Leseprobe aus: Salean A. Maiwald, "Schwebebahn zum Mond"

konkursbuch Verlag Claudia Gehrke
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Wir wünschen Ihnen viel Vergnügen beim Lesen.
  256 S., Frühjahr 2017, ca. 12,90, ISBN 978-3-88769-590-3


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Noch näher wollte sie dem Mond kommen. Tamara schob den Stuhl dicht ans
Fenster, stieg hinauf und schaute in den bewölkten Himmel. Es war ein warmer Septembertag gewesen. Jetzt rüttelte der Wind an den Fensterläden und schlug sie gegen die Hauswand. Am Himmel leuchtete der Mond. Tamara kicherte. Plump sah er aus, wie eine Kartoffel. Ihr Lächeln verschwand. Noch sechs Mal Vollmond, und die Volksschulzeit würde beendet sein. Dann, mit 14 Jahren, käme sie endlich aufs Gymnasium. Ihr Magen verkrampfte sich. Sie hatte die Mutter noch nicht von ihrem Plan überzeugen können. Wenn Tamara davon anfing, reagierte sie übertrieben abweisend und nervös. Sie wolle Onkel Peters Meinung abwarten, sagte sie dann. Wozu so lange zur Schule gehen? Viel besser wäre es, erst mal eine Lehre zu machen. Sie stritten manchmal darüber, und kürzlich hatte Mutter sogar mit der staatlichen Fürsorge gedroht. Der Lehrer Hellwig muss mir helfen, Mutter umzustimmen, ich bin doch seine beste Schülerin.
Tamara presste das Gesicht gegen die Scheibe. Ein langgezogener Laut erklang, schwoll zu einem nicht endenden 'Iii' an. Aus dem Dunkel kam ein helles, großes Licht näher, das ein Ungetüm hinter sich herzog. Die Schwebebahn glich einer riesigen Raupe mit gelbleuchtenden Flecken auf dem Leib. Die Dunkelheit versteckte die gewaltigen Eisenträger und das Schienenband, an dem die Bahn hing. Es sah so aus, als würde sie unten im Tal etliche Meter über dem Erdboden schweben. Langsam und quietschend fuhr sie in den Bahnhof Hammerstein ein. Trotz der Entfernung konnte Tamara erkennen, dass die Bahn voller Menschen war, und sie kamen ihr vor wie in einem Scherenschnitt auf gelbem Papier. Fahrgäste stiegen aus, aber die Mutter würde nicht unter ihnen sein, sie musste länger arbeiten, es gab zur Zeit viele eilige Fristsachen in der Anwaltskanzlei zu tippen. Die Bahn fuhr weiter, und Tamara folgte mit ihrem Blick der fast schon unwirklichen Erscheinung, bis sie hinter alten Fachwerkhäusern verschwand.

Sie stieg vom Stuhl und stieß mit der Fußspitze gegen einen Stapel Brigitte- und Constanze-Zeitschriften, die Mutter seit Jahren sammelte. Stoffe und Schnittmusterbögen türmten sich an den Wänden neben dem Ehebett, dem breiten Kleiderschrank und der Frisierkommode. Tamara hob mit spitzen Fingern ein langes Abendkleid aus Samt auf, das von der Nähmaschine gerutscht war, und hängte es über das Schwungrad der Maschine. Sie bückte sich und ordnete einen Stapel Zeitschriften, der auf ihr Kopfkissen zu fallen drohte. Dass ich immer noch mit Mutter im Ehebett schlafen muss! Und dann auch noch ihr Blick, wenn meine Hände nicht auf dem Oberbett, sondern darunter liegen.
Sie ging in die Wohnküche und schaltete das Radio an, gleich kämen die Nachrichten. Tamara ließ den Wasserkessel volllaufen und rieb den Feuerstein des Gasanzünders, bis sich die Flamme am Herd entzündete. Die Aluminiumschüssel mit dem benutzten Geschirr klirrte, als Tamara sie in das Spülbecken aus Steinguss stellte. Sie gab einen Spritzer Spülmittel hinzu und lauschte dem Radiosprecher. Papst Paul VI. hatte Bundeskanzler Adenauer zu einer Privataudienz empfangen und ihm den Christusorden für seine Verdienste um die römisch-katholische Kirche überreicht. 
"Audienz ..." Tamara wiederholte das Wort. Sie mochte Fremdwörter, ihren geheimnisvollen Klang. Auf dem Wunschzettel für Weihnachten hatte sie bereits in Gedanken einen Fremdwörterduden notiert.

Der Wasserkessel pfiff. Sie goss heißes Wasser in die Schüssel, spülte ab, verteilte IMI im Waschbecken und scheuerte mit der Bürste. Mutter kontrollierte, ob Speisereste im Becken klebten. Ihr bloß keinen Anlass zur schlechten Laune geben. Tamara schlug die Bürste am Beckenrand aus. Heute sprech' ich mit ihr über das Gymnasium, auch wenn sie Kopfschmerzen hat oder nichts davon hören will ...
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Zum Buch:
Ein Coming-of-Age-Roman. Wuppertal, in den frühen 60er-Jahren. Tamara wächst dort auf, in bedrückender Umgebung. Die Schwebebahn ist ihr Fluchtort.

Die vierzehnjährige vaterlose Tamara kämpft darum, aufs Gymnasium zu kommen, ihre Mutter ist dagegen. Sie möchte, dass die beiden Kinder eine Lehrstelle annehmen und so schnell wie möglich Geld verdienen. Tamara fühlt sich zunehmend bedrängt, durch die angespannte familiäre Atmosphäre und die beengten Wohnverhältnisse. Sie hat nirgendwo eine Ecke für sich allein und muss im Ehebett bei der Mutter schlafen. Ihr Bruder hat das zweite Zimmer bekommen. Unerträglich wird es durch die Übergriffe eines pensionierten Hausbewohners, dessen Klavierspiel sie als Kind fasziniert hatte. Er scheint mit seiner Obsession allgegenwärtig zu sein, beobachtet sie ständig und führt Buch darüber, wann die Mutter nicht zu Hause ist. Als sie sich ihrer Mutter anvertraut, will die nichts davon hören.
Immer, wenn sie die Enge nicht mehr erträgt, fährt Tamara mit der Schwebebahn. Eines Tages flieht sie aus ihrem Zuhause.
Eine Odyssee beginnt.



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