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Yoko Tawadas grandiose Eisbombe - Yoko Tawadas Hybrid-Roman Etüden im Schnee

Yoko Tawada hat gerade ihren Roman Etüden im Schnee (2014) veröffentlicht. Ein Feuerwerk an Sprachwitz und Erzählkunst, das einschlägt wie eine Eisbombe. Die Ich-Erzählerinnen sind Eisbären – Großmutter, Toska und Knut. Darauf wird zurückzukommen sein. Bereits am 3. April stellten Yoko Tawada und Karin Nagao in der von Beate Wonde geleiteten Gedenkstätte ihre Performance Gedächtnis und Überlebenswissen im -Theater vor. Zu erleben war dabei ein wiederum neues Projekt von Yoko Tawada diesmal zum , das einmal ein Roman werden könnte. Es ist aufregend, die kreative Schreibarbeit Yoko Tawadas in solchen Veranstaltungen zu verfolgen. So hatte bereits das Lasenkan-Theater im April 2012 in Nishinomya ihr Theaterstück Shirokuma Toska, deutsch Eisbär Tosca, aufgeführt. 

Eisbär und besonders der Berliner Eisbär Knut sind Megastars der Kawaii-Kultur, auf die kürzlich mit Yoshiki und Yoshikitty eingegangen wurde. Auf dem Plakat für die Aufführungen im Hyogo-Kenritsu Geijutsu-Bunka Center entsteht das Eisbärgesicht aus drei schwarzen Punkten. Niedlich, war vorgeschlagen worden, hat auf überraschende Weise in den Hello-Kitty-Figuren etwas mit dem Fehlen oder Löschen des Mundes zu tun. Das Toska-Gesicht auf dem Plakat entspricht diesem Schema.[1] Toska ist auf dem Plakat niedlich, weil sie keinen Mund oder gar eine Schnauze hat. In den Zeichnungen zur Theateraufführung wird Tosca dann allerdings zur drei Meter großen Bärin, vor der die Zirkus-Dompteurin auf die Hälfte der Bärinnengröße schrumpft. Das ist dann nicht mehr niedlich.

 Das Fehlen des Mundes in den Gesichtern der Niedlich-Kultur lässt sich sicherlich in viele Richtungen auffächern. Man muss sich nicht fragen, was das Fehlen des Mundes zu bedeuten hat. Wenn etwas nicht da ist, was sich auf merkwürdige Weise nicht wie von selbst als Bestandteil eines Gesichts ergänzt und dadurch unauffällig Auffällig wird, dann kann zwar ein Bogen geschlagen werden zu einer widerspruchslosen Kultur der Harmonie. Es heißt aber nicht, dass der fehlende Punkt einen Terror der Harmonie bedeuten muss. Anders formuliert mit einem Kinderreim: Punkt, Punkt, Komma, Strich fertig ist das Mondgesicht. Doch Komma und Strich fehlen. Das Kawaii-Gesicht tendiert mit seinen drei Punkten zur Kaligraphie und Konstellation, ließe sich sagen.

Klären lässt sich mit diesem durchaus semiologischen Ansatz nicht das Niedliche. Was sich allerdings in Yoko Tawadas Roman Etüden im Schnee bereits mit der Eröffnungsszene einstellt, lässt sich als eine Dekonstruktion des Niedlichen lesen. Denn der Mund und die Zunge der Eisbären im Babyalter spielen eine entscheidende Rolle. Ob Muttermilch, Flaschenmilch oder Würfelzucker Etüden im Schnee ist ein entschieden oraler Roman im Raum der Schrift. Und es wird in der ersten Person Singular erzählt. Damit ist der Roman vor allem nicht mehr niedlich. 

 „Meine Zunge konnte sich noch an den Geschmack der Muttermilch erinnern. Ich nahm den Zeigefinger jenes Mannes in den Mund, sog dran, was mich beruhigte. Die Haare, die aus seinen Fingerrücken wuchsen, waren wie Borsten einer Schuhbürste. Der Finger kroch wurmartig in meinen Mund hinein, es stachelte …“[2]  

 Vielleicht lässt sich das Niedliche der Kawaii-Kultur gerade durch den Roman besser verstehen, weil in ihm vehement der Mund und das Mündliche erzählerisch höchst kunstvoll als (Ursprungs-)Raum von Kultur, Erotik, Sexualität, Nahrungsaufnahme und Sprache thematisch vorkommen. Yoko Tawadas Roman, der sich nach der familialen Generationenregel des Genre Roman über drei Generationen entfaltet, ist nicht zuletzt deshalb so faszinierend, weil nicht einfach anthropomorphe Eisbären-Geschichten erzählt werden, sondern weil ständig das Erzählen und Schreiben der Eisbären selbst vorgespielt wird. Auf diese passagenweise sogar brutale Weise wird der Kultivierungsprozess der Bären in seiner Ambivalenz zu dreimal unterschiedlich durchgespielten Etüden oder dem Romanthema.

Knüpft man also bei der Frage des Niedlichen an Yoko Tawadas Roman Etüden im Schnee an, der gerade nicht dem Schema entspricht, dann ließe sich sagen, dass sich im Kawaii ein Wunsch der Umgehungen der Kulturgewalt durch Kultur artikuliert. Das ist eine durchaus paradoxe Kulturtechnik, wenn man es so formulieren will, weil sie sich als nicht weniger gewalttätig bzw. als Terror der Harmonie erweisen kann. In der „Autobiographie“ der Bärin formuliert Yoko Tawada die Ambivalenz, wenn die Bärin von ihrer Arbeit im Zirkus schreibt.

 „… Ich fuhr das Dreirad und bekam dafür Würfelzucker. Wenn ich stattdessen mein Dreirad in die Ecke geschmissen hätte, hätte ich kein Essen mehr bekommen, dafür Peitschenschläge. Iwan hatte auch keine Wahl. … Tag für Tag wurden wir alle in eine Sackgasse getrieben und taten das Minimale, um zu überleben, was gleichzeitig die maximale Herausforderung bedeutete. Ich war kein Opfer der Gewalt Iwans. Keine Körperbewegung, die ich auf der Bühne zeigte, war überflüssig oder unnötig, das heißt, das konnte nicht ein Ergebnis der fremden Gewalt gewesen sein.“ (S. 43)

 Etüden im Schnee ist ein ─ vielleicht der größte ─ Hybrid-Roman in deutscher Sprache. Und zwar gilt das nicht, weil etwa Hybride zwischen Eis- und Braunbären gezeugt würden. Vielmehr wird die Großmutter-Bärin durch das Schreiben ihrer „Autobiographie“  hybrid. Wie tierisch oder wie menschlich ist sie? Oder geht es immer schon um Hybridität, wie sie von Homi K. Bhabha für die Post-Colonial-Studies entfaltet worden ist? Während im Genre der Fabel Tiere menschliche Charaktere verkörpern und die sprechenden Tiere menschliche Weisheit oder Witz formulieren, durchdringen die Hybrid-Eisbären mit ihren Formulierungen die Frage nach dem Menschen und dem Tier. Wenn die Zirkus-Bärin formuliert, dass sie „kein Opfer der Gewalt Iwans“ gewesen sei, dann heißt das auch, dass sie sich gerade nicht als Tier-Opfer ─ oder auch Opfer-Tier ─ des Menschen Iwan sieht.

Die Frage des Opfers ist eine entscheidende im Post-Colonialism. Wer ist Kolonialist und wer Kolonialisierter?  Wer Täter und wer Opfer? Homi K. Babha hat diese prekäre Fragestellung damit aufgebrochen, dass der Kolonialist ebenfalls kolonialisiert wird, wenn er sich der Kolonialisierung aussetzt. Um diesen Fragenkomplex geht es Yoko Tawada, wenn sie die Bärin über das Verhältnis von „Würfelzucker“, „Peitschenschläge“ und Körperbewegungen nachdenken lässt. Man kann sagen, dass es sich dabei um eine Radikalisierung des Post-Colonialism handelt. Noch viel stärker als bei einer Postulierung des „Gegensatzpaar(s) Ost-West“[3], „gelungenen Synthese(n)“ und einer Dichotomisierung von Eigenem und Anderen unterläuft die Hybridität jegliche Homogenisierung oder auch Homogenität einer Sprache, wie es bereits in Yoko Tawadas Mosse-Lecture 2010 von ihr angesprochen wurde.

Was heißt es, eine Autobiographie zu schreiben? Das Genre der Autobiographie weist eine große Nähe zum Roman auf, indem sie von einer Wahrheit der Person zu erzählen beansprucht. Autobiographien sind das Genre der Schauspieler, Schriftsteller und Zirkusartisten in der Kuppel der Welt, die versprechen davon zu erzählen, wie sie Berühmtheiten wurden, was sie sind oder waren. Doch für die Roman-Bärin wird das Schreiben der Autobiographie selbst zum Gegenstand ihres Romans. Mit der Geste des Geständnisses, „ich muss zugeben“, schreibt sie:

„Mein Leben ist allein dadurch anders geworden, dass ich aus mir eine Autorin gemacht hatte. Genauer gesagt machte ich nichts aus mir, sondern die Sätze, die ich geschrieben hatte, machten mich zu einer Autorin, und das war noch das Ende der Geschichte: Ein Resultat gebar ein weiteres Resultat, und ich wurde zu einem Ort hingeschoben, von dem ich vorher keine Ahnung hatte. Die Schriftstellerei war eine Akrobatik, die gefährlicher war als der Tanz auf einem dahinrollenden Ball… Wohin rollte der Ball des Schreibens?“ (S. 40)

 Man kann mit einem Bleistift, einem Federhalter oder einem Rollerball Stift etc. schreiben. Während im Genre der Autobiographie das Schreiben bis hin zur Anstellung eines Ghostwriters eher versteckt wird, legt Yoko Tawada den Schreibprozess als Erstellung eines Ichs und eigenen Lebens mit der Eisbärin offen. Es kann hier einmal ein Bogen geschlagen werden zur, sagen wir, Mutter aller Autobiographien der Moderne: Aus meinem Leben. Dichtung und Wahrheit von Johann Wolfgang Goethe.

Vor lauter Anreicherung bedeutsamer „Zeichen“ und einer glücklichen Konstellation bei Goethes, seiner „eigenen“ Geburt wird gerade vom Schreiben nicht erzählt. Goethe verschweigt sein Schreiben, könnte man sagen, weil es seine Position als Autor und Wissenden gefährden müsste. Vielmehr kommt das Ich im Ersten Buch 1811 bei Johann Wolfgang Goethe auf bedenkenswerte Weise „für todt auf die Welt“.[4]

„Am 28. August 1749, mittags mit dem Glockenschlage zwölf, kam ich in Frankfurt am Main auf die Welt. Die Constellation war glücklich; die Sonne stand im Zeichen der Jungfrau, und kulminierte für den Tag; Jupiter und Venus blickten sich freundlich an, Merkur nicht widerwärtig; Saturn und Mars verhielten sich gleichgültig: nur der Mond, der soeben voll ward, übte die Kraft seines Gegenscheins um so mehr, als zugleich seine Planetenstunde eingetreten war. Er widersetzte sich daher meiner Geburt, die nicht eher erfolgen konnte, als bis diese Stunde vorübergegangen… denn durch Ungeschicklichkeit der Hebamme kam ich für todt auf die Welt, und nur durch vielfache Bemühungen brachte man es dahin, daß ich das Licht erblickte …“ (Originalausgabe, 1811 S. 3/4)      

Die Eröffnungssequenz von Aus meinem Leben wird für das Ich von den Gestirnen als Zeichen umstellt und umgestellt. Dem Geschick und Schicksal kommt geradezu das Leben als „Ungeschicklichkeit der Hebamme“, die das Kind zur Welt bringen soll, dazwischen. Die glückliche Konstellation als Schicksal und die Ungeschicklichkeit umstellen das Ich in der Moderne, die im Genre der Autobiographie und der Biographie fortan mit der Suche nach bedeutenden Zeichen, Konstellationen und Sinnstiftungen beschäftigt sein wird. Frech formuliert: Es wäre auch schrecklich gewesen, wenn der Dichterfürst sich hätte eingestehen müssen, dass seine Geburt nahezu bedeutungslos oder unergründlich vieldeutig geschehen war.

Nicht nur das Trauma der Todgeburt, vielmehr die Geburt für den Tod selbst, von der zu wissen schwierig ist, wird zum Anstoß vom Schreiben nicht, aber sehr wohl der Sinnhaftigkeit des Lebens und Sterbens in der Moderne zu erzählen. Denn die „Ungeschicklichkeit“ oder das Leben als Zufall oder Unkenntnis muss in Goethes Erzählung vom eigenen Leben aus der Welt geschafft werden. Der Großvater mütterlicherseits und Schultheiß von Frankfurt, Johann Wolfgang Textor, nach welchem Goethe offenbar benannt wurde, führte sogleich den Hebammenunterricht ein. Die Ungeschicklichkeit bei der Geburt macht sogleich Sinn. Denn das Leben in der Moderne wird nicht zuletzt von einem sinnlosen Tod, der keine Erlösung mehr im himmlischen Paradies verheißt, bedroht. Das darf man nicht unterschätzen, weil diese Drohung andauert und eine entscheidende Rolle in Kultur- und Lebenspraktiken vom Kawaii bis zur Ernährungsberatung und Krebsvorsorge spielt.

Die offene Konstellation von Roman, Autobiographie, Autor und Ich-Erzählung, die Etüden im Schnee hervorbringt, durchbricht die Identitätskonzepte, die mit den marktgängigen Auto-Biographien am Leben gehalten werden. Der Autor, der bei Goethe ein machtvolles Wissen über seine Geburt ausstellt, wird bei der Eisbärin zum „Resultat“ oder Effekt der Sätze, die sie schreibt: „die Sätze, die ich geschrieben hatte, machten mich zu einer Autorin“. Für eine Eisbärin mag sich das putzig anhören oder lesen. Doch angegriffen wird damit die Position des Autors, der sich aus einem Wissensschatz generiert. Doch auch wenn Yoko Tawada in ihrer Mosse-Lecture sagt, dass die deutsche Sprache sie angesprochen habe, dann lässt sich darin eine Haltung hören, die durchaus mit der der scheibenden Eisbärin korrespondiert.

Wortwitz und geradezu ätzende Kritik gehen im Roman eine unwiderstehliche Verschwisterung ein. Das bereitet ein großes Vergnügen beim Lesen. Die Eisbären schlittern, sagen wir, mehr oder weniger durch Unkenntnis darein, wenn die Großmutter beispielsweise von dem Projekt in „Sibirien Orangenbäume anzupflanzen“ liest und freudig von dem nahenden Aufenthalt in Sibirien erzählt, weil Eisbären Kälte lieben, um sich wenig später überrascht im Exil und zur Minderheit erklärt wiederzufinden.

„Während ich nach Worten suchte, sagte sie: „Ach, ja, Sie gehören zu einer ethnischen Minderheit, nicht wahr? Ich habe eine Hausarbeit über die Menschenrechte der ethnischen Minderheiten geschrieben, und zum ersten Mal eine gute Note bekommen. Es war für mich ein unvergesslich schönes Erlebnis. Hoch leben die Minderheiten!“ Die Plastikbrille setzte sich neben mich, während ich noch mit dem Durcheinander in meinem Kopf rang …“ (S. 51)  

 In den drei Kapiteln des Romans ─ Evolutionstheorie der Großmutter, Der Todeskuss und Im Andenken an den Nordpol ─ werden Eisbären-Biographien als Erzählungen vom Ich, das sich zwischen Dressur und Traum dennoch nicht fassen lässt. Der „Würfelzucker“ als eine Art Shifter spielt dabei eine entscheidende Rolle. Im zweiten Kapitel wird der Würfelzucker von Tosca mit der Zunge aus dem Mund von Barbara geholt, so dass die Frage von Traum und Liebe durch einen Kuss aufkommt.       

 „Ich blicke hinab zu ihr, treffe dort zwei schwarze Perlenaugen und eine feuchte Nase. Ich lege schnell einen Würfelzucker auf meine Zunge und strecke sie zu ihr. ... Dann raubt mir die Zunge geschickt und geschwind den Würfelzucker aus dem intimsten Raum des Mundes. Hat der eine Mund den anderen berührt oder nicht?“ (S. 97)

 Am Schluss entschwindet Knut im Schnee als „Raumschiff“. Die Literatur muss nichts erklären. Sie gleitet dahin. Und bringt in ständigen Umwandlungen einen Roman hervor. Dabei kann die Farbe des Würfelzuckers an Schnee erinnern und das Ich wird „vom Fernweh nach dem Nordpol ergriffen“. (S. 206) Doch das „Raumschiff“ könnte auch der Raum des Schreibens auf einem würfelzuckerweißen Stück Papier sein.  

 „Der Schnee war ein Raumschiff, nahm mich mit und flog so geschwind, wie er konnte, in Richtung des Schädels, es war der Schädel unserer Erde.“ (S. 312)

Am 3. Juli 2014 wird Yoko Tawada die Preisrede zum Internationalen Literaturpreis im Haus der Kulturen der Welt halten.

Torsten Flüh

 

Yoko Tawada, Etüden im Schnee, Roman 2014, 320 Seiten, Klappenbroschur, Fadenheftung, einige Bilder, Euro 12,90, ISBN 978-3-88769-737-2.