Leseprobe aus MIGRÄNE, Thriller von Litt Leweir

 

...

 

Er sitzt an seinem Schreibtisch, als es wieder losgeht. Es ist immer ungefähr dieselbe Zeit, sieben, viertel nach sieben. Eigentlich müsste er darauf gefasst sein. Wahrscheinlich kommt der Typ um diese Zeit von der Arbeit nach Hause. Trotzdem zuckt Joshua jedes Mal wieder zusammen, wenn ihm von einem Moment auf den anderen durch das Hinterhoffester Heavy-Metal-Klänge entgegenschmettern. Er schließt das Fenster, doch es hilft nicht viel. Er nimmt sein Notizbuch und seinen Lieblingsstift vom Schreibtisch und geht in eines der vorderen Therapiezimmer. Natürlich schließt er beide Türen, die zu seiner Schreibkammer und die zum Therapiezimmer. Er hört die Musik trotzdem, spürt das Vibrieren der Bässe auf seiner Haut, in seinem Magen. Es hilft auch nicht zu wissen, dass das eigentlich nicht sein kann, weil der Typ im Hinterhaus wohnt, und die Praxis im Vorderhaus liegt.

Joshua macht ein paar Notizen über die letzte Sitzung, nicht so gründlich, wie er eigentlich sollte und vorhatte, denn das leise Wummern – mag es nun eingebildet oder wirklich sein - macht ihn unruhig. Seine Hände kribbeln und er spürt einen Anflug von Übelkeit. Trotz der Hitze fröstelt es ihn unangenehm.

Vielleicht sollte er doch mal wieder seine Entspannungsübungen machen. Damit hat er seine Lärmempfindlichkeit früher ganz gut in den Griff bekommen. Und mit Sport. Sport ist fast noch wichtiger. Es gab Zeiten, da hatte er nur noch selten Anfälle und wenn, dann ganz leichte. In letzter Zeit werden sie wieder stärker und vor allem kommen sie häufiger. Meistens hat er nicht einmal Kopfschmerzen. Oft spürt er nur eine leichte unterschwellige Übelkeit und ein dumpfes Gefühl im Kopf. Manchmal nicht einmal das, dann kann er sich einfach nicht mehr konzentrieren und seinen Blick nicht mehr fokussieren. Er hat das Gefühl als schwebe er einen Zentimeter über dem Boden, und er kann Abstände nicht mehr richtig einschätzen. Seine Bewegungen werden unkoordiniert. Er greift nach seiner Tasse und schubst sie zu Boden. Er verliert den Faden. Er beginnt etwas zu tun und hat schon im nächsten Moment vergessen, was er eigentlich wollte. Oder er weiß nicht mehr, wie es geht. Das Telefon in die Hand nehmen und dann? Es wieder weglegen und stattdessen den Stift nehmen. Oder die Hände schweben sekundenlang über der Tastatur, ehe er es bemerkt. Manchmal muss er lange überlegen, was bis es ihm wieder einfällt. Manchmal will es ihm partout nicht einfallen. Es ist wie in diesen Träumen, in denen die Zeit drängt, etwas unbedingt erledigt werden muss, aber es geht einfach nicht. Dauernd kommt etwas dazwischen, ein Gedanke, ein Geräusch, Menschen, die gar nicht hier sein sollten. Oder diese abgrundtiefe Leere im Kopf. Und die Aufgabe lässt sich einfach nicht lösen. Mittlerweile kennt Joshua diese Anfälle gut, er hatte sie schon immer. Wären sie neu, würde er sich vielleicht Sorgen machen, einen Neurologen konsultieren. Aber er weiß, es ist nur seine Migräne.

Joshua klappt sein Notizbuch zu und bringt es zurück in sein Kabuff. Sein Puls steigt, als er die Kammer betritt und der Hinterhofschall sein Ohr erreicht. Er beeilt sich, wegzukommen, auch wenn er nicht weiß, wohin eigentlich.

Er trifft sie im Treppenhaus. Gerade als er abschließen will, geht sie an ihm vorbei die Treppe hinunter. Sie bleibt stehen, wartet einen Moment, dreht sich zu ihm um, schaut ihn lange an.

Sie treiben es in seiner kleinen Kammer auf dem Schreibtisch, das Fenster steht sperrangelweit offen. Doch diesmal stört ihn die Musik nicht, im Gegenteil, sie macht ihn erst richtig geil. Auch die Frau ist laut, und auch das gefällt ihm. Es dauert nicht lange. Ein hübscher Fick, kurz und wild.

Die Musik hat aufgehört. Er hört nur die grelle Stimme der Hebamme von nebenan und ihren sich langsam beruhigenden Atem – seinen und den der Frau, die auf seinem Schreibtisch sitzt. Nass, klebrig. Auch an ihm scheint alles zu kleben. Schweiß rinnt ihm in die Augen, brennt. Er geht ins Bad, wäscht sich, kippt Wasser in sein Gesicht und wischt es mit einem Papierhandtuch trocken. Nicht einmal ein Kondom hat er benutzt, obwohl eine Packung in seiner Schreibtischschublade liegt. So etwas sollte ihm einfach nicht passieren, er ärgert sich über seine Verantwortungslosigkeit. Seine Aktentasche liegt im Flur, er nimmt sie, öffnet die Praxistür, tritt in den Hausflur, zieht die Tür zu, schließt ab und geht.

 

Die mysteriöse Unbekannte, die eigentlich meine Nachbarin ist, steht vor meiner Wohnungstür und drückt mir einen Teller in die Hand. Der Teller fühlt sich warm an. Karotten-Nusskuchen liegt darauf, frisch gebacken. Und das, wo ich noch nicht einmal Zucker für sie hatte. Ich nehme den Kuchen, bedanke mich höflich. Sonst noch was? Sie fragt nach Geschäften in der Gegend, sie kenne sich noch nicht so aus. Ich fühle mich genötigt, sie hereinzulassen, führe sie in die Küche, biete ihr Platz an, hole einen Zettel und einen Stift, zeichne ihr alles auf, finde sie nun nicht mehr mysteriös und unbekannt. Eine neue Nachbarin, weiter nichts. M. Fallot steht am Klingelschild. Monika, Mireille, Martina, Maike?

„Wie heißt du?“ lasse ich sie nun zum ersten Mal selbst sprechen. Ihre Stimme klingt nach Alkohol und Zigaretten. Eine Verlassene, die sich zu Tode säuft und qualmt. Meinetwegen, solange sie sich dabei von mir fernhält. Aber ich werde ihr trotzdem antworten müssen. Da mein Nachname auf dem Klingelschild steht, nehme ich an, dass sie meinen Vornamen wissen will. Ich nenne ihn ihr.

„Aber die meisten nennen mich Toni?“ füge ich unnötigerweise hinzu.

Nun will sie wissen, was ich mache. „Ich schreibe“, antworte ich, aber nur weil der Satz „Ich verkaufe Bücher über Internet“ drei Wörter mehr hat.

„Und was?“

„Pornographie.“

Sie lächelt, glättet das Papier, auf dem ich Straßen und Geschäfte eingezeichnet habe, kritzelt darauf herum, ein Herz, ein Strichmännchen, eine Blume.

„Lebst du allein?“ fragt sie und legt den Stift auf den Tisch.

„Ja.“

„Das ist manchmal ganz schön einsam“, sagt sie.

„Finde ich nicht.“

„Vielleicht können wir ja mal ein Glas Rotwein zusammen trinken.“

„Ich trinke nicht.“

„Dann einen Tee. Klingel doch einfach bei mir, wenn du Lust hast.“

Ich antworte nicht. Wenn ich nicht klingle, wird sie es vielleicht vergessen. Sie kommt bestimmt aus einer anderen Stadt, ist einsam. Aber das wird sich bald ändern. Sie wird Menschen kennen lernen, Freundschaften schließen und nicht mehr einsam sein. Vielleicht verliebt sie sich auch bald. In eine Frau oder einen Mann, egal. Womöglich heiratet sie schon nächstes Jahr, und dann bin ich sie endgültig los.

Sie geht.

Jetzt bin ich völlig aus dem Konzept. Ich schalte meinen Computer aus, schließe die Tür zu meinem Arbeitszimmer, schalte den Fernseher ein, setze mich auf das Sofa, will meine Ruhe haben. Weiter nichts als meine Ruhe. Doch die Belästigungen nehmen kein Ende. Diesmal ist es wieder dieser scheußliche Räucherwerkgestank, den irgendein Schwachkopf der Nachbarschaft aufnötigt. Dazu noch laute New-Age-Musik, sicher ganz angenehm zu hören, wenn man so etwas hören will. Aber es fragt mich niemand, ob ich es hören möchte. Und das macht mich wütend. „Ich möchte jetzt nicht mehr belästigt werden!" sage ich laut. Weder mit Karotten-Nusskuchen und unerwünschten Rotweinteeeinladungen, noch mit Lärm und Gestank. Doch kaum, dass es Sommer wird, öffnen alle ihre Fenster und werfen ihren Schallmüll in die Welt. Sie sind lästig wie Insekten, doch kein Fliegengitter hilft gegen sie und kein Zitronenöl. Nur Ohropax, und manchmal nicht mal das. Ich hasse es!

Ich trete auf die Terrasse, schnuppere, lausche. Doch es ist nicht auszumachen, welchem Hinterhoffenster, welcher Terrassentür Gestank und Lärm entweichen. Aber ich habe einen Verdacht. Ich ziehe meine Schuhe an, greife nach meinem Schlüssel und ziehe in die Schlacht.

 

Frank, der Doorman des „Garten Eden“, winkt ihm freundlich zu, als er sein Fahrrad an der Loge vorbeischiebt. Es kommt ihm immer noch merkwürdig vor, hier zu wohnen, in dieser neuerbauten Enklave mitten in der Stadt mit ihren Reihenhäusern, Townhouses, wie sie genannt werden. Es war Brigittes Idee, hier ein Haus zu kaufen. Pech, dass es eins zu kaufen gab. Sie hatten sogar die Wahl zwischen drei verschiedenen, entschieden sich dann für dieses, ziemlich in der Mitte der Anlage an einem kleinen Platz mit einem Brunnen in der Mitte. Wirklich reizend! Ein schmales Reihenhaus wie die anderen auch, vier Stockwerke, eine Dachterrasse, ein schmaler Garten nach hinten und eine Veranda nach vorne. Eine Garage unter dem großen hellen Wohnzimmer, in die er sein Fahrrad jetzt schiebt. Das Auto steht schon da.

Ein guter Platz für Jonas, hat Brigitte gemeint. Mitten in der Stadt und doch geschützt, mit einem Wächter an der Tür, der unerwünschte Eindringlinge fernhält. Böse Menschen, die Jonas etwas tun könnten. Jonas wird sogar auf der Straße spielen können, so sicher ist es hier. Die Autos müssen Schritttempo fahren, und sie halten sich daran. Wahrscheinlich hat Brigitte recht, zumindest, was den Garten und die ruhige Straße angeht. Aber manchmal kommt er sich hier vor wie in einem Gefängnis. Und diese angebliche Sicherheit, nichts als ein Trugschluss. Brigitte müsste doch wissen, dass das Böse meistens nicht von draußen kommt, es lebt in den Häusern, in den Familien, in den Kinderzimmern. Niemand weiß das besser als er. Da nützt auch ein Doorman nichts, im Gegenteil, so eingeschlossen zu sein, macht alles nur noch schlimmer. So brodelt doch alles im eigenen Saft. Aber darauf macht er sie besser nicht aufmerksam.

„Willst du damit sagen, du bist eine Gefahr für Jonas?“ würde sie ihm sicher an den Kopf werfen.

Eigentlich könnte sie zur Abwechslung mal zufrieden sein! Sie hat ihr Haus bekommen. Und sie bekommt ihre blank polierte Spüle. Geld ist auch genug da, sogar jetzt noch, nachdem sie das Haus gekauft haben. Natürlich musste er sich das Geld aus dem Verkauf des alten Hauses mit Ruth teilen, aber es reichte trotzdem. Geld war zum Glück für ihn nie ein Problem, jedenfalls nicht seit dem Tod seines Großvaters. Auch Ruths Eltern hatten genug. Hatten, weil sie tot sind. Auch das etwas, was er mit Ruth geteilt hat. Das Schicksal früh verstorbener Eltern. Gut betuchter früh verstorbener Eltern. Außerdem hat er immer gut verdient, nicht genug, um reich zu werden, das große Haus hätten Ruth und er sich ohne das Erbe nie leisten können. Aber ansonsten hätte es gereicht. Und eigentlich hätten sie das Haus auch nicht gebraucht, aber als sie es kauften, wollten sie noch Kinder. Nicht gleich, später - bald. Und dann hatten sie das Haus schon und sahen keinen Grund, es loszuwerden. Es war ein schönes Haus mit einem großen Garten. Joshua hat sogar überlegt, ob er es behalten und Ruth auszahlen soll. Aber es wäre ihm merkwürdig vorgekommen, mit Brigitte in dem Haus zu leben, das er so lange mit Ruth geteilt hat. Außerdem war es ihm auf einmal zu weit außerhalb. Er wollte in die Stadt. Wenn schon Veränderung, dann richtig.

Nein, Brigitte müsste sich wirklich keine Sorgen machen, selbst wenn er jetzt etwas zurücksteckt. Vielleicht ist jetzt die Zeit gekommen, dieses Buch zu schreiben, das er schon so lange im Kopf hat. Und sich Zeit zu nehmen für Jonas. Brigitte könnte wieder Vollzeit arbeiten, wenn er mehr zu Hause ist. Vielleicht kann er ja seine Therapien nach und nach auslaufen lassen und für eine Weile ganz zu Hause bleiben.

Ein Geräusch von der Straße reißt ihn aus seinen Gedanken. Er dreht das Fahrrad um und lehnt es neben Brigittes Wagen an die Wand. Die Garagentür steht noch offen. Oben auf der Straße sieht er eine Frau einen Kinderwagen vorbeischieben. Er sieht nur ihre Stöckelsandalen, ihre nackten Beine bis kurz über die Knie und einen schmalen Streifen hellgrünen Rocks.

 

 

Ich knalle die Wohnungstür hinter mir zu. „Blöde Tussi!“ zische ich.

Dr. Blalock zuckt zusammen und verkriecht sich unter einem Stuhl. Von dort aus schaut er mich mit vor Entsetzen weit aufgerissenen Augen an. „Ach, Gott, was ist passiert, was kann nur passiert sein, um Gottes Willen, Ohgottohgott... ?“ So arbeitet es in einem fort in seinem flauschigen Kopf. Auch Taussig hält Abstand von mir. Auch sie schaut mich an. Mit großer Konzentration beobachtet sie jede meiner Bewegungen. „Ich sag’s ja immer wieder,“ denkt sie, „Menschen sind komische Katzen. Sie knurren nicht, sie fauchen nicht, sie kratzen nicht, sie hauen einander auch nicht ihre Tatzen auf den Kopf. Sie knallen mit Türen, sie treten den Schirmeimer, sie hauen allenfalls ihre Kopfkissen oder die Faust gegen die Wand. Ich habe sogar schon beobachtet, wie sie Wänden Kopfstöße verpassen, was ich persönlich für äußerst unklug halte. Und dann machen sie auch noch so komische Geräusche und Wasser läuft ihnen aus den Augen.“

Ich weine. Nein, ich trommle mit den Fäusten auf mein Kopfkissen und heule, was das Zeug hält. Nach fünf Minuten geht es mir etwas besser. Dr. Taussig sieht mich noch immer an, dabei hält sie den Kopf etwas schief, für einen Moment kommt es mir so vor, als schüttle sie ihn.

„Ja, Dr. Taussig, Sie haben recht, ich bin in der Tat eine komische Katze. Sonst würde ich mich von ein bisschen Räucherwerk und Musik nicht so aus der Fassung bringen lassen.“

„Was soll unsereins dann erst sagen. Wir haben viel feinere Ohren und feinere Nasen“, denkt Dr. Taussig.

„Sie sind es wenigstens gewöhnt.“

„Sie sollten so langsam auch gewöhnt sein, schließlich stinkt und klingt es bereits seit Wochen jeden Abend so.“

Stimmt. Jetzt rieche ich es sogar manchmal im Supermarkt, neulich habe ich es im Kino gerochen. Wahrscheinlich sitzt der Geruch mittlerweile in meinen Kleidern. Es nützt nichts, alle Fenster und Türen zu schließen. Er ist in mir drin, er hat sich festgesetzt mitten in meinem Gehirn, mitten in meiner Seele. Und wie kann ich mich bei anderen über etwas beschweren, das mitten in meiner Seele sitzt? Das geht doch gar nicht, Dr. Taussig, das geht nicht. Dr. Taussig nickt.

So mit Taussig zu denken tut mir gut. Ich reibe mir mit dem Zipfel der Bettdecke die Augen trocken. Ich angle nach einem Papiertaschentuch aus der Box neben meinem Bett und putze mir die Nase. Dann lege ich mich auf die Seite und seufze. Dr. Blalock schmiegt sich in meine Armbeuge und schnurrt. Dr. Taussig sitzt am Bettende und haut mir eine Kralle in den Fußrücken.

„Aua!“ brülle ich und trete nach ihr. Das tut weh, Dr. Taussig, das wissen Sie genau. Warum tun Sie es bloß immer wieder? Ich habe es nicht verdient, Taussig. Nicht jetzt, nachdem ich es versucht habe. Mich zu beschweren, meine ich. Ich habe eine Abfuhr bekommen von dieser schrecklichen Frau, von dieser Hebamme. Hebamme und Heilpraktikerin, um genau zu sein. Heil-Praktikerin, was für ein Hohn! Sie macht mich krank, diese Frau! Er kommt nämlich aus ihrer Praxis, dieser widerliche süßliche Geruch, der uns seit Wochen belästigt. Ich entdecke es durch Zufall. Weil in dem Moment, in dem ich die Hinterhoftür öffne, ein bärtiger junger Mann aus der Praxis kommt. Er geht an mir vorbei, ohne mich anzusehen, ohne mich zu grüßen, durch die Tür, die ich ihm aufhalte. Vielleicht sieht er mich ja nicht. Er hat den Kopf gesenkt, die Schultern hochgezogen, die Fäuste geballt. Aber wütend wirkt er nicht, eher abwesend. Vielleicht hat er auch deswegen die Praxistür offen gelassen. Eigentlich nur einen Spalt, aber es ist anscheinend eine von den Türen, die entweder zu oder sperrangelweit aufstehen, für die es keinen Zwischenzustand gibt. Meine Wohnungstür gehört auch dazu. Will ich, dass sie offen bleibt, muss ich etwas davor stellen, was sie vom Zufallen abhält. Die Praxistür der Hebamme öffnet sich ganz langsam und gibt den Blick frei auf den Praxisflur. Der Praxis entströmt der Geruch, der mich seit Wochen nervt, und ich gehe mitten hinein. Die Musik hat aufgehört. Der Geruch kommt aus einem großen Raum. Ein schöner Raum, in warmen Farbtönen gehalten mit einem Salzstein-Springbrunnen und einem Regal voller Gymnastikmatten. Auf einer Kommode finde ich den Übeltäter. In einem Räucherstäbchenständer qualmt er friedlich vor sich hin. Das Fenster zum Hinterhof steht weit offen. Ist es wirklich möglich, dass ich dieses kleine Räucherstäbchen oben in meiner Wohnung rieche?

Die Hebamme ist nicht in diesem Raum, auch sonst niemand. Ich finde sie in einem anderen Raum. Sie sitzt am Schreibtisch vor einem Notebook, blickt auf das Display, eine Hand ruht neben der Tastatur, die andere liegt in einer geöffneten Schreibtischschublade zu ihrer rechten. Sie sieht nicht gut aus, ihre Augen sind rot und verquollen, auf dem Tisch liegt ein zerknülltes Papiertaschentuch. Außerdem hat sie einen kleinen Schnitt unterhalb des linken Auges, und der Bereich darum herum hat begonnen, sich bunt zu verfärben. Es riecht ganz merkwürdig. Unangenehm süß, aber nicht nach den Räucherstäbchen, nach etwas anderem. Keine Ahnung, was es ist.

Ich räuspere mich.

„Ja?“

„Die Musik...“

„Welche Musik?“

„Jetzt ist sie aus, aber vorhin...“

„Ja?“

„Sie ist zu laut. Und die Räucherstäbchen – mir wird schlecht von dem Geruch.“

„Und was kann ich dagegen tun?“

„Sie könnten – die Türen und Fenster schließen.“

„Soll ich ersticken?“

„Ich würde auch gerne die Fenster offen lassen.“

„Was hält sie davon ab.“

„Die Emissionen aus Ihrer Praxis.“

„Sie sind vielleicht eine Mimose!“ Sie lacht. „Kann ich Ihnen vielleicht einen meiner Kurse empfehlen, da - .“ Sie schiebt ein Faltblatt über den Tisch, ohne mich dabei anzusehen. „Das könnte helfen.“

Sie starrt auf ihren Bildschirm und schweigt. Ihre rechte Hand zuckt, erst jetzt sehe ich, dass sie einen silberfarbenen Gegenstand berührt. Ich kann nur eine Ecke davon erkennen. Es könnte ein Feuerzeug sein oder ein Zigarettenetui, vielleicht ist es auch ein Füller.

„Bitten entschuldigen Sie mich, aber ich habe gleich einen Kurs und muss das noch zu Ende bringen. Wir können ja ein andermal einen Termin vereinbaren.“

Im Augenwinkel sehe ich eine Bewegung. Mein Blick fällt auf einen Teller. Er steht auf einem Bücherregal an der Wand gegenüber. Fliegen haben sich auf etwas niedergelassen, was einmal ein Stück Kuchen gewesen sein könnte.

Irgendwas ist schräg hier, denke ich, irgendetwas stimmt nicht. Wahrscheinlich bin ich es. Meine bescheuerte Unfähigkeit, ihr klar zu machen, wie sie mich quält. Oder, dass ich mich überhaupt so quälen lasse. Egal, ich habe sowieso keinen Mut mehr. Mich fröstelt vor Feigheit, und ich weiche zurück, langsam, Schritt für Schritt, rückwärts, ohne sie aus den Augen zu lassen, bis ich ihre Bürotür erreicht habe. Dann mache ich mich schnell aus dem Staub.