Leseprobe aus „Marina Lioubaskina, Marinotschka, du bist so zärtlich“, ©konkursbuch Verlag

 

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Konstantin

 

Konstantin Pawlowitsch bekleidete den Posten des Direktors eines Buchverlages. Ich lernte ihn im Restaurant »Newski« auf dem Newski-Prospekt kennen. Vom Äußeren her ähnelte er Pasternak, sein Inneres interessierte mich ganz und gar nicht. Selbstvergessen trieb er es mit mir auf seinem Arbeitstisch während der Arbeitszeit in der letzten Phase des Aufbaus des Sozialismus und schenkte mir anschließend einen Packen Plastiktüten mit der Abbildung eines Buches darauf. Es mit ihm zu treiben, bereitete mir nicht das geringste Vergnügen. Also habe ich nur wegen der Tüten mit ihm geschlafen? Natürlich, Tüten kann man im Haushalt immer gebrauchen. Aber trotzdem glaub ich nicht, dass ich wegen der Tüten mit ihm geschlafen habe. Ach, das ist doch Schwachsinn. Es kann nicht sein, dass ich wegen irgendwelcher Tüten mit ihm geschlafen habe. Tüten sind natürlich nützlich, aber deshalb mit jemandem zu schlafen, das wäre ja ein Tauschgeschäft, als ob ich mit dem eigenen jungfräulichen Körper die Tüten bezahlt hätte. Aber er war Pasternak nur rein äußerlich ähnlich und auch nicht zu hundert Prozent, als dass ich deswegen mit ihm geschlafen hätte.

Aber aus welchem Grund sollte ich dann mit ihm geschlafen haben? Befriedigend war es sowieso nicht. versteh ich nicht. Ich hab’s wahrscheinlich vergessen.

Was macht das überhaupt für einen Unterschied? Ich hab mit ihm geschlafen, das war’s. So wichtig ist das nicht. Plastiktüten, Pasternak. Vielleicht wirklich wegen der Tüten, immerhin eine nützliche Sache im Haushalt, ich kann mich einfach nicht erinnern. Sowas kann es doch als Grund geben. Denn bei gesundem Menschenverstand betrachtet – in sowjetischer Zeit waren Plastiktüten nun mal absolute Mangelware. Da hab ich also tütenhalber meinen eigenen jugendlichen Körper feilgeboten. Und Pasternak spielt hier überhaupt keine Rolle … Aber nein doch, das ist doch lächerlich, was soll das mit den Tüten, die soll sich einer in den Arsch stecken …

Wegen der Tüten mit der Abbildung eines Buches darauf verpasste meine Freundin Maika Konstantin Pawlowitsch den Spitznamen »Buch«. Sie fuhr regelmäßig zu ihrem Freund nach Amerika. Und einmal reiste sie ab und kam nie wieder zurück. Sie hatte vierzehn Brüder. Das Parkett in ihrer Vierzimmerwohnung, in der sie alle zusammen wohnten, deckte eine solche Dreckschicht zu, dass das Parkett nicht mehr zu sehen war.

 

Vom »Buch« fing ich mir einen Tripper ein. Daraufhin hatte sich unser Verhältnis wie von selbst erledigt.

Einen Tripper und andere leichte Geschlechtskrankheiten holte ich mir auch nach einer zufälligen Verbindung mit einem sehr sympathischen Regierungsmitglied, der aus Moskau, der Hauptstadt unserer Heimat, auf Dienstreise nach St. Petersburg geschickt worden war.






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