Leseprobe
Eigentlich gehört das Wort Zukunft nicht zu den Wörtern, die ich gerne benutze. Ich ordnete
das Wort eher zum Vokabular der Politiker und dem der Werbeprospekte der Banken zu. Es ist erstaunlich,
daß dieser Begriff dort, wo es um die Sicherheit geht, etwas Optimistisches ausstrahlen soll,
obwohl das, was in der Zukunft mit Sicherheit auf uns wartet, der Tod ist. Obwohl ihr einziger sicherer
Inhalt der Tod ist, wird die Zukunft oft als Hoffnungsträger verkauft. Ein tibetanischer Mönch
hat diesen Widerspruch ironisch angesprochen: Sie müssen keine Angst vor dem Tod haben. Es
klappt immer.
Man hat immer mehr Geräte zur Kommunikation, und es gibt immer mehr spannende Geschichten
über die Technik zu erzählen, besonders dann, wenn sie nicht funktioniert. Langsam wird die
Kommunikation an sich zum Hauptthema der Kommunikation. Wir senden einen Text blind in die Zukunft
hinein, ohne zu wissen, was mit ihm wirklich passieren wird. Es verhält sich wie beim Schreiben.
Ein Text wächst in eine unbekannte Zeit hinein und so gestaltet er die Zeit mit. Nicht etwas
festhalten, was man jetzt zu besitzen glaubt, sondern einen freien Raum entdecken, in dem noch nichts
sitzt. Man könnte ihn als Zukunft bezeichnen, man muß es aber nicht. Auf jeden Fall ist es
ein Raum und nicht eine Sicherheit, was diese Zukunft braucht. (Yoko Tawada)
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