Leseprobe aus María Gutiérrez, "Chilajitos"



Mädchen mit Kater

Das bin ich. Dieses kleine Mädchen mit dem Kater bin ich.

Ich schau es von der Tür aus an.

Nani* und Tata* sind nicht da, aber ich bin es auf dem Hof von Mutter Herminia.

Ein herrlicher Tag. Das Licht, die Blumen, mein pausbäckiges Lächeln.

Allein, mit diesem zahmen Tiger in den Armen, nach der Jagd auf ihn im Schatten des Pfeilers eine triumphale Pause, um mich stolz mit meiner Beute in Positur zu stellen.

Allein. Furchtlos. Ich schaue in die Zukunft. Ich sehe mich an und erkenne nicht diese Reife wieder, die mich unter die Lupe nimmt, die sich wundert über die Hartnäckigkeit der  Unschuld, die da war.

So weit entfernt diese Frau da, die mich von der Tür her beobachtet.

Warm mein Kater auf dem Brustlatz, weich. Ich fing ihn im Garten ein und er ließ es geschehen.

Mein gelber Kater, Sultan.

Allein. Und zu mir kehrt die Stimme von Mutter Herminia zurück, und ihre süße Guayaba lässt mir den Speichel im Munde zusammenlaufen. Zitronengras und Majoran, Insektenbekämpfungsmittel und Melisse färben mit ihrem Duft den Nachmittag.

 Allein. Pony und Pferdeschwanz, Hosen einer Bäuerin.

Die Frau, die ich sein wollte.
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 *Großmutter und Großvater


Meine Straße

Es riecht nach frisch geschlagenem Kiefernholz. Ein Kübel Zement unter dem Baum von Großvater, die Theke in der Kantine mit Schwingtüren, an der hübsche Chorsängerinnen bedienen, da ist die Bank, wo sich die Erwachsenen nach dem Essen zusammenfinden, das Casino der Sonnabendnachmittage und der Lieblingsplatz der Besucher, die kommen, um hier glücklich zu sein. Hierher gelangt der Duft des chinesischen Orangenbaumes von Pater Juan, und die Hebamme Zenaida mit dem Gemüse, und mit ihrer Schachtel voller Süßigkeiten Señora Maria, von der man sagt, dass sie keine Schlüpfer trägt und im Stehen pinkelt, von ihren Unterröcken geschützt, ein Tipi, der sich jeden Donnerstag auf dem Wege nähert.

Ich schmecke ihre süßen Sachen und denke dabei an ihre Pinkelei.
 
In meiner Straße spielen wir alle. Lotterie, Domino, Wetten, machen Wurfspiele und Seilhüpfen. Meine Straße hat Großvater mitten in einem Getreidefeld gebaut. Wir können die Gemüsegärten erforschen und die Höhlen in der Schlucht, uns in den Tamariskenbüschen verstecken, um Zigarren zu rauchen, die wir aus Blättern drehen,Frösche fangen, ohne zu nah an die großen Tümpel zu gehen, Drachen steigen lassen ... Tischchen mit Steinplatten oben drauf bauen. Kaputtes Porzellangeschirr mit Blättereintopf schmücken meine Küche unterhalb der Mauer der Zisterne,hinter dem Hof von Großmutter Juana sind mein Hof und mein Vieh sicher vor Dieben.

Aber die Zeit, in der meine Straße die schönste der Welt ist, ist am Morgen, in der Frühe, wenn der Ziegenhirt zwischen lauter Glöckchengebimmel erscheint und Mariposa auf meinem Bürgersteig melkt und ich sie streichle; wenn der Schweinehirt mit seiner Herde Maultiere kommt, die mit Tragekörben beladen sind, aus denen lautes Quietschen zu hören ist, und wenn dann die  Ferkel den Hof in Besitz nehmen. Wie er es will, weiß oder von Rasse. Wenn Mama Verse aufsagt und dabei die Wäsche vor dem Haus aufhängt, während wir Fangen spielen oder Verstecken. Wenn der Wasserschlauch uns erfrischt in der Sommerhitze und mein Vater auf einer Matratze liegend uns die Geschichte der Sterne erzählt, im Schatten mitten auf der Straße.
Wenn Großvater Agustín uns Birnen und Nüsse aus dem Nordenmitbringt. Wenn Das Göttliche den Baum erleuchtet.Wenn die Maskierten erscheinen mit lustigen Larven. Meine Straße ist die schönste, wenn die Gitarre und die kleinen Saiteninstrumente erklingen, das Tamburin und das Akkordeon. Dann singt Mama und alle hören zu.



 


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