Yoko Tawada: Ein Gast

Leseprobe

    … Mein erstes Thema war der Geburtstag, wahrscheinlich das wichtigste Fest, denn selbst die Menschen, die Weihnachten zu ignorieren versuchen, feiern gerne ihren Geburtstag … ich schrieb also nur, daß man hier gerne Geburtstag feiert, und daß man auch gerne über Sternzeichen redet, besonders nachts, nachdem eine lange Diskussion über die Politik beendet worden ist … Ich war nicht zufrieden mit meinem Artikel, weil ich nichts von dem, was ich beschrieb, erklären konnte. Die Lektorin meinte aber, ich brauche nichts zu erklären, denn Aberglaube ließe sich meist nicht erklären. Ich versprach ihr, daß ich beim nächsten Mal über Weihnachten schreiben würde und danach über den Tag der deutschen Einheit.

    An einem Nachmittag im Winter – ich hatte Mittelohrentzündung – ging ich durch einen Fußgängertunnel, der von einer S-Bahn-Station zu einer Einkaufsstraße führte. Ich hatte um 3 einen Termin bei meinem Ohrenarzt, dessen Praxis am Ende der Einkaufsstraße war … Im Tunnel war an diesem Tag ein Flohmarkt … Am Ende des Tunnels entdeckte ich ein Buch zwischen einem schwarzen Regenschirm und einer Tretnähmaschine. Ich weiß nicht, warum dieses Buch mir besonders auffiel. Ich nahm es in die Hand und bemerkte, daß meine Handfläche dadurch etwas wärmer wurde. Ich sah auf dem Umschlag Buchstaben, die nicht von links nach rechts, sondern im Kreis geschrieben waren. Ich fragte den Mann, der dort stand und die Waren verkaufte, in welcher Sprache dieses Buch geschrieben sei, denn ich kenne keine Sprache, die ihre Buchstaben im Kreis anordnet. Er zuckte mit den Achseln und sagte, das sei kein Buch, das sei ein Spiegel …
    Das Buch war gar kein Buch, sondern ein Kästchen, in dem 4 Kassetten waren … ich legte die erste Kassette in meinen Kassettenrecorder. Eine weibliche Stimme begann, einen Roman vorzulesen. Nach einer Weile bemerkte ich, daß ich mich mitten in der Landschaft des Romans befand. Obwohl die Handlung mich gar nicht interessierte, trat ich in den Roman hinein, wie man aus Versehen ein Haus ohne Tür und Wände betritt … ich bekam Angst vor der Stimme und schaltete das Gerät aus …
    Meinem Nachbarn füllte ich eine Teetasse mit Salz und gab sie ihm. Er fragte mich, ob ich Besuch hätte. Seine Lippen waren glatt und etwas feucht, seine Haut hingegen war trocken.
    Nein, ich habe keinen Besuch, antwortete ich und bemerkte, daß dabei eine Stimme aus der Küche zu hören war. Es war die Stimme aus dem Kassettenrecorder, den ich doch schon ausgeschaltet hatte. "Ich habe keinen Besuch, aber es passiert mir manchmal, daß eine Frau plötzlich da ist und … ich meine nicht eine Frau, sondern eigentlich nur die Stimme einer Frau. Weil die Stimme überall eindringen kann und …"
    "Eine Frau?" fragte er mißtrauisch nach.
    "Nein, eine Stimme, nicht eine Frau."
    Er fragte mich nichts mehr …
    Als die Nacht begann, suchte ich nach Körperstellen, mit denen ich die Stimme wahrnehmen konnte. Denn ich bezweifelte, daß ich sie wie eine gewöhnliche Stimme am Trommelfell spürte. Besonders, wenn ich lag, kam sie auf eine besondere Weise auf mich zu. Zuerst streichelte sie vorsichtig meinen Hals. Mir dauerte das meist zu lang, und ich fürchtete auch, daß sie mich auf diese Weise elegant erwürgen würde … Ich habe nie verstanden, was sie von mir wollte. Ich konnte ihr auch keine Fragen stellen, weil sie nichts hören konnte. Es war eine Stimme ohne Ohren … manchmal ließ ich mich stundenlang von ihr streicheln.

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