Anne Bax, Love me, Tinder. 3 Leseproben

© konkursbuch Verlag Claudia Gehrke Herbst 2015

 

Sex mit 49

Sex ist nicht gleich Sex. Das ist kein großes Geheimnis.

Es gibt ihn von »JA! JA! JA!« bis zu Na … ja …

 

Deshalb plädiere ich dafür, die Unterschiede auch sprachlich im Wort selber deutlich zu machen, und folge dabei einer alten Familientradition, die ich in den siebziger Jahren meinen beiden Patentanten abgeschaut habe. Nicht, dass die beiden in meiner Gegenwart unnötig viel über Sex redeten, aber hin und wieder erlauschte ich bei Familientreffen mitten in ihren demonstrativ getuschelten Konversationen dieses eine Wort, das sie so unterschiedlich aussprachen.

 

»Die sollen schon Sex gemacht haben«, flüsterte Tante Käthe und die Perlonfäden in den geblümten Blusen aller anwesenden Tanten streckten sich elektrisiert dem abwaschbaren Kunststoff in den Rückenlehnen der Küchenstühle entgegen.

»Sex gemacht Tante Käthe sprühte das Wort so vehement über ihre Kaffeetasse hinweg in unsere Wohnung, als gälte es allein durch die Artikulation Pollen zu verteilen und unsere Alpenveilchen zu bestäuben. Sie machte das »S« dabei mit einem einzigen feuchten Huschen der Zunge an die Zähne so scharf, dass die Männer im Wohnzimmer ihre Bierflaschen enger umfassten und die Frauen nach dem dunkelroten Schlehenfeuer griffen. Das war ein »S«, für das der Begriff Druckbuchstabe wie geschaffen war. Man konnte gar nicht anders als sich vorzustellen, wie es sich lüstern durch das Alphabet schlängelte, frech dem großen »B« an die Rundungen fasste, dem willigen »Y« von hinten zwischen die nach oben gespreizten Linien griff und dem »H« verwegen unter den Querstrich lugte.

 

Beischlaf, wenn er »JA! JA! JA gut ist, ist Sex.

 

Für die akkurate Aussprache der Na ... Ja ...-Variante bietet sich dagegen Tante Margrets Version an, obwohl ihr »S« sich niemals angeboten hätte.

»Immer geht es überall um Sechs«, beklagte Tante Margret, und ihre Zunge blieb bei der Aussprache des entscheidenden Buchstabens einfach untätig in der Mitte des Mundes liegen. Bei ihr sprühte nichts. Ihre Lippen klappten einmal kurz und trocken auseinander und wieder zusammen.

Sechs.

Es war klar, dass ihr »S« kein Aufsehen oder irgend-etwas anderes erregen wollte. Ihr »S« war vielmehr der gleiche Laut, mit dem »Sackgasse« anfing – oder »Sagrotan«. Auch das zügellose »X« am Ende des Wortes, mit seinen nach allen Seiten offenen Schenkeln, war einem belanglosen, behäbigen »ch« gewichen. Und selbst wenn Tante Margret unter dem Einfluss von zu viel Eierlikör Tante Käthe wütend zur Rede stellte, klang das, als unterstellte sie ihr, heimlich Lotto zu spielen: »Gib es zu, du hast noch Sechs mit 49.«

 

Mein Alter verbot es mir damals, aus diesem unterschiedlichen Zungeneinsatz Rückschlüsse auf das Sex- und das Sechsleben der Tanten zu schließen, aber ich habe diese Ausspracheregel begeistert übernommen.

 

»Du sprichst das so komisch«, hatte der junge Mann, mit dem ich die ersten Experimente wagte, gesagt, »das ist doch keine Zahl Ich hatte zustimmend genickt, was wir gemacht hatten, war keine Zahl, aber, wie ich seit jüngsten, weitergehenden Experimenten mit einer neuen Klassenkameradin wusste, Sex war es auch nicht gewesen.


 

Der Duft von frischem Obst

Du hast meine Blicke auf dich gezogen, das ist mir irgendwann klar geworden. Und wir haben uns immer wieder angesehen, mal kürzer, mal länger, wochenlang. Natürlich hast du nie direkt zu mir herübergeschaut, aber die Art, wie du dich so gekonnt lässig, so bewusst unnahbar, so kalkuliert kühl präsentiert hast, hat dich verraten. Du wusstest genauso gut wie ich, dass wir für einander geschaffen waren. Und dass jede unserer Begegnungen Teil des alten Spiels war, Teil des Tanzes, den wir schon längst gleichzeitig getrennt und gemeinsam tanzten. Wie gerne hätte ich dich in manchen Augenblicken einfach aus allem herausgerissen, dich entführt und fortgetragen. Doch alles hat seine eigenen Regeln und diese Regeln haben ihren eigenen Reiz. So habe ich dich weiter aus der Ferne bewundert und ganz zart umworben. Und du bist geblieben und du hast dich mir zugewendet, wann immer es deine Situation erlaubte. Und dann, als es darauf ankam und ich dich wie zufällig berührte, da durchfuhr uns beide ein Schlag.

Und die Entscheidung war gefallen.

Jetzt ist der Tag endlich gekommen.

Wir hätten nicht warten müssen, bis es dunkel wird, aber es hat den Moment hinausgezögert und mich in fiebrige Unruhe versetzt. Es ist schon späte Nacht und ich kann mich kaum noch zurückhalten. Ich zwinge meine Hände, ruhig zu werden, und atme tief ein. Dein Duft, dieser spezielle Geruch nach etwas Neuem, etwas Fremdem, Unberührtem, nach etwas, das ich gleich vollkommen besitzen werde, durchweht ganz schwach den Raum und macht mich schwindelig.

Und mächtig. Und schwach. Und neugierig.

Jedem Anfang wohnt ein Zauber inne …

Ich habe dich an diesem Tag mit gespielter Gleichgültigkeit wieder nur kurz, fast flüchtig berührt, um diesen Augenblick, dieses erste gemeinsame Erwachen in der Dunkelheit zu etwas Besonderem zu machen. Jetzt schließen sich meine Hände um deine schlanken Konturen und obwohl ich von Zurückhaltung träume, zerre ich fast wütend an allem, was uns noch trennt. Deine Hüllen fallen fast zu schnell und meine ungeduldigen Hände schämen sich nicht mehr.

Ich schließe die Augen und bin nur noch Gefühl. Meine Fingerspitzen bewegen sich sanft, ein zartes Streifen nur, und doch eröffnet es uns Welten. Ich sehe dich leuchten. Jede meiner Fingerkuppen erwacht zu einem eigenen Leben, will eigene Entdeckungen machen, eigene Wege gehen.

Mein Zeigefinger streicht schneller, ungeduldiger, drückt, einmal, zweimal, forschend und sanft hier, härter und fordernder dort.

Meine Hand verharrt immer wieder und meine Finger lauschen, sie lauschen und genießen. Du öffnest dich meinen Berührungen willig und wirst ganz mein. Ein Laut, endlich, ein leises Summen, du vibrierst unter meinen Händen. Das ist Glück, denke ich. Du bist jetzt meine Welt und ich dringe tiefer und tiefer in dich ein.

Ich will dich hören, ich will dich lauter, aber du bleibst so ruhig.

Ich drücke fester, streiche, reibe ein wenig und dann wirst du ganz plötzlich ganz laut.

Und ich höre dich und fühle dich und meine Finger folgen dir blind.

 

Ich habe die Tür nicht gehört und ihren Schlüssel nicht, der ihr doch schon auf der Treppe immer vorausklimpert. So betritt sie ohne Vorwarnung das abgedunkelte Wohnzimmer und ich fahre schuldbewusst zusammen.

Sie grinst. »Schon wieder ein neues iPhone

Ich krümme schützend die Hände, um dich vor diesen verächtlichen Blicken zu schützen.

Sie legt sich zu mir auf die Couch und schiebt ihre Hände unter meinen Pullover. »Kann Siri das hier auch

 

Ich quieke ein schwaches »Nein«.

Sie küsst mich tief und lang.

Ich genieße und überlege, während meine Hormone in Richtung Erregung rennen.

Konnte Siri das auch?

Vielleicht gab es da eine App, von der ich noch nichts wusste.

Ich würde das später googlen.


 

#niemehrallein

 

Ich spüre deine Hände,

Mein Herz wird laut, mein Mund wird still.

Dein tiefer Blick spricht Bände,

Du bist jetzt alles, was ich will.

 

Die Welt ist ganz verschwunden,

Es gibt nur deine Haut,

Und meinen warmen Wunsch 

Der neue Wege baut.

 

Es gibt nur dich und mich und uns

Und diese Sommernacht

Und einen hellen Mond,

Der wie die Sonne lacht.

 

Ich will nur dich noch fühlen

Und vorher ganz kurz klicken

Und meinen Facebook Freunden

Ein kleines Update schicken.

 

Bevor wir ganz in uns versinken,

Muss ich schnell tippen, posten, wischen,

Und uns auch digital verlinken,

Und unsere Daten mischen.

 

Es gibt nur dich und mich und uns

Und mein Mobil-Gerät,

Das meinen Exgeliebten

Den Status aktuell verrät. 

 

Dass wir uns endlich treffen,

Hat 70 Likes bekommen,

Der Hashtag #secretLove,

Hat mir die Angst genommen.

 

Es gibt nur dich und mich und uns

Und digitale Nabelschnüre

Und inszenierte Glücksmomente

Und oft kopierte Liebesschwüre.

 

Bevor du deine Lippen,

Jetzt sanft auf meine presst.

Lass uns ein Foto machen,

Das nichts mehr offen lässt.

 

Und das bei Twitter dann,

Retweetet werden kann.

Und allen Zweiflern zeigt, 

Sie hat das dritte Date,

Endlich mal nicht vergeigt.

 

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