Leseproben "Pawel", "Roman", "Nadine" und "Konstantin" aus „Marina Lioubaskina, Marinotschka, du bist so zärtlich“, ©konkursbuch Verlag

 

П / P

Pawel

 

Paschka vögelte mich immer in fremden Wohnungen, auf fremden Betten, fremden Sofas, Klappsesseln, ausziehbaren Couches, bezogen mit bereits benutzter Bettwäsche, manchmal einfach auf dem Boden, auf einem staubigen, mit Krümeln übersäten Teppich. Im Sozialismus war das so üblich.

 L. E.

Marinotschka, du bist so zärtlich

Es war eine sehr glückliche Zeit. Wir badeten in fremden Badewannen. Zuerst einzeln, weil wir uns schämten, dann zusammen, freudig erregt. Freudig erregt vögelten wir, kreischten und spritzten mit Wasser, allerdings vorsichtig, um eine Überschwemmung in der Wohnung darunter zu vermeiden. Denn wenn das Wasser durchläuft, dann kommen die Nachbarn hoch, es gibt Krach, und Paschas Freunde geben Pascha dann nicht mehr ihren Schlüssel. Deshalb ist Vorsicht bei der Anbahnung sexueller Kontakte nicht ganz unwichtig. Eines Tages geschah Folgendes: Pascha brachte mich in so eine typische Wohnung in der Mochowaja. Diese üblichen verstaubten Wohnungen sowjetischer Intellektueller. Alles voller Bücherregale, Bücherschränke, auf dem Fußboden Bücherstapel, man konnte kaum treten. Wir gingen in die Küche, auf dem Hängeregal eine Sammlung von Teekannen und Dymkovo-Keramik, an den freigebliebenen Stellen der Wand Tabletts mit Lackmalerei aus Schostowo. Die Sachen, bei denen man unter einer leichten Staubschicht noch das Muster erkennen konnte, waren wahrscheinlich erst vor Kurzem in die Sammlung aufgenommen worden. Der Rand eines offenen, fast leeren Marmeladeglases war ebenfalls voller Staub. Aber lenken wir nicht ab, husch husch ins Bett, vögeln-vögeln-vögeln. O-O-O-O-O-O-O-O-O-O-O-O-O!!

Bei diesen Freunden von Pascha war die Bettwäsche geblümt. Ich liebe Blümchen. Da vögelt man und stellt sich vor, dass man sich auf einer Blumenwiese wälzt. Der Geruch nach Schweiß, Sperma und Genitalien lässt einen schwindlig werden, als wäre es der süße Duft von Blütenpollen. Und ich schrie, als ich kam, ich schrie so laut, ich SCHRIE SO laut! Ich zuckte und schrie, als ich kam. Und ich kam. Und ich hörte auf zu schreien. Aber das Schreien hörte nicht auf. Nicht ich schrie. Irena schrie, eine schöne Brünette mit Brille, Paschas Frau.

Ich erinnere mich sehr gut an die geblümte Bettwäsche, sie war zartrosa. Mit winzigen blauen Kornblumen und tanzenden kleinen grünen Blättern.

 

Р / R

Roman

Im Alter von sechs Jahren liebte ich Roman unter dem Tisch. Als Kinder (die den Sinn alles Gesagten und Gedachten noch nicht ganz erfassten) nannten wir das miteinander ficken (heute verwenden wir dieses Wort auch, nur verstehen wir darunter Verschiedenes). Roman legte sich auf mich und küsste mich auf die Wangen, dabei stieß sein Körper an meinen. Später gingen wir zusammen zur Schule und danach zur Uni. Er wurde nach dem zweiten Studienjahr rausgeworfen. Ich heiratete und ließ mich scheiden. Ich ging die Prawda-Straße entlang, und er rief mich. Nicht zu erkennen nach den zehn Jahren, in denen wir uns nicht gesehen hatten, doch ich erkannte ihn. Sein Gesicht war aufgedunsen, grau-lilafarben, seine Kleidung schmutzig und zerlumpt, ein grauer, fleckiger Strickpullover, Jeans mit einer dunklen Stelle zwischen den Beinen, zerrissene Turnschuhe ohne Schnürsenkel, ungepflegte, angegraute Haare und dieselben weichen Augen wie früher.

»Marinka, hallo. Meine Mutter sagt, Grießbrei ist gesund. Ja, Grießbrei ist gesund. Grießbrei ist gesund.«

Er hängte sich an mich, von ihm ging ein scharfer Gestank nach konzentriertem Urin, altem Schmutz, Kot und jahrelang nicht gewaschenen Haaren aus.

Wir bogen in den Hinterhof eines verlassenen Hauses ein. Eine leere Wohnung ohne Türen im Erdgeschoss. Auf dem versifften Sofa, aus dem die Federn hervorschauten, streichelte ich Romans von Schorf überdeckte Beine, küsste seine Narben und blies ihm einen wegen seiner immer noch wunderschönen Augen. Ich gab ihm alles Geld, das ich bei mir hatte, ging nach Hause und erledigte nichts von dem, was ich für jenen Tag geplant hatte.


H / N
Nadine


Paris.

Zart, klein, schwarze, schulterlange Haare. Wir küssen uns im Taxi, bis es in unseren Köpfen schrillt. Der Taxifahrer ist so mitgenommen, dass er zweimal bei Rot über die Kreuzung fährt. Nach vorne schauen, Verehrtester!
»Ma chérie, ma chérie.«
»Je t’aime.«
Wir sind in ihrer kleinen Wohnung in der Rue de la Liberté. Die verrückten Blumen auf der Tapete tanzen, tanzen, tanzen einen barocken Tanz unter Begleitung des quietschenden Bett-Cembalos. Fliegende Locken, schwingende Arme – eine wunderschöne Pirouette. Schmale Finger berühren zärtlich die großen Schamlippen, schieben sie zur Seite, befreien die größer werdende Klitoris, streicheln die Talsenke zwischen den kleinen und den großen Schamlippen, gleiten an der inneren Oberfläche der kleinen, bebenden Kelchblätter in die mit geheimnisvoller Feuchtigkeit gefüllte Öffnung vor, ihr Mund nimmt voller Verlangen meine Klitoris auf, die eine Unterhaltung mit ihrer bebenden Zunge beginnt …
Und dann Filmriss. Weiter kann ich mich an nichts erinnern.


К / K

Konstantin

 

Konstantin Pawlowitsch bekleidete den Posten des Direktors eines Buchverlages. Ich lernte ihn im Restaurant »Newski« auf dem Newski-Prospekt kennen. Vom Äußeren her ähnelte er Pasternak, sein Inneres interessierte mich ganz und gar nicht. Selbstvergessen trieb er es mit mir auf seinem Arbeitstisch während der Arbeitszeit in der letzten Phase des Aufbaus des Sozialismus und schenkte mir anschließend einen Packen Plastiktüten mit der Abbildung eines Buches darauf. Es mit ihm zu treiben, bereitete mir nicht das geringste Vergnügen. Also habe ich nur wegen der Tüten mit ihm geschlafen? Natürlich, Tüten kann man im Haushalt immer gebrauchen. Aber trotzdem glaub ich nicht, dass ich wegen der Tüten mit ihm geschlafen habe. Ach, das ist doch Schwachsinn. Es kann nicht sein, dass ich wegen irgendwelcher Tüten mit ihm geschlafen habe. Tüten sind natürlich nützlich, aber deshalb mit jemandem zu schlafen, das wäre ja ein Tauschgeschäft, als ob ich mit dem eigenen jungfräulichen Körper die Tüten bezahlt hätte. Aber er war Pasternak nur rein äußerlich ähnlich und auch nicht zu hundert Prozent, als dass ich deswegen mit ihm geschlafen hätte.

Aber aus welchem Grund sollte ich dann mit ihm geschlafen haben? Befriedigend war es sowieso nicht. versteh ich nicht. Ich hab’s wahrscheinlich vergessen.

Was macht das überhaupt für einen Unterschied? Ich hab mit ihm geschlafen, das war’s. So wichtig ist das nicht. Plastiktüten, Pasternak. Vielleicht wirklich wegen der Tüten, immerhin eine nützliche Sache im Haushalt, ich kann mich einfach nicht erinnern. Sowas kann es doch als Grund geben. Denn bei gesundem Menschenverstand betrachtet – in sowjetischer Zeit waren Plastiktüten nun mal absolute Mangelware. Da hab ich also tütenhalber meinen eigenen jugendlichen Körper feilgeboten. Und Pasternak spielt hier überhaupt keine Rolle … Aber nein doch, das ist doch lächerlich, was soll das mit den Tüten, die soll sich einer in den Arsch stecken …

Wegen der Tüten mit der Abbildung eines Buches darauf verpasste meine Freundin Maika Konstantin Pawlowitsch den Spitznamen »Buch«. Sie fuhr regelmäßig zu ihrem Freund nach Amerika. Und einmal reiste sie ab und kam nie wieder zurück. Sie hatte vierzehn Brüder. Das Parkett in ihrer Vierzimmerwohnung, in der sie alle zusammen wohnten, deckte eine solche Dreckschicht zu, dass das Parkett nicht mehr zu sehen war.

Vom »Buch« fing ich mir einen Tripper ein. Daraufhin hatte sich unser Verhältnis wie von selbst erledigt.

Einen Tripper und andere leichte Geschlechtskrankheiten holte ich mir auch nach einer zufälligen Verbindung mit einem sehr sympathischen Regierungsmitglied, der aus Moskau, der Hauptstadt unserer Heimat, auf Dienstreise nach St. Petersburg geschickt worden war.






Marina Lioubaskina, „Marinotschka, du bist so zärtlich“, konkursbuch Verlag Claudia Gehrke 2015.
Aus dem Russischen von Annette Merbach, 256 Seiten, gebunden, mit farbigen Zeichnungen und Fotografien der Autorin, ISBN 978-3-88769-676-4



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