Leseprobe aus dem  Krimi "Sterben in schwarzweiß" von Elke Weigel 

Gegenwart, Freitagabend
Alex

Auf der Türschwelle stand ein junger Mann in Mantel mit hochgeschlagenem Kragen. Seine Augen wirkten glasig, als hätte er hohes Fieber.
„Doktor Baittinger?“ Er wirkte verwirrt.
„Ich bin Frau Baittinger, ohne Doktor. Meine Praxis ist schon geschlossen.“
Der Mann drückte die Tür auf, sodass sie gegen die Wand schlug, und Carolin wich unwillkürlich zurück.
„Hier ist keine ärztliche Praxis, ich bin Psychologin.“
„Ich weiß.“
Der Mann sah an ihr vorbei zur offenen Tür ihres Behandlungsraums. Die Hände in den Manteltaschen kam er weiter auf sie zu. Carolin trat ihm in den Weg, doch er wand sich an ihr vorbei. Er war größer als sie, und ihr Herz begann schneller zu schlagen.
„Was ist denn los?“ Das war nicht die übliche erste Frage einer Psychologin, jedoch fand hier auch kein üblicher Erstkontakt statt. Carolin sah auf ihre Armbanduhr.
Der Mann stand mitten im Behandlungsraum, betrachtete die beiden Sessel, die sich neben einem kleinen Tisch gegenüberstanden. Er schüttelte den Kopf, murmelte etwas, dann ließ er sich auf einen der Sitze plumpsen, legte die Unterarme auf die Knie und beugte sich vor. Carolin sah sein schwarzes Haar, das dicht und glänzend nach vorne fiel.
„Also?“ Sie setzte sich auf die Kante des zweiten Sessels.
Der Mann hob den Kopf und blinzelte, sah unruhig im Raum umher. Carolin überlegte, ob er verwirrt war und sie einen Notarzt rufen sollte. Da sah er ihr direkt in die Augen.
„Es wird was Schlimmes passieren.“ Er schluckte. „Ich weiß nicht, was ich tun soll.“
„Was wird denn passieren?“
Er sah wieder weg, starrte auf den Teppich. „Ich bin mir nicht sicher, auf welcher Seite sie steht. Wie kann man herausfinden, ob jemand lügt?“
„Um wen geht es denn?“
„Das spielt doch keine Rolle! Reicht es nicht, wenn Sie wissen, dass Gefahr besteht?“
„Ich glaube nicht, dass ich die Richtige für Ihr Problem bin. Warum gehen Sie nicht zur Polizei?“
„Das wird mir kaum was nützen. Ich brauche Ihre Hilfe.“
„Dazu müssen Sie schon konkreter werden. Wer lügt Sie vielleicht an?“
„Die Engel.“
„Mehrere?“
„Es sind zwei. Aber ... wissen Sie, einmal höre ich es so, dann wieder anders.“
„Sie hören Stimmen?“
Er sah sie an und lächelte mit einem zischenden Ausatmen durch die Nase. „Ich bin nicht verrückt. Wirklich nicht. Obwohl ich mich manchmal frage, ob ich es inzwischen geworden bin. Aber ... das ist einfach so ein Irrsinn, deswegen komme ich zu Ihnen. Ich dachte, dass man sie nur mit den gleichen Waffen schlagen kann.“
„Was für Waffen setzen die Engel denn ein?“
Er seufzte. „Bitte, es ist alles wahr. Ich habe nur noch nichts schriftlich. Aber sie haben es mir versprochen, ich habe sogar schon angefangen zu arbeiten.“
„Es geht also um einen Arbeitsvertrag?“
Er zögerte. „Ja, aber wir kennen uns auch privat.“
Er war nicht schizophren, sondern hatte Angst.
Wie alt mochte er sein? Anfang zwanzig? Hübsche braune Augen, lange Wimpern und eine feine Nase. Nur der bittere Zug um seinen Mund, der passte nicht zu seinem Alter.
„Werden Sie mir helfen?“
„Ich gebe Ihnen einen Termin.“ Carolin nahm den Kalender und blätterte darin. „Nächste Woche bin ich schon voll. Danach, hm. Am Donnerstag.“
„Nicht früher?“ Die Dringlichkeit in seiner Stimme ließ Carolin aufsehen. „Ich will auch keine Therapie machen, nur mit jemandem reden.“
„Dafür sind die Sitzungen aber ein bisschen teuer.“
Der Mann sah ihr stumm in die Augen. Da stand so viel Leid in seinem Blick.
Carolin überlegte. „Also gut, morgen um 18 Uhr. Und falls Sie heute Abend nicht zurechtkommen, dann wenden Sie sich an die Ambulanz in der Sigmundis-Klinik, dort können Sie auch nachts jederzeit hin.“
Der Mann stand auf und ging zur Tür. „Danke, vielen Dank.“
„Ich brauche noch Ihren Namen.“
„Ich heiße Alex“, sagte er im Hinausgehen, und Carolin war sich nicht sicher, ob sie es richtig verstanden hatte.
„Wie weiter?“
Sie hörte die Tür ins Schloss fallen.
„Da warst du aber superprofessionell.“ Carolin klappte den Kalender zu und sah wieder auf die Armbanduhr.

Zügig ging sie durch die Straßen in Bad Cannstatt Richtung Neckarufer.
Eine private Praxis war nicht der Ort für Krisenfälle. Aber sie konnte die Erfahrungen, die sie in der Klinik und davor in der Beratungsstelle gemacht hatte, nicht einfach abschütteln. Sie reagierte nach wie vor darauf, wenn jemand schnelle Hilfe verlangte. Dabei wäre es besser gewesen, ihn in die Notfallambulanz zu schicken. Oder sie hätte zumindest länger mit ihm sprechen müssen.
Carolin erreichte die Fußgängerampel an der Rosensteinbrücke. Ihre Schultern waren angespannt, und hinter ihren Schläfen pochte der Schmerz. Sie fand es noch immer unangenehm, die Sigmundis-Klinik zu empfehlen, obwohl sie seit zwei Jahren nicht mehr dort arbeitete.
Alex’ Stimme klang noch in ihrem Ohr: „Ich dachte, dass man sie nur mit den gleichen Waffen schlagen kann.“


 


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