Leseprobe aus: Jette Miller, "Lover"

konkursbuch Verlag Claudia Gehrke
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Wir wünschen Ihnen viel Vergnügen beim Lesen.
ca. 250 S., erscheint zur Frankfurter Buchmesse im Oktober 2017, ca. 12,90, ISBN 978-3-88769-566-8



 … Plötzlich wurde er nervös, schneller, leckte an meinem Nacken, als wäre er mit Salz bestrichen, und stieß auf mich ein, als wollte er mich zu einem Teil seines Körpers machen. Es spritzte so heiß in mich hinein, dass ich zugleich schreien und verstummen wollte. Was davon ich tat, weiß ich nicht mehr. Langsam zog er sich aus mir und in seine Hand zurück, wo er das Kondom abstreifte. Seine Hand und sein pochendes Glied sahen in dem Licht unendlich schön aus.

Ich fand mein Spiegelbild in dem beschmierten, mit Stickern übersäten Spiegel wieder. Ich sah nach Jahren zum ersten Mal wieder wie ich selbst aus.

Mein ganzer Körper war klebrig und aufgewühlt. Ich wusch mich am Waschbecken mit eiskaltem Wasser. Mein Körper pochte lebendig. Meine Haut glühte, und ich spürte jeden Muskel meines Körpers gleichzeitig.

 

Als ich aufwachte, hing der Traum noch lange im Raum. Ich räkelte mich genüsslich im Bett und wollte ihn noch so lange genießen, bis auch Tom aufwachte. Als er begann sich zu bewegen, schlich ich mich aus dem Zimmer.

Auf dem Weg zum Bäcker kreisten meine Gedanken immer noch wie wild um die Traumszenen im Club. Vielleicht wünschte ich mir insgeheim eine Affäre.

Träumte man das, was man eigentlich wollte, sich aber nicht traute, oder das, was man phantasierte, weil man es nicht wirklich leben wollte?

Mir fiel auf, dass ich gar nicht wusste, wie ich zu meinen eigenen Phantasien stand.

Tom warf mir gerne vor, dass ich meine Bedürfnisse einfach nicht kannte. Ich hatte seine Vorwürfe natürlich immer weit von mir gewiesen. Aber er hatte vielleicht recht. Ich würde ab jetzt versuchen, mehr auf meine Bedürfnisse zu hören als auf meine Gedanken.

Ich legte meine Hand auf meinen Bauch. Das hatte mir mein Masseur mal empfohlen, weil er fand, dass ich mich mehr mit meiner Mitte verbinden sollte.

Also stand ich mit meiner Hand auf dem Bauch vorm Bäcker und verband mich mit meiner Mitte, um so hoffentlich meine Bedürfnisse aus mir, also direkt aus meiner Mitte, herauszukitzeln.

Eine Affäre würde frischen Wind in meine eingefrorene Beziehung bringen oder unser Vertrauen für immer schrotten.

Da meine Mitte an diesem Morgen keine eindeutigen Signale sendete, nahm ich die Hand vom Bauch, stellte mich in die Schlange und bekam Lust auf Mohnbrötchen.

Der Traum hatte sich so gut angefühlt, dass meine Wangen erröteten, sobald ich mir die Bilder ins Gedächtnis zurückrief. Meine Bedürfnisse schienen zumindest in meinem Unterbewusstsein erstaunlich klar. Ich träumte in letzter Zeit einfach die unglaublichsten Sachen.

Manchmal war ich als Freiheitskämpferin in Bergregionen exotischer Länder unterwegs. Dort folgte ich meiner politischen Überzeugung, auch wenn es den Tod bedeuten sollte. Manchmal war ich aber auch als Edelprostituierte mit wahnsinnig gutem Geschmack für Designerklamotten unterwegs, die sich ins Herz eines mächtigen Mannes vögelte, um ihn dann von ihren politischen Idealen zu überzeugen. In einem Traum war Obama noch Präsident und ich hatte ihm einen so guten Blowjob gegeben, dass er sich am nächsten Tag dazu inspiriert fühlte, den amerikanischen Finanzmarkt von einem Tag auf den anderen mit härtesten Gesetzen zu regulieren, woraufhin sich die internationalen Märkte anschließen mussten.

Das Glücksspiel hatte ein Ende, und in seinem Privatjet flogen wir in die Schweiz, und er räumte auch dort gewaltig auf. Danach hatten wir unglaublich guten Sex im Flugzeug, sodass die Schweizer keine andere Wahl hatten als das Bankgeheimnis ein für alle Mal zu lüften. Und zur Belohnung durfte ich mit Merkel auf einer Südseeinsel in der Hängematte löffeln. Der letzte Stopp auf meiner Reise.

Sie erklärte mir geduldig das Universum, ich fühlte mich in ihrer Umarmung unendlich aufgehoben. Es war eine sehr konkrete Umarmung.

Aber sie hatte dabei eine weiche und duftende Haut. Irgendwie ein aufregender Kontrast.

Vielleicht fand mein wirkliches, mein glamouröses Leben inzwischen einfach in meinen Träumen statt.

Ich kaufte drei Mohnbrötchen ...






©konkursbuch Verlag Claudia Gehrke 2017



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Reiseleiterin Sascha führt das scheinbar perfekte Leben mit Freund Tom und Sohn Dylan in Berlin-Kreuzberg. Doch kurz nach ihrem 40. Geburtstag stürzen alle Illusionen ein. Sie fühlt sich leer, hat seltsame Träume, erträgt die Nähe zu Tom kaum mehr. Statt sich in Selbstmitleid zu suhlen, wagt Sascha einen radikalen Schritt. Eine sexuelle Selbsterfahrungsodyssee durch die pulsierende Metropole beginnt … und was wird aus ihrer Beziehung? Wo ist die Liebe geblieben?



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