnen. Ich wollte auch nicht joggen oder mich anderweitig verausgaben, sondern Sabine zur Rede stellen, und zwar endgültig und richtig. Ich wollte wissen, was nun war und wie sie sich die Zukunft vorstellte. Wir hatten in den ganzen letzten Wochen doch sowieso immer nur drumherum geredet.

Wenn ich zu ihr führe, würde ich sie schlimmstenfalls mit ihrer Maria im Bett erwischen; aber vielleicht war es auch das, was ich insgeheim wollte. Dann gäbe es Klarheit. Dann könnte ich ihnen wenigstens noch nachträglich den ganzen Abend, die gute Stimmung &endash; und vor allem den Sex versauen. Aber vielleicht säßen sie ja auch zu später Stunde bei Kerzenschein in der Küche und diskutierten sehr elaboriert über ihre Dissertationen.

Und wenn Sabine mir gar nicht die Tür öffnen würde?

Auch das wäre kein Hindernis, schließlich wußte ich inzwischen, wie man in ihren Hof gelangte, ohne einen Schlüssel zu haben oder willkommen zu sein.

Da ich sie bereits zum zweiten Mal überwinden mußte und lernfähig war, schaffte ich die Mauer jetzt mühelos und ohne Beschädigung meiner Kleidung.

Genauso wie vor einigen Wochen schlich ich mich zu Sabines Tür hoch. Und genauso stand ich mit klopfendem Herzen davor. Sie hatte nicht auf mein Klingeln am Vorderhaus reagiert. War sie nicht zu Hause, oder öffnete sie einfach nicht die Tür, weil die Situation kompromittierend und peinlich wäre?

Ich sperrte meine Ohren auf - beziehungsweise preßte eines gegen die Tür - und versuchte, irgendein Geräusch dahinter zu erkennen.

Heute würde ich nicht klein beigeben und unverrichteter Dinge wieder gehen. Heute war ich kein verschrecktes Weiblein, das den Kummer in sich hineinfrißt und nur im Stillen jammert und leidet. Heute war ich entschlossen und voller Zorn.

Ich drückte auf die Klingel. Mehrmals hintereinander.

Aber es tat sich nichts. Hinter der Tür war kein Mucks zu hören.

Lagen sie vor Schreck erstarrt in Sabines Bett? Hatte ich durch mein zorniges Klingeln wenigstens einen Interruptus erreicht?

Dieses Schweigen hinter der Tür machte mich immer wütender. Ich fand, das Recht war auf meiner Seite. Es stand mir eindeutig zu, in Erfahrung zu bringen, was sich dort in der Wohnung abspielte. Wenn sie es nicht hier miteinander trieben, sondern in Marias Wohnung, dann würde ich immerhin die jüngsten Beweise vorfinden. Heiße Liebesschwüre. Oder neue Fotos.

Da es nicht zu meinen alltäglichen Gewohnheiten gehörte, in fremde Wohnungen einzubrechen, warf ich mich zunächst sehr zaghaft gegen die Tür. Schon das tat meiner Schulter höllisch weh. Morgen würde ich einen riesigen blauen Fleck haben. Im Fernsehen sah es immer so leicht aus, in Wohnungen einzudringen. Aber wenn ich versuchen würde, die Tür mit dem Fuß einzutreten, könnte ich mich dabei gut am Treppengeländer abstützen und ausreichend Schwung holen, so daß kein allzu großer Kraftaufwand nötig wäre, ich könnte mich schonen und würde meinen Körper einer nur geringen Verletzungsgefahr aussetzen. Augenblicklich verfügte ich aber sogar über eine Menge Kraft, denn dadurch, daß Sabine sich mir verweigerte und einfach nicht zu sprechen war, sammelten sich alle Gefühle der letzten Wochen in mir zusammen, so daß ich auf einmal aus einem einzigen Klumpen Haß zu bestehen schien.

Ich trat einmal gegen die Tür, zweimal, dreimal. Ich verursachte dabei ziemlich großen Lärm, aber das war mir jetzt auch egal. Ich wollte in Sabines Wohnung hinein.

Als ich etwa das vierte Mal dagegen trat und meinem baldigen Erfolg entgegenfieberte - die Tür hatte sich deutlich sichtbar bewegt, noch ein- oder zweimal, mit Wucht, dann wäre es vollbracht... - hörte ich Schritte in der Wohnung nebenan. Frau Buhl, Sabines Nachbarin, öffnete ihre Tür und lugte mit erschrockenem Gesicht vorsichtig in den Hausflur. Sie erkannte mich und trat aus ihrer Wohnung.

„Was machen Sie denn da? Sind Sie von allen guten Geistern verlassen?"

„Ich will in die Wohnung!" sagte ich. Etwas Blöderes als die Wahrheit fiel mir nicht ein.

„Aber Frau Kick scheint nicht zu wollen, daß Sie in ihrer Wohnung sind", sagte Frau Buhl. „Ist Frau Kick denn nicht zu Hause?"

„Nein!" sagte ich, „das ist es ja! Sie ist nicht zu Hause!"

„Hören Sie", sagte Frau Buhl, „ich kenne Sie ja vom Sehen, aber trotzdem, wenn Sie jetzt nicht gehen, rufe ich die Polizei."

Das Wort „Polizei" und auch der verängstigte Blick der alten Frau Buhl brachten mich schlagartig auf den Boden zurück. Keinesfalls wollte ich gleich der Polizei - und auch nicht Frau Buhl - ein lesbisches Eifersuchtsdrama erklären müssen.

Also stotterte ich: „Ja, schon gut, ich geh ja schon."

Auf dem Weg nach Hause riß ich mich zusammen. Eigentlich hätte am liebsten vor Scham losgeheult - nicht nur vor Scham, sondern auch wegen meines Versagens. Mein kaltblütiger Einbruch war ja wohl kläglich mißglückt.

In der Zwischenzeit hatte sich zu Hause natürlich nichts verändert. Es gab keine Nachricht von Sabine auf meinem Anrufbeantworter. Alles sah so aus wie zuvor. Auf dem Anrufbeantworter blinkte überhaupt nichts. Noch nicht einmal meine Chefin Ella, die mich bat, morgen früh ins Büro zu kommen. Ich war von der ganzen Welt verlassen. Eine Gesetzmäßigkeit des Unglücks ist, daß nach Eintritt des ersten gleich das nächste auf dem Fuße folgt. Es kommt nicht etwa das Glück, als entspannender Wellness-Ausgleich, es kommt noch viel mehr Unglück; und der Zustand, den man bereits am Anfang für nicht weiter steigerbar hielt, verschlimmert sich noch, auch, wenn das kaum möglich scheint. Alle hatten mich verlassen und vergessen, nicht nur Sabine. Sogar Dolores sorgte sich nicht mehr um mich.

Es war zu früh zum Schlafen. Aber an Schlafen war sowieso nicht zu denken. Dafür, daß Schlafen im Normalzustand eine meiner Lieblingsbeschäftigungen war, hatte ich in den vergangenen Wochen erstaunlich gut darauf verzichten können. Ich brauchte keinen Schlaf mehr. Wachliegen und Grübeln war doch viel schöner.

Es war zu spät, um jetzt noch Dolores oder irgend jemanden sonst anzurufen.

Ich mußte dringend etwas tun, sonst würde ich platzen! Aber nun entschied ich mich für den kreativen, nicht den destruktiven Weg. Ich würde Sabine einen langen Brief schreiben, in dem ich ihr alles sagte, was es von meiner Seite zu sagen gab. Ich würde ihn noch heute nacht als Fax schicken. Er würde ihre ganze Thermopapier-Rolle aufbrauchen.

Zur Inspiration hörte ich „Doll Parts" von Hole, immer wieder von vorne. Es berührte mich sehr, wie Courtney Love brüllte: „Some Day you will ache like I ache". Das war mein Lied. Damit konnte ich mich absolut identifizieren. Voller Inbrunst schrie ich den Refrain mit.

Denn das wünschte ich Sabine auch. Daß sie eines Tages alles zurückkriegen würde. Daß es ihr bald genauso schlecht ginge wie mir. Dann würde sie noch an mich denken.

Ich schrieb Sabine viele schauderhafte, jammervolle Zeilen, in denen es vor „Mir geht es so elend" und „Ich liebe dich so sehr" und „Ich will dich nicht verlieren" und „Ich bin so verletzt" nur so wimmelte. Auch „Du mußt dir keine Sorgen machen, ich komme schon irgendwie damit klar" und Variationen davon tauchten häufig auf.

Was sich allerdings am stärksten durchsetzte, waren Bemerkungen über „die Neue". Die Neue und Sabines Treiben mit ihr dominierten eindeutig. Ich schrieb poetische Sätze über Sabines Hände, die ich liebte - nun aber nicht mehr ansehen könne, seit ich wisse, daß sie kürzlich in der Möse einer anderen Frau gesteckt hatten. Marias Hände hingegen würdigte ich als „fremde Pfoten" ab, „die in dir herumfuhrwerken".

Wie oft konnte man ein- und dasselbe Lied hintereinander hören, immer wieder, bevor man durchdrehte oder die Gehirntätigkeit abnahm? In schweren Zeiten war das schon immer meine Leidenschaft gewesen. Früher, als es noch Schallplatten gab und keine CDs, waren meine Platten bei den Anfängen der jeweiligen Lieblingslieder manchmal so zerkratzt gewesen, daß sie nicht mehr zu gebrauchen waren.

Bemerkenswert war die Steigerung der Derbheit. Wie aus vögeln ganz schnell ficken wurde. Anfangs hatte ich Sabine gegenüber ja immer noch moderat von „ins Bett gehen" gesprochen oder, als größte Derbheit, von „vögeln". Oder ich hatte geklagt, ganz zart, richtiggehend niedlich: „Du schläfst mit einer anderen, das ertrage ich nicht". Wie süß. Kindergartensprache.

Linguistisch gesehen wurde ich nun erwachsen. Bei meinem Versuch, ihr einen Brief zu schreiben, hatte ich mich konsequent auf „ficken" eingependelt - als der Ausdrucksform, die mir am nächsten war und in der ich mich am besten entfalten konnte.

„Nimm den Ring vorm Ficken ab", schrieb ich ihr - und war mächtig stolz darauf. Ich hatte Sabine vor Jahren mal einen Ring geschenkt, den sie auch meistens trug, und ich wollte nicht, daß er von fremdem Schleim beschmutzt würde.

„Spaß" war ebenfalls ein gutes Wort. „Macht es denn Spaß?", „Es ist bestimmt unheimlich schön" und „Spaß mit anderen geht eben vor" folgten direkt aufeinander.

Abschließend stellte ich noch die Frage: „Fickt sie besser als ich?" (ich betete, daß dem nicht so wäre!), bevor ich den Brief mit einer Aufforderung beendete. Inzwischen war es früher Morgen, und ich hatte meine Arbeit getan.

Ach weißt du was, Sabine? Dann fick dich doch durch ganz Berlin!



Leseprobe aus dem Kapitel "Das kleine Miststück"

“Anita! Es hat gar nichts mit uns beiden zu tun. Es ändert nichts an uns. Ich liebe dich doch!”
Eigentlich hätte mich das beruhigen sollen. Aber ich wollte es nicht hören.
“Bist du in sie verliebt?” fragte ich.
Sabine schwieg verdächtig lange, bis sie schließlich mit einem “Nein” antwortete.
“Das kann ja noch kommen”, stellte ich fest. “Das wird noch kommen.”
Ich glaubte ihr sowieso kein Wort. Sabine war kein Sexmaniac, der ständig mit allen möglichen Frauen herumvögelte und es nur deswegen tat. Sabine war der klassische weibliche Fall: Gefühle beim Sex, tiefe Gefühle. Oder war diese Maria so grandios im Bett, so einzigartig?
Wahrscheinlich war sie ein handwerkliches Genie. Wahrscheinlich besorgte sie es Sabine auf jede nur erdenkliche Art. Wahrscheinlich beherrschte sie besonders schmutzige Dinge.
“Vögelt sie so gut?” fragte ich. Es ging doch. Ich kam in Fahrt. Gift zu verspritzen war offenbar nur eine Sache der Übung.
Sabine sah weg. Dann sagte sie: “Anita, entschuldige, aber das ist mir jetzt wirklich zu niveaulos. Wenn du nicht anders mit mir reden kannst …”, sie zögerte, “ja, dann sollten wir das hier beenden.”
Was für eine gräßliche Angewohnheit, im Streit allen Äußerungen den Vornamen voranzustellen, so, als müßte ich selbst daran erinnert werden, wie ich heiße. Das hatte ich schon immer gehaßt. Anita Anita Anita. Verstehen verstehen verstehen.
Maria würde sie gegenwärtig in ganz anderen Momenten sagen. Ich stellte es mir vor. Ich stellte mir vor, wie meine Geliebte voller Zärtlichkeit (oder voller Verlangen) diesen anderen, widerlichen Namen aussprach, den ich bereits jetzt verabscheute. Wie sie ihn flüsterte, raunte, stöhnte, vor Geilheit ihrer Stimme nicht mehr mächtig.
Ich schnappte mir das volle Rotweinglas auf dem Küchentisch und schleuderte es in Richtung Wand, ein flach gespielter Ball; auf dem Weg dorthin nahm es noch die häßliche Tasse mit den Bären mit, die ich nie hatte leiden können und die idiotische Kerze, die sie für uns angezündet hatte.
Es krachte ziemlich laut.
Wow! Was für ein Ausbruch. Wie gewalttätig ich war! Irgendwie wild und leidenschaftlich. Und es war allemal besser als zu heulen wie ein Mädchen.
Der Rotwein würde einen monströsen Fleck auf der weißen Rauhfaser hinterlassen, für immer. Wie ein Denkzettel. Wie Menstruationsblut auf der Matratze, das nie mehr rausgeht. Und das bei Sabine, die aus dem Schwäbischen stammte.
Zu meiner Verwunderung erwies Sabine sich nicht als Schwäbin, sondern als sexuell interessiert. Sie regte sich nicht über ihre versaute Tapete auf, nicht über die Küche voller Scherben, sondern sie kam auf mich zu.
Sabine war hartnäckig. Sie berührte mich erneut am Arm. Diesmal kam kein Faß-mich-nicht-an und kein Geh-weg. Ich ließ es geschehen. Und ich machte sogar mit, dies allerdings am Anfang sehr zurückhaltend. Sabine küßte mich. Als sie merkte, daß sie nicht von mir weggeschubst werden würde, schob sie ihre Zunge zwischen meine Lippen und kam noch näher, so nah, daß ich ihre Brüste am Oberkörper spürte.
Verliere ich sie, wenn meine Zunge ihr jetzt nicht zügig entgegenkommt?
Fahre ich die harte Tour (oder besser: die weinerliche), ich bin so verletzt, ich kann nicht?
Oder ist es sinnvoller mitzumachen, um sie an meine Qualitäten zu erinnern?
Meine Zunge kam ihr rasch entgegen. Ich machte mit. Ich war sogar schlagartig so erregt, daß ich mich zu meinem Entsetzen ihr geradezu entgegenwarf, wie ein junger Hund, der vor Freude überschnappt und dessen Zuneigung einem bald zuviel wird. Ich war ja auch bedürftig. Ich küßte Sabine leidenschaftlich zurück, ich schob meine Zunge tief und gierig in ihren Mund, als wär`s das letzte Mal - und dann fiel mir ein, daß sie augenblicklich an die Küsse einer anderen gewöhnt war. Wahrscheinlich mehr als an meine. Sabine küßte eine andere und schleckte sie ab. Vermutlich ständig.

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