LESEPROBE aus dem Roman CHAOS GIRL von Karin Rick

 

 

Als wir aufstehen, um das Café zu verlassen, und Anita sich ihr Lederblouson überzieht, weit und bockig im Stil von Bomberjacken, stellenweise abgenützt, helles Seidenfutter, das mit groß- buchstabigen Worten bedruckt ist, kann ich es mir nicht verkneifen, auf ihren Hosenbund zu starren, denn das macht mich an, der glatte, bauchlose Bund burschikoser Frauen, die Straffheit des Zipps, der Gürtel, wie er beiläufig anliegt und mit seiner wuchtigen Schnalle zu groß ist für die schmale Taille. Das schwarze Poloshirt ist sorglos hineingesteckt, und die graue Schnürlsamthose bedeckt kräftige Schenkel. Meine Blicke laufen nebenbei zu den Brüsten und den erigierten Warzen. Anita gibt nicht zu erkennen, ob ihr das auffällt.

Blicke, die kleinen, heimlichen Freuden, denke ich, wenn ich schon mein Lustgefühl durch sinnlose Selbstkontrolle abtöte.

...

Ich könnte nun gleich mit dem Lift in den dritten Stock hinauffahren, stattdessen sage ich launig, „Jetzt zeigst du mir noch dein Büro.“

„Du meinst meine Höhle.“             

Ich weiß nicht so recht, warum ich ihr Büro sehen will, das sicher identisch mit allen anderen in diesem Gebäude ist, vielleicht, weil ich mich doch sehr einsam in dieser Verwaltung verlorener Güter fühle, so ganz und gar nicht unter Gleichgesinnten, aber was heißt denn auch gleich gesinnt? Wären das andere Lesben? Wären das Menschen, die ihre jugendlichen Sehnsüchte auch noch nicht aufgegeben haben? Oder welche, die lieber auf perversen Sex statt auf angepassten stehen – die könnte es sogar unter den Hütern der verlorenen Güter geben – oder bloß die, die sich nicht im gesellschaftlichen Rahmen von Familie und Vaterlandstreue bewegen. Oder rührt die Einsamkeit daher, dass nie ein Scherz fällt, während alle emsig damit beschäftigt sind, die verlorenen Güter zu katalogisieren, einzuordnen, wegzusperren, keiner echten Witz hat, nie jemand die Hierarchie in Frage stellt? Ich kann es nicht sagen. Die Hierarchie wird sicher von einigen untergraben, jeder laviert sich durch so gut er kann. Lesben gibt es sicher auch, Schwindler und Schwänzer ebenfalls genug. Ich finde den ultimativ letzten Punkt, der mich von den anderen trennt eigentlich nicht und fühle mich trotzdem am Rande, unerkannt und unerhört. Ein Steinchen im Getriebe, eine kleine Made im sonst so makellosen Speck, jemand, der nicht hierher gehört. Anita scheint genauso ein Mensch zu sein.

Als sie die Tür öffnet, rufe ich erstaunt, „du bist ja ganz allein in einem Zimmer, das hätte ich mir nicht gedacht.“

Es imponiert mir, dass der Raum für Anitas relative Unwichtigkeit im Tanker des Güter-Konsortiums groß wirkt, leider beengt durch Meter hohe und zum Überfluss schwarze Vitrinenschränke, die irgendwie hineinbugsiert worden sind und eine asymetrische, unwohnliche Enge erzeugen. Dieses Zimmer war wohl ursprünglich als Magazin für Bücher gedacht und man hatte für Anita nur schnell einen Schreibtisch hineingestellt, zwischen die hohen dunklen, glatten Aufbewahrungsstätten von allerlei Schriftträgern. Der Raum hat etwas Provisorisches, noch dazu verfügt er über Seitentüren, ist also ein Durchgangszimmer, und man glaubt, auf dem Weg von dem Büro links zu dem nach rechts stecken geblieben zu sein.

...

Ich nicke und es geht mir verdächtig gut in diesem Durchgangsraum, ich frage mich plötzlich, was ich hier suche. Ich tue ja ganz so, als würde ich hierher gehören, vorhin noch hat sie mich im Caféhaus genervt mit ihrem Gequatsche und jetzt stehe ich vor ihrem Computer, und will nicht weg.

Ich fasse nach den Vitrinentüren und ziehe sie verlegen millimeterweise auf und dann wieder zu, während ich müßige Sätze von mir gebe, in Antwort auf das, was Anita über diese Musik verkündet.

„Zeig mir die CD“, sage ich.

„Ist aber eine selbst Gebrannte.“

„Das sehe ich“, antworte ich überflüssigerweise und fasse danach, ohne erkennen zu können, was drauf ist, weil das Cover eine verschwommene schwarz-weiß Kopie ist.

Dann halte ich es nicht mehr aus und wende mich zur Tür.

„Na gut, ich werde jetzt noch etwas arbeiten,“ sage ich und denke, das glaubt mir kein Mensch, an einem Freitag um halb drei am Nachmittag.

In diesem Moment spüre ich das Unerledigte in diesem Raum. Es ist falsch, jetzt zu gehen. Tausende kaum fühlbare Fäden wollen mich zum Hierbleiben zwingen, sind aber so dünn und unmerklich, dass es nicht gelingt. Anita jedoch lacht plötzlich auf.

„Es ist nicht ohne, mit dir allein in einem Raum zu sein“, platzt sie heraus.

Ich glaube mich verhört zu haben. Ihre Direktheit schneidet mir die Luft ab. Ich will den Satz ignorieren.

„Wieso? Wie meinst du das?“, rutscht es mir im Gehen dann doch heraus. „Ich habe doch gar nichts gemacht.“

„Eben deshalb“, antwortet Anita. „Weil du nichts gemacht hast.“

Ich gehe ihr voraus auf den Gang, zur Tür, die auf das Stiegenhaus mit dem Aufzug führt, und fasse nach der Klinke. Mir wird heiß. Jener Widerstand, den man normalerweise Menschen gegenüber aufbaut, die keine Liebespartner sind ist verschwunden. Als wäre bei einer Pferdekoppel die Tür geöffnet worden und die Tiere galoppierten heraus. Aber ich kann mit diesen Situationen nicht umgehen, immer wieder überfallen sie mich wie etwas ganz Neues, noch nie da Gewesenes. Am liebsten hätte ich ein kleines Zeichen der Zuneigung gemacht, Anita die Hand auf die Schulter gelegt etwa. Habe aber Angst, damit einen Erdrutsch zu verursachen.

Es ist fatal mit Frauen, denke ich. Immer gleich diese Nähe, dieses Glatteis, diese Gefährlichkeit.

„Also dann bis bald“, sage ich lachend und sie, „Gott sei Dank spricht keine von uns aus, was sie jetzt denkt.“

„Wieso?“, frage ich, „was denkst du jetzt?“

Schon schließe ich die Tür wieder, ich halte die Klinke fest nach oben gedrückt, so dass vom Treppenhaus her nun niemand herein kann, absurd in einem Amtsgebäude, in dem eine Partei oder eine Kollegin jeden Moment merken könnte, dass die Tür von innen zugehalten wird.

Ich klammere mich an dieser Klinke an, als würde ich Anita nun nötigen wollen, sich zu erklären. Das Zuhalten der Tür ist wie die Gewalt, die ich ihr nun antun könnte, wenn sie nicht sofort offenbart, was sie denkt. Sie merkt das nicht, natürlich nicht, verwoben wie wir beide sind, in Reaktion und Gegenreaktion, in Spüren, Ahnen und Ausweichen.

„Also, was denkst du jetzt?“ wiederhole ich und presse gebieterisch die Klinke weiter nach oben.