Leseprobe aus „Zu dritt“
Erzählungen von Claudia Wessel, Ausschnitt aus der Erzählung „Das Handy“
Tatjana erinnerte sich an den Anruf, in dem
sie es erfahren hatte. An die zeitgleich mit dem Hören der Worte
auftretende Übelkeit – ein Beweis dafür, wie schnell sich
Gehörtes zum Gehirn vorarbeitete. Der heiße Sommerabend, ein Montag,
an dem sie von ihrer nachmittäglichen Siesta vom Sofa in der verdunkelten
Wohnung aufgestanden war – alle Rollläden waren halb
heruntergelassen, um die Hitze auszusperren – den Hörer des alten
schwarzen Telefons in die Hand genommen hatte
– sie liebte das etwas
dunkle Ambiente von Antiquitäten und Altmodischem, mit welchem sie ihre
sündhaft teure Altstadtwohnung
ausgestattet hatte – den Hörer ans Ohr genommen und „Hallo“ gesagt hatte. Sie
erinnerte sich an die Stimme der älteren Dame in ihrem Ohr, eine Stimme,
die sie kannte. Die Mutter von Hannes. Während seiner Kundenreise nach
Berlin lebte er bei ihr, die bereits 85 war, aber immer noch stabil,
selbstsicher und dominant. Die sie, Tatjana und auch Hannes, mit Vornamen
anreden durften. Rosalinde. Dieser altmodische deutsche Name. Rosalinde.
„Hallo Tatjana,
hier ist Rosalinde“, hatte die Stimme in ihrem Ohr gesagt. „Ach,
hallo“, hatte Tatjana gesagt. Sie hatte zu Hannes‘ Mutter immer ein
ambivalentes Verhältnis gehabt. Sie hasste die herrische Art, mit der die
alte Dame ihren Sohn herumkommandierte. Sie hasste den sezierenden Blick, mit
dem sie sie, Tatjana, ins Visier nahm und beurteilte. Sie hasste, wie Rosalinde
„Tatjana“ sagte. „Deine Tschechin.“ Als alteingesessene
Berlinerin hatte Rosalinde noch immer ein gespaltenes Verhältnis zu allem
Östlichen. Tatjana wusste nicht, ob sie selbst von den Vergewaltigungen
betroffen gewesen war, die russische Soldaten am Ende des Zweiten Weltkrieges
verbrochen hatten. Danach wagte sie nicht zu fragen. Auch die alte Dame hatte
über dieses Thema den Mantel des Schweigens gedeckt. Niemals war ein Wort
darüber über ihre Lippen gekommen. Trotzdem war sich Tatjana sicher,
dass genau das ihr Vorurteil verursacht hatte, und unzählige Male hatte
sie mit Hannes darüber diskutiert oder eher zu diskutieren versucht. Denn
wenn Hannes ein Thema unangenehm war, wenn er über etwas nicht reden
wollte, dann reagierte er herrisch und aggressiv.
Anfangs war Tatjana
von dieser Reaktion beängstigt gewesen. Hoffentlich verlässt er mich
nicht, hatte sie gedacht, wenn er so impulsiv war und lieber den Mund gehalten.
Im Laufe der Jahre allerdings hatte sich herausgestellt, dass Hannes‘
Drohungen – „Ich suche mir eine andere, du gehst mir auf die
Nerven“ – nur Peitschenhiebe waren, die er ihr versetzen wollte, um
sich aufzugeilen. Dass sie seine Art waren, sich vom Weiblichen zu
distanzieren, das per se die Macht hatte, allzu tief in ihn einzudringen. Ein
typisches Muttersöhnchen-Syndrom, wie Tatjana in Diskussionen mit Vera
analysiert hatte. „Er muss seinen Frauenhass ausleben, um sich von der
Macht der Mutter zu lösen“, sagte Tatjana zu ihrer Freundin.
„Er muss mich zuerst beschimpfen, bevor er mich lieben kann.“
Gegen seine Mutter als
Verantwortliche für diese Konditionierung hatte Tatjana seit jeher gewisse
Vorbehalte.
Jetzt war die Frau,
die zu viel Macht über Hannes hatte, wofür er sie anbetete und
hasste, am Telefon.
Ihre Stimme kroch aus
den kleinen Löchern des schwarzen Hörers, ein Apparat mit klackernder
Wählscheibe, den Tatjana liebte. Die Stimme sagte: „Hannes ist
tot.“
In der ersten Sekunde
fühlte sich Tatjana, als habe Vera ihr gerade eine frappierende Neuigkeit
aus dem Bekanntenkreis erzählt. „Hanna hat sich von Holger
getrennt.“ „Sonja ist schwanger.“ „Karl haben sie
gepfändet.“ Sie spürte eine Dankbarkeit für den
Adrenalinstoß, für die schrille Neuigkeit, die die Ereignislosigkeit
des heißen Sommeralltags plötzlich unterbrach. Für die
Möglichkeit, ein entsetztes „Waaaas?“ auszurufen, während
draußen vor dem offenen Fenster die Trambahn vorbeiratterte. Anders war
lediglich, dass ihr Körper zeitgleich in ein Kreislauf stoppendes Bad
getaucht wurde. Und dass Rosalinde sofort nach dem schnell und rau ausgesprochenen
Satz anfing zu schluchzen und zu jammern.
„Waaaaas?“
rief Tatjana in den Hörer.
Ein Sekundenfilm lief
in ihrem Hirn ab. Hannes in seiner beigefarbenen Bundfaltenhose mit
Ledergürtel und dem Hawaii-Hemd-Verschnitt mit kurzem Arm, aus dem seine
kräftigen, behaarten Unterarme ragen. Sein von oben herab auf sie
fallender Blick und die typische Szene beim Einpacken. Tatjana auf dem Sofa,
neben sich Hannes‘ Koffer, in den sie auf seinen Wunsch versucht, drei
Paar Schuhe, Preislisten und Werbeschreiben mit hineinzupressen. Sie findet, er
sollte die Papiere lieber in die Aktenmappe stecken und diese ebenfalls
mitnehmen.
„Was soll ich
denn noch alles rumschleppen?“ ruft Hannes ungehalten. „Jetzt tu
doch einfach, was ich dir sage.“
„Aber es geht
nicht“, sagt Tatjana mit auch nach 20 Jahren Deutschland noch
durchschimmerndem tschechischem Akzent.
„Ach, du dumme
Kuh“, entfährt es Hannes. Er geht wütend auf sie zu, will sie
zur Seite schieben, doch sie leistet Widerstand. Er presst den Deckel des
eckigen Aluminiumkoffers, in dem sich hochwertige Schuhe befinden, und
drückt den Papierstapel nach unten.
„Du wirst noch
das Leder der Schuhe zerkratzen“, sagt Tatjana.
„Was weißt
du schon!“ presst Hannes hervor, während er mit beiden Händen
den Aluminiumdeckel herunterklappt und die beiden Schlösser einschnappen
lässt. Er nimmt den Koffer und stellt ihn ein wenig zu fest auf den Boden
im Flur.
Tatjana sitzt noch
immer auf dem Sofa. Sie trägt eine helle Hose und ein schwarzes Top. Ihr
Bauch quillt um ein paar Kilos zu viel über den Hosenbund. Auch ihr
Gesicht, vor zehn, 15 Jahren das eines kleinen, blonden Schmollmundengels,
wirkt zu sehr gepolstert. Was aber noch immer ihre Vorteile ausmacht und sich
auch Gott sei Dank im Laufe der Jahre nicht wesentlich verändert hat, ist
ihr Busen. Hoch und stolz steht er vor ihrem Brustkorb, füllt den BH 85 D
aus und ist Garant für ihre Macht über Männer.
„Dein Arsch ist
zu fett!“ rotzt Hannes ihr regelmäßig hin.
„Du musst
fünf Kilo abnehmen. Wenn du das nicht schaffst, nehme ich dir den Fernseher
weg.“
Bang und Olufsen, ein
Flachbildschirm in edlem Schwarz. Es war kein Geschenk von Hannes, denn Hannes
warf mit Geschenken nicht um sich. Er betonte vielmehr bei jeder Gelegenheit,
dass eine Frau ihn nichts kosten dürfe, sonst schmeiße er sie gleich
raus, die Weiber seien sowieso alle nur hinter der Kohle her, bei ihm nicht!
Verdienst doch selber Geld, kauf dir doch, was du willst, wackel nicht so
aufdringlich mit deinem Arsch, bei mir läuft nix. Bist eh zu fett
geworden, wenn ich da an früher denke, nimm endlich ab.
Doch eines Sonntag
morgens in seinem Bett auf der Empore seiner Maisonette-Wohnung. Klebrig und
nackt lagen sie im Bett, Hannes hatte geröhrt wie ein Hirsch bei seinem
Orgasmus. Tatjana war stolz auf sich. Sie selbst hatte auf ihre Befriedigung
verzichtet. Müde lagen sie Arm in Arm und klebten aneinander.
„Wenn du
willst“, sagte Hannes im Liegen, seine Hand knetete ihre linke Titte.
„Kannst du den Bang und Olufsen mitnehmen.“
„Waaaas?
Wirklich?“ Tatjana jauchzte mädchenhaft.
Sie wusste, dieser
Moment war einmalig und ließ einen sonst unmöglichen Einblick in
Hannes‘ Herz zu. Er liebte sie, auf seine Art. Er musste sich nur
überlegen fühlen. Tatjanas Fernseher war vor einigen Wochen
kaputtgegangen. Seither lebte sie ohne, nicht aus Taktik. Aber dass Hannes mit
ihr gemeinsam einen neuen einkaufen gehen würde, hatte sie schon gehofft.
Vielleicht würde er ihr einen Schein dazugeben, aber mehr hätte sie
nicht erwartet.
Tatjana konnte es kaum
mehr erwarten, aus dem Bett aufzustehen an jenem Sonntagmorgen. Nicht, weil sie
auf den Materialwert des Fernsehers scharf war. Nein, es war das Liebespfand,
das sie endlich in ihrem Besitz haben wollte. Ein so teures und wertvolles
Pfand, das sie in ihren eigenen vier Wänden horten durfte, und wenn Vera
oder Anna vorbeikämen, könnte sie sagen, den hat Hannes mir
geschenkt. Wer sagte denn, dass sie die ganze Wahrheit wissen müssten?
„Aber der ist
geliehen“, hatte Hannes nämlich noch hinzugefügt, „damit
das klar ist!“
„Na klar ist das
klar“, hatte Tatjana in weiblicher Stimme gewispert. Auch so konnte sie
sein
und zwar perfekt. Ihr Wechsel zwischen aufmüpfiger Intellektueller und hingebungsvollem Weib war eine ihrer
besonderen Spezialitäten, eine Überlebenstaktik im Dschungel des
Patriarchats, wie sie Vera schon oft erläutert hatte.
So hatte sie an jenem
Sonntag Hannes‘ Zweitfernseher, den er oben auf der Empore bei seinem
Bett stehen hatte und so gut wie nie benutzte, in ihren kleinen Golf verladen
und stolz wie eine Braut bei sich aufgebaut.
„... sonst nehme
ich dir den Fernseher weg“, schmetterte Hannes ihr inzwischen bei jeder
Gelegenheit an den Kopf, selbst vor Freunden bei einem schönen Essen,
spätestens nach dem dritten Rotwein. „Wenn sie nichts gegen ihren
fetten Arsch tut, nehme ich ihr den Fernseher weg.“
Du liebst doch meinen
fetten Arsch, dachte Tatjana in solchen Momenten und schwieg
diplomatisch. Sie führte sich vor Augen, wie er sich darankrallte, wenn
sie vor ihm kniete. Wie er seine Hand auf ihr Fleisch klatschen ließ und
sie beschimpfte. Du miese kleine Hure willst mich abhängig von dir machen,
du weißt genau, dass ich ohne dich nicht mehr leben kann, dass ich deine
nasse Fotze zum Ficken brauche wie die Luft zum Atmen, du mieses eingebildetes
Stück, du IQ-Bestie, du sollst mit deinem lasziven Körper nicht immer
vor mir herum-wackeln wie die Versuchung im Paradies.
„Ich habe Macht über ihn“, sagte Tatjana zu Vera.
„Ach, echt?“ sagte die und schüttelte wie immer staunend den
Kopf. Die große, schlanke Frau mit der herben Stimme war immer für Tatjana
da. In der großen Küche ihrer Altbauwohnung hatten sie schon so
manches Fläschchen Rotwein gepichelt und immer war als Fazit
herausgekommen: Kampf! Das sollte ihre Devise sein. Kampf mit allen Mitteln.
Kampf für die Tschechinnen in Deutschland, für die Frauen in der
Männerwelt. Kampf durch Anpassung ebenso wie durch Fickentzug. Mochte
Hannes sie noch so oft fertigmachen und ihr mit Verlassen drohen. „Das
ist doch nur Masche“, wusste Tatjana. In Wirklichkeit hatte er noch nie
eine Frau so geliebt wie sie.
Der schwarze
Telefonhörer in Tatjanas Hand fühlte sich hart an. Sie spürte
Schweißperlen aus ihrer Haut kriechen, so dass das Plastik unter ihren
Fingern zu rutschen begann. Hannes‘ Schwanz hatte sie noch am
Freitagabend in der Hand gehabt. Sie liebte das Rutschgefühl, die weiche
Haut auf diesem harten Schlegel. Sie liebte es, wenn er wuchs, vom kleinen,
ängstlichen Wesen zum stolzen bösen Krieger wurde, unter ihrer Zunge.
Besser konnte man ihr und Hannes‘ Verhältnis nicht charakterisieren.
Durch sie wurde er zum Mann, ohne sie war er nur ein Wurm, nur, wenn sie es
wollte, durfte er sie aufspießen, in einem ihrer Löcher. Tatjana
schmatzte jetzt, um zu sehen, ob noch ein Rest von seinem Geschmack übrig
war. Ob sie den Ekel des weichen Schleims, der aus diesem harten Monstrum in
sie gespritzt war am Freitag Abend, kurz bevor Hannes sich mit seinem Mercedes
auf die nächtliche Autobahn gewagt hatte, genau jetzt würde
spüren können. Ob sie sich an sein Grollen erinnern könnte. Ja, es
klang wie ein Gewitter direkt über ihr, als er kam, vor Wut über
Tatjanas Widerspruch, vor Besessenheit, sie zu erniedrigen, endlich
kleinzukriegen, zu der kleinen Hure zu machen, die sie war. Ob sie noch einmal
die seltsame, unerklärliche Energieübertragung fühlen konnte,
die seine Explosion jedes Mal ankündigte. Es war ein Schauer, der ihren
Körper durchlief, eine Welle, die auf sie zuschwappte, die aus seinem
Schwanz drang, jedoch nicht aus dem Loch, das das Sperma freigab. Sondern aus
allen Hautporen. Eine Energiewelle, die über sie prickelte und ihr ihren
Erfolg verhieß. Gleich würde er wieder ihr gehören, für
diese lange Sekunde seines petite morts, die Sekunde, in der ihr Loch alles
war, was er vom Leben wahrnahm. Für diesen Triumph ertrug sie es gerne,
das zuckende Spritzen der schleimigen Flüssigkeit an ihren Gaumen, den
schwer zu unterdrückenden Würgereflex, den sich ansammelnden Brei auf
ihre Zunge, der sie an die Graupensuppe erinnerte, die sie als
Fünfjährige ihrer Mutter auf den Teller gekotzt hatte, weil sie so
ekelhaft war. Den Moment der Überwindung, wenn es galt, das Zeug
runterzuschlucken, obwohl jeder natürliche Reflex „Ausspucken“
brüllte. Du hast es gleich geschafft, sagte dann ein kleines Stimmchen in
Tatjanas Kopf und tapfer ließ sie die milchige Flüssigkeit in ihre
Kehle gleiten. Wenn Hannes nur ein einziges Mal in genau dem Moment richtig
dankbar gewesen wäre, so dankbar, wie es sich eigentlich gehörte
dafür, dass sie sein Müllschlucker war, seine Entsorgungsmaschine,
sein entpersonalisiertes Loch. Ein flüchtiger Gedanke war das, den sie mit
dem Sperma hinunterschluckte. Er war so absurd, wie vom Herrscher eines
Königreichs Dankbarkeit für die Anbetung durch sein Volk zu erwarten.
Der König war sich sicher: Das Volk brauchte die Anbetung für sein
Wohlgefühl, ja, es war geradezu süchtig danach, geschaffen dafür
von einer höheren Macht, nur mit Hilfe von Anbetung eines Königs
über-
leben zu können.
Mit dem Blasen hatte
Tatjana am Freitag alles wieder ins Lot gebracht. Hannes war ihr über,
hatte ihre übermäßig durchbluteten Gehirnverästelungen mit
seinem Saft verklebt, es würde zumindest ein paar Stunden dauern, bevor
sie wieder aufmuckte, doch dann war er bereits auf der Autobahn. Mit der
Entspannung der leeren Hoden war er aus seiner Wohnung gegangen. Den letzten
Kuss hatte sie in der Tür von ihm bekommen. Sie war da geblieben, hatte
noch seine Blumen gegossen und die Wohnung aufgeräumt, das Geschirr in der
Küche gespült und sein – ihr gemeinsames – Bett gemacht.
Gegen 23 Uhr war sie weggefahren, zu Anna, die eine Sommernachtsparty in ihrem
Garten gab. Um 3.47 Uhr hatte sie die verlangte SMS von Hannes bekommen.
„Bin gut angekommen, Kuss“.
„Kuss“
hatte er ausgeschrieben. Nicht das übliche x geschickt. Nachts, nach einer
großen Anstrengung wie dieser Fahrt, wurde er manchmal sentimental.
Tatjana hatte gelächelt und noch einmal an sein Abspritzen wenige Stunden
zuvor gedacht.
Wie seltsam, dachte Tatjana, dass sie in dem
Moment, als Rosalinde als Geist aus einer fremden
Welt in ihr Ohr drang, so konzentriert blieb. Dass sie von einer großen
Kraft – es erinnerte sie an das Hochgeschossenwerden im Free Fall auf dem
Oktoberfest – eine Ebene höher katapultiert wurde, von der sie alles
überblickte.
„Wie kann er tot
sein?“ fragte sie und im Nachhinein schien ihr jedes einzelne Wort, das
aus ihrem Mund gekommen war, als ein Wunder.
„Was ist denn
passiert?“
Was ist denn passiert.
Töte mich, bring mich um, ramm mir ein Messer in den Bauch.
„Hatte er einen
Unfall?“
„Nein“,
heulte Rosalinde.
„Bei Herrn Krug
ist er umgefallen. Im Laden. Es war ein Schlaganfall. Mein Junge....“
„Was?“
sagte Tatjana und hörte sich jetzt in einem überlegenen Ton sprechen,
als müsse sie die alte verwirrte Dame von einem Hirngespinst befreien. Von
einer Sekunde auf die andere hatte sie die Hoffnung, dass Rosalinde
verrückt geworden war. Vielleicht war sie gefallen, lag jetzt auf dem
kalten Boden in ihrer Küche, die Telefonschnur hinter sich herzerrend,
Hannes war auf Terminen und hatte sie allein gelassen. Sie war auf den Kopf
gefallen und in Panik, vielleicht lag sie sogar im Sterben, spürte die
Lebenskräfte aus sich weichen und hatte nur einen Gedanken: den an ihren
Sohn.
...
Der Besuch bei
Rosalinde in der Wohnung, gleich nach der Beerdigung. Das Bett, das die Mutter
für Hannes in einem der Zimmer gemacht hatte. Der Aluminiumkoffer, den
Herr Krug Rosalinde zurückgebracht hatte. Ein Paar Schuhe fehlte, das
hatte er im Laden vergessen. Ich bringe es Ihnen noch. Ach, Unsinn, lassen Sie
doch. Ich will es gar nicht haben. Die Schuhe, die er angefasst hat, kurz bevor
er gestorben ist. Mein Junge. Ich werde ihn bald wiedersehen. Ich werde es
nicht mehr lange machen. Sein Jackett. In der rechten Tasche das Handy. Es
meldete fröhlich T-D1, leuchtete und wartete auf Anrufe. Sofort, als
Tatjana es sah, wusste sie, sie sollte es abmelden. Doch es schaute sie so
geheimnisvoll an und so beredt. Es will mir etwas sagen, sagte sich Tatjana.
Und steckte es in ihre Handtasche.
...