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Zwergentanztag

Wulf Göbel, Ausschnitt aus seinem Text über die Bajada mit einem Interview mit Antonio Mendéz (wurde in den 80er-Jahren für das "La-Palma-Buch“,  ISBN 978-3-88769-022-9,geführt) – die Zwerge tanzen immer noch, nur der letzte Teil des Berichts dürfte im Handy-Zeitalter nicht mehr passieren

Seine Freunde rufen ihn Antonito. Dabei ist Antonio Méndez so klein nun auch wieder nicht, dass man ihn für einen Zwerg halten und einfach übersehen könnte. Dennoch: bei dem "Danza de enanos", dem traditionellen Zwergentanz zur Bajada der Jungfrau de Las Nieves ist er, soweit er zurückdenkt, die Eins mit dem Punkt. Der erste Tänzer (Bailarín) der nach hinten größer werdenden Figurenreihe, der Schrittmacher sozusagen. Und Antonito Méndez muss ziemlich weit zurückdenken: Schon seit fünfunddreißig Jahren tanzt er bei dem Zwergentanz mit, mal als Muselmane, mal als Astrologe, mal als Dominikaner, immer aber als Zwerg.

"Es ist ja so", sagt er, und in seinen lebhaften Augen kündigt sich irgendeine Geschichte an, eine palmerische, "das Zwergenkostüm, der Kopf, die Perücke und der schwarze Hut, das gehört alles der Stadt. Die Stadt hebt die Kostüme auf, bessert die Sachen aus, nach dem Tanz ist das alles ziemlich ramponiert. Aber das andere Kostüm, das für die Verwandlung, das bekommen die, die mittanzen, geschenkt. Das ist so eine noble Geste von der Stadt, weißt du! Und seitdem ich das Dominikaner-Kostüm habe, und das habe ich nun auch schon ein paar Jahre, fahre ich jedes Jahr zum Karneval nach Teneriffa rüber und mach dort den Dominikaner, den frommen Mönch."
Und seine Augen, könnte man meinen, erzählen die Geschichte in die entstandene Pause hinein weiter. Weil: es gibt offenbar Dinge, die ein Palmero, der etwas auf sich hält, nicht einfach so und schon gar nicht jedem weitererzählt.
Antonito macht eine Handbewegung an den Hosenschlitz und tritt auf der Stelle, als plagte ihn ein fürchterlicher Drang. "Wenn dieser Ruf ertönt, wenn wir also am Tag des Tanzes zum letzten Mal aufs Klo können, ist es zwei, drei Uhr nachmittags. Und danach ist nichts mehr, bis in den frühen Morgen, absolut nichts." Das Gesicht von Antonito Méndez, eben noch Dominikaner und in tinerfenischen Karneval verwirbelt, bekommt einen fast schmerzlichen Zug. Die Erinnerung an die unzähligen Stunden und die vielen Male, als er - die Eins mit dem Punkt - beklatscht und bewundert als Zwerg durch die Stadt tanzte und sonstwas dafür gegeben hätte, endlich, in Ruhe und ausgiebig, austreten zu können. (Ob er das Gedicht von Allen Ginsberg kennt, wo einer durch ein Museum irrt auf der verzweifelten Suche nach einem Lokus? Nein, kennt er nicht. Aber er kennt das Gefühl, verlass dich drauf! War nur eine Zwischenfrage).
"Ja, und nach dem Gang zur Toilette beginnt die Prozedur des Anziehens. Das dauert endlose Stunden, bis die Beine zusammengebunden sind von den Knien aufwärts, bis der Zwergenkörper um die Oberschenkel und den Bauch modelliert ist, bis das Kostüm sitzt, die Weste, bis der Kopf angepasst ist und sie die schwere Perücke befestigt haben."
Und als hätte er sich selbst das Stichwort gegeben, erinnert sich Antonito an die Sache mit der Perücke, eine Geschichte in der Geschichte, eine Puppengeschichte, die auch nur wieder Puppen hervorbringt. Diesmal aber mit Perücke.
"Also, früher, da halten wir diese Leinen-Perücken. Die haben die Frauen hier auf der Insel gemacht. Aber irgendwann waren die Dinger zerschlissen, und wir brauchten neue. Da haben wir einen Perückenmacher in Madrid angerufen und so und so viele Perücken in der und der Größe bestellt. Wird gemacht, hieß es am anderen Ende der Leitung, alles klar. Aber dann rufen die aus Madrid doch zurück: Wie viele, sagten Sie? Und: Wie groß? Wie waren doch, bitte, die Maße? Schön und gut, sie haben es schließlich nicht für einen Witz gehalten und irgendwann kamen dann die Perücken. Sehr schön und sehr neu. Aber sehr schwer. Vorher war das schon anstrengend, die Tanzerei, aber jetzt mit den neuen Perücken aus Madrid, du lieber Himmel!"
Und als wüsste er genau, wo der liegt - und das Paradies, und wo die sieben Nothelfer sitzen und die Engel frohlockend umherschwirren und die himmlischen Harfen anschlagen - dreht er die Augen nach oben.
"Und du stehst die ganze Zeit da mit nacktem Oberkörper. Stehst auf einem Tisch, und um dich herum bauen sie dir den Zwerg an den Körper. Bloß nicht pinkeln müssen, denkst du. Und auf dem Tisch neben dir steht meinetwegen der Pepe. Über 20 Mann insgesamt. Und 2 Ersatzleute, die auf den Tischchen stehen und sich langsam in Zwitter und Zwerge verwandeln. Und alle denken das Gleiche: Himmelherrgott, lass mich bloß nicht pinkeln müssen. Und überall laufen Leute herum und suchen dies und suchen das, und du stehst mit den anderen auf den Tischen und wirst langsam zum Zwerg. Und dann musst Du Dich mit irgendetwas ablenken, an sonst was denken, an Frauen oder die letzten Fußballergebnisse, bloß nicht an dieses Zwicken zwischen deinen Beinen, schließlich musst du ja die ganze Nacht durchhalten. Tanzen und nicht pinkeln. Und jetzt ist erst Nachmittag. "

"Natürlich ist die ganze Geschichte" - und Antonito zwinkerte mit den Augen, Verständnis einholend, schelmische Übereinkunft, dies ja nicht weiterzusagen; auch dann nicht, wenn es alle wissen - "natürlich ist das ein Secreto palmero, ein palmerisches Geheimnis. Die Zwerge, die eben noch auf der Plaza Santo Domingo getanzt haben, treten hinter einen Vorhang und kommen, und zwar umgehend, als Astrologen oder als Athener oder als Dominikaner, je nach Kostüm, wieder hervor. Auch wenn man es sieht, man kann es nicht glauben. Auch wenn die Zuschauer das wissen. Du siehst das immer wieder in den Gesichtern des Publikums. Die Leute schauen dir ja nicht ins Gesicht, sondern sie gucken auf das Zwergengesicht. Aber du siehst ja hinter der Maske das Publikum. Und wenn dann bei der Verwandlung die erwachsenen und großen Männer hinter den Vorhang gehen und als Zwerge rauskommen, dann glaubt das einfach keiner."

… Und da ist wieder dieses Schmerzhafte um die Augen von Antonio Méndez. Dieses aus der Erinnerung Hervorgekramte:
"Früher, als die Polka, der Tanz noch anders organisiert war, da haben auch Frauen mitgetanzt. Die hatten dann den Rock über den Kopf geschlagen und sowas wie ein riesiges Blumengebinde auf dem Zwergenkörper. Aber mit der Verwandlung, so um die (vorletzte, CG) Jahrhundertwende, tanzten dann keine Frauen mehr mit. Ich meine, ich will nicht als Macho gelten, das soll man nicht denken von mir, aber ich glaube, Frauen halten das in der heutigen Form nicht aus, die würden in der Mitte glatt auseinanderbrechen. Ein Beispiel nur, wie mir das mal passierte. Wir fangen also auf der Plaza Santo Domingo an, erst ein Tanz fürs Fernsehen, dann, gleich darauf, einer fürs Publikum. Dann geht's runter zu dem Platz am Postamt, dann auf die Plaza de España, dann die Straße weiter runter bis zur Santa María. Das geht bis in die frühen Morgenstunden. Tanzen. Weiter. Tanzen. Weiter. Nachdem wir die ganze Nacht durchgetanzt haben, sind wir fertig. Erledigt. Völlig erschlagen und geschafft. Und dann kommt ein LKW von der Stadt und lädt uns auf. Wie Pakete, tak, tak, tak, werden wir auf den Wagen geladen und ins Rathaus zurückgefahren zum Ausziehen. Und das eine Mal, na ja, wie es halt so ist. Großes Hallo und Tamtam, alle waren froh, dass es vorbei war, dass nichts passiert war, dass sich keiner verletzt hatte, die Flasche wird herumgereicht, jeder nimmt einen ordentlichen Schluck, jeder redet mit jedem, ein Haufen Leute, der LKW, der aus auflädt, na ja, und in dem ganzen Gewühl hatte man mich einfach vergessen. Die Eins mit dem Punkt, und da stand ich also. Und da musste ich die ganze Strecke von der Santa María bis zu meiner Wohnung zu Fuß gehen. Bist du schon mal durch die Stadt gegangen, wenn dir die Beine zusammengebunden sind? Hast du schon einmal versucht, an einem Bordstein runterzukommen, wenn dir die Beine zusammengebunden sind - und auf der anderen Seite wieder hoch? Was meinst du, wie groß Santa Cruz ist. Wenn du immer am Bordstein entlangschleichst und eine flache Stelle suchst, wo du vom Bürgersteig runter auf die Straße kommst, und wie lang Straßen sein können, wenn du auf der anderen Seite eine Stelle finden musst, wo du wieder hochkommst. Man sagt, Cadíz sei eine große Stadt, Barcelona oder Madrid. Was meinst du, wie groß Santa Cruz mit zusammengebundenen Beinen ist? Verstehst du, die haben mich einfach stehengelassen."

 

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