Leseprobe aus dem Roman „Auf und davon“ von Ina Paul (S.47 ff.)

 

Für die Schlußszene seines neuesten historischen Films, die der DEFA-Regisseur Martin Herrmann auf dem Freigelände des Babelsberger Spielfilmstudios drehte, war das gesamte Studienjahr abkommandiert worden, Männlein und Weiblein, um in einer Massenszene das Volk darzustellen, oder das, was in diesem Film das Volk darstellen sollte.

Es war ein ungewöhnlich warmer Frühsommernachmittag, und in der Komparsengarderobe flimmerte die Luft in der Hitze. Die Garderobieren hatten alle zeitentsprechenden langen Kleider herausgehängt, die der Fundus hergab, und eine dicke, schwitzende Assistentin schrie uns an, wir sollten uns beeilen, Herr Herrmann sei kurz vor dem Überkochen, weil noch immer viel zu wenig Damen auf dem Plan seien.

Ich griff das Kleid, das ich wollte, obwohl ich wußte, daß meine Brust das Mieder nicht ausfüllen würde, und obwohl ich sah, daß es das einzige war, das Carina Rothaupt gepaßt hätte. Carina sagte: „Zu deinen Haaren solltest du lieber ein Grünes oder Blaues nehmen“, aber ich hatte schon angefangen, das Rote aufzuhaken. Ich wollte, daß der Regisseur mich bemerkte, in der Menge der Berufskomparsen und Studenten, flammend rot.

Carina Rothaupt blieb das Blaue. Es war ihr in der Oberweite um zwei Nummern zu klein, und sie hat darin wie eine alte, schlecht geschnürte Matrone ausgesehen, abgesehen davon, daß das Blau das Grün ihrer Augen entstellte. In dem Roten hätte sie phantastisch ausgesehen, mit ihren Katzenaugen, ihrem blonden Haar und ihrem Hollywoodbusen.

Ich aber war es, die an diesem Tag entdeckt wurde, obwohl das Rot des Kleides das Rot meiner Haare entstellte, und obwohl mein Mieder mit Baumwolltaschentüchern aufgefüllt war, die ich mir von der Assistentin geliehen hatte, „um mit meinem Sommerschnupfen nicht unliebsam aufzufallen.“

„Fräulein Rothaupt“, sagte Herr Herrmann zu mir, als er sich in der Kantine, wo Schauspieler, Komparsen und Studenten die Drehpause beim Warten auf das Essen verbrachten, an uns vorbei zum Tresen drängte, „zu dieser Haarfarbe, Fräulein Rothaupt, und zu diesen Bernsteinaugen sollten Sie besser Royalblau oder Meergrün tragen“, und da hatte ich meine erste Farbfilmlektion erhalten, obwohl noch lange nicht die Zeit gekommen war, wo nur noch Farbfilme gedreht wurden.

Natürlich erkannte er mich wieder, als er zwei Wochen später eine Gastvorlesung vor dem versammelten Auditorium beider Studienjahre hielt. Ich hatte mir von einer Dramaturgiestudentin ein meergrünes Tuch geliehen, das ich im Ausschnitt meines schwarzen Pullovers trug, und mich in die erste Reihe gesetzt, wo sonst nur die Übereifrigen saßen. Der Blick, den Martin Herrmann während seines Vortrags auf mich richtete, war flammend, im Farbfilm wären seine Augen rot erschienen, so glühte er. Vielleicht habe ich an diesem Tag schon gewußt, daß ich nur und ausschließlich einen Nationalpreisträger heiraten würde, wenn ich auch noch zwei Jahre gebraucht habe, um es auszusprechen.

Als wir am nächsten Tag zum Mittagessen gin-gen, hing am schwarzen Brett die Mitteilung, Herr Herrmann stelle der Schauspielklasse frei, an seinem Regieseminar teilzunehmen, und unsere lieben Jungen und Mädchen, als hätte der Mann es ausgerechnet auf sie abgesehen, aßen doppelt so schnell wie gewöhnlich, um ja die besten Plätze zu ergattern. Ich kaute solange auf den letzten Bissen herum, bis Carina Rothaupt mich fragte, ob ich etwas gegen Martin Herrmann hätte, und ich sagte, ich hätte durchaus nichts gegen ihn, aber man müsse sich ja seinetwegen nicht gleich umbringen, während ich merkte, wie mein Herz gegen meinen Brustkorb schlug.

Ich hatte mir eingeredet, es würden nur noch die hintersten Plätze frei sein, je später wir kämen, und dies wäre meine letzte Chance, mich nicht zu sehr in Szene zu setzen, aber dann waren natürlich nur noch die vordersten Plätze frei, und während wir notgedrungen in der Mitte der ersten Reihe Platz nahmen, fühlte ich, wie mein Herz für einen winzigen Moment zögerte, weiter zu schlagen.

Pit Wonnegut, der mit Abstand kleinste aller Regiestudenten, tippte mir von hinten auf die Schulter und sagte: „Wenns losgeht, machst du dich bitte etwas kleiner.“ Während ich mich zu ihm umdrehte, nahm mein Herz wieder seinen normalen Rhythmus auf, ich hörte mich sagen: „Vielleicht solltest du dich lieber etwas größer machen“, und im nächsten Moment sprang die Tür auf und Martin Herrmanns Gruß an alle, Damen und Herren, hinderte Pit, mit einer  seiner üblichen Frechheiten zu parieren.

Herr Herrmann schritt die erste Reihe ab, zwinkerte mir zu, rief: „Fräulein Rothaupt, mir nach“, und sprang mit einem gewaltigen Satz auf die Bühne. Carina Rothaupt sprang auf und ihm nach, und alle konnten zusehen, wie der mächtige Mann sie anstarrte und im nächsten Moment feuerrot wurde, ihr dann aber generös die Rechte hinstreckte und „Herrmann“ sagte, worauf sie „Rothaupt“ sagte und er in ein gewaltiges Bühnengelächter ausbrach, schweiß-überströmt.

Ich erinnere mich daran, daß wir das Seminar in der Mensa beendeten, bei weit zum Griebnitzsee hin geöffneten Fenstern, nicht jedoch, wann und wie ich dorthin gekommen bin. Aber ich erinnere mich an den bühnenreifen Dialog, den Carina Rothaupt mit Martin Herrmann auf der Probebühne führte, nachdem er sie gefragt hatte, was sie zur Schauspielkunst gezogen habe, und er ihr im Gegenzug erzählte, was ihn zur Schauspielkunst gezogen hatte, in jener glücklichen Zeit vor dem Großen Krieg, den er dann, statt auf der Bühne, in einem Strafbataillon zubrachte, bis die Zeit des „Anstreichers“ endlich vorbei war und er dahin zurückkehren konnte, wohin es ihn schon immer gezogen hatte, zur Kunst.

 

Martin Herrmann hatte das kleinste Glied, das sich vorstellen läßt, und er war als Mann der größte Versager, den man sich vorstellen kann, aber ich hätte beides wahrscheinlich nie erfahren, wenn ich ihn zwei Jahre später nicht geheiratet hätte, so wie ich es von Anfang an gewollt hatte, seit meinem Auftritt im roten Kleid, auch wenn er da noch zwei Jahre vom Nationalpreis entfernt gewesen war.

Das größte Glied, das ich jemals gesehen habe, hatte Pit Wonnegut, der kleinste aller Regiestudenten, der, dem man es am allerwenigsten zugetraut hätte. Er zeigte es mir nach dem Faschingsball im dritten Studienjahr, den wir traditionsgemäß im Hauptgebäude feierten, wo jede Klasse wie jedes Jahr einen Raum ausgestaltet hatte, und er, vollkommen allein zwischen knutschenden Paaren, die meiste Zeit auf den Matratzen herumgelegen hatte, mit denen der Boden des Dramaturgieseminarraums ausgelegt war.

Ich war vorzeitig gegangen, weil der einzige Mann, den ich damals gewollt hätte, ein Regiestudent aus Pit Wonneguts Klasse, nicht ein einziges Mal mit mir getanzt hatte, während ich unentwegt von irgendwelchen unreifen Knaben aufgefordert worden war, die ich nicht wollte. Pit Wonnegut stand am Zaun neben dem Hauptausgang, als hätte er auf mich gewartet, und in seinem engen Mantel sah er noch dünner und kleiner aus als sonst. Er stellte sich mir in den Weg, schlug die Mantelschöße auseinander und fragte: „Willst du ihn sehen“, aber obwohl ich ihn nicht sehen wollte, sah ich ihn, und wenn ich auch nur das leiseste bißchen Gefühl für  Pit Wonnegut gehabt hätte, wäre es ein prachtvoller Anblick gewesen.

Er sagte: „Sie will ihn nicht, und sie will ihn sich nicht einmal ansehen“, und obwohl ich wußte, daß er Carina Rothaupt meinte, tat er mir auf einmal unendlich leid, und deshalb sagte ich: „Beruhige dich erstmal und mach vor allem den Mantel zu.“ Er schloß seinen Mantel, aber er beruhigte sich nicht, und da hakte ich ihn unter und lief mit ihm zusammen los, automatisch Richtung Mädchenvilla, und Pit Wonnegut lief automatisch mit und redete dabei ununterbrochen, so, als hätte ihn jemand aufgezogen. Natürlich kann ich mich nicht erinnern, welche Worte und Formulierungen er gebrauchte, aber ich weiß, wovon er sprach, nämlich von nichts anderem als von Carina Rothaupt. Von Carina Rothaupt unter seiner Regie als Anne Frank, mit schwarzer Perücke. Von Carina Rothaupt als Gretchen mit eigenem Blondhaar, zu Zöpfen geflochten. Von Carina Rothaupts Grünaugen in Großaufnahme, schöner als die Braunaugen einer Gina Lollobrigida. Von Carina Rothaupts Grazie, von ihrer Brust und vor allem davon, daß sie nicht das winzigste bißchen Erbarmen hatte, wenn er sie anflehte, mit ihm zu schlafen, wenigstens ein einziges Mal, oder sich wenigstens ein einziges Mal sein Glied anzusehen, vielleicht, daß sie dann mit ihm würde schlafen wollen.

Als wir vor unserer Villa ankamen, klapperten Pit Wonneguts Zähne, vielleicht, weil er unter dem Mantel nichts anhatte, und in dem Moment tat er mir so unendlich leid, als wäre ich es gewesen, die er angefleht hatte. Ich sagte: „Komm mit rein und wärm dich erstmal ein bißchen auf“, da hatte ich noch nicht die leiseste Ahnung, was dann geschehen würde.

Er sagte kein Wort, aber als wir den Vorraum betraten, klapperten seine Zähne noch immer, so laut, daß das ganze Haus aufgewacht wäre, wären nicht alle noch beim Ball gewesen.

Ich schob ihn ins Zimmer und zu meinem Bett, er legte sich hin, und als ich das Deckbett aus dem Bettkasten genommen hatte, ließ er sich zudecken, wie ein kleines Kind.

Das Regal, das wir quer in den Raum gestellt hatten, um auch in diesem Quartier einen Sichtschutz vor dem Eingang zu haben, habe ich angeschoben, und als ich merkte, wie es sich trotz der Bücher bewegen ließ, habe ich es vor die Tür geschoben. Es war mir vollkommen gleichgültig, daß Carina Rothaupt vielleicht nicht in ihr Zimmer und in ihr Bett kommen würde, wenn sie vom Ball nach Hause käme, und bis heute frage ich mich, was wir gemacht hätten, wenn sie plötzlich an die Tür geklopft hätte.

Ich habe mich zu Pit Wonnegut gelegt, wie eine Mutter, und er hat mein Kleid aufgeknöpft und meine Brust genommen, obwohl sie nicht annähernd so prachtvoll war wie die Brust von Carina Rothaupt. Und dann hat er seinen Mantel geöffnet und sich auf mich gelegt, und während er in mich eindrang, habe ich mich gefragt, wie er wissen konnte, wie man das macht, wo er doch noch niemals hatte üben können und ich ihm nicht das winzigste bißchen geholfen habe, weil auch ich nicht wußte, wie man das macht.

Pit Wonnegut blieb die ganze Nacht bei mir, weil Carina Rothaupt vom Ball entweder gleich nach Hause fuhr, oder wir ihr Klopfen nicht hörten. Ich habe ihm gesagt, daß es in der Liebe nicht die leiseste Bedeutung hat, wenn ein Mann klein ist, so wie es auch nicht die leiseste Bedeutung hat, wenn ein Mann groß ist, und er hat mir das erste geglaubt und über das zweite gelacht, mindestens so laut, wie er zuvor mit den Zähnen geklappert hatte, aber da war es mir schon vollkommen gleichgültig, daß das ganze Haus ihn hören konnte.

 Ich aber habe es wohl nicht geglaubt, daß es in der Liebe nicht die leiseste Bedeutung hat, wenn ein Mann klein ist, denn sonst hätte ich mich wohl nicht so geschämt, als Pit Wonnegut dann anfing, mir wie ein Schatten überallhin zu folgen.

Und ich habe es wohl auch nicht geglaubt, daß es in der Liebe nicht die leiseste Bedeutung hat, wenn ein Mann groß ist, denn sonst hätte ich Pit Wonnegut wohl nicht erlaubt, jedesmal bei mir zu schlafen, wenn Carina Rothaupt nach Hause gefahren war.