Tübinger Poetik-Vorlesung: Verwandlungen

Leseprobe

Der Schriftkörper eines Ideogramms ist nicht rätselhaft, denn er zeigt, was er bedeutet Mein Blick bleibt bei den einzelnen Buchstaben stehen als wären sie Gemälde … Ich nehme ein japanisches Schriftzeichen als Bild wahr. Dagegen ist jeder Buchstabe des Alphabets mir ein Rätsel. Was will zum Beispiel ein A mir sagen? Je länger ich einen Buchstaben anblicke, desto lebendiger und rätselhafter wird er … Es kann gefährlich sein, einen Buchstaben in die Welt zu setzen, denn der Autor oder genauer gesagt der Setzer kann nicht wissen was aus ihm wird. Man schreibt ein B, es kann eine Blume daraus werden aber auch eine Bombe … Andererseits ist es aber eine Täuschung zu glauben, ich hätte die Ideogramme im Griff. Der Ursprungsmythos über die chinesische Schrift erzählt von Ungewißheit. Dort heißt es, daß der Erfinder der ersten Ideogramme von den Fußspuren der Vögel inspiriert wurde … Einerseits erweckt diese alte Schrift bei mir Vertrauen. Einige ihrer Zeichen ähneln den Zeichen, die heute noch verwendet werden. Die Zeichen für Beine Muschel oder Schiff kann ich sogar erkennen. Andererseits muß ich immer an die Fußspuren der Vögel denken. Sie entstammen nicht dem menschlichen Denken und bleiben für immer unzugänglich … (aus der zweiten Vorlesung)

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