konkursbuch Verlag Claudia Gehrke
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Peter Butschkow

La Caldera de Taburiente

 

Waaaas? Du warst noch nicht in der Caldera??“ Jawoll! Gut zehn Mal schon nicht, so oft, wie ich bereits auf La Palma war.

Na und?

Ich esse vom Spiegelei auch erst das Weiße drum herum, und dann als Höhepunkt verzehre ich genüsslich den Dotter und bilde mir ein, dass ich mehr davon habe als die anderen. (Wie eingebildet!)

Doch dieses Mal sollte es an den Dotter gehen, mit Dieter, der auch ganz heiß drauf war, in das Paradies, in die Caldera, das üppig begrünte Kraterloch auf La Palma, zu wandern.

Der olle Guanchenkönig soll hier von den Spaniern mit üppigen Versprechungen herausgelockt worden sein, u.a. sollte er auch sein Leben behalten dürfen. Das haben sie ihm dann aber gleich genommen, als er seinen Kopf rausgestreckt hat. Man musste eben auch damals schon vorsichtig sein.

Die Gerüchte um diesen 10-Kilometer-Durchmesser-Naturtraum sind wild: Leute, die rein-, aber nie mehr rausgekommen sind. Eine stattliche jährliche Absturzquote. Abmeldung bei dem Naturparkpersonal‚ wenn man länger als einen Tag „reingehen“ will.

Unser Tag fing wolkig an. Dieter konnte es gar nicht fassen. Dieser Tag soll noch schön werden? Unsere Ferienhäuser steckten voll in den Wolken, und zwei Stunden später war es der schönste Tag des ganzen Urlaubs. Makellos blau und warm.

Ich schlüpfte sofort in meine saloppen Segelschuhe, in meine hübsch bunten Badeshorts, schnallte mir das knallbunte Rucksäckchen von Söhnchen Eddy auf den Rücken, prall gefüllt mit den wenigen Nahrungsmitteln des asketischen Wanderers: Zwei Äpfeln, einer Avocado, einem Stück Wurst und freudiger Wanderlust!

Zu meiner Verwunderung sah ich an Dieters Füßen derbe Turnschuhe, ein Paar Wanderschuhe als Ersatz im großen, witterungsbeständigen Rucksack, auch eine Pulle Mineralwasser, eine Zitrone, belegte Brote und zwei Avocados. Man merkte sofort, Dieter hatte noch nie eine richtige Tageswanderung gemacht!

Zu meinem größten Entsetzen entdeckte ich auch noch eine Wanderkarte in Dieters Seitentasche und, wie er mir später gestand, hätte er fast noch eine Taschenlampe mitgenommen!! Ein Verrückter! Unten, im Flussbett angekommen mit dem Auto und am Ausgangspunkt unserer fast 9-stündigen Wanderung, liefen noch mehr von diesen Menschen rum. Unsere Berliner Parks waren auch nicht immer gehfreundlich, aber da musste man durch – na, is’ doch so!

Der Anfang der Tour war gleich die große Steigungsnummer. Dreieinhalb Stunden hoch, auf schottriger Straße, hoch, hoch, hoch – serpentinenmäßig. Der Blick auf das Tal, auf das Meer, rüber nach Hierro, der kleinsten der kleinen Kanareninseln, die sich aus den Wolken abzeichnete, ließ uns ständig Laute des Entzückens und blumigster Lebensfreude abkeuchen. Dieter, dieser kleine, zarte, aber ungemein zähe Kerl, vermittelte erste Schwächesymptome. Ob wir nicht für den Rest dieser Passage eines der Autos anhalten wollten, die gelegentlich an uns vorbeirumpelten? Nein! Nein, Dieter, sagte ich! (Warum hatte er sich auch so schwere Schuhe angezogen?!) Zwei geklaute Apfelsinen aus den paradiesischen Gärten des Ortes Caldera, der auf diesem Weg lag, brachten die erste saftige, unglaublich saftige (das haben gestohlene Früchte immer so in sich!) Erfrischung.

Im Wanderführer (da wir ihn nun mitschleppten, mussten wir auch mal reinsehen!) stand diese Strecke mit zweieinhalb Stunden drin. Wir benötigten eine Stunde länger. Das waren die kleinen Entzückungspausen: „Nun...pffff...schau Dir...pfffff....das mal…pffffff...an!!!! Pffffff...“

Und dann standen wir oben! Los Brecitos! Der Aussichtspunkt mit dem kostenlosen Blick ins Paradies!! Göttlich, ja, göttlich! Göttlich auch die kleine Erfrischungspause. Dieter trank hemmungslos aus seiner Wasserflasche. Ich entsagte dem Nass, lehnte sein Angebot ab: nein, danke! Ein wirklicher Wandersmann nagt nur kurz an der Zitrone, labt sich das Gesicht am Quell und schöpft den Rahm seiner unverbrauchten Kräfte.

Im folgenden Streckenabschnitt vereinigten wir uns in Orgien von Komplimenten an dieses irrsinnig schöne Tal, auch an uns selbst erfreuten wir uns, die wir die Wahl für DIESEN Tag getroffen hatten. Man lobt sich ja sonst nicht.

Ich formulierte im Geiste einen zynischen Klagebrief an den Hersteller meiner launigen Segelschuhe, im Tenor:

„Auf Bootdecks und Yachtclubdielen komme ich mit Ihrem Produkt ganz wunderbar klar, aber haben Sie niemals an eine solide Bergwanderung gedacht?“

Finger (natürlich trug ich keine Handschuhe, Dieter unverständlicherweise auch nicht!?) und Füße schwollen erstaunlich an, und die gequälten Zehen signalisierten mir Folter und Leid.

Am ersten kleinen Bergquell tauchte ich die Gepeinigten zischend ins Wasser und vergaß im Genuss der Erleichterung die Wanderkarte, obwohl ich für sie verantwortlich zeichnete. Wir ließen sie auf einem Felsvorsprung zurück, wofür sie sich bitter rächte.

***

Knappe zwei Stunden fast nur bergab wanderten wir auf schmalem Weg, fasziniert von ständig neuen Motiven.

Einige Menschen kamen uns entgegen, von Anstrengung und Zielstrebigkeit gezeichnet, nur eine alternative Mutter mit Kind (!) und der darauf folgende Typ wirkten souverän und locker, als hätten sie einen Mietvertrag mit der Caldera.

Ihre Einrichtungen trugen sie jedenfalls auf dem Rücken.

Gegen 15 Uhr erreichten wir das Flussbett, den Barranco, die Schlucht. Auch ein wenig Kanada, da unten. Strömender Fluss, Steine, Kiefern, diese teilweise riesigen kanarischen Kiefern, für die wir uns auf unserem Weg auch so oft die Köpfe verdreht hatten. Die größte von ihnen nannten wir die „Oberkiefer“. Sonne und Kiefern spielten Schattenspiele wie im Zauberwald. Verrückte Paarung.

Natürlich bejubelten meine gewaltigen Füße den kühlen Strom und waren nur unter größten Drohungen zu weiterer Gefolgschaft bereit. Dieter trank mit glucksender Kehle den Rest seiner Mineralwasserration und zog dann noch einige Liter Calderawasser aus dem Fluss in sich rein. Wie so ein kleiner Mensch so viel saufen kann? Natürlich ohne mich.

Ich benetzte mir das schweißende Gesicht mit köstlichem, frischem Wasser, dabei liefen etliche Cowboy- und Wüstenfilme vor meinem inneren Auge ab – ich hätte mich gar nicht gewundert, wenn neben mir der Schädel eines durstigen Wasserbüffels eingetaucht wäre. Grundsätzlich bis auf die nörgelnden Zehen und eine leichte Blasenbildung am Unterfuß fühlte ich mich sauwohl, bereit für den letzten Streckenabschnitt: Zurück durch den Fluss, bzw. am Fluss nach Hause. Anders konnte es gar nicht sein, wie vollmundige Erzählungen einiger „Vorgänger“ schließen ließen. „Bin ich vom Campingplatz aus durch den Fluss zurückgewandert!“ Na also, dann woll’n wa ma!

Der so genannte „Campingplatz“, das war die Stelle, wo wir angekommen waren und die tatsächlich für die Freunde der indianischen Übernachtung gedacht und angelegt war. Ein herrliches Fleckchen. Ich erinnere mich noch an drei deutsche Menschen, die am Campingplatz standen und miteinander redeten. Fast hätte ich sie fragen wollen, ob sie uns den Weg zurück zeigen könnten, aber, was’n Quatsch, dachte ich.

Was’n Fehler.

Nun bewegten sich also zwei energische Wandergesellen am Flussbett entlang: Ein kleiner, fest beschuht und wohlgenährt. Ein langer im Strandlook, Marterstufe Eins.

Heute weiß ich, dass nicht mal ein Yeti da durchgekommen wäre. Geschweige denn Reinhold Messner.

Wir waren aber ungebrochen und zielsicher. Ein Weg war nicht mehr da, aber ein Pfad. Manchmal, manchmal nicht. Irgendwelche Menschen mit besonderer Herzenswärme mussten schon vor uns (also bitte!) dort entlang gewandert – besser, geklettert – sein, denn an markanten Punkten, wo wir beide nicht weiter wussten, stand plötzlich ein eindeutig von Menschenhand gebildetes, kleines Steinhäufchen als Wegweiser vor uns. Heute weiß ich auch, das muss der Teufel getan haben.

Streckenweise kamen wir am oder im Wasser weiter, streckenweise mussten wir unpassierbare Wasserfälle, eng geführt an nassen, glitschigen Felswänden‚ außen- und obenrum umklettern.

Dieter, leicht, zäh und plötzlich unheimlich kräftig, krabbelte und zog sich über die verrücktesten Passagen. Jeder von uns suchte ständig den idealen Weg, wenn man von „ideal“ überhaupt noch reden konnte. Ich entschied mich, wenn machbar, immer für den Fluss und watete bis zur Badehose durch den kalten Strom. Was für mich noch begehbar, war für Dieter Oberkante Unterlippe, schließlich unterscheiden wir uns um gute 35 cm. Menschlich passen wir wunderbar zusammen.

„Aber, Moment mal! Das soll der offizielle Weg sein? Wollen wir nicht lieber umkehren?“
Doch Dieter machte Mut. „Lass uns noch bis dahinten, wo die Schlucht so schwarz, der Stein so herrlich nass ...!“

Es wurde immer härter und später. Längst war unser Zeitplan geplatzt. Wir kamen schließlich nur meterweise voran. Und wieder einen scheußlichen Berg hoch. Steine, Geröll, Sand – und tief, tief, schau lieber nicht nach unten und schon gar nicht in deinen Ordner mit den Unfallversicherungsbedingungen. Halt dich doch an diesem Busch fest! Kennst du jemanden, der weiß, ob diese Pflanze einen Herren von 90 kg, plus 350 Gramm Segeltuchschuhe, vor dem Absturz halten kann? Meinst du, der Stein ist trittsicher? Und weißt du, wie’s nach diesem Abschnitt weitergeht?

Weißt du eigentlich, wie meine Füße aussehen? Und weißt du eigentlich, dass es Vollidioten gibt, die mit Leinenschühchen und drolliger Bekleidung und ohne vernünftige Nahrung die palmerische Wildnis bezwingen wollen?

Ach Gottchen, und nun wird er auch langsam schlapp, unser Langer. Und Plautz! liegt er auffe Fresse! Mitten auf ’m Stein! Da schaut er dumm und greift sich zählend an die Rippen und staunt, wie schnell sein Daumen dick werden kann. Jaaa!!!

Fehlt nur noch’n irre farbiger Verband mit tollen, witzigen Motiven drauf, gell? Aber, da!!! Eine gerade Strecke!! Das heißt, normales, aufrechtes Gehen, so 50 Meter geradeaus!

„Dieter, jetzt schaffen wir es!“

Aber der schaute immer skeptischer drein.

„Ach was, Alter“, gab ich mich dynamisch-biologisch, „ein Fluss fließt immer ins Tal! Komm, schau, hinter der Schlucht scheint die Sonne, da müssen wir hin!“

Dieter schaute noch skeptischer drein. Und mir fiel die Kinnlade runter, als ich den Wasserfall vor mir sah. Da kriegt selbst’n Lachs kalte Flossen.

Und gerade vorher hatten wir einen kleineren Wasserfall überwunden. Warum hatte uns dabei keiner gefilmt? Icke, der Lange, sprang vom Felsen – wohl nur so zwei Meter, aber ins unbekannte Flussbett runter. Wie geschaffen für die Fußgelenke! Und dann rutschte Dieter, Beine voraus, von oben in meine Arme. Backe an Backe, bis zum Arsch im brodelnden Fluss, Verleger und Autor beispielhaft vereint. Im Kreuz des Autors hat’s bei dieser Aktion auch kurz geknackt! Herrlich, nun noch’n Hexenschuss, und dann bitte den Hubschrauber!

Aber es hatte fast chiropraktische Konsequenzen. Ich fühlte mich leicht und beweglich im Kreuz im Gegenteil zu meinem Seelenzustand. Langsam ging die Sonne auf die Zielgerade, und wir ackerten uns noch hüfttief durch Flussbetten und schnauften über Felswände.

Der Wasserfall vor uns, seine steilen, schwarzen Felswände, sie alle grinsten uns an: „Kommt schon, kommt schon! Mut zur nächsten Runde! Wenn ihr uns schafft, seid ihr frei!“

Dieter riskierte noch einen Blick, schaute dem stürzenden Wasser hinterher: „Zurück! Sofort zurück!“

Zurück zum Campingplatz hieß das. Und den ganzen Weg wieder zurück. Einen richtigen Weg gehen, was für ein Gefühl!

Dazwischen lagen all die Passagen von eben, nur andersrum. Und dann stand ich klatschnass vor dem schlimmsten Teil, diesem spröden Berg, wo wir mehr runtergerutscht und -gebetet waren, als irgendeinen festen Halt zu haben, wo ich gesagt hatte: „Wenn das unsere Mütter sehen würden, wie wir die väterliche Verantwortung aufs Spiel setzen!“ Dieter, mit der Energie von 25 Litern Mineral- und Calderawasser, mit der Kraft von mehreren belegten Broten und dem kleinen Vorteil der jüngeren Jahre, kletterte wie ein Affe den Berg hoch – ich stand unten, den Arm wie auf’m Tresen, schaute diesem Energiebündel hinterher und stöhnte: „Bin ich kaputt! Warum hab’ ich gestern Abend so viel Bier getrunken!?“
(Immer auf die Leber, immer auf die Leber!)

Wir mussten nun zurück, schön aufwärts natürlich, zurück zum Aussichtspunkt Los Brecitos.

Beflügelt von der untergehenden Sonne und der Vision, dass in Kürze zwei sorgenzerfurchte Lebenspartnerinnen die Rettungsdienste in den Krater treiben würden, bissen wir uns den Weg hoch.

(Unsere Wanderkarte lag übrigens brav an der Quelle, wo ich sie vergessen hatte. Darauf konnte man den richtigen Weg prima erkennen. Der führte nämlich ganz woanders lang, überhaupt nicht durch dieses Flussbett. Aber, so haben wir uns wenigstens besser kennen gelernt und auch die wunderschönen Wasserfälle und die kleinen, drolligen Berge und das Wunder der schwellenden Prellungen erfahren – und was ein paar ordentliche Segelschuhe aushalten müssen.)

Auf diesem Streckenabschnitt sprach wieder etwas FÜR MEINE Wandermode: Meine Badeshorts trockneten nämlich schnell, während Dieter seine klatschnassen, abgeschnittenen Jeans entschlossen auszog, um nur im knappen weißen Schlüpfer weiter zu laufen.

Ein wunderschönes Bild, wir beide.

Es brauchte nicht viel Fantasie, sich die Augen der Menschen vorzustellen, die uns so zuerst sehen würden vorausgesetzt, wir hätten noch mal die Chance zu solcher Begegnung:

Ein kleiner, schnaufender Herr in Unterhosen, dahinter ein zerkratzter, restlos zerzauster Mensch in gebrochenem Zustand. Das Foto nicht unter 100 Euro! Mit Echtheits-Zertifikat! Wie gut, dass wir noch die Kraft zur Selbstkritik hatten, uns in anderer Leute Gefühle versetzen konnten. Kurz vor der rettenden Berghöhe zog Dieter sich wieder vernünftig an.

Keinen Moment zu spät, denn erst sah uns Fortuna und dann bemerkten uns zwei Palmeros, ein alter und ein junger, die in dieser abendlichen Einsamkeit in ihrem Toyota-Jeep irgendeine Abrechnung machten. Im grauenvollsten Spanisch baten wir um die Gnade der Mitfahrt – völlig unnötig, unsere Erscheinung weckte spontanes Mitleid und soziales Engagement. Wir durften uns zwischen einen gewaltigen Hofhund und Gas- und Benzinkanister klemmen und rumpelten überglücklich ins Tal.

Dass wir uns menschlich und sprachlich beispiellos dafür bedankten, und wir anschließend noch’n Bier trinken gingen und „Abenteuer-hab-Dank!“ prosteten, und die Frauen uns völlig entspannt empfingen und sagten: „Wir dachten uns schon, ihr kommt bestimmt etwas später, weil ihr noch was trinken werdet!“ – das ist das glückliche Ende dieser Geschichte.

 

 

© konkursbuch Verlag Claudia Gehrke

Peter Butschkow ist Zeichner und Autor, mit vielen erfolgreichen Cartoon-Büchern. Und seit Jahrzehnten regelmäßiger La-Palma-Urlauber. Dieser Text wurde in der Zeit geschrieben, in der es noch kaum Wanderwegausschilderungen und keinen Taxiservice vom Flussbett nach Los Brecitos gab, und ist erschienen in unserem opulenten zweisprachigen Buch: „Kanarisches Lesebuch – Canarias“ (512 Seiten mit vielen teils historischen Bildern über alle Kanarischen Inseln, aber La Palma kommt wegen Verlegerinnenvorliebe in besonders vielen Texten und Bildern vor,  ISBN 978-3-88769-338-1)  Den Anfang dieser Geschichte lesen wir übrigens manchmal auf unseren zweisprachigen Lese-Nächten mit Texten kanarischer und reisender AutorInnen.