Leseprobe aus Claudia Wessel, Zu dritt
Der Anfang der Erzählung Scham
Ein Herzinfarkt ist nichts dagegen.
Michael Schauer,
stellvertretender Chefredakteur unserer Zeitung, höchstpersönlich an
der Bar. Sein Gesicht taucht vor mir auf, als sich in meinem Unterleib gerade
dieses Prickeln breit macht, rechts und links an den Eierstöcken, die
Eileiter entlang, kreuz und quer durch meine Gebärmutter, in sie hinein
und wieder heraus, hinuntertröpfelnd zwischen meine Lippen, um ihre Mitte
kreisend, mich kitzelnd. Ein Ameisenschwarm hat sich aufgemacht, marschiert in
alle Verästelungen meines Bauches und liebkost mich von innen.
Genüsslich bin
ich eben von meinem Kinositz an die Bar geschwebt, mit zittrigen Beinen durch
den Tunnel des Gangs gewankt, habe mein Hinterteil auf dem plüschig-roten
Barhocker niedergelassen und einen wohlverdienten Prosecco bestellt.
Michael Schauers tief
liegende Augen, sein schwarzes Brillengestell, sein hervorstehendes Kinn und
seine den Hals einschnürende Krawatte sind für mich ein vertrauter
Anblick. Aus den kühlen Hallen unserer Verlagsräume, den mit
Teppichen belegten Fluren und aus der Kantine der Ruhr-Post, der
größten und renommiertesten Tageszeitung unseres Potts, bei welcher
er und ich die Ehre haben zu arbeiten. Ich kenne ihn außer aus der
Konferenz und durch gelegentliche Anweisungen, die er dem Lokalteil gibt, von
einem Interview, das ich vor Jahren mit ihm geführt habe. Der Anlass war
ein tragikomischer: Seinerzeit wurde der dunkelhaarige Schauer mehrmals von der
Polizei verhaftet und abgeführt, weil er einem steckbrieflich gesuchten
Bankräuber ähnlich sah. Man beauftragte mich, in unserem Lokalteil
eine kleine Geschichte über diese, für den armen Schauer sehr
ärgerliche Episode zu machen. Natürlich durfte er sie vor Drucklegung
Korrektur lesen und ich legte Wert darauf, mich in meinem Tonfall nicht etwa
über das arme Opfer, sondern vielmehr über die unsensiblen
Methoden der Polizei zu mokieren.
Auf
diese Weise also hatten wir uns ein wenig näher kennen gelernt, und seit dem unterhaltsamen
Interview pflegten wir uns verbindlich zu grüßen. Manchmal fielen
Sätze wie: „Na, sind Sie mal wieder verhaftet worden?“ Und:
„Nein, Gott sei Dank nicht. Sie haben ja den Täter jetzt
auch!“ Im Laufe der Jahre jedoch beschränkten wir uns wieder auf die
üblichen Floskeln. Das Wetter. Den bevorstehenden Urlaub. Oder die Auflage unseres begehrten und beliebten Blatts.
Der Arbeitsplatz ist
ein grausames Umfeld. Man ist Menschen, mit denen man nur rein zufällig
zusammengepfercht ist, über die Hälfte der Lebenszeit in einer
normalen Woche ausgeliefert. Den größten Teil der verbleibenden Zeit
verbringt man im Tiefschlaf, so dass Arbeitskollegen eindeutig eine dominante
Rolle spielen, obwohl man sie sich nicht ausgesucht hat und dies auch bei den
meisten nie tun würde. Noch dazu, und das ist gerade in unserem
selbstdarstellerischen Gewerbe der Fall, wabern Konkurrenz und Neid, Missgunst
und Eifersucht zwischen den durch Vitamin B und Sympathiepolitik an ihren Platz
Gekommenen, der eine gönnt dem anderen die Butter auf dem Brote nicht und
nichts wird so gerne zerfleddert wie die größten journalistischen
Leistungen der lieben Mitschreibenden.
Der Arbeitsplatz eines
Journalisten ist eine Öffentlichkeit,
in welcher er den pieksenden Blicken der anderen ausgeliefert ist, den
subtilen Andeutungen, zu welcher Intelligenz nun einmal fähig ist, und den
immerzu nach Fehlern suchenden Augen. Wir Ruhr-Post-Redakteure sind eine von
der Intellektualität durchdrungene Gruppe. Die diversen Geiste von uns
Schreibenden schweben durch Flure
und Großraumbüros, lassen sich im Konferenzraum nieder und schlagen
sich in verschnörkelten Sätzen und sorgsam gedrechselten Worten
nieder. Es gibt da etwas, das man sich in den heiligen Räumen unserer
renommierten Redaktion nicht vorstellen mag – ebenso wenig wie man sich
dies von den eigenen Eltern verbildlichen möchte – nämlich dass
wir, die wir all unser Streben in das Entstehen von geistiger Nahrung legen,
uns an anderer Stelle niederen
Trieben hingeben könnten. Unser Arbeitsplatz, und darauf lege auch ich
besonderen Wert, ist eine intellektuelle Luftblase, ein körperliches
Nirwana, ein Wortanbetungsinstitut, in dem wir den Sieg des Menschlichen
über das Tierische feiern. Der Komplex unseres Verlagsgebäudes in der Bochumer Innenstadt ist ein dem
Fleischlichen trotzendes Mauerwerk, in welchem ein ungeschriebenes Gesetz unnachgiebig herrscht:
Kommen Sie nie geil
ins Büro!
Dinge, die dem
Körperlichen Vorschub leisten, sind denn auch vor allem bei der Redaktion
nicht sonderlich beliebt. Als da wäre das allsommerliche Hoffest, sofern
denn das Wetter mitmacht. Da sollen die Geistesarbeiter aus dem Finsteren ihrer
Büros herauskommen, sich in die Gefahr begeben, die Meta-Ebenen, die sie an ihren Schreibtischen unablässig
über jedwede Primitivität dichten, aus den Augen zu verlieren
und sich zwischen die feisten Körper der Layouter und Tippsen,
Texterfasserinnen und Hausboten drücken. Das versucht ein jeder so gut als
möglich zu vermeiden, wofür Gott sei Dank die Arbeitszeit der
Redaktion das ihre tut. Während schon um 16 Uhr sich Fensterputzer und
Azubis, Sachbearbeiterinnen und die Betriebskrankenschwester um den dampfenden
Grill und die Salatbar drängen, drücken die Redakteure den lockenden
Duft aus ihren Nasen, schleichen sich nach Redaktionsschluss entweder durch
Hintertüren davon oder aber lassen sich weit nach Einbruch der Dunkelheit
in einem elitären Grüppchen in einer Hofecke blicken, um noch für ein, zwei Stunden die Mehrdimensionalität der Gesellschaft zu
debattieren.
Auch ich habe mich dem ungeschriebenen Gesetz
an unserem Arbeitsplatz immer gebeugt. Sobald ich aus der Straßenbahn
steige, die um die Ecke vor unserem Haupteingang hält, streife ich alle
niederen Gedanken von mir ab, lasse einen unsichtbaren Schleier über mein
feistes Hinterteil fallen und hefte meine Augen auf Buchstaben, nichts als
Buchstaben. Würde man mich beim alltäglichen Gang über den Hof
unverhofft fragen, was ich letzte Nacht gemacht habe, es würde mir nicht
einmal einfallen. Innerhalb der Mauern unserer Ruhr-Post hat noch kein Funke
meine Haut gestreift. Mein Körper existiert gar nicht. Er besteht
allerhöchstens aus zwei Beinen, die meinen schweren Kopf an meinen
Computer tragen. Und jetzt Michael Schauer hier! Am Ort meiner Niederlage vor
der fleischlichen Lust, meiner ganz privaten After-Work-Party in der
niederträchtigen Bochumer Rottstraße.
Eine Kamera stehe vor
der Tür, hatte man mir seinerzeit gesagt, daran sei der zwielichtige Ort
zu erkennen. Warum ich mich über so etwas überhaupt unterhalte? Ich
habe keine Ahnung mehr, wie wir damals auf das Thema gekommen sind. Es waren
Besucher auf einer Party, einer stinknormalen Party. Jemand hatte die Leute
mitgebracht, sie waren eigens aus Frankfurt angereist, um am nächsten
Abend, einem Freitag, in eben jener Rottstraße einzukehren, deren
Hausnummer sie nicht wussten, dafür aber die Kamera ganz genau beschreiben
konnten.
Ich erinnerte mich
später nur noch an die Augen, die braunen Knopfaugen des Mannes, der in
Vorfreude auf den nächsten Abend gewesen war und dessen Augen auf eine
Weise geglänzt hatten, die meine Neugier erweckt hatte. Rottstraße,
dieser Name hatte sich in mein Gehirn gefressen, und eines Abends schaute ich
auf den neben dem Schreibtisch meiner Kollegin hängenden Stadtplan und
merkte mir den Weg. Es war noch hell und ich fand die Kamera auf Anhieb, ging
aber schnurstracks daran vorbei. Mit der Dunkelheit kam ich wieder und
schlüpfte hinein. Das ist Jahre her.
Mit meinem Schritt
durch die verspiegelte Tür, hindurch durch den glänzenden kleinen
Vorraum und hinein in das düstere Rot der Sitze unter den auf der Leinwand
flackernden Hautfetzen, lasse ich alles hinter mir. Die Liebe und die damit
verbundenen Anhaftungen. Das Denken und die damit verbundene Verantwortung. Den
Geist und seine ewige Überheblichkeit. An diesen Ort, da bin ich mir
bisher immer sicher gewesen, wird keiner meiner Kollegen sich je in seinem
ganzen Leben verirren. Hier gibt es nur Prolls und Tussis, allerdings auch
einen Rechtsanwalt und einen Immobilienfritzen, einen Autohändler und
einen fetten Ungarn, der behauptet, Opernsänger zu sein, einen
Baumarktleiter und massenhaft junge,
verschüchterte Ingenieure, denen es noch nicht geglückt ist, eine
Ehefrau zu finden.
Wie oft es mich durch
die verspiegelte Türe zieht, ich kann es nicht sagen. Vielleicht alle drei
bis vier Monate. So lange brauchen die Bilder in meinem Kopf, um wieder
abgebaut zu werden. So lange hält die saftige Wärme vor, die ich aus
dieser Wabe wie Honig sauge.
Am Abend des
Zusammentreffens mit Michael Schauer, unserem stellvertretenden Chefredakteur, torkelte ich aus unserem Verlagsgebäude.
Der Abend war regnerisch, unter meinen Kleidern klebte es. Ich wollte nach
Hause gehen, doch ich konnte nicht. Immer näher bewegte ich mich auf die
Rottstraße zu, ein unsichtbares Seil schien mich dorthin zu führen,
sich zusammenzurollen, mich puppenhaft hinzuziehen zur magischen Tür.
Vorboten, man sollte
an Vorboten glauben! Zwei Ecken vor der Einbiegung in die Rottstraße kam
mir Fridolin Mayer entgegen, der Schlimmste aus unserer Lokalredaktion. Ich
traue ihm keinen Zentimeter über den Weg. Was er über einen der
unseren weiß, weiß ein Mittagessen später der ganze Tisch und
so macht es in Windeseile die Runde. Gefahr in Verzug, sagte mir in jenem
Moment ein Adrenalinstoß, und doch ging ich weiter. Marschierte einfach
weiter und ging zielstrebig hinein, schob mich in das dunkle Labyrinth, in dem
mich die bohrenden Blicke der Männer erwarteten.
Mein Kopf weiß
oft noch lange nicht, was mein Körper plant. Er glaubt noch immer, ich sei
nur auf einen Gin Tonic oder auf einen Prosecco aus, wenn schon meine Augen
nach einem geeigneten Kandidaten suchen. „Hallo, Stefanie!“ ruft an
jenem Abend eine Stimme und mein blonder, kleiner Verehrer taucht aus der Menge
auf. Er kommt mir wie gerufen.
Wir machen es uns in
der Bankreihe bequem, die mittels einer roten Kordel für Paare reserviert
ist. Wir plaudern. Über den Film. Über die Männer, die sich
über die Vordersitze beugen und uns anstarren. Über unsere
Vorstellung von einem entspannten Feierabend. Seine Hand streichelt mein
nacktes Bein. Im öffentlichen WC habe ich zuvor meine Strumpfhose und
meinen Slip ausgezogen. Seine Finger berühren meine Weichheit. Er lobt
sie. Die Nässe. Ich lege meine Hand in seinen Nacken und ziehe seinen Kopf
herab. Die Wärme seiner Zunge bringt mich um den Verstand...
(... )