Del LaGrace Volcano: Sublime Mutations

Leseprobe

Die meisten Menschen ziehen sich einen Schuh an, der ihnen nicht unbedingt paßt. Der binäre Imperativ zwingt uns, eine definitive Wahl zu treffen: wir haben ein Geschlecht. Einen Körper. Wir sind männlich oder weiblich. Homosexuell oder heterosexuell. Yin oder Yang. Das Geschlecht ist sozusagen die letzte sichere Bastion der Zivilisation, die wir kennen. Sie gewährleistet einen Halt, Stabilität, Aufgehobenheit.

Ich zum Beispiel fühle mich nicht wie ein Transsexueller – geboren in einem falschen Körper. Die westeuropäischen Sprachen haben uns keine Worte gegeben, diejenigen zu beschreiben, die außerhalb der kulturell definierten Geschlechtergrenzen leben wollen – noch immer nennen wir uns entweder “er” oder “sie”. Meine Cousine Heidi war, was man einen echten Hermaphroditen nennt. Und das heißt einfach, daß sie beides, Eierstock- und Hodengewebe hatte und einen kleinen Penis bzw. eine große Clit. Doch Heidis Schwanz-Clit wurde amputiert, als sie 4 Tage alt war, die erste von vielen folgenden Operationen. “Es ist einfacher ein Loch als eine Stange zu machen” war der Kommentar des Arztes. Später erzählte man ihr zunächst, sie hätte Eierstockkrebs gehabt. Die Familie schämte sich, einen Hermaphroditen erzeugt zu haben.

Auch wenn ich selber nicht in diesem Sinne intersexuell geboren war, entwickelten sich in der Pubertät so einige maskuline Charakteristika bei mir. Eine Brust z.B. entwickelte sich, die andere gar kaum. Ich zupfte alle Haare aus, die an falschen Stellen wuchsen, z.B. im Gesicht. Und kleisterte es dann mit Makeup zu. Mit 17 glaubte ich, daß symmetrisch zu sein die Lösung all meiner Probleme wäre. Und ließ meine Brüste operieren. Die nächsten Jahre strengte ich mich also an, weiblich, und später radikal lesbisch zu leben. Viele Lesben fragen mich jetzt, warum ich mich entschieden hätte, intersexuell zu leben. Es ist schwer, mich gehen zu lassen als Tochter, Schwester, Dyke und Frau. An dieser Bipolarität unserer Gesellschaft haben auch die gender-Debatten nichts verändert.
Meine Wahrheit ist – auch für mich selbst – manchmal verwirrend, und ändert sich immer wieder … Als was ich versuchen würde, mich im Moment selbst zu bezeichnen: a queer pansexual tranny boy a gender terrorist …” Del LaGrace Volcano

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