Leseprobe aus „Marina Lioubaskina, Marinotschka, du bist so zärtlich“, ©konkursbuch Verlag

 

Р / R

Roman

 

Im Alter von sechs Jahren liebte ich Roman unter dem Tisch. Als Kinder (die den Sinn alles Gesagten und Gedachten noch nicht ganz erfassten) nannten wir das miteinander ficken (heute verwenden wir dieses Wort auch, nur verstehen wir darunter Verschiedenes). Roman

 

L. E.

Dem Allmächtigen sei Dank, endlich sind die Wechseljahre da! HURRA, die Wechseljahre!!! Meine Stimmung ist ausgeglichen, sogar froh, alles ist trocken, das spart auch, keine Tampons mehr. Meine Oma erzählte, dass die Mädchen in Sibirien während ihrer Tage einfach Gras verwendeten, sie rupften ein Bündel Grashalme aus und knüllten sie sich zwischen die Beine, Slips trugen sie damals nicht. Zu Sowjetzeiten nahmen wir statt der im Handel nicht erhältlichen Binden Stofffetzen oder Mull, den wir in mehrere Lagen legten und je nach Verschmutz…, besser gesagt – Verblutungsgrad – auswuschen. Man ging zur Arbeit, hatte in einem Beutel ein paar Stofffetzen mit, und wenn diese durchgeweicht waren, stopfte man sie in einen anderen Beutel und legte neue ein, und abends dann das Waschen, eine unangenehme Prozedur. Mit Binden ist es natürlich bequemer, andererseits sind Binden ein weiteres Minus für unsere Umwelt … Mist, falscher Alarm (ich meine, verfrühte Freude), gerade sind die (bereits
völlig unerwarteten) »Gäste« wieder erschienen. Na, was soll’s, nun warte ich weiter ungeduldig auf die Wechseljahre, warte und
warte.

 

legte sich auf mich und küsste mich auf die Wangen, dabei stieß sein Körper an meinen. Später gingen wir zusammen zur Schule und danach zur Uni. Er wurde nach dem zweiten Studienjahr rausgeworfen. Ich heiratete und ließ mich scheiden. Ich ging die Prawda*-Straße entlang, und er rief mich. Nicht zu erkennen nach den zehn Jahren, in denen wir uns nicht gesehen hatten, doch ich erkannte ihn. Sein Gesicht war aufgedunsen, grau-lilafarben, seine Kleidung schmutzig und zerlumpt, ein grauer, fleckiger Strickpullover, Jeans mit einer dunklen Stelle zwischen den Beinen, zerrissene Turnschuhe ohne Schnürsenkel, ungepflegte, angegraute Haare und dieselben weichen Augen wie früher.

»Marinka, hallo. Meine Mutter sagt, Grießbrei ist gesund. Ja, Grießbrei ist gesund. Grießbrei ist gesund.«

Er hängte sich an mich, von ihm ging ein scharfer Gestank nach konzentriertem Urin, altem Schmutz, Kot und jahrelang nicht gewaschenen Haaren aus.

 

L. E.

Marinotschka, du bist so zärtlich

 

Wir bogen in den Hinterhof eines verlassenen Hauses ein. Eine leere Wohnung ohne Türen im Erdgeschoss. Auf dem versifften Sofa, aus dem die Federn hervorschauten, streichelte ich Romans von Schorf überdeckte Beine, küsste seine Narben und blies ihm einen wegen seiner immer noch wunderschönen Augen. Ich gab ihm alles Geld, das ich bei mir hatte, ging nach Hause und erledigte nichts von dem, was ich für jenen Tag geplant hatte.






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