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Die Poesie der sexuellen Obsession | Femme-Begehren in Peggy Munsons erotischen Erzählungen „Die Nacht, als sich die Welt auflöste“ | Eine Rezension von Sabine Fuchs

Zuletzt aktualisiert am Dienstag, den 17. Juli 2012 um 18:43 Uhr

Dienstag, den 17. Juli 2012 um 18:33 Uhr

 

Darstellungen von Femme/Butch-Erotik oder gar queerer Daddy/Girl-Sexualität, wo waren diese bisher in deutscher Sprache schon zu finden?

 

Nun ist eine Auswahl von erotischen Erzählungen der US-amerikanischen Autorin Peggy Munson unter dem Titel „Die Nacht, als sich die Welt auflöste“ beim Konkursbuch Verlag in Tübingen erschienen. Bei dieser Sammlung von Erzählungen handelt es sich um die erstmalige deutsche Übersetzung von im Original nur verstreut erschienenen Stücken. Regina Nössler hat sich viel Mühe gemacht, die Übersetzung von van Rijn literarisch zu bearbeiten und durch Anmerkungen im Anhang verständlicher zu machen.

 

In vierzehn Geschlechtergrenzen überschreitenden Erzählungen findet die Leser_in Möglichkeiten, in tiefere Schichten der Lust einzutauchen, als es im Genre Erotika sonst üblich ist. Das ist den literarischen Fähigkeiten der femme-identifizierten Autorin Peggy Munson zu verdanken, deren Romanerstling „Origami Striptease“ sowohl zensiert als auch preisgekrönt wurde.

 

Dargestellt wird selbstbestimmte queere Lust, teils sprachlich äußerst direkt und offensiv, dennoch nicht platt. Meist geschildert aus der Perspektive einer Femme-Bottom, getrieben und unersättlich. Lesend begegnen wir Gestalten vom Rummel, selbstbewussten Freaks, transmännlichen Rollstuhlfahrern, Femme-„Schlampen“ im dünnen Kleidchen und Daddys, die ohne mit der Wimper zu zucken ihre „kleinen“ Mädchen an den Jahrmarkt verkaufen. Innenansichten einer Femme-Bottom, übersetzt in poetische Sprachbilder. Wettergebeutelte Landschaften aus dem amerikanischen mittleren Westen als Gleichnis für die aufgewühlten inneren Landschaften einer Dominanz und Unterwerfung begehrenden Ich-Erzählerin.

 

Rollenspiele werden Realität; den Pronomen darf man in dieser Welt des Genderfucks nicht vertrauen. Es gilt: Ein Schwanz ist kein Schwanz ist ein Schwanz... Queere Babygirls suchen sich böse Daddys, die ihnen etwas geben, das sie von erwachsenen Frauen in halbwüchsige Nymphomaninnen verwandelt. Transgender-Butches und andere Trans*maskulinitäten, Stone Butches, Lastwagenfahrer_innen und Barkeeper_innen geben sich ein Stelldichein. Ein Transjunge erhält in ungewöhnlicher Form Unterstützung durch zwei überaus verständnisvolle Femme-Freundinnen.

 

Die Protagonist_innen dieser Storys verkörpern hoch stilisierte erotische Typen und sprechen in queeren Codes miteinander. Eine vielbeschworene Metapher ist „der Stein“, Thema im Zyklus „Die Steinmauer“, der Variationen des Femme/Butch-Themas „Stone-Sexualität“ behandelt. Genauso ermächtigend knüpft Munson an die Geschichte der Freak-Shows an und inszeniert lustvoll verqueerte amerikanische Teenager-Fantasien.

 

Im Zentrum all dieser literarischen Inszenierungen steht der Machtaustausch zwischen aus der Norm fallenden Körpern und Identifizierungen. Als Leser_in werden wir Zeug_in abenteuerlicher Rituale von Beherrschung, Fesselung und Unterwerfung. Lust, Angst, Hass, Unersättlichkeit sind immer wiederkehrende Motive. Es geht rau zu in diesen Geschichten, Schwanz in Loch ad nauseam. Messerspiele und von Schotter verschrammtes Fleisch durchziehen die Seiten. Das elektrische Knistern eines Gewitters scheint allzeit in der Luft zu liegen und bisweilen lässt sich das Rasseln einer Klapperschlange in der Wüste vernehmen.

 

Peggy Munsons Prosa ist kraftvoll und zerrissen, der Geschmack von Blut und Dreck liegt ihr auf der Zunge. Diese junge amerikanische Autorin, geboren in einem US-Provinznest mit Namen „Normal“, ist eine echte Entdeckung für die queere erotische Literatur. Ausdrucksstark und bilderreich ist ihre Sprache, mit der sie etwas schafft, das über gewöhnliche Erotika hinausgeht und durchaus mehr als „Gebrauchsliteratur“ ist, doch deswegen nicht weniger anregend für die so Gestimmten.

 

Die sprichwörtliche Femme-Begierde wird hier zur durchgängigen literarischen Perspektive. Durch die Kraft ihrer Bilder und die originellen Protagonist_innen erweitert Munson das queer-literarische Panoptikum um einige spannende freakige Gestalten, an deren sexuellen Obsessionen wir lesend teilhaben dürfen.

 

Kenner_innen der lesbisch-queeren Geschichte werden vielleicht schmunzeln, wenn sie im Werbetext des Verlages lesen, die von Munson dargestellte erotische Daddy/Girl-Dynamik wäre eine amerikanische Eigenheit. Schließlich gab es zu Beginn des letzten Jahrhunderts in der deutschen weiblich-homosexuellen Subkultur das typische aus „Mädi“ und „Kessem Vater“ bestehende Paar. Diese erotische Kultur ist tatsächlich also weder neu noch spezifisch amerikanisch, allenfalls verschüttet. Um so mehr ist dem Konkursbuch Verlag Claudia Gehrke für den Mut zu danken, ein Stück genderqueere und im besten Sinne perverse Femme/Butch-Kultur der deutschsprachigen Leser_innenschaft zugänglich gemacht zu haben.

 

Die Poesie der sexuellen Obsession

Femme-Begehren in Peggy Munsons erotischen Erzählungen „Die Nacht, als sich die Welt auflöste“

Eine Rezension von Sabine Fuchs

 

Peggy MUNSON: Die Nacht, als sich die Welt auflöste. Erotische Erzählungen. Übersetzt aus dem Amerikanischen von van Rijn, literarische Bearbeitung von Regina Nössler, erschienen im Konkursbuch Verlag, Tübingen 2012, 251 Seiten broschiert, EUR 12,-. ISBN-10: 388769774X, ISBN-13: 978-3887697747

 

Empfohlenes Alter von Konnys Lesbenseiten: Nicht unter 16 Jahren.

 

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