konkursbuch Verlag Claudia Gehrke
PF 1621 - D-72006 Tuebingen, Tel. 0049(0) 7071 66551,
Mail: office@konkursbuch.com

 

Simone Eigen, La-Palma-Fotos

Das sind die späten Abendstunden hinter dem Projektor. Manchmal bis tief in die Nacht hinein, immer wieder die von Bild zu Bild weitergegebenen Fragen: wie teilt sich das mit? Wie gehen die Bilder zusammen? Wo sitzt das Verstehen? Und: was sind überhaupt die richtigen Bilder von hier? Mein „Studio“ ist die Küche und der angrenzende Essplatz (nicht, dass man mich als fotografierendes Heimchen missverstehe). Vom Kühlschrank wirft die „Lichtmaschine“ die farbigen Projektionen an die gekalkte Wand: Landschaften, durch die ich gegangen bin auf der Suche nach meinen Bildern; Guten-Morgen-Aufnahmen und die Nachmittags-Stimmungen: ein Licht wie Tee mit braunem Kandis.

Dann die Menschen. Auf den Fiestas und den Viehmärkten, in den Bananenfincas und beim Fischfang. Details von Häusern, Treppenbögen, Innenhöfen, Nischen, Blumen und Blüten. Oder die magischen Zeichen der Ureinwohner an den alten Quellen und den längst versiegten Bachläufen. Und das Meer. Immer wieder die Wasserlinie. Der Trennstrich zwischen den Elementen, der schäumende Becher mit seinem gehämmerten Rand.

Bloß keine Panoramen. La Palma ist ein Kontinent. Und ich wäre eine Närrin, wollte ich von meinem Kontinent ein Foto machen, „auf dem alles drauf wäre“. Und dennoch: dieser törichte Anspruch ist schon da. Dieses Denken in Monaden, der im Strand gefundene Stein, in dem die Welt sichtbar wird. Die Insel ist, wie gesagt, ein Kontinent. Aber ohne Wahrzeichen. Kein Eiffelturm, keine Statue of Liberty, no Tower-Bridge. Nichts, das Verweis-Charakter hätte wie ein einbetoniertes Auto in Köln oder eine zugemauerte Tür in der Bowery. Wo alles zusammengehört, ragt nichts heraus. Wo alles in einem Kräftefeld aufeinander bezogen lebt, wo alles klar ist, bedarf es keiner Metaphysik. Sollte ich dennoch ein Zeichen wählen dürfen, welches die Insel kennzeichnen könnte, ich würde mich wahrscheinlich für die Spirale entscheiden (aus dem Nachlass der Guanchen): ein offener Beginn, der von irgendwoher aus den Ursprüngen der Menschheit kommt, und ein freies Ende, das sich verliert, ohne aufzu-hören. Kein Start-Schuss und kein Foto-Finish.

Keine Sieger und keine Verlierer. Keine Zeitnehmer. Vielmehr: Bewegung und Gleichmaß. Wie Kommen und Gehen. Wie das Meer. Wie die Regenwolken. Wie der Staub aus der Sahara. Wie Geborenwerden und Sterben.

Es ist hier alles im Fluss. In jeder Zeit ist hier Gegenwart. An dem einen Orangenbaum von Manuel, dem Nachbarn, sitzen die kleinen, weißen Blütensterne, zieht die fruchtige Schwere der reifen Früchte die Zweige nach unten, wachsen im Schatten der dunklen Blätter die noch grünen Früchte schon der nächsten Ernte entgegen. Das ist das, was ich meine.

Das Haus liegt direkt an der Straße wischen Los Llanos und El Paso.

Die alte, steile Straße, auf der die Mopedfahrer mittreten müssen, wenn sie die Steigung überwinden wollen. Manchmal ein Hund, aus den Höfen der Nachbarn, manchmal das Krähen eines Hahnes, jetzt, mitten in der Nacht, der Morgen noch weit hinter dem Meer, hinter Afrika noch, die hellen und glucksenden Wassergeräusche der Zisterne.

Man spricht, glaube ich, von einer „beängstigenden Stille“. Selbst, wenn es hier still ist, wäre es nicht Angst machend. Aber hier ist es nicht still, hier ist es nur ruhig. Klar und ruhig. Die Luft ist klar, die zu Terrassen rhythmisierte Landschaft hat keine diffuse Verschwommenheit, die Grenzen zwischen Land und Wasser sind gezogen, zwischen dem Bergrand der Caldera und dem Himmel sind klar. Das hier ist kein Ort der Dämmerung, der hinausgezögerten Zwischenfarben. Wenn der Tag vorbei ist, ist Nacht.

In dieser Landschaft sind auch die Menschen offen und ruhig und klar. Nichts Muffiges, Abgestandenes. Keine freundliche Verschlagenheit. Niemand bläst hier den Smog-Alarm, braucht die lauten Friedens-Beteuerungen oder hätte Angst vor dem Sterben des Waldes.

Wenn es in den Wintermonaten regnet, bricht Grün auf. Oder das zarte Rosa der Mandeln oder das blasse Gelb der wilden Freesien. Narzissen im Januar. Im Februar die Mispeln. Im März die erste Kartoffelernte.

Das ist alles so selbstverständlich hier. So alltäglich. Als wäre es nie anders gewesen. Neben den modernen Zeichen moderner Industrien, neben Wahr- und Warenzeichen fehlen hier Kriegsdenkmäler und Heldenfriedhöfe. Die Insel hat zum Glück nie Geschichte gemacht, sie wird zum Glück nicht in die Geschichte eingehen (ja, mal das Fernsehen, wenn ein Vulkan ausbricht. Als dieser Text geschrieben wurde, war das erst gut 10 Jahre her, heute sind es gut 40 Jahre).

La Palma, so könnte man sagen, ist der ruhige Rand einer unruhigen Welt. Dennoch: mich hinzusetzen und die „tranquilidad“ – wie das zentrale Lebensgefühl hier genannt wird – beschreiben zu wollen, fotografieren zu wollen: geht nicht. Man kann das bestenfalls leben: komm, hock dich her, mach dir mal keine Sorgen, das wird schon werden, reg dich nicht auf, morgen ist auch noch ein Tag, trink erst mal einen, salut.

Das ist alles drin in der Geste, mit der ein Palmero dir die Hand auf die Schulter legt und „tranquilo“ sagt.

Ich habe mich also bei meiner Auswahl für ruhige Bilder entschieden. Für klare, offene und selbstverständliche. Das Exotische, den Bombast überlasse ich besser den Postkarten. Ich habe mich weiter für „kleine Bilder“ entschieden, weil ich mir denke, dass es für die Insel und ihre Menschen besser ist, wenn ich Einblicke und nicht Überblicke an den Betrachter weitergebe (zumal: das Große auch nichts anderes ist als nur die Summe von Kleinem). Und ich habe mich mit meinen Fotos bemüht, die Dinge in ihrem So-Sein zu belassen. Gerade und direkt. So, als ob man miteinander spricht. Ohne Firlefanz und Fettlinse.

Einen Teil der Aufnahmen habe ich nachmittags gemacht. Das späte Licht kommt dem Moment der Ruhe sehr entgegen. Nicht gesucht – (es gibt Kollegen, die um die Welt rasen auf der Suche nach Licht, es gibt sie wirklich): gewählt. In einigen Fällen hätte ich vielleicht lieber Aquarelle gemalt und nicht fotografiert, aber ich kann mit Wasserfarben nur stümperhaft umgehen.

Und dann und wann hätte ich am liebsten nicht fotografiert, sondern nur hinsehen wollen. Die eigentlichen Bilder, das fiel mir irgendwann auf, haben keinen Rahmen, keine Begrenzung. Die Geschichten gehen weiter. Sie gehen sehr weit über die Insel hinaus, über das Meer hinaus, ohne aufzuhören.

Sie sind Punkte auf einer Linie, die sich zu einer Spirale geformt hat.

 

© konkursbuch Verlag Claudia Gehrke

Simone Eigen lebt seit 1982 auf La Palma, sicher ist sie vielen der Blog-LeserInnen bekannt, zum Beispiel vom sonntäglichen Rastro in Argual. Früher war sie u.a. Buchhändlerin in Frankfurt/M. Dieser Beitrag und viele ihrer Fotos erschienen in dem von Simone mitherausgegebenen  Insel-Klassiker „La Palma: Die Canarische Insel“ (zweisprachig spanisch-deutsch, Hg. Simone Eigen, Wulf Göbel, Juan Manuel Castro, ISBN 978-3-88769-022-9). Das erste Buch über die Insel La Palma überhaupt wird 2015 zur Bajada 30 Jahre alt. Viele der Texte und Bilder schildern Zeitloses, wie Texte über das Theater, die Zwerge auf der Bajada, Emigration, die Banane, Frauen auf der Insel. Andere Texte und Bilder zeigen die Insel, wie sie vor 30 Jahren war.

 

http://www.konkursbuch.com/html/kanaren.html