Leseprobe

Copyright konkursbuch Verlag Claudia Gehrke.

konkursbuch Verlag Claudia Gehrke

PF 1621 - D-72006 Tuebingen, Tel. 0049(0) 7071 66551,
Mail: office@konkursbuch.com

Sigrun Casper, Das Pressecafé
aus: Unterbrochene Schienen


 



I

Waren die Tische rund, waren sie viereckig, lagen weiße Decken darauf? Vier Gäste passten an einen Tisch. Es war fast unmöglich, von woanders einen fünften Stuhl heranzuziehen. Die Stühle waren aus dunklem Holz, ihre Sitze mit Stoff bezogen, die Lehnen gepolstert. Oder standen da Holzstühle, die sich stapeln ließen? Hingen Kronleuchter von einer stuckverzierten Decke, Bilder an den Wänden? Waren darauf Stillleben, Landschaften oder Porträts von wahrheitsliebenden Zeitungsmenschen zu sehen? Die Fenster waren schmal und hoch, die nikotingefärbten Stores zur Seite gerafft. Aus dem Gesumm verschiedener Sprachen und dem Klappern von Geschirr löste sich ab und zu ein Lachen. Die Presseerzeugnisse, die dem Café seinen Namen gaben, sprachen nur eine einzige Sprache, Lachen kam darin nicht vor. In Holzschienen geklemmt hingen sie an einem Garderobenständer wie schlappe Fahnen. Eine S-Bahn fuhr ein und fuhr wieder ab, man hörte das grummelnde Geräusch der fahrenden Bahn. Ich schob mich durch die Drehtür und war woanders. Oder trat ich durch den Spalt eines Vorhangs aus grünem Filz auf diese Bühne aus Gesichtern, Blicken, Stimmen und Zigarettenrauch? Nicht nur ich, alle Ein- oder Auftretenden hielten vor dem Eingang inne, reckten blinzelnd den Hals und strebten dann einem freien Stuhl zu. Kellnerinnen mit runden weißen Schürzchen und Kellner in Schwarz jonglierten schwer beladene Tabletts durch die Enge zwischen den Tischen. Die Gäste aßen, tranken, redeten, lasen Zeitung, rauchten Zigaretten, winkten der Bedienung wie Gäste in jedem anderen Café, doch hier lächelten fremde Leute einander an und fingen an zu reden. Das Lachen schallte über die Tische hinweg durch die Luft, am Nachmittag, wenn niemand mehr als zwei Gläschen Cognac oder ein, zwei Glas Wein intus hatte.

Draußen auf der Friedrichstraße gingen Leute ernst und in Eile vorbei, so eilig, ernst und versteckt, wie auch ich mich da draußen gab. Hier drinnen, nur durch die Scheiben der hohen Fenster von ihnen getrennt, sah ich mich neugierig um, und wenn ich im Gespräch mit einem mir unbekannten Menschen etwas komisch fand, lachte auch ich unbekümmert los. Mein Lachen klang mir weder gequält noch übertrieben und was ich sagte, war einfach, es war unverstellt von Geboten. Ich nahm keine Hand vor den Mund, wenn ich Kritik oder Begeisterung über das Leben von mir gab. Es war ja mein Leben. Aus dem einengenden Allerweltskostüm war ich in ein Kleid geschlüpft, dessen Schnitt und Stoff mir passten. Ich war auf einmal die, die ich gerne wäre, und ich übte mich mit mir.

Manche Gäste waren von hier, andere von drüben. Im Pressecafé war das kein Anlass für scheele Blicke oder achtungsvolles Getue. Pass auf, was du sagst und hörst, die Parole galt hier nicht. Ein Blickwechsel, ein Lächeln, eine angebotene Zigarette, eine heruntergefallene Streichholzschachtel, die Frage, wann endlich die Serviererin käme, schon war man im Gespräch. Woher, wohin? Staatsoper? Links raus, dann links die Linden runter. Berliner Ensemble? Schräg da drüben, zwei Minuten von hier. Ja, einmalig, das Brechttheater. Die Weigel als Mutter Courage, der Kaiser als Mackie Messer, großartig. Im Kabarett „Die Distel“ hier oben im Haus war’n Sie noch nicht? Da müssen Sie unbedingt hin. So ging es hin und her, doch eigentlich redete man vom Wetter. Über die Heftigkeit des Niederschlags tauschte man sich gegenseitig aus, über vergangene und bevorstehende Kälteschübe, ungastliche Luftbewegungen. Für Spitzel gab es viel zu horchen und zu gucken. Zähneknirschend werden sie sich dem Ton angepasst und der Atmosphäre nicht haben entziehen können, dem Geist der Offenheit, der sich an manchen Orten zu keiner Zeit ersticken lässt. Oder hat den Lauschern ihre Arbeit im Pressecafé sogar Spaß gemacht, haben sie ihre Berichte etwas eleganter formuliert?

An der Buntheit der Gäste im Pressecafé und der weltoffenen Atmosphäre änderte sich auch nach dem Mauerbau kaum etwas. Mag sein, dass man anfangs den Ton dämpfte und sich jeder auf seine Weise Mühe gab, unauffällig zu wirken. Doch ein Klima aus Vorsicht und Reserviertheit passte nicht zum Pressecafé, auch nicht nach dem 13. August 1961. Hier saßen, tranken, aßen, unterhielten sich und warteten nach wie vor Leute ohne eingezogene Köpfe.

Es war besonders, es war anders, ich fühlte mich zu Hause. Mein Blick durch ein Fenster auf die Straße verwischte sich nach und nach zur Aussicht auf eine hellere Zeit. Der Geist, der über uns wachte, zwinkerte mir zu: Nimm etwas von mir mit nach draußen, puste mich in alle Winde.

 

 

II

Im Mai 1961 hatten wir uns in Westberlin kennengelernt. War ich bis zum 13. August nach der Arbeit oder am Wochenende mit der S-Bahn zu Pete nach Schöneberg gefahren, fuhr Pete nun zu mir nach Berlin-Mitte.

Zwei- oder dreimal in der Woche waren Pete und ich um Viertel nach fünf im Pressecafé verabredet. Wir küssten uns auf die Wangen, tranken Kaffee, Cognac, Atmosphäre, drückten unterm Tisch unsere Knie aneinander, redeten über dies und das, auch übers Wetter, zahlten und gingen dann die Friedrichstraße rechts herunter über die Weidendammbrücke an der Deutschen Bücherstube vorbei in die Oranienburger Straße zu Frau Kleinerts Wohnung. Dort angekommen, mussten wir erst das Wohnzimmer meiner Kette rauchenden Zimmerwirtin durchqueren, die bereits auf uns wartete. Heiser berlinernd lud sie uns zum Mittrinken ein, nur ein kleines Gläschen, ihr Süßen, und hob uns die dreiviertel geleerte Flasche entgegen. Pete war der Frau sympathisch und der Genossin nicht geheuer. Für die Genossin war jeder Ami ein Böser, aber mit Marlboroschachteln und ehrlich gemeinten Komplimenten hatte Pete den Argwohn der Genossin nach und nach zerstreut, bis sie schließlich ganz und gar begeistert von ihm war. Meine angetüterte Wirtin, ihr Sofa, zwei Gläschen und die Zeit einer Zigarettenlänge waren die letzte Hürde, ehe wir das möblierte Bett erreichten.

Da ich zwei-, dreimal in der Woche zur gleichen Zeit im Pressecafé auftauchte, blieb es nicht aus, Gesichter wiederzuerkennen, zu grüßen und gegrüßt zu werden. Auf Pete musste ich oft warten. Nie konnte er vorher wissen, wie viele Ausländer mit ihm am Checkpoint Charlie nach Ostberlin einreisten, wie lange sich die Kontrollen hinzogen. In der Luft des Pressecafés, dem rauchigen Gemisch aus Spannung und Großkariertheit genierte ich mich nicht, allein am Tisch zu sitzen, mir einen Kaffee und einen Cognac zu bestellen, mich umzuschauen, zur Tür zu sehen, den Platz zu wechseln, weil am Tisch eines Bekannten ein Stuhl frei war. Unbekümmert ging ich darauf ein, wenn mich einer der beiden Männer, die hier offenbar ihre Zelte aufgeschlagen hatten, ansprach, ich ergriff sogar selbst die Initiative, jedenfalls bei dem einen. Ich wartete. Man wusste, auf wen. Der Erwartete würde sich, kaum dass er auf dem von mir verteidigten freien Stuhl Platz genommen hatte, mit seinem wunderbaren Deutsch und seinem Humor mühelos in jedes Gespräch einklinken.

Einer dieser beiden Stammgäste war ein strammer Mann Anfang, Mitte dreißig, Trenchcoat, Anzug und Krawatte, im Außenhandel tätig, Raucher stinkender filterloser Zigaretten. Von der zweiten Gegenüberstellung an begrüßte er mich mit Handschlag. Sein Interesse an mir war mir unangenehm und schmeichelte mir. Nach seinen Fragen meine Arbeit, Interessen und Befindlichkeiten betreffend schob er Kopf und Stuhl näher zu mir heran. Seine Stimme nahm einen vertraulichen Ton an. Es ging nun um meinen Freund und mich, das Ost-West-Paar. Ob wir uns gut verstünden, ob wir wirklich glücklich wären, wollte er wissen. Er fragte mich aus, als wollte er mich von Pete abwerben. Erstaunlich, wie er Mimik und Körpersprache sofort auf freundliche Beiläufigkeit umstellte, sobald das Objekt seiner Fragen am Tisch auftauchte. Pete, der die Funktion des Anzugträgers von Anfang an durchschaut hatte, spielte wortreich den Ahnungslosen. Ungefragt verriet er dem Spitzel, dass wir einander über die Mauer hinweg liebten und heiraten wollten. Da Eheschließungen mit Angehörigen von Nato-Staaten untersagt waren, wüssten wir nur nicht, wie. Den Kopf schräg gehalten, lauschte der Mann den Bekenntnissen meines Freundes. Dabei setzte er das einverständliche Kopfnicken ein, das man in Fernsehübertragungen von Volkskammersitzungen an allen eifrigen Genossen beobachten konnte.

Als mich der eifrige Genosse zwischen Weihnachten und Neujahr, wenige Tage vor meiner Flucht,
alleine wartend erwischte, schob er grußlos den Stuhl sofort näher zu mir heran. Er hätte eine Neuigkeit für mich. Für ihn als Angestellten des Außenministeriums wäre es ein Kinderspiel, mir zur garantiert sicheren Einreise in den Westen zu verhelfen. Als ich die Augen verdrehte, rückte der hilfsbereite Genosse heraus, dass allerdings mit dem Erfolg des Unternehmens eine Bedingung verknüpft sei, als Honorar sozusagen. Ich begriff. Scheißkerl, dachte ich. Die einzige Möglichkeit, der Falle zu entgehen, war, kein Wort mehr zu sagen.

Der andere Stammgast, der Wert darauf legte, mit uns, bevorzugt jedoch mit mir allein ins Gespräch zu kommen, war Dozent für mittelalterliche Geschichte an der Humboldt-Universität. Der Mann war schon alt, mehr als doppelt so alt wie ich, mindestens Mitte vierzig. Aus seinem langen Hals ragte der Adamsapfel. Die Schulterpolster seines Jacketts hingen etwas fehl am Platz über seinen Oberarmen. Das Jackett, die Hose, das Oberhemd, die Krawatte, die fahle Gesichtshaut, die Stimme, die Haare auf dem schmalen Schädel, alles am Herrn Doktor machte einen zerknitterten Eindruck. Ins Pressecafé ging er wohl in der Hoffnung, einer gutmütigen und nicht dummen Frau zu begegnen. Erleichtert kam mir der Herr Doktor vor und für eine Sekunde wie verjüngt, wenn er vom Stuhl aufsprang, sobald ich eingetreten war, mich vorsichtig an seinen Tisch winkte und zu einem Cognac einlud. Er redete viel, lächelte selten und lachte nie.

 

 

III

Auch am Nachmittag des 30. Dezember 1961, ein paar Stunden vor meiner Flucht, schien mein blasser Verehrer auf mich zu warten. Auf seine staksige Art stand er vom Stuhl auf, mit verhaltener Freude bat er mich an seinen Tisch. Pete und ich waren zwischen Viertel und halb fünf verabredet. Alles sollte aussehen wie immer.

Den Abend zuvor hatten wir bis nach elf Uhr bei Sophie, meiner Lieblingskollegin und Abteilungsleiterin, verbracht. Sophie und ich wollten zusammen durch die Mauer nach Westberlin. So war es geplant. Pete war durch Züricher Straßen gelaufen, hatte in Cafés gesessen, Tanzlokale besucht und alle Mädchen angesprochen, die vom Typ und Alter her in Frage kamen. Ein Mädchen ließ sich erweichen und lieh ihm ihren Pass für mich. Für Sophie hatte Pete keinen Reisepass auftreiben können. Sophie war über fünfzig und auffallend klein, ein Mensch, dessen Körperlänge sich in diametralem Gegensatz zur Größe der Persönlichkeit befand, eine Frau mit dem ungewöhnlichsten Gesicht, das man sich vorstellen konnte. Niemand besaß solche gotisch geschwungenen Augenbrauen über hellen Augen mit spöttischen Fältchen in den Winkeln und mit melancholisch schweren Augenlidern, niemand hatte eine so hohe und kühne Stirn und einen Mund wie eine lächelnde Sichel. Ein Typ wie Edith Piaf wäre in Frage gekommen, aber die Piaf war unerreichbar. Es war also Pete nicht gelungen, in Zürich eine Frau zu entdecken, deren Körpergröße und Gesicht nur annähernd mit Sophie zu vergleichen waren. Sie war darauf gefasst, sie nahm es hin. Auf ihre sachlich besorgte Art war sie froh für mich. Wenigstens Sie, mein liebes Adlermädchen. Von einer befreundeten Ärztin hatte Sophie eine Schachtel Pervitin erbeten und erhalten, Pillen, die Schauspieler gern vor der Premiere einnehmen. Man ist hellwach und bleibt trotzdem ruhig.

Bei Sophie, am Vorabend, hatte ich die ersten drei Pillen geschluckt und während sie zu wirken begannen versucht, Schwyzerdütsch zu sprechen. Sophie wusste wenigstens, dass in der Schweiz das weiche ch, wie zum Beispiel beim Ich, hart ausgesprochen wird. Mir war Schwyzerdütsch völlig unbekannt, doch die wienerische Sprechweise eines ehemaligen Dozenten konnte ich recht gut imitieren. Den Herrn hatte ich nicht gemocht. Menschen nachzuahmen, die ich nicht mag, ihre Bewegungen, ihr Lachen, ihre Sprechweise, hilft mir auch heute noch, Abneigungen zu verarbeiten. Ein Giftzwerg mit theatralischem Singsang, den wir mit Herr Professor anreden mussten, hat also dazu beigetragen, dass ich den Grenzübergang von Ost nach West ohne Schaden hinter mich brachte.

So weit aber waren wir am Abend des 29. Dezember noch nicht, als ich bei Sophie unter ihrer und Petes Assistenz wienerisch mit hartem Rachenlaut radebrechte und mir Pete den Schweizer Pass mit dem Foto eines Mädchens in die Hand legte, das so alt war wie ich und offenbar schon um die halbe Welt gereist war, was ich an den vielen Visums-Stempeln sah, deren Inhalt ich mir hier und jetzt sofort einprägen musste, weil Pete aus Gründen, die er mir nicht verriet, den Pass wieder mitnehmen musste; als mir Sophie hundertfünfzig Mark in die Hand drückte, für einen Wintermantel, in dem ich als Schweizerin eine überzeugendere Figur machen würde als mit meiner abgeschabten Jacke, einen schicken Mantel, den ich mir morgen in der Mittagspause noch besorgen sollte.

In der Nacht nach dem Besuch bei Sophie und dem stummen Abschied von Pete, der bis Mitternacht durch die Grenze sein musste, hatte ich die Augen zugedrückt und nicht geschlafen. Die ganze Nacht wälzte ich mein lautes und rasendes Herzklopfen von einer Seite auf die andere und wiederholte im Kopf die Länder, Städte und Daten im Pass des Züricher Mädchens. Am Morgen war ich pünktlich wie immer zur Arbeit. Sophies ernste Blicke auf mich, ihr ermunterndes Kopfnicken. Die Stunden rasten auf der Stelle neben mir her und an mir vorbei. In der Mittagspause musste ich mir nicht nur einen Mantel kaufen, sondern auch meinen Vater im Krankenhaus besuchen. Morgen, Silvester, sollte er wieder zu Hause sein. Ich war Silvester zum Hochzeitsfest eines Freundes in Adlershof eingeladen. Unausgeschlafen, vollgepumpt mit Aufputschtabletten, wissend, was mein Vater nicht ahnen durfte, kühl neben mir stehend, spielte ich die Rolle der ängstlichen Tochter, als ich ihn anflehte, gleich morgen meine Tagebücher zu vernichten. Er fände sie dort und dort in meinem Zimmer. Warum das? Bei Leuten, die mit Amerikanern befreundet waren, würden unangemeldet Hausdurchsuchungen durchgeführt. Hätte mir jemand gesagt, der es gut meinte. Meinen Tagebüchern hätte ich Dinge anvertraut, die Freunde und Familie belasten könnten. Mein Vater, etwas verwundert, versprach mir, sie verschwinden zu lassen. Also bis übermorgen, Neujahr zum Mittagessen, so verabschiedeten wir uns. Mein Vater war auf dem letzten Treppenabsatz stehen geblieben. Er winkte. Ich drehte mich um und winkte zurück. Müde lächelnd und hoffnungsvoll sah er mir nach, bis ich aus seinem Blickfeld war. Ich wusste nicht, ob ich ihn jemals wiedersehen würde. Ich
musste noch den Mantel kaufen. Es war der rote Damenmantel im Schaufenster der Oberbekleidungs-HO gleich neben der Deutschen Bücherstube. Noch jahrelang musste ich ihn bei Kälte tragen. Ich bat darum, ihn gut zu verpacken und zu verschnüren und brachte den Rest meines Arbeitstages und den stummen Abschied von Sophie hinter mich.

Das Mantelpaket stellte ich neben meinem Stuhl ab, als ich am Tisch des erfreuten Dozenten Platz nahm. Wieder einen Cognac? Ich nickte. Er winkte, bestellte und fing an zu reden. Der Cognac wurde serviert, ich nippte daran. Der Mann kam mir heute besonders aufgeregt vor. Nicht nur die geröteten Wangen, der ergebene Gesichtsausdruck, die um Sicherheit bemühten, fahrigen Handbewegungen, auch alle anderen Geräusche und Bewegungen um mich herum berührten mich mit einer Deutlichkeit, als wollten sie sich für immer einprägen. Eine halbe Stunde verging, eine Stunde, draußen war es dunkel geworden. Es fing an zu schneien. Schneeflocken fielen gerecht auf beide Seiten der Mauer.

Dringlich, beinah flehend sah mir mein Unterhalter in die Augen. Ich verhielt mich wie sonst. Was innen vorging, hatte ich nicht unter Kontrolle. Chemie raste durch die Windungen meines Kreislaufs. Ohne diese fremden Bestandteile, die mein Denken und Fühlen und Sehen aufdrehten und zugleich dafür sorgten, dass ich ruhig blieb, wäre ich aufgesprungen und kopflos fortgestürzt. Unheimlich klar war mir die Situation. Ich hing mitten im Schicksal. Der Faden, an den ich mich klammerte, war sehr dünn, ich war ein Siebzehnmillionstel, das sich abseilen wollte, ein Wichtlein in der Mitte der Welt. Ich musste mich gut festhalten, damit ich, wenn Pete endlich auftauchte und wir alles, was noch erledigt werden musste, reibungslos hinter uns gebracht hatten, auf der anderen Seite abspringen konnte.

Der Doktor hörte auf zu reden und schüttelte den Kopf. War ihm aufgefallen, dass ich auf meinem Stuhl hin und her rutschte und immerzu den Kopf zum Eingang drehte? Nein. Er forschte in sich hinein, starrte irgendwohin, zog den Blick in sich zurück und sah wieder aus sich heraus. Ich hörte eine S-Bahn halten und losfahren. Vielleicht kommt Pete mit dieser Bahn, ist eben ausgestiegen und wird gleich hereinkommen. Gleich wird er vor mir stehen. Ohne sich zu setzen, wird er meine Hand nehmen und mich von hier wegziehen.

Jemand trat ins Café ein, schüttelte sich, ich erschrak, vibrierte, jemand strebte auf einen Tisch zu, setzte sich hin. Ich war ganz ruhig. Die angespannte Unentschlossenheit meines Tischnachbarn rührte und ärgerte mich. Sein Mund nahm Anlauf und schloss sich wieder. Er suchte immer noch nach der angemessenen Form für das, was er zu sagen beabsichtigte. Sonst war der geistreiche Mann doch nie um ein Wort verlegen. Er zwinkerte. Unsichtbare Tentakeln gingen von ihm aus, tasteten über den Tisch an mir entlang nach dem Punkt, dem Moment. Er rückte den Kopf näher. Misstrauisch huschte sein Blick an mir vorbei und kehrte entschlossen zu mir zurück.

Er habe ein Problem. Und er müsse sich jemandem anvertrauen. Er sei sich noch immer unsicher, ob er es mir sagen könne.

In meiner Abschieds- und Weltuntergangsstimmung habe ich ihm vermutlich etwas Sarkastisches entgegnet, doch es musste dem drucksenden Menschen Mut gemacht haben. Nach erleichtertem Ausatmen fragte er mich, ob ich ihm einen Rat geben könnte, in einer allerdings sehr heiklen Angelegenheit. Ich nickte ihm beschwichtigend und beruhigend zu, als wäre nicht ich es, die beschwichtigt und beruhigt werden müsste.

Er begann zu flüstern. Prostata, vernahm ich. Er habe da etwas, Entzündung, Reizung, man wisse nicht genau. Ich hörte das Wort zum ersten Mal. Wo haben Sie was? Er wiederholte. Prostata, ein temperamentvolles, ulkiges Wort, es könnte ein Frauenname sein, ein frommer Name, der Name einer Nonne. Geheimnistuerisch, wie der Mann redete, so wichtig, wie er sich aufführte, musste Prostata etwas Intimes sein. Hatte also mit dem Geschlecht zu tun. Höflich hielt ich mein Ohr ins Geflüster des Mannes, um mich herum drehte sich alles, meine Stoppuhr tickte bedrohlich. Auch wenn es etwas Ernstes wäre, er wäre sich nicht sicher, ob er einer Operation zustimmen sollte. Ich wisse doch wohl um die Folgen.

Nichts wusste ich, nur dass ich wartete. Mein Herz klopfte mich mit harten Schlägen ab, mein Gesicht war heiß und kalt. Die Augen aufgerissen spielte ich weiter die Aufmerksame, vernahm das Wort Prostata im Wisperton in Erwägungen eingewickelt, sah in das besorgte Gesicht und zur Tür und auf den Tisch und wieder in das Gesicht. Der Mann fürchtete um etwas Bedeutsames und hatte mir die Rolle als Retterin zugedacht. Ich sagte kein Wort.

Als ich es nicht mehr aushielt und aufsprang und mir meine Jacke überwarf, sah ich Pete am Eingang. Ich ergriff das Paket mit dem Mantel, nickte dem Doktor zu, brachte noch heraus, Entschuldigung ich muss jetzt leider es ist höchste Zeit, und stürzte auf Pete zu. Wir verließen das Pressecafé und hasteten zwischen Leuten mit hochgestellten Mantelkrägen die vermatschte Friedrichstraße hinunter.

Pete war aufgehalten worden. Von wem und warum und wodurch, er sagte es nicht, ich fragte nicht, wir sagten beide nichts, ich hielt mich nur an seinem Arm fest. Ich habe den Pass, sagte er leise, du musst noch die Etiketten einnähen. Etiketten von Schweizer Firmen hatte er schon gestern bei Sophie erwähnt, er dachte wirklich an alles. Sophie hatte mir Nadel und Nähgarn mitgegeben.

Das Stück bis zu Frau Kleinerts Haus rannten wir. Frau Kleinert lag in ihrem ofenwarmen Zimmer schlafend auf dem Sofa. Zwischen zwei Fingern klemmte eine angerauchte, erloschene Zigarette, auf dem Tisch standen eine geleerte Schnapsflasche und drei Gläschen. Pete zog die Kippe vorsichtig heraus und legte sie auf den Rand des Aschers.

Ich wickelte den roten Wollmantel aus, das harte Packpapier krachte furchtbar laut. Ich strich den Mantel glatt, zog meine Sachen aus und nähte so gut und schnell ich nur konnte Etiketten von Schweizer Firmen in Wäsche und Mantel. Pete bestand energisch flüsternd darauf, auch den Pullover, ja und auch den Rock mit einem Etikett zu versehen. Beruhigend drang Frau Kleinerts Schnarchen durch die abgeschlossene Tür. Pete hatte sogar an Schweizer Bonbons und an Westparfüm für die Handtasche gedacht. Ich zog mir die Sachen wieder an, steckte den Schweizer Pass ein und schrieb für Frau Kleinert ein paar dankende Abschiedsworte auf einen Zettel. Sie mussten so formuliert sein, dass nicht der geringste Verdacht eines Mitwissens auf sie fallen konnte. Neben den Zettel legte ich meinen Ausweis, die Schlüssel und das restliche Geld. Ich schlüpfte in den Mantel und warf mir um Kopf und Schultern die schöne schwarze Woll-
stola aus der Deutschen Bücherstube, die ich mir zu Weihnachten geschenkt hatte und die ich noch viele Jahre tragen würde. Auf Zehenspitzen schlichen wir aus der Wohnung. Meine Gedanken vergaßen nicht, der lieben Knurrhenne zum Abschied übers Haar zu streicheln.

 

 

IV

An der Ecke Oranienburger Straße trennten wir uns mit einem festen, ernsten Händedruck. Mach’s gut. Pete wollte den ganzen Weg im Abstand von etwa fünfzig Metern hinter mir gehen. Ich marschierte los, an den von mir weihnachtlich dekorierten Schaufenstern der Deutschen Bücherstube vorbei, und ich warf noch einen Blick auf die schummrigen Fenster der Bärenschänke gegenüber. Oft hatte ich hier mittags eine Bockwurst und den selbst gemachten Kartoffelsalat gegessen. Auf der Höhe des Zirkus Barlay drehte ich mich um. Pete war losgegangen, ich sah ihn wie einen Schatten.

Die Luft war feucht und kalt, alle Geschäfte seit vier Uhr geschlossen, ab und zu ging ein vorzeitiger Silvesterböller los, das fahle, scharfe Knallen verdichtete noch die winterliche Trostlosigkeit auf der Friedrichstraße. Eine S-Bahn ratterte über die Brücke am Bahnhof, Wagen für Wagen verschwanden die Bahn und ihr Geräusch im diesigen Dunkel. Auch ich war dabei, von hier zu verschwinden. Ich ging am Pressecafé vorbei. Saß der Doktor da noch und grübelte? In mir drin bog es mich in einem Anfall aus Lachen und Heulen. Ich ließ das Pressecafé hinter mir, die Monate, in denen ich mich im Erwachsensein ausprobiert hatte.

Auf der Kreuzung Unter den Linden, auf der ich so oft sehnsüchtig übers Tor hinweg zur Siegessäule und abends bis zum hell erleuchteten Telefunkengebäude am Ernst-Reuter-Platz geschaut hatte, hörte ich plötzlich eine Stimme neben mir. Guten Abend. Ein junger Mann entschuldigte sich, mich angesprochen zu haben. Ob er mich zu einer Tasse Kaffee einladen dürfe? Während wir die Kreuzung überquerten, sagte eine Stimme in mir: Nimm die Gelegenheit beim Schopf! Jetzt kannst du dein Schweizerisch sprechen üben!

Auf dem Bürgersteig Unter den Linden blieb ich mit dem Jungen stehen und begann. Tut mir leid, zum Kaffeetrinken habe ich keine Zeit mehr, sagte ich mit dem Singsang des Professors aus Wien und hartem Rachenlaut, ich muss um zweiundzwanzig Uhr wieder drüben sein, in Westberlin, ich glaube, ich bin schon über die Zeit, aber ich würde mich freuen, wenn Sie ein Stück mit mir gingen. Mach ich gern. Sie sind nicht von hier? Von drüben? Wo kommen Sie her? Aus der Schweiz? Zürich? Ich nickte. Oh, ich beneide Sie so, brachte der Junge laut und leidenschaftlich heraus, Sie haben es gut, Sie können einfach rübergehen, wir müssen hier bleiben, wir sind hier eingesperrt. Das sagte der Junge aus dem Osten zu dem Mädchen aus dem Osten, das sich schämte und tief im Inneren aufgewühlt loskicherte. Wär das schön, seufzte der Junge, wenn Sie mich einfach in Ihre Handtasche stecken und mit durch die Grenze nehmen könnten! Ich würde es so gerne tun, ach so gerne würde ich das, das können Sie mir glauben. Danke, sagte er. Auf einmal fing er an, aufgeregt in der Luft herumzufuchteln. Ich hab eine Idee! Würden Sie mir einen Gefallen tun? Ich habe Freunde in Westberlin, bis zum August haben wir uns regelmäßig getroffen, mal hier, mal drüben, doch nun, diese blöde Post, alles geht so langsam, wenn überhaupt ein Brief ankommt. Ob Sie mal bei dem einen anrufen würden und ihm einen schönen Gruß von mir bestellen? Er nannte seinen Vornamen. Aber gern, natürlich mache ich das, antwortete das Mädchen aus Zürich. Danke, danke!

Wir überquerten die Leipziger Straße. Der Junge nahm meine Hand und drückte sie dankbar. Er fasste in die Innentasche seiner Jacke und zog ein Notizbuch heraus, er hatte sogar einen Bleistift dabei. Aus dem Notizbuch riss er eine Seite und schrieb im Dunkeln, Schneeflocken fielen auf das Zettelchen, einen Namen und eine Telefonnummer. Leider haben meine Eltern kein Telefon, sagte er, nur wenige haben eines, so ist das nun mal hier. Was wird Pete bloß denken, fragte ich mich, hoffentlich macht er sich keine Sorgen. Ich drehte mich um und sah ihn. Und ich steckte den Zettel des Jungen und seine Bitte in meine Handtasche, wenigstens das.

Wir gingen weiter.

Als ich den Jungen über sein Leben reden hörte, war es mir, als lauschte ich mir selbst. Das Gefühl in seinen Worten war auch mein Gefühl. Er erkundigte sich, was ich heute hier in Ostberlin gemacht hätte. Die Schweizerin antwortete das Erste, was der Ostberlinerin einfiel. Museum, alte Meister, Marienkirche, Unter den Linden runter zur Friedrichstraße. Am Bahnhof habe ich ein Café entdeckt, da habe ich lange gesessen. Das Pressecafé, das kennen Sie doch auch? Er kannte es nicht. Und ich schwärmte dem jungen Tischler aus Ostberlin von der Atmosphäre vor, so locker, viele interessante Leute. Wenn ich jetzt die Zeit gehabt hätte, wär ich gern noch mal mit Ihnen dorthin, ins Pressecafé, auf einen Kaffee. Schade, seufzte er. Ja, schade, wiederholte ich, ganz in meiner Rolle aufgegangen, aber vielleicht ein andermal. Morgen? Übermorgen? Leider nein, leider. Ich fahre morgen nach Zürich zurück.

Sie haben es so gut, hörte ich seine sehnsüchtige Stimme, Sie wissen gar nicht, wie gut Sie es haben. Er hielt an und senkte den Kopf. Ich darf hier nicht mehr weitergehen, sagte er traurig, hier ist mein Weg zu Ende. Ich muss umkehren, hier beginnt der Todesstreifen. Dort hinten ist der Übergang für Sie. Er zeigte geradeaus. Milchige Lichthöfe um Laternen, von Schneeflocken umtanzt wie von Fliegen. Ein Schlagbaum. Baracken mit heimelig erleuchteten Fenstern.

Der Junge reichte mir die Hand und drückte sie lange. Er hatte Tränen in den Augen. Danke, sagte er noch einmal. Danke, erwiderte ich, ich werde Ihren Freund von Ihnen grüßen. Ich umarmte ihn nicht, damit Pete nicht erschrak. Er kehrte um, ging Pete entgegen, an ihm vorbei, er ging zurück. Ich schritt auf den Grenzübergang zu.

Die Grenzer in der Kontrollbude, einer hinter dem Fensterchen und der für Gepäckkontrolle zuständige in dem kleinen Raum, sahen mir gut gelaunt entgegen. Sie schienen froh zu sein, mal wieder jemanden kontrollieren zu können. Oder vielleicht hatten sie morgen frei und freuten sich auf Silvester. Der für die Passkontrolle Zuständige nahm den Pass und blätterte darin. Er fand das Zeichen vor, das winzige Bleistiftzeichen, von dem ich keine Ahnung hatte. Es wechselte täglich. Pete hatte erst bei einer Fluchthilfe-Organisation in Erfahrung bringen müssen, auf welcher Seite im Pass und auf welcher Stelle dort bei der Einreise am 30. Dezember ein Punkt, ein Strich, ein Kreis, ein Kreuz oder sonst etwas eingezeichnet wurde. Bei der Ausreisekontrolle, also jetzt, wurde es wieder ausradiert. Wegen des Zeichens und aus noch einem anderen Grund, den er mir niemals verriet, hatte Pete den Pass gestern Nacht wieder mitgenommen. Ohne dieses Zeichen im Pass hätte man mich geschnappt.

Der Grepo verglich das Gesicht auf dem Passbild des Züricher Mädchens mit meinem Gesicht, das von der schwarzen, von Schneeflocken benetzten Stola umhüllt war. Nur einmal sah er hin und gab mir den Pass zurück. Danke, sagte ich und steckte ihn ein, und: Gutes Neues Jahr im Voraus! Ich ging nach draußen, ich war durch.

Ihnen auch, riefen sie mir hinterher.

Ich stand mitten auf der Kochstraße. Im Westen. Nach einigen Minuten sah ich Pete. Wir breiteten die Arme aus und rannten aufeinander zu. Pete hatte die Grepos nach der jungen Dame im roten Mantel gefragt, die vor ihm durchgegangen sei. Ganz stolz hätten die ihm geantwortet: Eine Schweizerin!