LESEPROBE aus dem Roman GEHEN von Adrian Zinn

 

S. 17ff.

 

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Und dann also hatte er den Entschluss gefasst, sie zu treffen. Es war am Ersten Mai. Er wanderte zur Feier des Tages über einen Berg, an der Hangkante entlang, wo die zum Teil schon abgestorbenen Kiefern über den Abbruch hinaus hängen. Beim Aufstieg und jetzt beim Blick hinunter zeigten sich die Gehölze hellgrün, die Laubblätter waren erst halb ausgewickelt; sonst sah man an Blüten oder anderen Formen der Vegetation noch wenig, das frische Gras ausgenommen, den unvermeidlich fetten Löwenzahn in den Wiesen, doch im Wald nur ein paar schüchterne weiße Blüten; ein einzelnes Veilchen entdeckte er, einen Busch weißer Anemonen, erste Maiglöckchen. Alles blank, frisch, liebenswürdig. Das Sternmoos glänzte, die stahlgrauen Flechten und ein kleines feines haariges Moos gaben den aparten Rahmen; nur der warme Hang, auf den er hinunterschaute, war übersät mit blühenden Apfelbäumen. Am Austritt aus dem Wald fand er auf der Wiese Schlüsselblumen. Die Sonne strahlte jetzt schon kräftiger und blendete von der Ostwand der Kapelle, vor der er zum Parallelweg herunterstieg, der auf halber Höhe am Berghang zurück führt. Da war schon die Vegetation aktiv, die ersten gelben Ranunkeln drängten sich ins Auge, Blaukissen an den eingezäunten Weinbergen. Er dachte mit Zuneigung an seine Familie zuhause, der Sohn würde sicher noch schlafen, die Ehefrau vielleicht schon beim Frühstück sitzen. Ein neues Tongerät hatte sie sich kürzlich gewünscht für die Küche. Was sie wohl gewählt hatte, Bach, Haydn, die neue Reger-CD? Ein Steinobstbaum, Kirschen oder Mirabellen, fesselte seine Aufmerksamkeit, über und über voll weißer Blüten.

                  Er war neugierig auf die Frau, die so unerwartet wieder in sein Leben getreten war. War es überhaupt gut, sie zu treffen, nachdem man fast vierzig Jahre einander versäumt hatte, vielleicht ausgewichen war, jedenfalls nichts getan hatte, um zusammenzukommen? Er hatte vieles verdrängt, das sah er, er wusste nicht mehr, wie sie sich damals genau verhalten hatte. Ja, sie war geflohen, aber wie hatte sie ihre Flucht ihm gegenüber dargestellt? Er erinnerte sich, dass sie falsche Signale gegeben, Personen und Ereignisse vorgeschoben hatte, und dann den gemeinsamen Studienort fluchtartig verlassen. Und dass es danach noch zu wenigen, seltsam unklaren Begegnungen, in Italien, Großbritannien, beide Male mit massiver Beteiligung von Zufall, gekommen war. Jedenfalls war diese Krise in seinem Leben so dramatisch wie keine andere gewesen. Jetzt drängte es ihn zu erfahren, wie diese damals so wichtige Person auf ihn zukommen würde. Nach und nach kam er ins Grübeln, was das wohl bedeute.

                  In dieser wie in der vergangenen und der vorvergangenen Nacht war er am Schreibtisch gesessen und hatte wie regelmäßig die zum Abendessen geöffnete Weinflasche ausgetrunken. Er hatte dieses kleine Alkoholproblem, aber er konnte damit umgehen, hatte es eigentlich in seinem ganzen Leben so gehalten und musste nur aufpassen, dass nicht später noch der Griff zum Malt oder zum alten Grappa folgte. Ein befreundeter Psychiater hatte ihm dies nicht verboten, aber dringend geraten, darauf nur im Notfall auszuweichen, das heißt, wenn er sonst überhaupt nicht in den Schlaf gefunden hätte. Von Medikamenten hielt er nichts, weil sie die Feinbeobachtung und Selbststeuerung störten. Sein Arzt hatte sie zwar angeboten, aber halbherzig, und meinte, er solle nicht früher damit beginnen als unbedingt nötig.

                  Es gibt ja viele Gründe, eine verflossene Liebschaft nach Jahren wieder zu treffen. Nostalgie, Neugier, auch Wehmut, im unwahrscheinlichen Fall sogar die Bereitschaft, nochmals bei Null zu beginnen. Vor ihrer Begegnung war weder sein noch ihr Motiv erkennbar, mit Ausnahme der Neugier herauszufinden, was damals bei der Trennung eigentlich passiert war.

                  Diese grüblerischen Abende freilich, in denen er gedanklich keine nennenswerten Fortschritte machte, ließen ihn ahnen, dass er womöglich hinter der freundlichen Botschaft, von der heiteren Stimme der früheren Freundin ausgesprochen, auch eine nicht ganz so helle Rückseite finden könnte. Hatte er die leise Furcht, in eine Tragödie zurückzufallen, die damals nicht gelöst, sondern nur abgebrochen und verdrängt worden war?

 

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Auch wenn ich die geliebte Person noch nicht definieren und einordnen kann, hat sie doch ihre bestimmte Gestalt. Schon vor dem Treffen bildete er sich ein, er hätte sie in all diesen Jahren schon von ferne erkannt, so wie damals in Pompeji am anderen Ende der langen Gasse, in nur einem Augenblick des Vorbeigehens. Jetzt fragt er sich, ob diese Gestalt einem bestimmten Typus entspricht, und ob dieser Typus auch in den wenigen anderen Frauen, die er geliebt hat, wiederzufinden wäre. Die Antwort ist: es gibt Ähnlichkeiten, aber zu einem Typus zusammenziehen kann er seine Geliebten nicht. Auch sind fast alle außer der Ehefrau fern, zu Schemen der Erinnerung verblasst. Und gerade zwischen der Ehefrau und der Geliebten gibt es wenig, das sie zusammenfassen würde; es gibt da eher eine Art komplementäres Verhältnis in ihrem Verhalten und in ihrer Körperlichkeit, was ihm ja die Idee plausibel macht, es könnten diese beiden Liebesverhältnisse miteinander koexistieren.

                  In seinem Bild von ihr erkennt er die überwältigende Eigenschaftslosigkeit der Geliebten; sie ist es, nicht irgendwelche Merkmale der Geliebten, die als solche die Gewalt der Liebe begründet. Und sie: Wie sieht sie ihn, wie nimmt sie ihn wahr, wirkt auf sie auch etwas von dieser Gewalt? Wenn seine Gefühle stimmen, müsste das so sein.

                  Er jedenfalls, stellt er ohne Überraschung fest, kann in dieser ganzen Stunde an nichts anderes denken als an sie. Er hat sich zuhause herzlich und praktisch mit seiner Frau über alles ausgetauscht, was für den Tag anstand, da war kein falscher Ton darin, er hat ihr sogar gesagt, dass er sich in das Mädchen, die vor ihrem Auftauchen seine Geliebte gewesen war im fernen Damals, wieder heillos verliebt habe, worauf seine Frau, mit gelegentlichen Exaltationen nicht unvertraut, ihn nur etwas ironisch und etwas mitleidig angelächelt und gemeint hatte, das werde sich ja hoffentlich wieder normalisieren. Er hatte sogar, um diese Mitteilung aus dem Metaphorischen in die Realität zu rücken, die Bemerkung hinzugefügt, dass trotz allem, was jetzt mit der anderen ablauf, zwischen sie beide als Eheleute kein Blatt passe; übrigens wolle die andere sie gerne kennenlernen. Und seine Frau hatte ihn angesehen, ein bisschen, wie man ein krankes Kind ansieht, ob es jetzt wirklich Fieber habe oder sich das nur einbilde, und kein Wort der Missbilligung oder der Enttäuschung verloren, sondern nur gesagt, er könne diese doch gerne einladen. Er möchte eigentlich auch über diese wunderbar souveräne Reaktion seiner Frau nachdenken, aber im Moment ist dafür in seinem Kopf kein Platz. Er klebt an den Erinnerungen jeder gemeinsamen Minute.

                  Die Freundin hatte ihn ins Auto gesetzt und war mit ihm ans Flussufer gefahren. In der Nachmittagssonne zeigten sie einander die Hügel jenseits mit ihren Burgen und Hotels und die Schiffe und Ausflugsboote auf dem Fluss, nette und bunte Bilder. Fast im Telegrammstil hatten sie einander ihre wesentlichen Lebensumstände mitgeteilt und dann gleich den Versuch begonnen, gemeinsam herauszufinden, woran ihre Beziehung vor achtunddreißig Jahren gescheitert war. Eines war klar: Sie war nicht durch einen großen Streit, durch Meinungsgegensätze, das Aufbrechen einer Unverträglichkeit oder einen Zielkonflikt in der Lebensplanung zerbrochen. Sie konnten nur in Metaphern davon reden: Er, dass ihm vorgekommen sei, als sei aus der Beziehung unerwartet das ganze Blut entwichen und mit ihm die Lebendigkeit, die Möglichkeit, sich auszutauschen, einander zu antworten, Neues zu erleben, neue Pläne zu machen, neue Themen zu finden, und sie sprach vom Käfig, in dem sie sich damals vorgefunden habe, und aus dem sie nicht herausgekommen sei. Sie war also mit ihrem Käfig geflohen, um diesen zu retten. Zuvor hatte sie die Metapher einer Glas-
glocke benutzt und dabei gesagt, dass sie sich eigentlich erst jetzt daraus zu befreien beginne. Dabei war am äußeren Ablauf ihrer beider Lebensschicksale nichts Wesentliches zu bedauern, und das übliche Maß an Sorgen hatte sie auch vor Übermut bewahrt. Ihre beiden Ehepartner waren verlässliche, gute und verständige Leute, und weder sie noch er in einem lebenslangen Unglück aufgebraucht, das nach Veränderung gedrängt hätte.

                  Trotzdem machte sich fast unhörbar leise ein Unterton von, fast hätte er gesagt: wunschlosem Unglück fühlbar, für das sie zunächst keine Begriffe hatten, einander am Kairos ihres Lebens verfehlt zu haben.

                  Er wundert sich rückblickend, wie diese leisen Gedanken sie beide offenbar ohne Widerstand in Besitz nahmen und dieses Zusammensein immer deutlicher definierten. – Wem wird schon die Chance gegeben, eine lang zurückliegende Lebensentscheidung oder genauer Nicht-Entscheidung dieser Art, ein Verfehlen und Verlieren, nicht bloß als abgelegte Erinnerung, sondern zusammen mit dem damaligen Partner erneut zu reflektieren?

                  In einem Punkt kommt ihm das, was sie dazu einander sagten und auf sozusagen der bestimmenden Denkebene auch dachten, sodass sie einander durchaus keine Lügen sagten, dennoch nicht ganz zutreffend vor. Er zumindest war nicht überzeugt, dass sie für das, was sie im Moment nicht zu verstehen meinten, keine Begriffe würden finden können, und sie vermutlich auch nicht. Eher wurde manches, und wäre es aus Takt gegenüber ihren Ehegespenstern, wie sie diese lachend genannt hatte, nicht ausgesprochen. Nicht als ob es da um reale Beanstandungen gegangen wäre – nein, es ging eher darum, dass sie beide vielleicht gewisse Träume gehabt hatten, welche ihre Partner nicht aufgenommen, nicht geteilt hatten, vielleicht nicht teilen konnten.

                  Waren es Träume, waren es Selbstentwürfe? Oder Selbstutopien, von einander gegenseitig in einen Liebsten, eine Liebste hinein entworfen in der irren Hoffnung, der andere, die andere werde das alles aufsaugen und dadurch so werden können, dass sie sich nach der Utopie bilden würden? Der Geher, der die Worte, die Schritte und Blicke dieser Wege am Flussufer sich nochmals gegenwärtig zu machen sucht, bleibt am Wort Träume hängen. Giorgio Agamben zitiert einmal den Satz, dass Träume das sind, was wir einmal waren, bevor wir unser Selbst wurden. Wenn dem so ist, waren es vielleicht schon solche Träume, die von beider Leben enttäuscht wurden. Vielleicht hatten sie damals etwas Gemeinsames in Griffnähe, das sie zumindest ahnten. Er denkt ins Konzept und sagt sich: so etwas wie eine ödipale oder inzestuöse Nähe, etwas, das dem wunderbaren genitalen Genuss der Vereinigung damals noch voraus lag, weiter innen, so nahe, dass sie dem, was sie verband, ihrem eigentlichen Thema, ihrem Traum gegenüber, blind waren.

                  Er versucht, die platonische Bildungsmetapher von den Liebenden als zwei Hälften eines Ganzen als voreiliges Schema beiseitezuschieben; es geht nicht um die natürliche polare Gespanntheit mit ihrem erotischen Begehren. Er weiß nicht, wie er es fassen soll, aber es war etwas Besonderes da, das zwei Menschen über ihre erkennbaren Grenzen hinaus verband. Oder verstrickte.

                  Probehalber denkt er daran, ob beim Erkennen dieses gemeinsamen Etwas, dieses Urtraums, wie er es nennen möchte, oder auch seiner Störungen, die Kategorien der Psychoanalyse helfen könnten. Ob etwa sie, von deren engem Verhältnis zum Vater er ja wusste, an dieser Stelle eine Gefahr gespürt, eine nicht zu kontrollierende Unsicherheit erlebt haben könnte, sich auf einen Weg machen zu müssen – eben weil dem etwas vorausging, das so intim eng war, dass das Neue sie ähnlich wie die Gefahrahnung eines Inzests bedroht haben könnte, was natürlich nachher tabuisiert werden musste. Und ob er, da er nicht mit den naiven Ansprüchen eines gleichaltrigen Jungen auf sie zugegangen war, womöglich diese Schwingungen unabsichtlich verstärkt, mit unvorstellbarem Zutrauen sich ihnen ausgesetzt, ihr einen Weg aufgezeigt hätte – sie vielleicht mit einer Hoffnung belastet hatte, die sie gar nicht aushalten konnte?